Heft 02/15

Edward Sexton: Der legendäre Starschneider im Interview

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Fotos: Phil Dunlop

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«Wir waren die Revoluzzer der Savile Row»: Edward Sexton

«London war am Swingen»: Edward Sextonüber die Sixties

Edward Sexton kleidete Paul McCartney für den Ritterschlag und Mick und Bianca Jagger für ihre Hochzeit ein. Zum Tee beim 72-jährigen Schneider der Stars.

annabelle: Edward Sexton, gibt es wirklich 85 Arten, eine Krawatte zu binden?
Edward Sexton: Ja, bestimmt! Aber ich kenne nur meine Lieblingsarten. Sicher gibt es auch einige, die ich nicht kenne, aber die sehen dann auch garantiert nicht gut aus. Wissen Sie, Darling, das Krawattengeschäft ist eine Wissenschaft für sich. Das fängt schon beim Kauf an. Um die richtige Krawatte zu kaufen, muss man erst mal wissen, welche Art von Hemd einem steht. Eine Krawatte muss ein eigenes Leben führen, aber dafür braucht sie die richtige Umgebung. Es ist eine Kunst, richtig einzukaufen und sich korrekt zu kleiden. Man kann den tollsten und teuersten Anzug der Welt kaufen, aber wenn er nicht sitzt und nicht zum Typ passt, wird er nie lebendig wirken. Die Manschettenknöpfe, die Accessoires! Kleider machen den Mann, und wenn der Mann sich durch die angemessene Kleidung richtig ausdrücken kann, fühlt er sich besser und kommt besser rüber.

Kein Wunder, dass viele Männer eingeschüchtert sind, wenn es um das Thema Mode geht.
Ja, sie wissen nicht viel über Kleidung, und das macht sie unsicher. Ausserdem glauben viele, für guten Stil brauche man Geld. Der natürliche Sinn für Mode hat mit Geld aber rein gar nichts zu tun. Manche Männer sehen in den billigsten Stoffen umwerfend aus und manche in der teuersten Seide wie Clowns. Aber das ist Teil meines Jobs, ich bespreche alles mit meinen Kunden und versuche ihren Typ einzufangen.

Die wenigsten können sich einen Anzug für 8500 Franken leisten.
Das ist mir bewusst. Wir arbeiten gerade an einem Projekt namens Made to Measure. Da werden Anzüge nach meinen Mustern und mit meinen Details maschinell hergestellt, die kosten dann bedeutend weniger. Man bestellt online, kommt aber trotzdem bei mir vorbei, und es wird Mass genommen, das muss sein. Sonst kann man ja gleich in eine chinesische Fabrik gehen. Wenn die jungen Leute älter werden und über mehr Einkommen verfügen, können sie die wahre Edward-Sexton-Experience erleben. Ein handgemachter Anzug ist ein Investment fürs Leben.

Als Sie mit Ihrem Partner Tommy Nutter Ihr Geschäft an der berühmten Savile Row eröffneten, glich das einer Revolution. Was war so anders an Ihnen?
Die typische Klientel der Savile Row waren Lords und ihre Söhne, die in die Militärakademie gingen und sich ihre Uniformen und Hochzeitsanzüge von den Schneidern anfertigen liessen. Mit einer Ausnahme: Donaldson, Williamson & Ward, wo ich damals arbeitete. Da kamen auch schon mal Fred Astaire, Cary Grant oder Frank Sinatra vorbei. Die Anzüge waren ein bisschen flamboyanter als die der anderen Schneider, aber immer noch extrem elegant. Als Tommy und ich uns selbstständig machten, war London jedoch in einer Umbruchphase. Die Rockstars verdienten plötzlich viel Geld und wollten Qualität, ohne dafür an Coolness einzubüssen. Wir haben einfach den Zeitgeist erkannt. Wissen Sie, Darling, wir waren nicht darauf aus, Geschichte zu schreiben. Wir waren einfach zwei junge Burschen, die ihr eigener Boss sein wollten. Wir waren anders, wir waren jung, wir wollten uns ausdrücken! King’s Road, Carnaby Street – London war am Swingen! Die Savile Row war zu staubig für die Künstler und die Berühmtheiten. Die Row stand für Qualität, aber noch nicht für Style. Sie war damals kein hipper Ort, und da kamen wir ins Spiel. Vieles ist uns einfach in den Schoss gefallen. Als wir die Beatles einkleideten, hatten wir doch auch keine Ahnung, dass die Jungs die Anzüge auf jenem Zebrastreifen der Abbey Road anziehen würden! Dass Mick und Bianca Jagger unsere Anzüge zu ihrer Hochzeit trugen, war auch ein glücklicher Zufall. Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint, man hätte das alles nicht besser planen können.

Tommy Nutter war der It-Boy Ihrer Generation.
Tommy war sehr viel unterwegs, verkehrte in sehr guten Kreisen und lullte die Berühmtheiten mit seinem Charme ein. Sein Lover war Peter Brown, der davor mit Brian Epstein zusammen war. Das war aber kein Problem, im Gegenteil – es war eine sehr promiskuitive Zeit. Aber das will ich jetzt besser nicht alles ausplaudern! (lacht) An unsere Eröffnungsparty kamen alle, die etwas auf sich hielten: Industrielle, Entrepreneurs, Rockstars, Politiker! Unser Laden war der Place to be, und wir waren die neuen Jungs im Quartier! Zudem standen bei uns riesige violette Kerzen in Penisform (lacht).

Warum hiess Ihr Laden Nutters und nicht Nutter & Sexton?
Weil ich ganz am Anfang nur ein Angestellter der Firma war, erst später wurden Tommy und ich Partner. Tommy war der Frontmann, der Meeter & Greeter. Aber es hat nicht lange gedauert, bis unsere Investoren merkten, wer das Geschäft wirklich führte. Also machten sie auch mich zum Direktor. Nach einer Weile habe ich allen anderen ihre Anteile abgekauft. Es nervt mich, wenn Leute nicht die gleiche Leidenschaft mitbringen, die ich an den Tag lege. Für manche ist ein Hobby, was für mich mein Leben ist. Ich wollte weiterkommen und nicht das Boot verpassen. Ich verpasse nicht gern Boote, Darling. Tommy und ich arbeiteten dann eine lange Zeit als gleichberechtigte Partner, bis er eine andere Richtung einschlagen wollte. Ich habe weitergemacht und den Namen in Edward Sexton geändert. Meine Marke hat eine viel grössere Tiefe, mehr Tradition und viel mehr Charakter, als Nutters jemals hätte haben können. Es reicht eben nicht, ein süsser, gut aussehender Junge mit tollen Kontakten zu sein. Ich habe das Essen auf den Tisch gebracht! Ich habe die Stoffe auf die Kunden gebracht. Viele Kunden waren zwar Künstler, vielleicht verrückt und womöglich high, aber die waren nicht dumm!

War es nicht schwer, ein Geschäft an der Savile Row zu bekommen? Immerhin waren Sie das erste neue Etablissement seit über 120 Jahren.
Ja, wir hatten Glück. Als wir unser Geschäft eröffnen wollten, wurde gerade ein neues Haus gebaut. Es waren ganz winzige Räumlichkeiten, aber es war eine Adresse an der Savile Row, das war der Schlüssel zum Erfolg. Wir hatten das Geschäft nicht von unseren reichen Daddys geerbt, wir hatten es selbst auf die Beine gestellt, wir waren die Revoluzzer. Dass wir verschiedene Tweedstoffe kombinierten, war ein Skandal! Die alten Meister der Savile Row haben uns gehasst.

Sie sagten, sie gäben Ihnen höchstens sechs Monate …
Ja, aber die Wahrheit ist, ich bin heute noch da, und die sind schon lange ausgestorben. Die dachten, sie seien etwas Besseres, aber keiner von denen hätte jemals einen Damenanzug zustande gebracht, dafür wären sie sich auch zu fein gewesen. Ich dagegen bin ein Meister darin.

Damit gaben Sie dem Männerterrain Savile Row einen neuen Akzent. Wer war die erste Kundin?
Unser Freund und Kunde Justin de Villeneuve brachte einen Tages seine Freundin mit. Es war Twiggy! Sie war sehr androgyn, und wir fingen an, ihr Anzüge zu schneidern. Sie sah umwerfend aus in ihrem berühmten kirschroten Samtanzug. Bald darauf schnitt sie sich die Haare kurz und wurde ein grosser Star. Damenschneiderei ist eher wie Bildhauerei, ich musste umdenken, da ich ausschliesslich Herrenschneiderei gelernt hatte. Aber ich hatte Glück und durfte bei Sir Hardy Amies, dem Couturier der Queen, lernen. Im Gegenzug zeigte ich ihm, wie man für Herren schneidert. Dann gab es da noch Bill Blass in New York. Wissen Sie, diese Designer kannten sich alle – das war die Gay-Mafia! Aber immer wenn die grossen Designer neue Kleidung für sich selbst brauchten, kamen sie zu mir. Bill Blass holte mich nach New York, und dort lernte ich viel über Frauen. Über Frauenschneiderei, meine ich natürlich! (lacht) Dann kamen Bianca Jagger, Joan Collins, all die kurvenreichen Frauen mit den wunderschönen Körpern. Textile Bildhauerei ist eine Kunstform für sich.

Wie sieht heute die typische Edward-Sexton-Kundschaft aus?
Nun, mit der EU haben wir viele europäische Kunden gewonnen, die Amerikaner kommen gern, und ich kleide auch sehr viele wohlhabende Russen ein. Aber manchmal fliegt mich auch der Scheich von Katar ein. Die Rockstars kommen nach wie vor, doch mich ehrt besonders, dass nicht nur die alten Berühmtheiten kommen, sondern auch ihre Kinder. Sean Lennon, James McCartney, Jade Jagger.

Eine berühmte Tochter hat Ihnen viel zu verdanken.
Ja, eines Tages war ich zum Massnehmen bei Linda McCartney, als Paul hereinstürmte und sagte, ich müsse ihm ganz schnell einen Anzug schneidern, er werde von der Queen zum Sir ernannt. Ich musste ihm quasi über Nacht einen grauen Frack schneidern. Bei einer Anprobe erzählte er mir, dass seine Tochter Stella bald in eine Modeschule gehen werde. Ich sagte ihm: «Paul, das ist erfreulich, aber zuerst sollte sie eine anständige, altmodische Lehre in einem echten Atelier machen.» Tage später fragte er mich, ob ich seine Tochter ausbilden würde. Was hätte ich auch machen sollen? Würden Sie etwa Nein sagen zu Paul McCartney? (lacht)

Wie war Stella McCartney denn als Lehrling?
Sie hat sich bewährt, sie kam fast drei Jahre lang zu mir und hat das Handwerk von Grund auf seriös gelernt. Sie war sehr gründlich, und ich bin unglaublich stolz auf sie. Stella wollte ihre eigene Identität schaffen, sie wollte nicht Paul McCartneys Tochter sein, sondern eine eigene künstlerische Persönlichkeit entwickeln. Ich liebe sie dafür! Schon bald kamen die Leute von Chloé auf sie zu und engagierten sie als Chefdesignerin. Aber nach ein paar Monaten gab es Probleme. Sie haben Stella nicht verstanden. Chloé ist, was wir die Fleur nennen – sehr viele Rüschen, sehr romantisch, sehr leicht. Stella war aber an härtere Strukturen, an Grafisches gewöhnt. Also kamen die Chloé-Bosse zu mir und baten mich, Stellas Mentor zu werden. Ich wurde also der Übersetzer zwischen Stella McCartney und Chloé. Ich arbeitete knapp vier Jahre in Paris, und Chloé wurde mit Stella wahnsinnig erfolgreich. Mir wurde das aber zu stressig, ich hatte ja immer noch mein Geschäft hier in London und wollte für meine Kunden da sein. Bei zu viel Hin und Her kriege ich Kopfschmerzen!

Welche Station Ihrer Karriere macht Sie besonders stolz? Ist es das «Abbey Road»-Cover?
Nein, ich bin stolz auf alles, ich bin stolz, dass ich noch lebe! Wissen Sie, ich würde es eher Dankbarkeit nennen. Nicht alles war gut, und ich habe auch Fehler gemacht. Aber nicht sehr viele. (lacht) Ich habe diese Gabe Gottes erhalten, und ich bin dankbar, dass ich sie mein Leben lang ausleben durfte. Ich bin 72 und immer noch so leidenschaftlich wie mit 18. Ich arbeite vier Tage die Woche. Die Kunden würden mich aber auch nicht gehen lassen, die wollen nicht Edwards Assistenten, die wollen Edward! Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich glaube, mit Naomi Campbell zusammenzuarbeiten, war mein persönlicher Höhepunkt. Ich lernte sie kennen, als ich alle Supermodels für das Duran-Duran-Video «Girl Panic!» einkleidete. Naomi ist die schönste und aufregendste Frau der Welt. Abgesehen von meiner Frau natürlich. Wir sind 51 Jahre verheiratet, nicht jede hätte den ganzen Zirkus mitgemacht.

Trug Ihre Frau zur Hochzeit einen Anzug?
Nein, sie hatte das wunderschönste weisse Kleid an. (lächelt und denkt lange nach) Sie sah so perfekt aus! Und mir fertigte mein damaliger Chef einen ganz besonders eleganten Anzug, das war sein Hochzeitsgeschenk.

1990 entschlossen Sie sich, die Savile Row zu verlassen. Warum?
Wissen Sie, unser Vertrag lief 21 Jahre lang. Oh Darling, 21 Jahre vergingen wie im Flug! Wir konnten unseren Vertrag nicht erneuern, deswegen habe ich versucht, mit einer anderen Firma zusammenzuarbeiten, aber das war, als ob man versucht, einen Rolls-Royce in einer Opel-Fabrik herzustellen. Also zog ich an den Beauchamp Place. Hier habe ich die Werkstatt direkt neben dem Anprobe-Zimmer. Meine Lehrlinge sehen die Kunden, und so fliesst ein Extrakick Stolz in jedes Kleidungsstück mit ein. Bei herkömmlichen Schneidern kommt irgendein Old Boy, öffnet dir die Tür und mustert dich, nimmt Mass, und du kommst erst zur Anprobe wieder. Du weisst also nicht, was in der Zwischenzeit mit deinem Anzug passiert ist, sie könnten ihn nach China geschickt haben! Bei mir sieht man genau, wer welchen Stich macht, das ist sehr viel persönlicher. Das hier ist das Richtige, Darling!

Wie hat sich die Savile Row seit Ihren Anfängen verändert?
Ach, sie hat sich sehr verändert. Die meisten Schneider sind gestorben, und die Geschäfte wurden von den Kindern nicht weitergeführt. Die Mietpreise sind explodiert, da teilten sich manche ein Haus mit einer anderen Marke – so haben viele ihre Identität verloren. Viele sind aber auch selbst schuld, sie haben vergessen, dass man in Lehrlinge investieren muss, um ein Unternehmen auf lange Sicht fortzuführen. Die Räumlichkeiten an der Savile Row kann sich heute keiner mehr leisten, deswegen gibt es dort nun so grausige Ketten wie Abercrombie & Fitch. Das ist traurig. Die wollen ihrer Marke ein bisschen Prestige kaufen, haben aber nichts mit der ursprünglichen Idee der Savile Row zu tun.

Auch Tom Ford wollte sich offenbar ein wenig Savile-Row-Charme verschaffen. Sie sagen, er habe Ihre Entwürfe kopiert.
Tom Ford ist ein sehr erfolgreicher Mann, den kann man nicht umhauen. Ach wissen Sie, seine Leute waren hier, und ich habe Ihnen alles gezeigt. Er hat versucht, uns zu kopieren, aber unseren Ausdruck kann man nicht so einfach einfangen, die Details hat er nicht verstanden. Dabei hätte er doch einfach ehrlich sein können, dann hätte ich ihm gern geholfen. Mein Kumpel Bernie Ecclestone sagte zu mir: «Warum sollte jemand einen Ford von Tom wollen, wenn er einen Rolls-Royce von Edward haben kann?» Bernie ist halt kein Narr!

Mr. Sexton, Sie hatten sie alle, gibt es trotzdem noch jemanden, den Sie gern einkleiden würden?
Ich würde gern mit Vivienne Westwood arbeiten. Wir könnten uns bestimmt wunderbar gegenseitig ergänzen, das wäre ein Spass! Oder Tom Ford! Dem könnte ich mal zeigen, wie man sich richtig kleidet! (lacht)

Marvellous, Darling!

Jacqueline Krause-Blouin wuchs in Zürich auf, lebt aber seit acht Jahren in Berlin und arbeitet als Mode- und Popkulturredaktorin bei der Zeitschrift «Spex». Für unsere Story wurde ihr eine Audienz im Atelier des britischen Mode-Grandseigneurs Edward Sexton gewährt. Dieser nannte sie partout nur darling, rauchte beim Interview Kette und zwang sie, einen sündhaft teuren massgefertigten Blazer von Naomi Campbell anzuziehen, worauf sie sich nur einliess, weil sie gut versichert ist. Sextons Urteil? – «You look marvellous, darling!»

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