Designerin Simone Rocha im Interview: "Ich bin viel kälter als meine Designs"
Die britische Designerin Simone Rocha ist eine begnadete Vermittlerin zwischen Welten, Epochen, Ideen. Wir haben sie in London besucht.
- Von: Leandra Nef
- Bild: Ben Toms
Kennt ihr die Geschichte von der Schildkröte und dem Hasen? Die beiden Tiere veranstalten ein Wettrennen, der schnelle Hase verhöhnt die langsame Schildkröte, hoppelt voraus und macht siegessicher noch vor der Ziellinie ein Nickerchen, während die Schildkröte ihn langsam, aber stetig überholt und das Rennen schliesslich gewinnt.
Wir treffen Simone Rocha an einem Julitag 2025 in ihrem Studio im Londoner Stadtteil Hackney. Vor fünfzehn Jahren gründete sie ihr gleichnamiges Label, kürzlich zog sie mit ihrem 35-köpfigen Team in dieses unscheinbare Backsteingebäude um. Nach einem Vorzimmer eröffnet sich uns ein grosszügiger Raum, dessen Wände mit Kleiderstangen gesäumt sind: Pastellfarben, Schwarz. Rüschen, Tüll, Spitze, Perlen, Blumenprints. Viktorianische Silhouetten. In der Mitte Glastische, einer davon versinkt im kreativen Chaos; Entwürfe, Stoffmuster, Klebeband, Schere, Nadelkissen. Auf einem anderen stehen nichts als zwei Sträusse weisser Lilien und ein Festnetztelefon, wie man es aus seelenlosen Grossraumbüros kennt.
Zwischen Panzer und Plüschtier
Dahinter tatsächlich ein Grossraumbüro, nicht seelenlos, aber mit mehreren Tischgruppen, wobei sich die Teammitglieder bei unserer Ankunft kreischend um eine davon (und um ein Paket) versammeln: Die Labubus, gehypte Stofftiere aus China, sind angekommen. Ganz hinten das Büro von Rocha, abgetrennt nur durch eine Schiebetür. Die 38-Jährige sitzt in einem schwarzen Baumwollkleid und mit von ihr designten Strass-Plateau-Crocs an ihrem Tisch. «Das erste Mal, als ich die Geschichte von der Schildkröte und dem Hasen hörte, war ich noch ein Kind, unsere Lehrerin erzählte sie uns», sagt die Halb-Chinesin-Halb-Irin mit gemässigtem irischem Akzent. Sie erinnerte sich beim Entwerfen der aktuellen Kollektion daran, für die sie sich vertieft mit Leder auseinandersetzte. «Ich wollte etwas Beschützendes schaffen. Etwas wie einen Kokon. Einen Panzer.» Wie den Panzer einer Schildkröte.
"Es verändert sich so viel auf der Welt, zum Guten wie zum Schlechten. Wobei … eigentlich nur zum Schlechten"
Und noch bevor man kritisch nachhaken kann, warum es denn ausserdem nötig sei, den Fell-Look zu reproduzieren, der nicht nur auf ihrem, sondern auf vielen Laufstegen allgegenwärtig war, fügt sie an: «Ich suchte nach Komfort, nach Trost. Das Kunstfell, das manche Models mit sich trugen, das sind Kuscheltiere. Hasen. Mit Schlappohren.»
«Es verändert sich so viel auf der Welt, zum Guten wie zum Schlechten. Wobei … eigentlich nur zum Schlechten», sinniert sie weiter. «Mode ist ein Spiegel der Gesellschaft, es ist unmöglich, dass sich Umbruch nicht darin manifestiert.» Vielleicht tue er das in der Mode noch mehr als in jeder anderen Kunst: «Weil man sie so nah am Körper trägt. Das macht sie intimer – und zu einer sehr persönlichen Reflexion einer Person.»
Vom Laufsteg zur Lebensgeschichte
Genau das ist die aktuelle Kollektion auch für sie: «Ich blickte während der Recherche auf all die Codes zurück, die ich in den letzten fünfzehn Jahren verwendet hatte. Ein jeder wie ein einzelner Schritt der Schildkröte, und zusammen haben sie mich bis hierher gebracht.» Sie dachte etwa über die Satinschleifen und -bänder nach, die sie in die Haute-Couture-Kollektion für Jean Paul Gaultier einfliessen liess. Sie wollte sie neu interpretieren, zum eigenen Kleidungsstück hochstilisieren.
Die Reflexion der eigenen Arbeit spiegelt sich auch im Casting der Models wider: Dass Rocha auf dem Runway auf Charaktere setzt, ist nicht ungewöhnlich – «weil die Shows so narrativ aufgebaut sind wie Bühnenstücke». Diesmal aber wollte sie Menschen laufen lassen, die ihre Designs seit vielen Jahren sammeln. Darum hat sie neben der irischen Theaterschauspielerin Fiona Shaw auch Bel Powley und Alexa Chung engagiert, «Frauen, die uns seit jeher tragen, die Teil unserer Story sein wollen», sagt Rocha. Und fasst zusammen: «Auch authentische Beziehungen brauchen Zeit.»
Die Fabel von der Schildkröte und dem Hasen bescherte Rocha weitere Referenzen, liess sie ihre Schulzeit Revue passieren. Rocha besuchte eine Mädchenschule, aber die Jungenschule war nicht weit weg, also zeigte sie die Schleifenjupes neben Rugby-Shirts. Und liess die Models Halsketten und Gürtel tragen, die Fahrradketten ähneln. «Die Kollektion wurde einmal mehr zu einem Theaterstück in meinem Kopf.»
Die Schulzeit war es denn auch, die Simone Rocha Kleidung ein erstes Mal als Mode wahrnehmen liess. Sie trug Uniform – Pullover mit V-Ausschnitt, brauner Faltenjupe und braune Schuhe, weisses Hemd und weisse Kniesocken, rote Krawatte – und das gern: «Ich fand es unglaublich interessant, wie man seiner Persönlichkeit in der Uniform Ausdruck verleihen, sie sich zu eigen machen konnte. Manche knüpften ihre Krawatte zu einem grossen tiefsitzenden Knoten, andere trugen sie eng am Hals.»
Privileg und Prägung
Mit Mode in Kontakt kam Rocha allerdings schon viel früher. Bereits mit fünf Monaten sass sie in der Frontrow ihres Vaters, dem in Hongkong geborenen Modedesigner John Rocha. Sie wehrte sich zunächst dagegen, in seine Fussstapfen zu treten, es habe sich zu sehr nach Klischee angefühlt, «nicht nach meinem eigenen Weg». Im College aber realisierte sie: «Mode zu entwerfen, ist eine Möglichkeit, Emotionen auszudrücken.»
"Ich habe mich selbst immer wohlgefühlt im Dazwischen"
Heute arbeiten sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter, die Irin Odette Rocha, geborene Gleeson, für Rochas Label, unterstützen sie bei Business- und Retail-Fragen. Odette Rocha supportete schon John Rochas Unternehmen, half es zu finanzieren – respektive, wie «The Irish Times» schrieb, wohl ihre millionenschweren Brüder, die beide Rohstoffhändler waren. Die Unterstellung, sie sei ein Nepo-Baby, lässt Simone Rocha gelten: «Ich bin sehr dankbar, in einem solchen Umfeld aufgewachsen zu sein. Dass ich losziehen und lernen und studieren und Mode zu meinem Handwerk machen konnte.»
Studiert hat sie, nach ihrem Mode-Bachelor in Dublin und wie es sich für ein waschechtes Nepo-Baby gehört, an der renommiertesten aller Modeschulen, dem Central Saint Martins College of Art and Design; dafür zog sie 2008 nach London. Noch heute lebt sie mit ihrem Mann, dem Cinematografen Eoin McLoughlin, und ihren zwei Kindern in der britischen Hauptstadt. «Ich liebe Londons Energie. Den Mix der Menschen. Der Kulturen. London ist ein Schmelztiegel.» Sie sagt das, während Händler:innen draussen auf dem Markt Papayas, Maniok und gerupfte Hühner feilbieten. «Ich habe mich selbst immer wohlgefühlt im Dazwischen, zwischen drei Orten, zwei Identitäten.»
Aber zurück zum Central Saint Martins: «John (Galliano, Anm. d. Red.) war da, Lee (Alexander McQueen) war da. Natürlich wollte ich auch hin.» All ihre Tutor:innen seien brillant gewesen, Lulu Kennedy, Julie Verhoeven, Fleet Bigwood. Den grössten Einfluss auf Rocha aber hatte die mittlerweile verstorbene britische Modedozentin Louise Wilson. «Sie war eine echte Pädagogin, enthusiastisch, aber auch kritisch. Sie brachte die Studierenden dazu, ihre Augen und ihren Verstand zu öffnen, zu recherchieren, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, es zu destillieren, zu schärfen, bis sie zu einhundert Prozent hinter ihrer Arbeit stehen konnten», erinnert sich Rocha. Und folgert: «Das ist es doch, worum es bei einem Masterstudium geht: Das zu mastern. Damit du Vertrauen in dich als Designer:in fasst.» Tatsächlich zeigen schon Rochas Abschlusskollektionen Tendenzen, die sie rückblickend als Codes beschreibt: das Hyperfeminine, den Tüll und die Rüschen, aber auch das Dekonstruktive, die Cut-outs und Schnürungen.
Warum mag sie die Melancholie, die Romantik so sehr? «Uff», seufzt sie, «ich glaube nicht mal, dass ich die so sehr mag.» Sie interessiere sich für Weiblichkeit, dafür, wie diese dargestellt und wahrgenommen werde – und für das, was sich tatsächlich darunter verberge. «Meine Designs sollen eine versteckte Seite haben, eine tiefere Bedeutung.»
"Ich lebe für die Show. Für das Adrenalin"
Eine religiöse zum Beispiel? Simone Rocha lässt sich von Tauf- und Kommunionkleidern inspirieren, präsentierte ihre Kollektionen auch schon in einer Kirche. «Ich bin zwar konfessionslos, aber doch im katholischen Dublin aufgewachsen. Ich habe viel Zeit an solchen Orten verbracht, mich dort immer sehr wohlgefühlt, beinahe sicher. Ihnen lastete nicht die Schwere der Religion an.» Es gehe ihr also nicht primär um Religion, sondern vielmehr um die Idee der Zeremonie, darum, die Menschen bei einer Show zusammenzubringen. «Ich lebe für die Show. Für das Adrenalin. Den Abschluss.» Beim Entwerfen und mit all den parallellaufenden Projekten fühle sie sich oft «on my toes», daueralarmiert.
Mode als Ritual
Simone Rocha sagt auch: «Ich bin viel kälter als meine Designs.» Man glaubt ihr das. Sie wirkt im Gespräch oft reserviert, fast gelangweilt. Taut erst auf, wenn sie konkret über ihr Schaffen sprechen kann. Über ihren Designprozess zum Beispiel: Beinahe jede Kollektion startet sie mit der Materialrecherche, setzt sich mit historischen Stoffen und Kleidungsstücken auseinander. Viele ihrer Stoffe entwickelt Rocha ausserdem inhouse. Und bald im Prozess drapiert sie an einem Model: Wie sitzt der Jupe auf der Hüfte? Wird er zum Kleid, wenn man ihn über die Brust zieht? «Mode ist etwas so Physisches, Greifbares. Bei all den Fantasien, die die Leute spinnen, schätze ich die Wahrhaftigkeit von Kleidungsstücken.»
Von ihrem Büro blickt Rocha runter zu den Schnitttechniker:innen, die die Schnittmuster im offenen Soussol fertigen. Steckt Rocha den Jupe neu ab, ändern sie die Muster. Sie würden als Team eng zusammenarbeiten, eine Menge Fittings veranstalten, verrät Rocha. Ausserdem lege sie die Show früh aus, weil sie sehen wolle, wie die einzelnen Looks, die Kleidungsstücke, Materialien, Texturen, Farben und Verzierungen miteinander korrespondieren. Weil sie die Spannung spüren wolle, die Emotionen fühlen, die die Kollektion hervorruft. Am Computer hingegen arbeite sie nie. «Ich lasse mir sogar meine E-Mails ausdrucken», sagt sie. «Ich bevorzuge persönliche Gespräche. Mode verlangt nach Konversation. Im Grossraumbüro sprechen wir alle ständig miteinander.»
Ihre Herangehensweise zahlt sich aus. Simone Rocha wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem wurde sie bei den British Fashion Awards 2024 zur British Womenswear Designer of the Year gekürt. «Ich versuche, nicht zu viel über diese Preise nachzudenken», sagt Rocha. «Aber sie sind eine grossartige Auszeichnung für das Team. Es braucht so viele Menschen, damit Mode Realität wird.»
Die bedeutendere Anerkennung für sie seien die Kollaborationen. Für ihre Breitenwirksamkeit entscheidend war jene mit H&M im Jahr 2021. «Ich weiss noch, wie ich als Schülerin für diese Designkollaborationen Schlange stand.» Comme des Garçons – «ein Brand, den ich offensichtlich bewundere»; der japanische Einfluss in ihren Entwürfen ist unbestreitbar –, Lanvin, Maison Martin Margiela … Sie fühle sich geehrt, sich in diese Liste einzureihen. Designte für H&M mehr als hundert Stücke und zum ersten Mal auch Kids- und Menswear. Letztere erntete damals nicht nur Zuspruch, zu unscheinbar sei sie gewesen, zu wenig Simone Rocha. Heute schreit auch die Männerkollektion ihren Namen, resoniert mit der Kundschaft.
Erfolg ohne Eile
Am stolzesten ist Rocha auf die Haute-Couture-Kollektion 2024, die sie für Jean Paul Gaultier entwerfen durfte. Jede Woche fuhr sie mit dem Zug nach Paris, um in den Ateliers der Marke daran zu feilen. «Was für ein fantastisches Konzept, Designer:innen ins Boot zu holen, die so viel Individualismus mitbringen – Haider (Ackermann, Anm. d. Red.) oder Glenn (Martens) oder Chitose (Abe) –, und ihnen die Plattform zu bieten, den Brand zu interpretieren.» Das sei auch der Grund, warum sie so gern kollaboriere: «Gerade wegen meiner spezifischen DNA liebe ich die Überraschungen, die sich offenbaren, wenn ich mit jemandem zusammenspanne, der andere Fähigkeiten, eine andere Expertise, eine andere Ästhetik hat. Ich liebe die Energie und die Chance, etwas wahrhaftig Neues zu kreieren.» Aber nicht nur mit anderen Modehäusern tut sie sich gern zusammen, auch mit fremden Disziplinen tritt sie in Dialog, um diesen «in Kleidungsstücke zu übersetzen», feiert beispielsweise die Werke der verstorbenen Künstlerin Louise Bourgeois.
Apropos andere Modehäuser: In jüngster Zeit haben auffallend viele ihre Kreativdirektionen neu besetzt. Rocha wundert das nicht: «Mode ist etwas Lebendiges, Atmendes.» Abgesehen davon, dass die US-Zölle zurzeit vieles verteuerten und der Brexit es britischen Labels erschwere, Festlandeuropäer:innen anzustellen, offenbare sich nun vielleicht ein von Covid initiierter Paradigmenwechsel, meint Rocha. «Ob grosses Haus oder kleine Designerin: Alle mussten sich wirklich Gedanken darüber machen, wie sie ihre Arbeit produzieren, wie sie sie präsentieren. Mussten Ressourcen und Narrative überdenken. Das hat eine Menge Selbstreflexion ausgelöst.» Und Änderungen angestossen. Zur Frage, ob auch sie mit den Häusern im Gespräch gewesen sei, hält sie sich bedeckt. «Alle sind mit allen im Gespräch», sagt sie und wirft ihrer Kommunikationsverantwortlichen einen verschwörerischen Blick zu. «Immer.»
Würde sie denn überhaupt die Kreativdirektion eines Traditionshauses übernehmen wollen? «Ich bin sehr stolz und fühle mich privilegiert, ein unabhängiges Label zu führen. Ich ging schon immer meinen eigenen Weg. Ich darf Kollektionen entwerfen und damit Geschichten erzählen, die sich authentisch anfühlen; darf Entscheidungen treffen, die nicht nur meinem Geschäft, sondern auch meinem Team zugutekommen. Ich weiss, was richtig ist für uns, wie wir das Beste aus uns rausholen. Auch das braucht Zeit.» Und nach einer kurzen Pause: «Slow and steady wins the race.» Wie die Schildkröte.