"Wie emotional darf Politik sein, Roland Inauen?"
Der ehemalige Innerrhoder Landammann über das Frauenstimmrecht, Standhaftigkeit und Prägung: Teil acht der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.
Wenn Sie heute jungen Menschen erklären müssten, warum Frauen im Appenzell erst seit 35 Jahren abstimmen dürfen: Wie machen Sie das, ohne dass es absurd klingt?
Roland Inauen: Das ist kaum möglich. Das Drama ist ein schweizerisches, denn es sind eigentlich 55 Jahre. Das Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene wurde erst 20 Jahre davor eingeführt. In Appenzell befürchteten die Männer, die Frauen könnten mit ihrem Stimmrecht die Landsgemeinde gefährden. Meine Mutter und meine Grossmütter waren Wirtinnen und im Tourismus tätig, andere Frauen arbeiteten in der Handstickerei. In diesen Fällen hatten sie eine wichtigere Funktion inne als die Männer. Meine Mutter ging nie an die Landsgemeinde, aber sie instruierte meinen Vater, wie er abzustimmen hatte.
In einem Video von der Landsgemeinde 1990 raufen Sie sich als Einziger die Haare…
Ich war entsetzt. Wir Jungen hatten gehofft, dass es beim dritten Anlauf klappen würde. Die Stimmung war aufgeheizt, ganz Europa schien auf diesen Platz zu schauen. Die Mehrheit stimmte gegen das Frauenstimmrecht. Zum Glück schritt das Bundesgericht ein und erklärte das Resultat für verfassungswidrig.
Sie waren damals 35 und Assistent an der Uni Basel. Wann merkten Sie erstmals: Ich denke anders als andere Männer?
Ich bin in einem Gasthaus aufgewachsen, dort wurde häufig darüber diskutiert – oft auch sehr unflätig. Das hat mich schon als Kind genervt.
Roland Inauen (71)"Wer authentisch ist, ist auch emotional. Und wer nicht authentisch ist, ist am falschen Platz in der Politik"
Heute regiert erstmals eine Frau als Landammann. Ist die Geschichte damit abgeschlossen?
Sie holt uns immer wieder ein. Gleichstellung ist noch nicht erreicht. In den Gremien sind Frauen meist untervertreten, bei Löhnen, Berufswahl oder Pflegearbeit gibt es Unterschiede. Man muss dranbleiben.
Was haben Sie von Frauen gelernt, das Sie in der Politik besser gemacht hat?
Von meiner Mutter habe ich den Gerechtigkeitssinn. Sie war Managerin unseres Gasthauses, regelte Geldangelegenheiten – wir fanden das als Kinder normal. Erst später merkten wir, dass es nicht überall so war.
Wie emotional darf Politik sein?
Sehr emotional. Wer authentisch ist, ist auch emotional. Und wer nicht authentisch ist, ist am falschen Platz in der Politik.
Was sollte in 35 Jahren selbstverständlich sein?
Dass es keine Aufmerksamkeit mehr erregt, wenn eine Frau etwas macht.
Als nächstes: Sängerin, Songwriterin und Produzentin Danitsa
Diese Interview-Serie wird unterstützt von PostFinance, einem Unternehmen, das sich für Gleichstellung stark macht. Gemeinsam lassen wir Persönlichkeiten zu Wort kommen, die mutig vorausgehen – und damit Wege für viele eröffnen. Weil Veränderung beginnt, wenn eine:r beginnt.
Created by annabelle Content Studio Bild: Julia Ishac