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Mode wird messy: Die neue Unordnung sitzt im Detail

Mode wird messy: Die neue Unordnung sitzt im Detail

Die Mode entfernt sich gerade leise von der Perfektion. Kragen sitzen wild und schräg – ein unscheinbares Detail, das Hoffnung schafft, findet unser Autor.

Ich stehe am Set und richte den Kragen des Models, wir shooten gerade die Covergeschichte der März-Ausgabe der annabelle. Ich knicke den Kragen hin und her, er soll mehr «getragen» aussehen. Und ich versuche, mehr Stoff aus dem Sakko zu ziehen, um die Knopfleiste etwas unordentlicher zu machen, menschlicher.

Zurück am Computer, wo die Bilder, die der Fotograf gerade schiesst, langsam reinladen, tippt mir der Assistent auf die Schulter und schiebt seinen Cursor auf den Kragen. Ohne Worte, aber mit einem «willst du da noch mal ran»-Blick, versucht er mir zu verstehen zu geben, dass das wohl nicht das Ergebnis sein kann, das ich erreichen wollte.

Imperfektion zelebrieren

Ich mochte es schon immer, wenn der Kragen nicht perfekt sitzt, vielleicht halb im Sakko verschwindet oder übersteht – in meinem persönlichen Stil, aber auch in meiner Arbeit als Stylist. Vor allem in den letzten Jahren, in denen uns die digitale, perfektionierte Welt immer mehr einzunehmen scheint. In einem Arbeitsklima, in dem wir Stylist:innen und Fotograf:innen fürchten, bald von AI ersetzt zu werden, fühlt es sich richtig an, die Imperfektion zu zelebrieren.

Vergangen sind die Jahre, in denen wir der Mode und ihren Regeln detailgetreu folgen mussten. Vor allem in der Garderobe des Mannes war es stets unumgänglich, ein Hemd richtig zu schliessen, die Abstände zwischen Ärmellänge und Sakko zu kennen, zu wissen, wo die Hose auf den Loafer fallen muss. Und so verkauft uns die Mode bis heute den Traum von Perfektion.

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"Die Runways versprechen eine neue Perspektive auf unsere Welt, die vom digitalen Bild geprägt ist"

Die Individualität, die unsere erste Begegnung mit Mode als Teenager prägte, scheint im Alltag als Erwachsene oft zu verschwinden. Die wilde Furchtlosigkeit wird oft durch eine Uniform ersetzt.

Mode ist immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Unser täglicher Umgang mit kulturellen und sozialen Geschehnissen prägt, was wir tragen und wie wir es tragen. Oft versucht die Mode, uns von schlimmen Geschehnissen in der Welt abzulenken.

Es war schon immer so: Je prunkvoller die Mode, desto schlimmer die Geschehnisse in der Welt. Mode ist die zweite Haut, die wir uns überstreifen – als Rüstung, als Schutz, um der Welt zu begegnen.

Nun scheinen die Designer:innen und Mode-Meinungsmacher:innen genug von der funkelnden Fassade zu haben, wollen die «Echtheit» zurückbringen, den Punk wiederbeleben.

Die Runways versprechen eine neue Perspektive auf unsere Welt, die heute mehr denn je vom digitalen Bild geprägt ist. Als Gegeninitiative, vielleicht sogar als Waffe gegen Perfektion, kommt nun dieses scheinbar «messy» Styling, das wir in den letzten Monaten auf zahlreichen Laufstegen beobachtet haben. Vor allem fokussiert auf den Kragen, ein sonst sehr strenges Detail.

Neue Designer:innen, neue Ära

Ein Schwung neuer Designer:innen besetzte letztes Jahr die grossen Modehäuser und läutete eine neue Ära ein. Bei Dior sassen die Krawatten in der ersten Menswear-Show von Jonathan Anderson locker und weit weg vom Kehlkopf, manche waren sogar falsch herumgetragen, sodass das Etikett sichtbar war.

Bei Celine waren die Kragen halb eingeschlagen oder hochgeklappt, Saint Laurent zeigte Krawatten versteckt im Hemd. Bei Issey Miyake, gab es asymmetrische Hemdkragen, bei denen man gar nicht mehr wusste, wo vorne oder hinten ist.

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Doch was die Männershows initiierten, war erst der Anfang. Chanel fühlt sich mit der Ankunft von Matthieu Blazy leichter an, nahbarer. Die verstaubten Tweed-Jacken bekamen ein modernes Upgrade, sahen aus wie von Motten angefressen – sehr stil-sicheren Motten.

Mode für eine Kundschaft jenseits des Bildschirms

Tom Ford, dessen Kollektionen nun von Haider Ackermann designt werden, ist immer noch sexy und strikt, wirkt jedoch viel sinnlicher und sensibler. Zahlreiche Silhouetten sahen unförmig aus, sogar an Size-Zero-Models; Schmuckkreationen erinnerten an Souvenirs vom Strandurlaub.

Eine neue Imperfektion beflügelt Designer:innen und ihre Stylisti:nnen, Mode anders zu formen, für eine Kundschaft jenseits des Bildschirms.

Diese Imperfektion scheint in die Modehäuser zurückgekehrt zu sein. In einer Zeit, in der wir sie so sehr benötigen. Wir haben nun also auch die Erlaubnis, mal so auszusehen, wie wir uns fühlen – und es ist sogar in Mode.

Zurück im Studio erhellt ein Blitz die Räumlichkeiten. Der Assistent klickt sich durch die letzten Bilder, der Cursor bleibt erstarrt auf dem Kragen.

«Das muss so», sage ich. «That’s fashion!»

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