Ich fühle mich in Röcken freier als in Hosen – und Prada gibt mir jetzt recht
Die Hose gilt als Symbol weiblicher Befreiung. Unsere Autorin fühlt sich darin trotzdem weniger frei als im Rock. An der Milano Fashion Week zeigte Prada nun 63 Looks ohne eine einzige Hose – und erklärte den Rock zum Kleidungsstück der Freiheit.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Prada
Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal eine Hose getragen habe – abseits vom Gym. Doch: vorgestern. Eine Jeans-Bermuda mit Gürtel. Sah gut aus, fand ich. Fühlte sich aber furchtbar an. Viel zu eingeschränkt, viel zu wenig … fliessend.
Ich mochte Kleider und Röcke schon immer lieber als Hosen, vor allem als enge Jeans. Irgendwie fühlten die sich für mich immer zu explizit an. Eine Hose zeigt oft ziemlich genau die Form des Pos, weswegen ich oft eine längere Jacke oder Weste dazu kombiniert habe. Nicht, weil mir mein Po nicht gefallen würde. Aber ich fand immer, dass es schnell etwas zu exponiert aussah. A little too Kardashian.
"Ein Rock ist eine Spielwiese. Oben kann man ein ganz anderes Spiel spielen als unten"
Ein Rock hingegen – abgesehen von Pencil Skirts, und die verachte ich – umspielt, fliesst, bewegt sich. Kleider haben auch ihre Vorzüge: Sie sind elegant und man ist sofort komplett. Ein Rock aber ist eine Spielwiese. Oben kann man ein ganz anderes Spiel spielen als unten. Zugegeben, das erfordert einen gewissen Sinn für Styling. Aber wenn es gelingt, entsteht genau die Reibung, die Mode interessant macht.
Die Hose als Befreiungsversprechen
Aber, aber, höre ich jetzt: Haben Frauen nicht erbittert für das Recht auf zwei Hosenbeine gekämpft? Die Hose galt schliesslich als Symbol der weiblichen Befreiung. In ihr konnte man rennen, Fahrrad fahren und, ganz wichtig: arbeiten. Wie ein Mann.
"Entweder Business oder Leggings, jedenfalls immer effizient: Die Frau in Hosen hat etwas vor"
Und vielleicht ist das genau mein Problem mit der Hose. Sie ist inzwischen ein wenig kontaminiert. Vom Powerdressing und Angela Merkels Hosenanzügen auf der einen Seite, von der Lululemonisierung des Alltags auf der anderen. Entweder Business oder Leggings, jedenfalls immer irgendwie effizient. Die Frau in Hosen hat etwas vor. Ich auch oft. Ich möchte dabei bloss gerne einen Rock tragen.
Bei Prada ist tote Hose
Und ich sage jetzt mal ganz unbescheiden: Prada gibt mir recht. Bei der Frühjahr/Sommer-Show 2027, die gestern an der Milan Fashion Week gezeigt wurde, gehörte zu jedem der 63 Looks ein Rock. Genau: 63 Looks, 63-mal Rock. Was Beinkleider anging: tote Hose.
«The skirt as object», heisst es in den Show Notes. Miuccia Prada und Raf Simons nehmen sich dieses eine Kleidungsstück vor und variieren es immer wieder. Der entscheidende Satz folgt kurz darauf: «Engineered for freedom, the skirt is a Prada obsession.» Der Rock, konstruiert für die Freiheit.
Für Miuccia Prada ist diese Obsession alles andere als neu. Bereits 2004 widmete sie dem Kleidungsstück die Wanderausstellung «Waist Down – Skirts by Miuccia Prada». Als sie 2006 in New York Station machte, verglich Prada den Rock in einem Interview mit einem T-Shirt: eine Art Leinwand, auf der sie all ihre Ideen unterbringen könne.
Und natürlich muss man sich vor allem ansehen, was für Röcke da über den Laufsteg liefen. Denn Prada schickt uns nicht einfach zurück in eine vermeintlich femininere Vergangenheit. Da sind transparente Plisseeröcke, Leder, Nylon und fliessende Stoffe, Röcke mit Kristallen und Blumen, strenge Wickelröcke und solche mit Schlitzen fast bis zur Hüfte.
Einige sind kurz, viele reichen bis zum Knie oder darüber hinaus. Manche stehen vom Körper ab, andere bewegen sich um ihn herum. Und auffällig: Kein einziger ist wirklich eng. Dazu gibt es Lederjacken und Strick, Hemden und manchmal einfach nur einen BH.
Freiheit braucht etwas Abstand
Das ist durchaus sexy. Aber es ist eine andere Art von sexy als die hautenge oder gerade wieder sehr tief sitzende Jeans – hallo, Zoë Kravitz! –, die jede Kontur des Körpers nachzeichnet.
Zwischen Körper und Kleidungsstück bleibt Raum. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich genau dieser Abstand gerade jetzt gut anfühlt. Nach all den Geschichten darüber, wie selbstverständlich weibliche Körper betrachtet, bewertet und verfügbar gemacht wurden, hält ein fliessender Rock den Blick zumindest ein kleines Stück auf Distanz.
Danke an all die Frauen, die dafür gekämpft haben, dass wir Hosen tragen dürfen. Aber vielleicht besteht Freiheit inzwischen auch darin, sie nicht mehr tragen zu müssen. Die Hose musste einmal beweisen, dass Frauen all das können, was Männer können. Der Rock muss heute gar nichts mehr beweisen. Wir auch nicht.