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Modemogul Renzo Rosso über den Modezirkus

Modemogul Renzo Rosso über den Modezirkus

Vielleicht ist er einfach mutig, vielleicht tatsächlich verrückt: Modemogul Renzo Rosso über sein Imperium, schlechte Business-Entscheidungen und den Grund für die vielen Designer:innenwechsel.

Enfant terrible. Ein inflationär verwendeter Begriff in einer Industrie, der es am Ende doch am Rock’n’Roll früherer Tage mangelt. Doch Renzo Rosso ist wirklich eines. So setzte der Modemogul 2014 beispielsweise den umstrittenen Designer John Galliano an die Spitze seines Labels Maison Margiela.

2011, während dessen Zeit als Kreativdirektor bei Dior, hatte Galliano in einem Pariser Café Unbekannte antisemitisch beleidigt und wurde dafür verurteilt – vom Gericht und von der Modeszene: Rausschmiss bei Dior, ewige Verdammnis. Scheinbar.

Dann kam Retter Rosso. Tatsächlich sagte Galliano (der seinen post-skandalen Drogenentzug unter anderem am rechten Zürichseeufer bestritten haben soll) später, der Unternehmer habe ihm «das Leben gerettet».

Nur die Mutigen

Den Grundstein für sein Imperium legte Rosso 1978: Damals gründete er Diesel, das Modehaus gehört ihm bis heute. Im Laufe der Jahrzehnte kaufte er weitere hinzu, Maison Margiela, Marni, Viktor & Rolf und Jil Sander etwa, vereint in einer Holding mit dem bezeichnenden Namen OTB, Only The Brave – nur die Mutigen.

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Warum es ausgerechnet Galliano sein musste damals? Eine der Fragen, die wir Rosso während der Fashion Week im vergangenen September stellten. In einem Meetingraum im Mailänder Sitz von Diesel, aus dem eine Mitarbeiterin eilig eine Gruppe Arbeitswütiger scheucht und das angebrochene Buffet wegräumt, bevor Signore Rosso ihn betritt.

Seinem Gesicht glaubt man anzusehen, dass er nicht nur in Mode investiert, sondern auch in die Villa Brasini Group, die VIP-Schönheitskliniken in Mailand und Rom betreibt. Eine Portion Eitelkeit gehört da wohl zum Geschäft – beim späteren Erinnerungsfoto wird eine seiner Mitarbeiter:innen das Handy in ihren Händen hin- und herdrehen, während sie Rosso zuraunt, sie mache so rum noch eins, dann sehe er dünner und grösser aus.

Nach einem kurzen Vorgeplänkel, während dem sich Rosso bei seinem Team vergewissert, dass es auch ja nicht vergisst, seinen Chatbot mit dem Mitschnitt des Gesprächs zu füttern («Wir müssen ihn trainieren!»), antwortet er mit italienischem Akzent und einer Gegenfrage zur Causa Galliano: «Haben Sie sich die Dior-Ausstellung in Paris angesehen vor ein paar Jahren?»

2017 und 2018 zeigte das Musée des Arts Décoratifs das Vermächtnis des Maison und seiner Kreativdirektor:innen; darunter auch die 14 Jahre dauernde Ära von John Galliano. «Es war augenscheinlich: Er ist die Nummer eins der Welt. Der Beste. Der Einzige.»

«Kreativität auf allerhöchstem Niveau»

Nachdem Gründer Martin Margiela sein gleichnamiges Modelabel verlassen hatte, «brauchte ich Kreativität auf allerhöchstem Niveau». Er habe Galliano sofort angerufen, nachdem dieser «betrunken die falschen Dinge» gesagt hatte. Drei Jahre lang hätten sie sich alle zwei Monate getroffen, «auf meinem Boot, in meinem Haus, in seinem Haus».

Als er spürte, dass Galliano bereit sei, habe er ihm nach einem gemeinsamen Dinner die Margiela-Ateliers gezeigt. Und ihm «das Baby» angeboten. Der gecancelt-geglaubte Designer, der laut Rosso selbst nicht so recht von einem Comeback zu träumen gewagt hatte, schlief eine Nacht darüber, ehe er akzeptierte.

«Und machte Margiela schliesslich zum aufregendsten Couture-Haus der Welt», so Rosso. «John ist nicht einfach ein Designer. Er ist ein Couturier. Über seine letzte Show für Margiela sprechen die Leute noch heute, zwei Jahre danach.»

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"Ich bin nicht verrückt. Ich tue einfach, was die jungen Konsumenten wünschen"

Renzo Rosso

Kann man die Kunst vom Künstler trennen? Die Kreativdirektion vom Kreativdirektor? «Wir alle machen Fehler im Leben. John hat die jüdische Community um Entschuldigung gebeten.» Hatte Rosso keine Angst, dass seine Entscheidung missbilligt würde? Dass er selbst gecancelt würde? «Niemals.»

Vielleicht schert sich Rosso schlicht nicht um die Meinung anderer. Vielleicht pokerte er darauf, dass die Modeindustrie rasch vergisst. «Die Leute hielten mich von Anfang an für verrückt», sagt er. Darum auch der Name seiner Holding Only The Brave. «Aber das bin ich nicht. Ich tue einfach, was die jungen Konsumenten wünschen.»

Mindestens so wichtig wie die Jungkundschaft ist ihm der Nachwuchs: Er besuche «jeden einzelnen Studierendenwettbewerb», schaue sich die Talente in Shanghai, London, Paris, Mailand, Triest an. Und wähle die besten für die Style Offices seiner Marken aus.

Von Babys zu Kreativdirektoren

«Nicht nur der Chefdesigner eines Brands ist entscheidend, sondern auch sein Team», meint er. Und mit süffisantem Unterton: «Wie viele wir als Babys in die Modeindustrie eingeführt haben; jetzt sind sie Kreativdirektoren. Matthieu (Blazy, seit 2025 Kreativdirektor von Chanel, Anm. d. Red.) habe ich bei Margiela ausgebildet. Und Demna (Gvasalia, seit 2025 Kreativdirektor von Gucci) startete seine Karriere auch bei Margiela.»

Seit bald sechs Jahren ein treuer Wegbegleiter: Glenn Martens. Rosso bezeichnet seine Beziehung zum belgischen Modedesigner als «einzigartig». Martens designt seit 2020 an der Spitze von Diesel, 2025 übernahm er zusätzlich John Gallianos Posten bei Margiela, nachdem dieser das Haus verlassen hatte.

«Eine Menge Arbeit», räumt Rosso ein. Aber darüber will er gar nicht sprechen: «Diesel – wie viel Spass macht diese Marke? Von ihr erwarten die Leute jede Saison das Unerwartete.» Für letzte Modewoche veranstaltete Martens eine Eiersuche durch Mailand statt einer klassischen Schau. «Das bedeutet eine Menge Druck, aber auch Freiheit. Andere würden Glenn Grenzen setzen.»

Keine Zeit mehr zu warten

Bei aller Nonchalance: Schlechte Business-Entscheidungen räumt selbst Renzo Rosso ein. «Als ich jünger war, fehlte mir der Mut, Leute zu feuern, die nicht performten. Ich war zu lieb.» Und heute? «Jetzt, da ich siebzig bin» – Rosso feierte zehn Tage vor unserem Treffen seinen Geburtstag – «habe ich keine Zeit mehr, zu warten.»

Und: «Auch die Welt wartet nicht. Sie ist schnell geworden. Chatbots, ChatGPT, KI ... Wenn eine Person nicht passt, musst du sie auswechseln. Sonst gefährdest du das Wachstum, das Unternehmen, die Angestellten.»

Auswechseln wie das schweizerisch-kanadische Designduo Lucie und Luke Meier, dessen Abgang bei Jil Sander als «gemeinsame Entscheidung» kommuniziert wurde? «Ich habe sie nicht eingestellt damals», sagt Rosso unaufgeregt. «Als ich Jil Sander gekauft habe, waren die beiden schon da. Gute Leute, aber meine Vision für Jil Sander ist eine andere.»

Er betont, dass er Verträge respektiere. «Aber wenn ein Vertrag ausläuft und ich nicht vollends zufrieden bin – dann schaue ich mich nach einer Nachfolge um.»

Wie eine Heirat

Er schwärmt von Jil Sander unter Raf Simons – «der designt schon nochmal auf einem anderen Level» – sowie von Jil Sander selbst. Und träumt davon, das Label als «den ikonischen Brand wiederauferstehen zu lassen, der er einmal war. Als Brand, den die Leute begehren. Dafür musste ich ihn in die Hände des Richtigen geben.»

Der Richtige heisst in diesem Fall Simone Bellotti. Er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, meint Rosso. Habe sich 17 Kreativdirektoren, «17 grosse Namen», angesehen, und neun davon eine Vision für die Sparten des Unternehmens – Frauen, Männer, Taschen, Schuhe, Schmuck, Beauty – präsentieren lassen.

«Es ist wie bei einer Heirat: Niemand passt zu hundert Prozent. Aber es hilft, vorab etwas Zeit miteinander zu verbringen.» Die Vorgabe an die Anwärter:innen: «Zurück zum Ursprung, zurück zur DNA.»

Am Tag vor dem Interview präsentierte Bellotti schliesslich seine Debütkollektion für Jil Sander, die manche als zu clean kritisierten. Aber Rosso lässt sich nicht beirren: «Es war exakt, was ich wollte: Produkte, die man ein Leben lang stolz in der Garderobe hängen hat. Die Qualität dieser Mode und Accessoires – das ist Kunsthandwerk. Kultur.»

Nur die Richtung vorgeben

Also doch mehr klare Vorstellung als uneingeschränkte Freiheit? Beinahe entrüstet sich Rosso: «Totale kreative Freiheit! Ich gebe nur die Richtung vor.» Dank dieser Attitüde würden die Kreativdirektor:innen so gern mit ihm zusammenarbeiten.

Auch Marnis Designspitze hat Rosso letzten Sommer ausgetauscht. Seine Hände formen die charakteristische «Che vuoi»-Geste, er fuchtelt verzückt damit in der Luft herum. «Ich kann es nicht erwarten, der Welt Merylls (Rogge, Anm. der Red.) Entwürfe zu zeigen, sie ist so eine liebenswerte und talentierte Person.» Letzteres wiederholt er dreimal, bevor er annabelle zweimal und mit Nachdruck ein Interview mit ihr anbietet.

"Im Gegensatz zu anderen Modeunternehmern kenne ich das Produkt, das Handwerk wirklich"

Renzo Rosso

Auch bei anderen Modekonglomeraten kam es für diese Saison zu auffallend vielen Designer:innenwechseln. «Der Luxusmarkt ist tough zurzeit», sagt Rosso. Er muss es wissen: OTBs Umsatz sank zuletzt um rund 4.5 Prozent auf 1.8 Milliarden Euro, der Börsengang wurde vertagt.

Kommerzialisierte Kreativität

«Das Problem ist die instabile Politik, sind die Kriege. Palästina, Netanjahu, Trump, die Leute können nicht mehr. Sie gehen nicht mehr shoppen. Uns fehlt der Traffic in den Stores, weltweit.» Und: «In dieser schwierigen Situation drängen die Modebosse ihre Kreativdirektoren, kommerzieller zu werden. Und setzen damit die DNA ihrer Häuser aufs Spiel.» Der fehlende Rock’n’Roll.

An wen denkt Rosso da? «Bei einem der geschassten Designer bin ich überzeugt, dass nicht er das Problem war, sondern das Unternehmen, das ihm nicht die richtigen Werkzeuge an die Hand gegeben hat. Ich kenne seine Arbeit, seine Kreativität.» Man könne nicht erwarten, dass ein Kreativdirektor in allen Bereichen stark sei. «In der Vision muss er brillieren.»

Aber anderswo, bei den Schuhen etwa, müsse man ihn mit der Kreativität anderer unterstützen. Von wem er spricht, will er nicht verraten – aber man wird das Gefühl nicht los, dass es um Sabato De Sarno geht, der bei Gucci nach nur zwei Jahren durch Balenciagas berühmt-berüchtigten Ex-Chefdesigner (und Margiela-Spross) Demna Gvasalia ersetzt wurde.

«Viele Häuser stellen Namen ein statt Kreative. Sie engagieren eine Person, weil sie Aussergewöhnliches für einen anderen Brand geleistet hat. Aber das heisst nicht automatisch, dass es ihr auch beim nächsten Brand gelingt.» Sich selbst nimmt Rosso davon aus: «Im Gegensatz zu anderen Modeunternehmern kenne ich das Produkt, kenne ich das Handwerk wirklich. Innerhalb der OTB-Gruppe fördern wir Kreativität, darauf bin ich stolz.» Und wie zum Beweis: «Auch Anna (Wintour, Anm. d. Red.) findet, ich sei exzellent darin.»

Pläne fürs Portfolio

Gibt es ein Modehaus, das ihm in seinem Portfolio noch fehlt? «Oh! So viele!», ruft er. Und bleibt doch verschwiegen: «Die Häuser, auf die ich ein Auge geworfen habe, sind nicht auf dem Markt. Aber sie wissen, dass ich mit ihnen liebäugle. Ich habe sie getroffen, mein Interesse bekundet.»

Rosso sagt das ohne Groll, mit dem Selbstbewusstsein eines Geschäftsmannes, der früher oder später bekommt, was er will. Und wenn nicht, dann was Besseres. «Wissen Sie, was mein wahrer Frust ist? Wenn ich Designer für die Kreativspitze meiner Marken will, die vertraglich bei anderen gebunden sind.» Kann er sie nicht rauskaufen? «Das tue ich nicht. Wenn ich anfange, fremde Verträge zu torpedieren, macht die Konkurrenz bei mir dasselbe.»

Bleibt eine Frage: Gibt es ein No-Go, etwas, das ein Designtalent anstellen könnte, das selbst Renzo Rosso davon abhalten würde, die Person zu engagieren? «Wenn sie etwas zu entwerfen gedenkt, das im Markt schon existiert. Wenn sie andere kopiert. Da bin ich erbarmungslos.»

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