Im Schattenloch raus aus dem Stimmungsloch – klappt das?
Das Tessin ist die Sonnenstube der Schweiz. Während die Sonne auch im Winter die gegenüberliegende Uferseite wärmt, liegt die Riviera del Gambarogno im Dunklen – dennoch gilt sie als Kraftort. Wie ist das möglich? Ein Erfahrungsbericht aus dem Schattenloch.
- Von: Linda Leitner
- Bild: Gianni Baumann / Habitat Lago Maggiore
Ins Tessin fährt man wegen Dolce Vita. Wegen gutem Kaffee, Gelato, Palmen, Ferienfeeling und vor allem: dem grossartigen, warmen Wetter. Da wird selig Vitamin D aufgesogen, das durch Sonnenlicht erhöht produzierte Glückshormon Serotonin sprudelt fröhlich.
Aktuell soll man aber gerade dort besonders Kraft schöpfen, wo kein Licht hinkommt, hörte ich: In Piazzogna trifft von Dezember bis Januar kein Sonnenstrahl die sonst so begünstigte Erde – im Februar und März bloss wenige. Dennoch gelten Orte der Gemeinde Gambarogno gemeinhin als intensive Kraftorte. Man soll also in einem dunklen Schattenloch raus aus seinem Winterblues?
Selbstlos reise ich an, um mit Elia Frapolli zu sprechen, der genau hier letzten Frühjahr das Resort Habitat Lago Maggiore mit sechs Tiny Houses eröffnet hat. Während die restlichen Hotels im Dorf um diese Jahreszeit (aus gutem Grund) geschlossen blieben, glaubt Frapolli fest an die besondere Energie des Ortes – auch und besonders während der Schattenperiode.
Er liess die Häuschen auf einem steil abfallenden Grundstück zwischen Seeufer und Wald bestimmten Energiepunkten entsprechend anordnen, um jedes von ihnen andere Empfindungen und Anreize auslösen zu lassen. Angeblich konnte in der Gegend eine einzigartige energetische Präsenz nachgewiesen werden, die eng mit den sieben Chakren – den Energiezentren des menschlichen Körpers – verknüpft ist.
Als ich ankomme
Regen. Nebel. Ich sitze im Tiny House Nummer vier, das (Überraschung) dem vierten Chakra, dem Herzchakra und dem Element Luft zugeordnet ist – dem Symbol für Liebe, Mitgefühl und tiefe Verbindung. Es ist Elia Frapollis Lieblingshaus. Aus allen blickt man durch riesige Fensterfronten auf den Lago Maggiore, aber das ist nicht der Hauptgrund: hier schlafe er am besten, sagt er. Er habe alle probegeschlafen, aber die Nummer vier habe gewonnen.
«In der Sechs, dem Haus, das dem Stirnchakra zugeordnet ist, zum Beispiel schiessen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wenn ich arbeiten will, ist es da oben perfekt. Die Energie dort fördert die Kreativität», so Frapolli.
Dieser Ort sei zu ihm gekommen, erzählt er. Er sei sehr empfänglich für Energien und habe sofort gespürt: Hier fühle ich mich wohl. Er bestellte Claudio Andretta, Experte und Autor des Buches «Orte der Kraft im Tessin», herbei und liess sich anhand seiner Instrumente bestätigen: Tatsächlich, es handelt sich um einen Kraftort.
Ganz oben auf dem Grundstück mass Andretta 33'000 Bovis (eine esoterische Masseinheit für Lebensenergie). Ab 20'000 Bovis darf man von einem Kraftort sprechen. Die Habitat-Häuschen sind in bester Gesellschaft: Hoch über ihnen auf dem Gipfel des Monte Gambarognos befindet sich laut Frapolli ein energetischer Wirbel, der seine Energie an die Umgebung verteilt. Ich bin skeptisch.
Während ich da bin
Regen. Nebel. Keine Sonne. Nie. Trist, denke ich. «Am gegenüberliegenden Ufer des Sees sieht man die Sonne wie eine Lampe angehen und herunterstrahlen» – es sei ein faszinierendes Spektakel, so Frapolli. Ich stelle mir deshalb tags drauf einen Wecker, mache um Punkt sieben die Augen auf. Nichts passiert. Eine halbe Stunde später: noch immer nichts. Bis auf Wolken und Regen. Licht sehe ich nicht mal im Süden drüben. Ich schlafe ewig weiter, denn der Hausherr hat Recht: Ich schlafe fantastisch.
Und ich habe nichts zu tun. Käme die Sonne raus, würde ich flanieren wollen. Nach Locarno rüberfahren. Wandern. Erkunden. Normalerweise machen mir Wolken und ein verhangener Himmel auf Reisen relativ schlechte Laune. Weil Pläne nicht aufgehen, weil mich der Drang, etwas erleben zu wollen, zerfrisst. Oft sogar stresst.
Bei schönem Wetter fühle ich mich von irrer FOMO getrieben – auch dann, wenn ich eigentlich lieber zuhause rumliegen würde. Jetzt weiss ich: Die Sonne kommt nicht. Keine Chance. Das entspannt mich.
Es ist dunkel, ich sehne mich nach Geborgenheit. Der Kokon des hölzernen Tiny Houses umhüllt mich. Vom Bett aus schaue ich den Nebelfetzen dabei zu, wie sie sich in den Bergen über dem Lago zu immer neuen Fabelwesen formieren. Eine Duftkerze knistert. Ich lese endlich mal wieder.
Eigentlich halte ich Rückzug für ein nerviges Zeitgeist-Phänomen, das zu einem zu intensiv gelebten Trend verkommen ist. Aber ich merke: Hier bekommt der Körper die Ruhe, die er verdient. Ganz ohne Druck oder Entspannungsimperativ. Und ich verstehe auch, dass ein Kraftort in mir kein mystisches Kribbeln auslöst und nicht zwingend körperliche Stärke verleihen muss. Er erdet. Der Schatten legt sich wie eine warme, wohlige Decke über mich.
Als ich abreise
Bin ich heruntergefahren. Ich habe viel geschlafen, zufrieden in die Natur geglotzt, fühle mich vom Alltag angenehm losgelöst. Ich habe wenig Aktives gemacht, nur den Energieweg beschritten, den Elia Frapolli gemeinsam mit Claudio Andretti auch für Nicht-Hotelgäste geschaffen hat. Küssende, ineinander verschlungene Bäume säumen den Weg – ein Zeichen für hohe Vitalität. Daneben rauscht das Wasser eines Baches. Das soll beleben, klären, Dinge in Fluss bringen, sowohl Gefühle als auch Kreativität.
Ich plane bald eine weitere Reise, diesmal weiter weg, ich fliege nach Thailand in die Sonne. Zurück ins Licht quasi. Ich bin topmotiviert – es erscheint mir aber auch wahnsinnig stressig und hell.