"Wie gehen Sie mit Niederlagen um, Lara Stalder?"
Die Kapitänin des Eishockey-Frauenteams des EV Zug über Klischees, Scheitern und Ego: Erster Teil der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.
Eishockey gilt als harter Sport mit hohem Verletzungsrisiko – wahnsinnig männlich, oder?
Lara Stalder: Warum sollten Frauen nicht rough und tough sein? Eishockey ist ein sehr vielseitiger Sport – und im Multitasking sind Frauen ja bekanntlich besser. Sie sind zudem emotionaler, wollen, dass sich alle wohlfühlen, hinterfragen mehr. Das kann ein Vorteil sein.
Inwiefern hinterfragen Sie das Spiel?
Statt Frauen- an Männer-Regeln anzupassen, sollte man das Spiel insgesamt weiterdenken. Seit dieser Saison sind Checks an der Bande auch bei Frauen erlaubt, frontale Bodychecks aber noch immer nicht. Ich finde, die braucht es auch im Männerhockey nicht. Die Verletzungsgefahr ist hier am grössten.
Früher haben Sie als einziges Mädchen mit zwanzig Jungs trainiert, weil es kein Girls-Team gab. Was lernt man da?
Es hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ich hatte den Charakter dafür. Um meinen Platz zu verteidigen, musste ich besser sein als jeder Junge. Ich liebe Challenges, bin sehr ehrgeizig und wollte immer mehr: Nationalmannschaft, internationale Erfolge, eine Vorreiterin sein.
Lara Stalder (31) gewann im Februar mit der Schweizer Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen Bronze"Um im harten Spitzensport zu überleben, muss man auch mal soft sein"
Was braucht es, um mehr junge Mädchen vom Eishockeyspielen zu überzeugen?
Vorbilder. Sichtbarkeit. Strukturen. Dank der Lancierung des Women & Girls Programms des EVZ vor drei Jahren haben wir in Zug eine Hockeyschule nur für Mädchen, ein U9- und U12-Girls-Team. Wir haben so viele Zuschauer:innen im Stadion wie noch nie. Wir reden von Eishockey, aber dieser Fortschritt strahlt weit über den Sport hinaus.
Braucht der Kampf um Gleichstellung mehr Wut oder mehr Geduld?
Geduld. Dranbleiben, kleine Erfolge feiern - und Mut.
Was ist Ihr Massstab für Erfolg?
Nicht nur das Gewinnen von Titeln, sondern das Erreichen kleiner Etappenziele. Die kleinen Siege machen am Ende den grossen aus.
Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Ich hasse es, zu verlieren. Ich bin emotional, brauche Zeit, muss runterfahren. Scheitern motiviert mich, noch besser zu werden. Wie gesagt: Ich bin ehrgeizig.
Wie stellt man im Teamsport sein Ego zurück, wenn man so ehrgeizig ist wie Sie?
Mit der Erfahrung kommt die Erkenntnis, ein Puzzleteil zu sein. Es ist die Perspektive eines Coaches, die auch eine gute Teamleaderin ausmacht: Sie ist angewiesen auf die Spielerinnen, die auf dem Eis performen. Wir profitieren alle voneinander.
Als nächstes: ETH-Professorin und KI-Expertin Nadine Bienefeld-Seall
Diese Interview-Serie wird unterstützt von PostFinance, einem Unternehmen, das sich für Gleichstellung stark macht. Gemeinsam lassen wir Persönlichkeiten zu Wort kommen, die mutig vorausgehen – und damit Wege für viele eröffnen. Weil Veränderung beginnt, wo eine:r beginnt.
Created by annabelle Content Studio Bild: Julia Ishac