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Selbsttest: Ist das Disneyland wirklich die Hölle?

Reisen

Selbsttest: Ist das Disneyland wirklich die Hölle?

Autorin Sarah Lau trotzt der Weltuntergangsstimmung und fährt mit ihrer Familie für ein paar Tage ins Disneyland Paris. Klingt schrecklich? Stimmt – vor allem: Schrecklich schön.

Ich trage paillettenbesetzte Micky-Maus-Ohren. Mir laufen Tränen über die Wangen. Und ich klatsche enthusiastisch wie ein Helene-Fischer-Fan. Alles, weil ich gerade in der «Mickey and the Magician Show» eine Blondine im Cinderella-Kostüm «Bibbidi-Bobbidi-Boo» singen höre. Habe ich nach drei Tagen im Disneyland Paris völlig den Verstand verloren? Die Sache ist komplex.

Zum zehnten Geburtstag unseres Sohnes sind mein Mann und ich in den Vergnügungspark gereist, rund eine halbe Stunde Autofahrt von der französischen Hauptstadt entfernt. Dass es neben dem 1955 eröffneten Stammpark im kalifornischen Anaheim und dem berühmten gigantischen Ableger in Florida seit nunmehr dreissig Jahren auch ein Micky-Maus-Eldorado in Europa gibt, hat der Walt Disney Company seit der Eröffnung 1992 über 375 Millionen zusätzliche Besucher:innen beschert.

Eine Explosion an Bespassungsmöglichkeiten

Und auch wenn Walt Disney World in Florida rund fünf Mal so gross ist wie das Areal in Paris, darf man sich auch hier auf platte Füsse am Abend einstellen; immerhin ist es mit 2230 Hektar rund 3150 Fussballfelder gross. Darauf verteilt: eine Explosion an Bespassungsmöglichkeiten, die mit täglichen Paraden und einem abendlichen Feuerwerk über dem Märchenschloss abgerundet wird.

Als wir im Vorfeld Freund:innen und Kolleg:innen von unseren Reiseabsichten erzählten, bekamen wir auffallend oft so etwas wie «Horrortrip» zu hören. Also stellten mein Mann und ich uns schon auf drei Tage Zähne-Zusammenbeissen ein. Auf der Hinreise überboten wir uns mit dunklen Prophezeiungen, natürlich flüsternd, damit wir dem Kind nicht seine Vorfreude versauten.

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«Als wir das erste Mal die bonbonfarbene Welt betreten, sind wir paralysiert von dieser Filmkulisse»

Bestimmt wird uns auf der Achterbahn schlecht. Wir werden sicher unter klaustrophobischen Schüben leiden. Allein, dass wir in einem XXL-Hotel mit 1093 Zimmern einchecken werden, au weia. Und dann noch der Komplettpreis von rund 2000 Franken für drei volle Tage und vier Nächte Plastikwelt.

Reich der Kinderträume

Dass dieses Spassuniversum nicht amateurhaft geführt wird, liess sich mit Blick auf Walt Disneys Lebenswerk und dessen geschäftstüchtige Fortführung (Pixar! Marvel! Star Wars!) zwar ahnen. Doch als wir am Nachmittag das erste Mal die bonbonfarbene Welt betreten, sind wir doch paralysiert von dieser Filmkulisse.

Perfekt gepflegte Blumenbeete, dazu der stimmige Duftmix aus Flieder und caramelisiertem Popcorn und das vor uns liegende rosafarbene Märchenhotel, das die Pforte ins Reich der Kinderträume bildet. Für einen Boulevard, wie er dahinter zu finden ist, wurden Worte wie entzückend erfunden.

Ich bin sicher: Wenn ich jetzt die Augen zu- und wieder aufmache, bin ich Doris Day, an meiner Hand Rock Hudson und vor mir ein tänzelnder Junge mit zuckerwassergeglättetem Haar und hochgezogenen Socken.

Verbunden durch die Liebe zu einer Fantasiewelt

Staunend bahnen wir uns den Weg durch die uns entgegenkommenden Menschenmassen. Muskelbepackte Männer mit Heavymetal-Shirts und Einhorn-Haarreifen. Mädchen in Prinzessinnenkleidern und Jungs, die Captain America und Star-Wars-Helden nacheifern. Luftballons, zehn Franken das Stück, an so ziemlich jedem Handgriff der unzähligen Buggies.

Diejenigen, die ohne Kinder hier sind, gehören wahlweise einer Junggesell:innen-Entourage an oder sehen aus, als würden sie in Hobbykellern Fantasy-Rollenspiele spielen. Aber wen interessierts? Hier niemanden. Vom Land oder aus der Stadt, politisch rechts, Mitte oder links, Impfgegnerin oder Dreifach-Geboosterter – hier sind irgendwie alle miteinander verbunden, durch ihre Liebe zu einer Fantasiewelt, high auf Zuckerwatte.

«Oh Gott» höre ich meinen Mann leise murmeln. Mein Blick folgt seinem ausgestreckten Finger auf die digital angezeigten Wartezeiten. «50 Minuten» steht an der von uns anvisierten Achterbahn. Vermutlich der Grund, weshalb nahezu jeder Kubikmeter Märchenluft mit beschwingtem Disneysound bespielt wird.

Surreal entspannt in der bunten Welt

Wir konstatieren, dass auffallend viele Besucher: innen dank Tracks wie «La-Di-Da-Carnival» und «Pays du merveilleux» Glückshormone zu produzieren scheinen. Als nach zwanzigminütiger Wartezeit die Durchsage kommt, dass unsere Achterbahn wegen technischer Probleme bis auf Weiteres ausser Betrieb sei, schlendern selbst diejenigen lächelnd an uns vorbei, die bereits seit über einer Stunde auf die Fahrt gewartet haben.

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«Kaum jemand zückt das Smartphone. Die Welt hier scheint bunt genug»

Als gute Tourist:innen passen wir uns den hiesigen Gepflogenheiten an – und reihen uns in den nächsten drei Tagen surreal entspannt in jede Warteschlange ein. Achtsamkeit allenthalben. Kaum jemand zückt das Smartphone. Die Welt hier scheint bunt genug.

Wachsende Begeisterung für diese fremde Welt

Nach ein paar Karussellfahrten und Stopps in diversen Souvenirläden sind harte Fakten gefragt. Mein Sohn rechnet, ob sein Taschengeld für einen Ganzkörperanzug von Stitch, dem kleinen blauen Monster aus dem Zeichentrickfilm «Lilo & Stitch» reicht (tut es).

Mein Mann wippt zwar auch schon im Takt der Paraden, bewahrt sonst aber noch weitgehend die Contenance. Ganz Businessman zählt er, wie viele Souvenirshops auf Attraktionen kommen (63 auf 59), und sinniert «über die Ausweitung der Merchandisingmöglichkeiten durch neu erschlossene Zielgruppen qua Themenfelder».

Ich höre nur noch halb hin und verflüchtige mich in der wachsenden Begeisterung für diese fremde Welt. Der erste Tag zieht wie im Rausch an uns vorbei und am Abend fallen wir wie betäubt mit von Wraps und Nachos verklebten Mägen in unsere Micky-Maus-Betten. Ausnahmsweise ist weder das vor dem Hotel aufgeschaltete Möwengeschrei noch irgendwelche Musik zu hören. Schön. Ruhig.

Der persönliche, vollkommen verrückte Disneyzauber

Und dann beginnt er, unser ganz persönlicher, vollkommen verrückter Disneyzauber. Als wir am nächsten Tag aufwachen, ist unser Sohn nicht mehr der coole Junge im schwarzen Hoodie, der immer selbständiger mit seinen Freunden durchs Leben zieht.

Er ist wieder unser kleiner Sohn. Der nach unseren Händen greift wie zuletzt mit drei Jahren. Der sich in der Geisterbahn kreischend an mich kuschelt und aufgeregt quasselnd mit seinem Vater überlegt, wie viele Loopings die Indiana-Jones-Bahn wohl schafft.

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Wir schiessen johlend mit Laserpistolen auf Zielscheiben und schippern durch «piratenverseuchte Gewässer». Wir erleben hier gerade Abenteuer. Mit Bauchkribbeln, Mutproben und ja, durchaus auch einer Nahtoderfahrung. Den «Tower of Terror», wo man aus 52 Meter Höhe in die Tiefe fällt, werden zumindest wir drei garantiert nie wieder betreten.

Da nun schnell Beruhigung hermuss – mein Sohn ist in Schockstarre verfallen, ich zittere und mein Mann schüttelt den Kopf und sagt unablässig «Alter» – kaufen wir ein paar Premium-Access-Tickets. Damit darf man an den Warteschlangen vorbeiziehen. Sympathisch geht anders, ist aber gerade total okay.

Einfach nichts verpassen

Während mein Mann für sich entdeckt, dass Mittagsschlaf und eine Runde im Hotelpool seine Toleranzschwelle für die nächste Einheit Vergnügungspark deutlich erhöhen und selbst mein erschöpfter Sohn freiwillig ein Stündchen zum Lesen im Bett verschwindet, bin ich wie von Sinnen.

Ich will einfach nichts verpassen. Ich kaufe kleine R2D2-Roboter, ein Paar goldene Micky-Maus-Ohren und schaffe es gerade noch, den mit LED-Sternen beleuchteten Zauberhut zurückzulegen. Prinzessinnenguetsli knabbernd erkunde ich den Park und bei unserem spätnachmittäglichen Wiedersehen präsentiere ich meinen Jungs nicht ohne Stolz einen ausgefeilten Marschplan.

Als aus den Lautsprechern die Ansage kommt, man solle bitte nicht rennen, sondern ruhig zur nächsten Attraktion schreiten, bin ich peinlich berührt: Die meinen mich! Denn ja, ich galoppiere gerade wie die personifizierte Konsumgeilheit in Richtung Star-Wars-Areal, um auch ja nicht zu spät zu sein für die 4D-Expedition im Raumschiff.

Was macht dieses Paralleluniversum mit mir?

Der richtige Moment, um innezuhalten und mich zu fragen, was verdammt noch mal dieses endorphingetränkte Paralleluniversum mit mir macht. Ich bin ja selbst perplex ob meiner Ekstase!

Nun muss man sagen, dass ich eines dieser Siebzigerjahre-Kinder bin, die in braunen Cord-Latzhosen und mit Topfschnitt aufwachsen mussten. Auf mein Flehen nach Polyester-Prinzessinnenkleidern und langen Zöpfen strich meine Mutter mir lediglich den Kord glatt und zwiebelte mein Deckhaar zu einer Palme mitten auf dem Kopf zusammen.

Learning: Vermeintlich witzige Frisuren sind nicht nur grundsätzlich scheisse, sondern auch folgenreich. In meinem Fall führte das unterdrückte Verlangen nach einer mädchenhaften Mähne dazu, dass mich alles anzieht, was verspielt und girly ist. Da diese Sehnsucht weder in meinem Kleidungs- noch in meinem Wohnstil je Ausdruck fand, scheint sie nun mit aller Macht hervorzubrechen.

Kollektives Bedürfnis nach Eskapismus

Arielle, Cinderella, Schneewittchen und die sieben Zwerge, was soll ich sagen – als Kind habe ich die Filme verschlungen und fühlte mich dieser Welt aus sprechenden Waldwesen und singenden Prinzessinnen schon immer in tiefer Zuneigung verbunden. Und tue das offensichtlich bis heute.

«Ich habe offensichtlich unterschätzt, wie sehr sich auch meine Familie vor der Realität wegducken möchte»

Vielleicht sogar mehr denn je. Nach zwei Jahren Pandemie und angesichts der erschütternden Weltlage von Afghanistan über Ukraine hin zur Klimakrise ist das kollektive Bedürfnis nach Eskapismus gross. Und ich habe offensichtlich unterschätzt, wie sehr sich auch meine Familie vor der Realität wegducken möchte.

Von Stunde zu Stunde tritt mehr zutage, wie geborgen und glücklich wir hier zusammen sind. Dass wir uns hier um nichts anderes zu kümmern und zu sorgen haben, als das beste Softeis zu finden. Und im Schreiomat der Monster AG mal alles an angestautem Gebrüll rauszulassen, ist zugegebenermassen tumb, aber eben auch echt befreiend.

Der nahende Abschiedsschmerz

«Ich finde es so toll, dass hier niemand denkt: ‹Oh, wie uncool›», sagt mein Sohn und zieht den Reissverschluss seines Stitch-Onesie hoch. Den Schweissperlen auf seiner Stirn zufolge scheint der Polyesteranteil hoch zu sein, aber mein Sohn ist glücklich – und ich bin es auch.

Für den morgigen Tag nehmen wir uns nur noch eines vor: die Micky-Maus-Show. Dass ich dort so abgegangen bin, kann ich mir rückblickend nur damit erklären, dass der nahende Abschiedsschmerz gepaart war mit der Einsicht, dass mein erstes «Bibbidi-Bobbidi-Boo» an eine Zeit in meinem Leben gekoppelt ist, in der Palmen und Polyesterkleider meine einzigen Probleme waren.

Als ganz am Ende Micky durch Olaf und die Eisprinzessin abgelöst wird, höre ich meinen Mann so laut «Let it go» mitsingen, dass sich erste Köpfe umdrehen. Mein Sohn grinst und drückt seinem Vater fest den Arm. So toll, dass hier niemand denkt: «Oh, wie uncool.»

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Barb

♥️♥️♥️

Martina

So schön! Ich freu mich für sie! 😄💕

Sarah Lau

Wie zauberhaft, ich danke Ihnen – könnte glatt schon wieder hin 🙂