Auf Pump: An der Haremshose kommt niemand vorbei
Ein Thema aufzubauschen ist nicht unser Ding. Die Pluderhose lässt uns jedoch keine Wahl, schliesslich ist sie einer der grössten Trends der Saison.
- Von: Linda Leitner
- Bild: Launchmetrics Spotlights
Sie spaltet die Gemüter: Man findet die voluminöse Pluderhose, die an Taille und Fessel knalleng sitzt, entweder absolut schrecklich oder ganz toll. So vielfältig wie die Meinungen sind auch ihre Namen: Haremshose, Sarouel, Aladinhose, Pumphose oder Balloon Pants verbreiteten sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Spanien aus in ganz Europa.
Schon damals wusste man nicht recht, was man von ihr halten sollte: Kurfürst Joachim II. von Brandenburg verbot sie sogar, liess die Fans des Beinkleids in Narrenhäuser sperren oder ihnen den Gürtel durchschnippeln, sodass sie unten ohne dastanden. Keine Frage, die provokante Klamotte gab zu reden. Lustigerweise geht das Wort «Pluderhose» auf das mittelhochdeutsche «blodern» zurück. Bedeutet: hervorquellen – und ausschweifendes Plaudern.
Fulminantes Comeback
Letzten Sommer machte sie sich also wieder breit. Bei Ashlyn gab ihr ein schlichtes Langarmshirt eine strenge Note und bei Alaïa trug man dazu ganz im Stil von Jasmin in Disneys «Aladdin» oder der Sixties- Serie «Bezaubernde Jeannie» bauchfrei (siehe Bild).
Und sie ist gekommen, um zu bleiben: Als das französische Modehaus Altuzarra im September seine Kollektion für kommenden Frühling zeigte, war sie immer noch da. Getragen zur massiven Wildlederjacke liefert der Look die perfekte Inspiration für kühlere Tage im Hier und Jetzt.
Es wird getuschelt: Wie trägt man dieses extreme Beinkleid im Alltag? An heissen Tagen kann die Luft darin herrlich zirkulieren, kommt ein Windstoss, bläst es einen untenrum allerdings bis ins Unermessliche auf. Generell verschluckt es das Bein, den Knackpo sucht man darin vergeblich.
Ja, schmeichelhaft ist anders. Auf dem Laufsteg ist es zugegebenermassen meist windstill und die Hose lag so skulptural am Körper wie sie soll. Ausserdem hatten die Models hohe Absätze an den schmalen Füssen, was streckt und somit selbstredend fantastisch aussah.
Wir Normalos trügen die Pluderhose wohl eher mit Ferienstimmung, Sandalen oder Flipflops, flanierend an einer Promenade.
Ging das mit Body Positivity in die Hose?
Dabei muss sie raus in die echte Welt, an Meetings, Dinner, Partys! Sie ist das dramatische Aufbauschen gegen einen neuen Schlankheitswahn, den die Abnehmspritze Ozempic ausgelöst hat, und darf als Kommentar zur ständigen Körperoptimierung gelesen werden.
Sie fragt raschelnd: Was passiert, wenn Kleidung den Body nicht zu formen versucht, sondern ihn einfach sein lässt? Was ist, wenn man als Frau niemandem mehr gefallen will, auch dem Male Gaze frech ausweicht? Schliesslich rutscht der Schritt irgendwo in die Kniekehlen, der Körper wirkt gar clownhaft entsexualisiert.
Zudem ist da diese eher unangenehme Assoziation zu den alternativen, psychedelisch angehauchten Goa Pants der Hippies. Reiht sich die Pluderhose ganz im Geiste des Shavasana als Metapher für Entschleunigung ein? Zur Schau gestellt von privilegierten Menschen, die sich eine kuratierte Work-Life-Balance leisten können?
Oder ist sie schlichtweg ein Symbol dafür, dass wir uns nicht entscheiden können? Am wenigsten vielleicht, wie wir die Pluderhose finden.