Werbung
Nie mehr oben ohne: Wie findet man Mut zum Hut?

Nie mehr oben ohne: Wie findet man Mut zum Hut?

Chapeau! Hüte feiern ein fulminantes Comeback in der Mode. Unsere Autorin liebt und besitzt wilde Exemplare, hat aber einen Heidenrespekt vor ihnen. Sie sucht Rat bei Sonja Hauer, der Präsidentin des Hut-Clubs Basel.

Wie eine russische Prinzessin soll ich neulich auf einer Party ausgesehen haben. Ich trug einen schwarzen Pillbox-Hut, ein rundes, krempenloses Modell auf meinem für gewöhnlich baren Kopf. Begrüsste ich jemanden, wurde ausnahmslos die Kopfbedeckung adressiert. Ich schob den Hut peinlich berührt zurecht und stammelte stets fast entschuldigend: «Er ist etwas gross … danke fürs Kompliment.» Kaum zu glauben: Das wildeste Kleidungsstück bringt mich weniger in Verlegenheit als ein schlichter Hut.

Deshalb besitze ich diverse, die es nie nach draussen schaffen. Einen Cowboyhut zum Beispiel. Oder einen sehr schönen Piratenhut aus Stroh. Keinen für eine Mottoparty, sondern einen, den ich zum Blazer zu tragen gedachte. Aber als Seefahrerin durch die Stadt navigieren? In der Badi sitzen? Erschien mir unpassend. Warum? Weil ich mich verkleidet fühlen würde? Verliere ich als Piratin die eigene Identität? Übernimmt ein Hut sofort die Kontrolle? Kein anderes Kleidungsstück weckt mehr Interesse – ähnlich, als wäre man nackt. Er grinst hämisch herunter und fragt: Na, traust du dich was? Oder nicht?

Dieser Sommer wird uns herausfordern: Brands wie das Mailänder Luxushaus Loro Piana zeigten in ihren Kollektionen für die kommende Saison skulpturale Hüte in allen Dimensionen – vom Sahnehäubchen bis zum Heiligenschein. Bei Dior krönte ein Dreispitz Radlerhosen und Jeans-Minis.

Wie trägt man so einen Hut, ohne dass er einen trägt?

Es lag nahe, bei der Königin der Hüte im Aargauer Fricktal anzuklopfen. In Magden kennt man die 84-jährige Sonja Hauer (oben) wegen ihres gelben Sportflitzers, in Basel kennt man sie, weil sie 13 Jahre lang die Bar des Grand Hotel Les Trois Rois schmiss und: Weil sie 1990 einen berühmt-berüchtigten Hut-Club gründete. Seit 35 Jahren tragen die Mitglieder ganz selbstverständlich üppige Federn, glitzernden Tüll, bunte Früchte und diverse Tiere wie Schwäne und Krebse auf dem Kopf.

Werbung

Der deutsche Showmaster Thomas Gottschalk lud die rund zwanzig Mitglieder 1995 in seine Late-Night-Show ein, die Sendung «Taff» auf Pro7 berichtete über sie, sie tingelten über Schweizer und internationale Events – sogar beim berühmten Pferderennen im englischen Ascot schlugen sie auf.

Welches Gefühl ihr ein Hut gebe, frage ich die Expertin. «Es kommt nicht so viel Luft ins Hirn. Das ist gut.» Der Schalk blitzt in Hauers Augen. «Über die Jahre habe ich mich einfach immer mehr getraut», fügt sie an. Sie scheint eine Verfechterin des kultivierten Nonsens zu sein – so war die Gründung des Hut-Clubs auch eher eine Schnapsidee. Ein echter Hut-Fan war sie nämlich gar nie.

Anfang der Neunziger stand sie mit zwei Freundinnen auf einer Vernissage herum, als eine grosse Frau mit noch grösserem Hut die Galerie betrat. «Alle Männer waren wie hypnotisiert. Wir wussten, was zu tun ist: Wir holten in der Boutique einer Freundin kurzerhand drei Hüte. Es hagelte Komplimente, alle wollten wissen, wer wir sind. Da behauptete ich einfach, wir seien der Hut-Club Basel», erzählt sie.

Es war einmal... der Chapeau-Apéro

Als Bardame bestens vernetzt, ordnete sie umgehend jeden ersten Montag im Monat einen Chapeau-Apéro im «Trois Rois» an. «Am Anfang kamen viele Frauen mit ihren Hüten versteckt im Plastiksack und huschten damit zur Toilette. Sie setzten den Hut erst auf, als es losging. Es gab auch Frauen, die lediglich Männer aufreissen wollten. Das habe ich alles nicht geduldet», Hauer schüttelt streng den Kopf. Sie kennt keine Gnade: Wenn sich jemand heute, wo sich der Club noch einmal im Monat bei ihr zum Apéro und in wechselnden Restaurants zum frühen Dinner trifft, nicht an das von ihr vorgegebene Motto des Abends hält, greift sie durch: «Ich habe immer Ersatzhüte dabei.»

Werbung

Den Alltag bestreitet Hauer oben ohne. Und somit inkognito. «In die Stadt gehe ich ohne Hut. Dann kennt mich keiner. Wenn ich Hut trage, bin ich top gestylt», so Hauer. Der Hut darf ausladend und verrückt sein, es gibt nur eine Regel: «Zum Hut bloss keine Jeans – das ist bei uns verpönt.» Ein Hut brauche glücklicherweise keine Frisur, aber man müsse sich schminken, herausputzen und im Spiegel ein harmonisches Gesamtbild erblicken. Hüte sind also eine ernste Sache?

Wenn Sonja Hauer mit langen roten Glitzernägeln ihr Vereinsarchiv durchkämmt, beschleicht mich das Gefühl, das stimmt nicht so ganz. Über zehn Ordner voller Zeitungsartikel und Fotos erzählen abertausende Geschichten. Was sie oft sagt: «Das bin ich, am Seich machen, jesses» und «Die da war eine ganz verrückte Nudel.» Man sieht Hauer und ihre wohlbehüteten Genossinnen tanzen, feiern, wie selbstverständlich neben Gottschalk posieren. Ich blättere staunend durch ein Feuerwerk an Spass, Drinks und Unsinn zwischen Plastikfolien. Eine hat da ein Pferd auf dem Kopf, auf einem anderen Foto trägt Hauer drei selbst verzierte Hüte übereinander.

«Mir kemme crazy, mir kemme flott»

Jetzt mal ehrlich: Sind diese absurden Hüte nicht doch eine Art Kostüm? «Nein, das ist mein voller Ernst. Wenn ich mich verkleiden will, gehe ich an die Fasnacht». Hauer ist empört. Verstehe. Ob sie denn gern auffalle, frage ich. «Ja. Aber doch nicht wirklich», antwortet sie. Und das ist vielleicht auch das Magische am Hut. Man hat die Wahl: Möchte man ohne in der unaufgeregten Banalität einer gutsitzenden Frisur verschwinden – oder sich dank Hut herrlich schamlos süssen Eskapismus auf den Scheitel montieren? Mut zum Hut brauchts, das gibt Sonja Hauer zu. Er macht angreifbar, weil er einen als theatralisch ausweist. Aber was ist falsch daran, mal eine Rolle zu spielen? Was ist authentischer, als einfach eine verrückte Nudel zu sein?

Damals, als Sonja Hauer bei der Wahl zur Miss Basel Ü50 Zweite wurde, trug sie den von ihr komponierten, irgendwie karibisch klingenden Vereinssong vor. Darin singt sie: «Es isch fir alli e grosse Hit/dass es unsere Huet-Club git/S’hett Lüt die finde das banal/doch uns isch’s schnurzegal» und «Mir kemme crazy, mir kemme flott/mir liebe aber gar kein Schrott.» Am aktuellen Hut-Club-Treff tanzt sie dazu in ihrem Wohnzimmer vor versammelter Mannschaft. Für Angst vor Peinlichkeiten ist das Leben zu kurz.

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments