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"Wann ist Aufgeben Stärke, Lea von Bidder?"

Die Unternehmerin und Gründerin der Videoplattform Expeerly über Scheitern, Angst und Doppelmoral: Teil drei der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.

Sie haben 2014 das Fruchtbarkeitstracking-Start-up Ava gegründet, das nach Jahren des Wachstums eingestellt wurde. Wann wird Aufgeben zu Stärke?
Lea von Bidder: Wenn es einem selbst und allen Beteiligten danach besser geht. Stärke entsteht, wenn man eine bewusste Neu-Entscheidung trifft.

Womit hadern Sie bis heute?
Was unser Scheitern für die Frauengesundheit bedeutet. Es wird viel darüber gesprochen, aber der Bereich ist massiv unterfinanziert. Wir wollten zeigen, dass sich Investitionen lohnen. Das ist uns nicht gelungen.

Was muss sich ändern?
Femtech ist politisiert und oft mit gesunden Patientinnen verbunden: Wenn eine gesunde junge Frau an einer von der Pille ausgelösten Thrombose stirbt, ist der Aufschrei viel grösser, als wenn ein Krebspatient im Endstadium negativ auf ein Medikament reagiert. Für Investoren ist Frauengesundheit, etwa die Pillen-Forschung, darum risikobehafteter, unattraktiver. Die Folge: Frauen leben jahrelang mit Beschwerden, die nicht richtig erforscht sind.

Sie wurden zu Ava-Zeiten als «overconfident», übermütig, bezeichnet. Ein Vorwurf, der Männern nicht gemacht wird...
Der Ausdruck ist weniger ein Gender- als ein Schweizer Problem: Man ist zu konservativ, zu wenig risikofreudig. Unser Unternehmen hätte nur mit Millionen für Forschung funktioniert. Ohne den Glauben daran hätten wir gar nicht erst anfangen dürfen. Ich sehe es heute als Kompliment: Warum sollte es besser sein, kleiner zu träumen?

"Wäre ich ein Mann, hätte man über meine Geschichte nicht so viel geschrieben"

Medtech-Pionierin Lea von Bidder (36) wollte mit dem Fruchtbarkeitsarmband Ava die Branche revolutionieren

Wird von Frauen in der Tech-Welt erwartet, bescheidener zu sein?
Sichtbarkeit bedeutet fast zwangsläufig, öffentlich zerrissen zu werden. Frauen haben lieb zu sein. Wenn sie hart führen, gelten sie als hysterisch. Ein Mann wie Elon Musk wird dafür gefeiert. Diese Doppelmoral hält viele davon ab, sich mit ihrem Erfolg an die Öffentlichkeit zu trauen.

Dürfen Männer anders scheitern als Frauen?
Wäre ich ein Mann, hätte man über meine Geschichte nicht so viel geschrieben.

Haben Sie jetzt mehr Angst?
Viel weniger. Der grösste Alptraum ist bereits eingetreten. Das ist befreiend.

Welche Art von Vorbild möchten Sie auf gar keinen Fall sein?
Eines, das sich immer im besten Licht zeigt. Mir ist Authentizität wichtig. Man muss nicht perfekt sein, um eine Firma zu gründen oder zu führen – sondern menschlich.

Als nächstes: Köchin und Unternehmerin Elif Oskan

Diese Interview-Serie wird unterstützt von PostFinance, einem Unternehmen, das sich für Gleichstellung stark macht. Gemeinsam lassen wir Persönlichkeiten zu Wort kommen, die mutig vorausgehen – und damit Wege für viele eröffnen. Weil Veränderung beginnt, wenn eine:r beginnt.

Created by annabelle Content Studio  Bild: Julia Ishac

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