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Fernweh, du gemeines Gefühl

Reisen

Fernweh, du gemeines Gefühl

Natürlich leuchtet mir ein, dass wir aktuell vernünftig zuhause bleiben müssen. Und doch quält mich das Fernweh gerade wie fast kein anderes Gefühl. Warum, um Himmels Willen?

Reisen ist eine alte, grosse Liebe von mir. Ich war jahrelang Flight Attendant. An jedem einzelnen Arbeitstag verliess ich das Land, manchmal sogar mehrmals täglich. Auf Reisen zu sein war Teil meiner Identität. Teil meines ganz persönlichen Glücks. Ich flog in Länder auf allen fünf Kontinenten. Zählte zu meinen Lieblingsstädten bald nicht mehr nur London, Paris, New York, sondern verliebte mich in Bombay, Hongkong, Dar es Salaam und Tokio. Streifte durch mir unbekannte Gassen, traf viele tolle Menschen, entdeckte jeden Tag etwas Neues. Und wenn ich nicht arbeitsbedingt unterwegs war, nutzte ich die vergünstigten Tickets, um auch in meiner Freizeit zu reisen – so viel wie nur möglich.

So sah ich jahrelang nur das Gute am Reisen, sprich das Gute für mich. Im Nachhinein auch ziemlich egoistisch. Kritische Fragen von Bekannten, ob ich nicht ein schlechtes Gewissen des Fliegens wegen hätte, schüttelte ich ab. Schliesslich würden all diese Flüge auch ohne mich an Bord stattfinden, redete ich mir ein. Und doch war ich Teil dieser Maschinerie, war an Bord unzähliger Flugzeuge, welche für die rund 260 000 jährlichen Abflüge und Landungen am Flughafen Zürich zuständig waren. Und die Zahl der Flüge nahm genauso wie die Zahl der Passagiere kontinuierlich zu. 2019 flogen über 31 Millionen Menschen über den Flughafen Zürich – gut zwei Drittel davon waren lokale Passagiere. Menschen, deren Reise in Zürich begann.

Die Engstirnkeit in der Heimat

«Was willst du mal tun, wenn du gross bist?»  Eins war mir immer klar: Ich will die Welt entdecken. Der Wunsch war geprägt davon, dass ich den Ort, an dem ich aufwuchs, nicht besonders mochte. Die Engstirnigkeit der Menschen in diesem Tal, die Fremdenfeindlichkeit, das Misstrauen – da musste es doch noch etwas anderes geben. Als Teenager sah ich dann ein Bild von Vancouver. Dieses Foto hat sich eingebrannt in meine Erinnerung und mich dazu bewogen, gleich nach meinem Lehrabschluss ein halbes Jahr nach Kanada zu gehen. Da war es dann endgültig entfacht, mein Reisefeuer. Diese Vielfalt, diese Weite, diese Offenheit, die ich immer gesucht hatte, sie existierte da draussen tatsächlich.


Damals lag mein Arbeitsort noch über den Wolken.

Als ich vor acht Jahren schwanger wurde und mich vom berufsbedingten Reisen verabschieden musste, war das Schwierigste für mich, nicht mehr die ganze Zeit unterwegs sein zu können. Und ich schwor mir, auch mit Kindern weiterhin die Welt zu entdecken. Vorerst im kleineren Rahmen, in Ländern um uns herum, aber später auch auf Fernreisen. Und so hielt ich es. Meine Familie trug massgeblich zum Durchschnitt bei, der besagt, dass Schweizerinnen und Schweizer laut Statistik jährlich knapp drei Reisen mit Übernachtung tätigen. Es gab kein einziges Jahr, in dem wir nicht mindestens drei, vier Mal Ferien im Ausland machten. Dazu kamen Ausflüge und Kurztrips.

Zum ersten Mal nach zwanzig Jahren kein Trip ins Ausland

Dann kam 2020. Das Corona-Jahr hat die Reise-Industrie lahmgelegt. Im April flogen gerade einmal 27 000 Passagiere vom oder über den Flughafen Zürich – 99 Prozent weniger als im Jahr zuvor und so wenige wie zuletzt 1952. Zwar kam mit den Lockerungen im Sommer wieder etwas mehr Leben in die Reisebranche, im Herbst nahmen die Zahlen aber wieder rasant ab, und insgesamt hatte es am Flughafen Zürich drei Viertel Passagiere weniger. Doch es waren – und das hat mich erstaunt – immer noch 6.3 Millionen Menschen aus der Schweiz, die 2020 in einen Flieger stiegen. Trotz Corona-Krise, nur am Flughafen Zürich.

Ich gehöre nicht zu ihnen. Zum ersten Mal in zwanzig Jahren habe ich letztes Jahr tatsächlich das Land nicht verlassen. 366 Tage lang, es war ja ein Schaltjahr. Zuerst war das nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Anfang Jahr, als Corona noch kein Thema war, machten wir das erste Mal als Familie ein paar Tage Winterferien – in der Schweiz. Und planten ganz zufällig, anders als in den Jahren zuvor, nicht schon Anfang Jahr weitere Reisen. Und plötzlich machte Corona die Schotten dicht.

Eine Städereise – nach Bern

Den Sommer verbrachte ich irgendwie ganz automatisch in der Schweiz. Kein Kurztrip nach Italien, keine Campingferien in Frankreich, keine Städtereise nach England. Ich machte Kurztrips – aber innerhalb der Schweiz in Form von Tagesausflügen. Ich ging campen – aber zu meinen Schwiegereltern. Ich machte eine Städtereise – aber nach Bern. So ging irgendwie das Jahr vorbei, ohne dass ich jemals aus dem Land reiste. Und wie viele andere habe ich die Schweiz ein bisschen besser kennengelernt. 2020 waren Schweizer Gäste für mehr als zwei Drittel der Logiernächte in Schweizer Hotels verantwortlich. Das war knapp ein Viertel mehr inländische Touristen als im Jahr zuvor.

Zuerst fand ich es schön, sagen zu können, dass ich dieses Jahr hierblieb. Meinen Teil dazu beitrug, dass hoffentlich bald wieder Normalität einkehren wird. Dass ich auf diese Art ein Stück Solidarität zeigte. Doch das Gefühl von «Wir stehen das gemeinsam durch» schwindet immer mehr. Ich sehe auf Social Media Bilder von Menschen, die gerade auf Bali feiern, höre Geschichten über Ferien auf den Malediven, lese über dekadente Kurztrips. Und nerve mich darüber, dass sich gerade so viel Egoismus breitmacht. Ohne Rücksicht auf mögliche Folgen.

Wo bleibt das «Danach»?

Gleichzeitig realisiere ich immer mehr, dass es dieses «neue Normal», nach dem ich mich sehne, wohl länger nicht geben wird. Das «Danach». Dass ich jetzt nicht einfach ein Jahr lang auf Reisen verzichtet habe und dann 2021 wieder normal verreisen würde. Dass ich wohl generell eine neue Art des Reisens finden muss. Nicht nur ich persönlich. Wir alle.

Ich bin überzeugt davon, dass der Blick in andere Lebenswelten uns verändert, unseren Horizont erweitert, uns zu besseren Menschen macht. Ganz automatisch sind mir Menschen sympathisch, die viel gereist sind, viel gesehen haben, viele Geschichten in sich tragen. Doch lange Zeit war mir nicht klar, dass es nebst den vielen Fernreisen auch andere Möglichkeiten geben muss, die Welt kennenzulernen, etwas über sie und ihre Bewohnerinnen zu lernen. Mit all meinen Sinnen in ein mir neues Land einzutauchen, seine Gerüche, seine Farben, seine Geräusche in mir aufzusaugen, schien mir lang der einzige Weg dafür zu sein.

Reisen wird immer mehr zur moralischen Frage

Ich vermisse es wahnsinnig, das überwältigende Gefühl, das erste Mal an einem neuen Ort zu sein, und alles um mich herum aufsaugen zu wollen. Das wohlige Gefühl, nach langer Zeit wieder an einen geliebten Ort zurückzukehren. Das Gefühl der Freiheit, ganz weit weg von zuhause und weit weg vom Alltag zu sein. Doch nicht nur wegen Corona, sondern auch in Anbetracht der Klimaveränderungen, des Massentourismus, der Solidarität mit der lokalen Bevölkerung wird Reisen immer mehr auch zu einer moralischen Frage. Deshalb werde ich einen neuen Weg finden müssen, mir die schönen Reisegefühle zu bewahren.

Und so habe ich im letzten Jahr Strategien entwickelt, mit meinem Fernweh umzugehen: Ich koche – oder bestelle – mir Essen von überall auf der Welt, das meine Geschmacksnerven auf Reisen schickt. Ich schaue Filme und Serien, die mich mitnehmen in ferne Länder. Ich lese und höre Geschichten, die mich gedanklich verreisen lassen. Ich schaue Bilder von schönen Orten an, um mich in der Fantasie dahin zu beamen. Und ich schneide mir eine Scheibe von meinen Kids ab, die so bewusst im Hier und Jetzt leben, sodass sie jeden Tag neue Dinge entdecken, dass jeder Tag ein Abenteuer ist. Genau das ist mein Fernweh-Gegenmittel: mehr Achtsamkeit im Alltag.

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