Burnout

Der stärkste Trend: Aussteigen oder ausbrennen

Text: Jacueline Krause-Blouin; Foto: Imaxtree

Aussteigen oder Ausbrennen
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Raf Simons’ Abgang bei Dior ist symptomatisch für den ökonomischen Druck, unter dem der Modemarkt ächzt. Erstes Opfer: Die Kreativität.

Drei Designerabgänge innert kurzer Zeit hielten die Modewelt jüngst in Atem. Wang bei Balenciaga, Simons bei Dior, Elbaz bei Lanvin. Natürlich, das berühmte Modekarussell, es dreht sich längst schon munter, und Designer-Sesselrücken ist eine Angelegenheit mit grossem Entertainment-Faktor geworden. Wir leben in einer Zeit, in der die Standardverträge zwischen Designer und Modehaus nur noch für drei Jahre abgeschlossen werden und ein Lagerfeld mit seinen Verträgen auf Lebenszeit bei Fendi und Chanel die absolute Ausnahme bildet. «Wer sich im Löwenkäfig nicht behaupten kann, sollte nicht reingehen», kommentiert dieser süffisant. Nun, wenn es so einfach wäre. Diesmal haben wir es nämlich nicht nur mit einem blossen Designer-wechsle-dich-Spiel zu tun, sondern eher mit einem Rette-sich-wer-Kann.

Dass Raf Simons in einem Jahr, in dem die Verkaufszahlen bei Dior erneut um 13 Prozent gestiegen sind, aus dem Karussell aussteigt, ist ein starkes Statement. Umsätze müssen nun mal gesteigert, neue Märkte erschlossen werden. Simons hatte sich öfter über Termindruck beklagt. «More, More, More – Dior», feilte das Magazin «System» an seiner Titelzeile, während sich der Designer im Interview verletzlich und verängstigt existenzielle Fragen stellte: «Wie nur steigt man aus einem solchen System aus? Kauft man sich ein Haus und fängt an zu töpfern?»

Wenn man pro Jahr sechs Kollektionen mit durchschnittlich fünfzig Looks liefern muss und nebenbei sein eigenes Label führt (weitere zwei Kollektionen), ist die Gefahr gross, dass der künstlerische Prozess Fliessbandarbeit und der Mensch zum Spielball der Marktgesetze wird . Als sich Riccardo Tisci vor einigen Jahren einer Haute-Couture-Kollektion für Givenchy verweigerte, mit dem Argument, es sei schlicht nicht zu schaffen, wurde dies zähneknirschend hingenommen. Am anhaltenden Druck hat sich seither nichts geändert.

Gewiss, Ferien sind für Designer längst ein Konzept aus einer vergangenen Zeit. Aber obwohl Zeiten, in denen ein besorgter Konzernchef seinen Designer zur Kur nach Utah schickt (so geschehen bei Louis Vuitton und Marc Jacobs), für heutige Designer wie ein Märchen klingen müssen, ist es kein körperliches Burnout, das die Modeschöpfer in die Knie zwingt. Es ist etwas viel Existenzielleres. Sowohl Raf Simons als auch Alexander Wang sind in erster Linie kreative Künstler. «Es gibt keine Zeit zum Denken mehr», klagt Simons. «Und ich möchte keine Kollektionen machen, bei denen ich nicht denke.» Es kann zwar durchaus positiv sein, wenn man sich auf seine Instinkte verlassen muss, und man braucht nicht zwingend den Luxus der Zeit, um eine gute Kollektion zu entwerfen. Aber als Künstler möchte man doch wenigstens die Option dazu haben. Sehnsüchtig nach vergangenen elitären Zeiten, sagt Simons, die Mode sei Pop geworden. Und Pop ist bekanntlich ein hungriges Biest.

Dass die Kollektionen mittlerweile in erster Linie auf klitzekleinen Smartphone-Screens funktionieren müssen, muss jedem Menschen mit künstlerischem Anspruch zuwider sein. «Wir haben als Modeschöpfer mit Träumen und Gefühlen begonnen, inzwischen sind wir reduziert darauf, Bilderlieferanten zu sein», liess der beliebte Alber Elbaz verlauten. Und wurde von Konzernchefin Shaw-Lan Wang nach 14 Jahren und der Revitalisierung des Hauses Lanvin abserviert. Derzeit haben die Pariser Gerichte mit einem erbitterten Rosenkrieg zwischen Kreativteam und Management zu tun.

Viele Designer bewahren sich ihre eigene Marke und halten damit symbolisch an ihrer Unabhängigkeit fest. Aber grenzt es nicht an Selbstüberschätzung, mit dem Druck eines Megahauses im Nacken sein eigenes Label führen zu wollen? John Gallianos Zerbrechen an genau dieser Aufgabe wurde bestens dokumentiert. Und hat man bei acht Kollektionen im Jahr, zwei davon mit dem besonderen Präzisionsanspruch der Haute Couture, nach einer gewissen Zeit überhaupt noch Ideen? Ideen seien immer da, so Simons. Noch. Aber was, wenn die Maschine plötzlich nicht mehr läuft? Die Antwort der Konzerne lautet gewiss: Next please. Und was wird dann aus dem Künstler? Ein Designer ohne Ideen ist eben kein Designer. Es würde Stillstand bedeuten und Identitätsverlust. Vielleicht haben sich Wang und Simons gerettet, bevor es so weit kommen konnte.

Für Raf Simons, dessen nächste Referenzen stets Musik und Subkultur waren, muss sich die Zusammenarbeit mit Dior wie ein Deal mit einer Major-Plattenfirma angefühlt haben. «Ich bin zu Dior gegangen, weil es die grösstmögliche Herausforderung war», sagte er. Die Verlockung eines Modeimperiums ist gross – das Budget, die Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit. Aber am Ende möchte Simons vielleicht einfach einen glaubwürdigen Song schreiben und keinen Pop-Hit.

Es ist eine starke Message, die uns diese Abgänge mitgeben. Raf Simons postete nach der Bekanntgabe seines Rücktritts auf Instagram ein einziges winkendes Emoji, und Alexander Wang schoss nach seiner letzten Kollektion für Balenciaga wie ein freigelassenes Fohlen über den Laufsteg. Zwei Künstler haben die Notbremse gezogen. Scheitern ist schliesslich keine Option, das war noch nie en vogue. Sehr modern ist allerdings, das System zu hinterfragen, statt sich kopflos selbst zu optimieren und am Ende verheizt zu werden. Dies gilt freilich nicht nur in der Mode. Aufbruchstimmung liegt in der Luft und ist definitiv der stärkste Trend der Saison.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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