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Internationales Mode-Festival: Hyères feiert die Stars von morgen

Stil

Internationales Mode-Festival: Hyères feiert die Stars von morgen

  • Text: Christina DussFotos: Nicolas Duc

Das Festival International de Mode & de Photographie im südfranzösischen Hyères ist vor allem: Eine hippe Party. Hier zeigen Jungtalente wie Maxime Rappaz aus Genf die Mode von morgen.

«Gasch au uf Hyères?», fragen die Freunde schon Monate im Voraus. Wer etwas mit Fotografie oder Mode am Hut hat, war schon mal dort, am Festival International de Mode & de Photographie. Der dreitägige Anlass im südfranzösischen Städtchen ist der Event des Jahres, eine Pilgerstätte für Kreative. Bloss, was tun die eigentlich alle da?

Hyères im Frühsommer. Die grellen Synthetikfummel in den Schaufenstern von Lady Laurent und In’Time im Stadtzentrum sind so dubios wie der Rest der Kulisse: Auf der Place Massillon singen ein paar Jungs «Macho Man», magere Hunde streunen durch die Gassen, Männer lehnen an Hauswänden, nicht in Gruppen, ganz allein. Die italienische Mafia soll in dieser Gegend aktiv sein. Es ist der Abend bevor der Festival-Ausnahmezustand einsetzt, zum siebenundzwanzigsten Mal schon. Im gekachelten Keller des Restaurants Le Jardin de Saradam bestellen auffällig schicke Spätesser marokkanische Hausmannskost – die ersten Festivalgäste sind eingetroffen. Die zwölf Hotels in der Innenstadt sind seit Monaten ausgebucht.

Hyères-Hysterie

Man kommt hierher, um die Kollektionen eines internationalen Finalistengrüppchens zu begutachten, ausgewählt von einer hochrangigen Jury. Aber auch, wie sich im Verlauf der nächsten Tage herausstellen wird, um sich ein bisschen selbst zu feiern, bei vielen Picknicks an wunderschönen Locations, bien sûr, an Apéros und in wilden Clubnächten.

Dieses Jahr sitzt Terry Jones in der Jury, der Gründer des englischen Magazins «i-D», Präsident ist der japanische Stardesigner Yohji Yamamoto. Zu gewinnen gibts als Hauptpreis den L’Oréal Professionnel Jury Grand Prize in der Höhe von 15 000 Euro. Je zehn Talente aus Mode und Fotografie werden zur Endauswahl nach Hyères eingeladen. Oder genauer: in die Villa Noailles, das kubistische Bauwerk von Robert Mallet-Stevens aus dem Jahr 1923, der auf einem Hügel über dem Städtchen liegt und einst dem Grafen und Kunstmäzen Charles de Noailles gehörte.

Der erste Festivalmorgen. Auf dem Dach der sandfarbenen Villa Noailles – einer mit Rasen begrünten Fläche mit Ausblick auf die Stadt und das Meer – brennt die Sonne auf die teuer, aber ganz subtil angezogenen Besucher, die sich beim Begrüssungspicknick (mit Salaten, Terrinen und Käse aus der Umgebung) den Salzwasserwind ins Gesicht blasen lassen. Alle sitzen im Gras, später wird sich hier eine coole junge Band ein bisschen wie Joy Division anhören, die Fotografen und Filmer des in der Branche gerade extrem gefragten Kollektivs Stimuleye halten die Szenen fest.

Etwas abseits sitzt Maxime Rappaz. Der 26-jährige Modedesigner aus Genf hat im letzten Jahr den annabelle award gewonnen (und damit ein Praktikum bei Just Cavalli). Er ist einer der zehn Auserwählten, neben ihm kauert die andere Schweizer Finalistin, Jasmina Barshovi. Eine Woche ist Maxime Rappaz jetzt schon in Hyères, schliesslich musste unter anderem die grosse Finalshow geprobt werden, und doch: «Das war wie Ferien.» Gerade eben hat er im Garten hinter der Villa seine Kollektion der Jury und der Presse präsentiert: Seine Stirn glänzte, er wirkte ein wenig fahrig, machte seine Sache aber gut. Ein scheuer junger Mann setzt sich dazu – Blogger Mali, so etwas wie der Sartorialist aus Kapstadt. Er ist extra für das Festival aus Südafrika angereist. «Ich komme hierher, weil ich die Labels sehen möchte, bevor sie kommerziell werden», sagt er.

Und dann geschieht das, was an diesem Wochenende noch mehrmals passieren wird: Auftritt Yohji Yamamoto. Der japanische Modemacher, seit dreissig Jahren Inbegriff eines kargen, zeitlos-eleganten Designstils, ist in der Modewelt so etwas wie eine lebende Legende. Yamamoto spaziert ganz still durch die Menge, lächelt, rückt seinen Hut zurecht – und die Leute verstummen. Er setzt sich mit seiner Assistentin neben seine Jurykollegen. Maxime Rappaz sagt: «Angeblich hat Yohji eines meiner Kleider berührt.» Er lacht und wischt sich den Schweiss von der Stirn.

Wer hier die Jury überzeugt, hat einen wichtigen Schritt als Jungdesigner getan. Die Konkurrenz ist gross: Dieses Jahr gingen 290 Bewerbungen beim Festival ein. «Maxime ist ein seriöser Typ, es ist eindrücklich, ihm bei der Arbeit zuzusehen», sagt Festivaldirektor Jean-Pierre Blanc am nächsten Tag über den Schweizer Finalisten. Nur das mit den Socken verstehe er nicht. «Ich hab ihm gesagt, Maxime, du musst die Socken weglassen. Aber er hat sich durchgesetzt.»

Jean-Pierre Blanc trägt Sandalen, bunte Hose, Foulard. Stil: Kulturmanager à la française. Er wolle Jungdesignern eine Plattform bieten, sagt er, während er abwechselnd telefoniert und Leute begrüsst – etwa das Jurymitglied Irène Silvagni, Grande Dame der Modewelt, Creative Director der «Vogue Paris» in den Achtzigerjahren, die mit ihrem Dackel vorbeischlendert. «Man nimmt sich einfach zu wenig Zeit, um für junge Leute etwas auf die Beine zu stellen. Hier können wir die Nachwuchsdesigner mit Profis aus dem Modebusiness vernetzen», sagt er. So habe das Festival dem letztjährigen Gewinner Matthew Cunnington den Kontakt zu entscheidenden Leuten aus der Textilbranche ermöglicht. «Haben Sie seine aktuelle Kollektion gesehen? Unglaublich!»

Jean-Pierre Blanc, der das Festival vor 27 Jahren gründete, hat sich viele Freunde gemacht, darunter auch eher öffentlichkeitsscheue Branchengrössen, Yamamoto inklusive. «Ich könnte jetzt Azzedine Alaïa anrufen und ihm sagen: ‹Azzedine, es ist wirklich wichtig, dass du zum Festival kommst.› Und er käme», sagt Blanc nonchalant. Er hat gerade den legendärsten Couturier der Achtzigerjahre per Vornamen im Gespräch deponiert.

Schön und gut. Bloss – was geschieht mit den Finalisten nach dem Festival? Werden ihre neu geknüpften Kontakte bestehen bleiben? Und was bringt es ihnen, in der Seifenblase Hyères gefeiert zu werden, nur um vielleicht schon in der kommenden Saison wieder in der harten – und oft brotlosen – Realität des Jungdesigner-Alltags aufzuschlagen? Hyères werde überschätzt, tönt es aus alteingesessenen Modekreisen in Paris. Die meisten Finalisten stünden an einem Punkt ihrer Karriere – teilweise direkt nach ihrem Abschluss –, an dem sie noch nicht für Förderpreise bereit seien, da sie noch nicht wüssten, wo sie künstlerisch stehen, geschweige denn, wie ein Businessplan aussehen könnte oder wie essenziell Pressekontakte seien.

Auch die Theorie hat ihren Platz in Hyères

Wie ihre Zukunft in der Theorie aussehen könnte, wird am Festival schon mal an verschiedenen «Konferenzen» in grossen weissen Zelten im Garten der Villa besprochen. Beim Thema «Mode und Finanzen» etwa geht es um die Wichtigkeit der «immediate internationalization» – der unmittelbaren internationalen Lancierung eines Labels. Oder wie wichtig es ist, sich in Richtung Luxussektor zu orientieren (stabil auch in Krisenzeiten) oder die von den Einkäufern bestellten Kollektionsteile rechtzeitig zu liefern. Diskutiert wird aber auch, wie schlecht die Kreditwürdigkeit von jungen Labels in den Augen der Banken immer noch ist und was dagegen zu unternehmen ist.

Ein Jungdesigner hat also Entrepreneur zu sein? «Kreativität ist wichtiger», knurrt Jean-Pierre Blanc, der Festivalleiter. «Unser Job ist es, gute Manager zu finden, die sich um die kreativen Leute kümmern.» Es gebe durchaus, auch in Krisenzeiten wie heute, Designer in einem modischen Mittelfeld, die von ihren Labels leben könnten. Christian Wijnants (2001) oder Gaspard Yurkievich (1997) etwa, beide ehemalige Gewinner in Hyères, ebenso wie Viktor & Rolf (1993), die sich unter den ganz Grossen etablieren konnten. Vom grössten Teil der Gewinner der letzten zehn Jahre hört man allerdings nicht mehr viel. Im Gespräch halten konnten sich nur vereinzelte Namen wie Anthony Vaccarello, Emilie Meldem oder C-Neeon. Wahrscheinlich verhält es sich mit Hyères so wie mit vielen Nachwuchswettbewerben: Das Festival ist ein Sprungbrett, aber eine Garantie für Erfolg ist es nicht.

Jean-Pierre Blanc jedenfalls hat eine Lösung für junge Kreative bereit: Ohne teure Show kämen viele besser klar, sagt er, auch wenn man dann von der Presse ignoriert werde. Blanc lehnt sich ein bisschen nach vorne, hebt die Stimme. «Wenn man keine Show zeigt, existiert man nicht. Das ist doch verrückt! Es gibt so viele unglaublich talentierte Leute. Und die französische Presse kümmert sich nur um die grossen Labels: Die ‹Vogue Paris› oder ‹Numéro› haben noch nie was über das Festival geschrieben. Noch nie, nie, nie! Das ist so old School! Chanel und Dior sind doch nicht die Einzigen in der Branche!»

Die grosse Finalshow findet in einer alten Saline etwas ausserhalb von Hyères statt. Yohji Yamamoto steigt, kurz bevor es losgeht, beim Hinterausgang aus einer Limousine und geht schweigend über den staubigen Boden zur Tür. Ein Zen-Cowboy auf einsamer Mission. Maxime Rappaz beobachtet die Szene. Vorher hatte er noch an seiner Zigarette gezogen und gesagt: «Keine Ahnung, ob ich eine Chance habe.»

Jetzt, da Yamamoto neben ihm die Holztreppe hinaufgeht, knabbert er nur noch an seinen Fingernägeln. Stunden später wird er Konfetti im Haar tragen und im Strandclub Côté Mer den letzten Abend feiern. (Festivaldirektor Jean-Pierre Blanc wird auch tanzen – im Regen, während er den Song «Sunny» mitschreit.)

Den Hauptpreis haben Maxime Rappaz’ zarte Entwürfe nicht bekommen. «Schade, aber nicht schlimm», sagt er. Das finnische Trio Siiri Raasakka, Tiia Siren und Elina Laitinen gewinnt mit einer Rave-inspirierten Männerkollektion in fluoreszierenden Farben. Was sie in Hyères gelernt haben? Sie kichern. «Für Fotos posieren.» Dann ganz ernst: «Und dass unsere Kollektion wirklich etwas taugt.»

Hurra Hyères!

Neben dem Hauptpreis, dem L’Oréal Professionnel Jury Grand Prize, werden in Hyères zwei weitere Awards vergeben: ein neu geschaffener, von Chloé gesponserter Preis für den schönsten Entwurf, den die Finalisten extra auf die Chloé-Welt zuschneidern. Und der Première Vision Award, eine Auszeichnung der gleichnamigen französischen Stoffmesse. Neben einem Preisgeld von 10 000 Euro wird die Gewinnerin ihre Kollektion auf den Modemessen Première Vision Preview in New York und Paris zeigen dürfen.
Infos zu den Gewinnern 2012 gibts auf www.villanoailles-hyeres.com.

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Maxime Rappaz, Gewinner des annabelle award 2011, schafft es mit seiner Kollektion in den Final

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«Wie Ferien»: Maxime Rappaz (Mitte) geniesst die legere Ambiance

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Backstage bei der Show von Maxime Rappaz

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Openair-Showrooms im Garten der Villa Noailles

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«Es ist eindrücklich, Maxime bei der Arbeit zuzusehen»: Festivaldirektor Jean-Pierre Blanc ist beeindruckt von der sphärischen Kollektion des Genfer Designers. Für den Hauptpreis reichte es dann nicht ganz

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Seit 27 Jahren Nachwuchsförderung: Festivalgründer und -direktor Jean-Pierre Blanc

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Das finnische Trio Siiri Raasakka, Tiia Siren und Elina Laitinen gewinnt 2012 den Hauptpreis

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Schirmherr und Jurypräsident Yohji Yamamoto bei der Siegerehrung

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Die schrille Männermode aus Finnland überzeugte die prominente Jury