Heft 22/14

Schau-Spiel: Modefotografin Viviane Sassen live in Winterthur

Text: Dietrich Roeschmann

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Aufregend intime Form von Schönheit: Bilder von Viviane Sassen in «Kutt», 2003.

«Numéro», 2012

«Es ist immer der Fotograf, der entscheidet, was wir sehen»: Viviane Sassen

Wie sehen wir unser Gegenüber an? Bilder für «Pop», 2009, und...

... für «Another Man», 2007

«Verführen und irritieren» – in «Pop», 2011

Raum für Interpretation: Carven-Kampagne, 2012; «Giallo» im Bildband «Pikin Slee», 2013 (rechts)

Viviane Sassen ist eine der angesagtesten Modefotografinnen – weil man bei ihren Bildern nicht aufhören kann hinzusehen. annabelle-Leserinnen haben nun die Chance, die Künstlerin und ihr Werk live kennen zu lernen.

Was macht ein gutes Modefoto aus: Der Starfaktor des Models? Die exklusive Foto-Location? Die Höhe des Budgets? Mag sein. Vielleicht reicht aber auch die eine Idee – und Intuition. «Lass uns das Set so schlicht wie möglich halten», sagt Viviane Sassen, das Handy am Ohr. Sie steht am Fenster ihres Amsterdamer Studios, eines Lofts im dritten Stock eines alten Bürgerhauses: hohe Decken, viel Licht. Unten knattert ein Boot durch die Prinsengracht. Im Café vor der Tür sitzen die Leute in der Sonne und geniessen den warmen Spätherbsttag.

Auch Viviane Sassen wirkt entspannt. Geduldig erklärt sie ihrem Setdesigner in London den Aufbau für das Fotoshooting am nächsten Tag. In ihrem Glas dampft Grüntee. Dazu pflückt sie sich frische Trauben aus einer Schale, die neben ihrem Laptop auf dem Schreibtisch steht. «Die Shootings für die Frühjahrssaison haben begonnen», entschuldigt sie sich nach dem Auflegen, «da wollen alle immer gleichzeitig die volle Aufmerksamkeit.» Kein Wunder: Die 42-jährige Holländerin ist die gefragteste Modefotografin der Stunde. Allein in der vergangenen Saison schoss sie die Kampagnen für Missoni, Carven, Acne Studios, ’S Max Mara und das japanische Modehaus Pardo. Hinzu kamen atemberaubende Fotostrecken für Trendmagazine wie «Pop», «Numéro» und «Another Man». Ab Mitte Dezember werden ihre besten Arbeiten aus den vergangenen 17 Jahren im Fotomuseum Winterthur zu sehen sein. Die Schau «In and Out of Fashion» tourt seit mehr als einem Jahr durch die Welt. Als ein Reporter sie an der letzten Eröffnung fragte, wie sie sich ihren Erfolg erkläre, zuckte Sassen nur mit den Schultern. «Keine Ahnung. Vielleicht weil ich mich nicht darum kümmere, was gerade angesagt ist?»

Sassen hat schon immer lieber ihr eigenes Ding gemacht. Sie ist ungeschminkt, trägt Rossschwanz, einen blauen Pulli, weisse Jeans mit geometrischen Afroprints und einen rot karierten Schal. «Um ehrlich zu sein», sagt sie, «Mode hat mich noch nie wirklich interessiert.» Schon seit Jahren liest sie keine Magazine mehr, schaut sich keine Modefotos an. Trotzdem liebt sie ihre Arbeit. «Mode ist für mich eine Spielwiese, auf der ich mit Farben, Formen und Strukturen experimentieren und das machen kann, was mich als Fotografin am meisten reizt: Bilder, die verführen und irritieren.»

Die Handschrift ihrer Aufnahmen ist unverwechselbar. Sassen arrangiert die Körper ihrer Models, in seltsam verrenkten Posen, oft zu abstrakten Skulpturen, zerlegt sie durch geschickt platzierte Spiegel in ihre Einzelteile, lässt sie mit grün gefärbter Haut posieren oder als dunkle Silhouetten hinter üppig wuchernder Dschungelflora. «Ich mag es, wenn Bilder Raum zur Interpretation lassen», sagt sie. Deshalb sucht der Blick ihrer Models nur selten die Kamera. Meistens sind ihre Gesichter verdeckt von Haaren oder tiefschwarzen Schatten, verschwinden hinter Möbeln, Pflanzen oder Bergen von Kleidern, aus denen dann körperlose Gliedmassen staksen wie groteske Prothesen.

Sassen selbst nennt ihre Bilder «visuelle Puzzles». Der ständige Wechsel von Nähe und Distanz, Licht und Schatten, Form und Farbe hält sie in Bewegung und macht es kaum möglich, sie vollständig zu erfassen. Das ist ihr Geheimnis: Man kann nicht aufhören hinzusehen.

Dass Bilder sie mehr interessieren als Kleider, wusste Sassen schon mit zwanzig. Damals studierte sie noch Fashiondesign an der Akademie in Arnhem – ein Mädchentraum, wie sie heute sagt. Während sie nebenher als Model für das gerade gegründete Label Viktor & Rolf jobbte, beobachtete sie die Fotografen und dachte: Das will ich auch! Denn: «Es ist immer der Fotograf, der entscheidet, was wir sehen.»

Sie begann, für Szenemagazine wie «Purple» oder «Dazed & Confused» zu fotografieren, zuhause am Küchentisch, mit Freundinnen als Models und Bildern von Araki, Nan Goldin oder Terry Richardson im Kopf. Als sie 2001 den Auftrag für ihre erste Kampagne bekam, schien alles perfekt. Die Leute von Miu Miu hatten ihr Portfolio gesehen und sie sofort engagiert. Für die Aufnahmen platzierte Sassen zwei Models so hintereinander, dass von einem der Mädchen nur noch ein Arm zu sehen war, der sich um die Taille des anderen legte oder aus seiner Schulter zu wachsen schien. Eine irre Körpercollage, wunderbar intim und traumhaft grotesk – Miuccia Prada war begeistert.

Doch als die Kampagne im Winter 2001 erschien, war der Modebranche die Lust auf Experimente jäh vergangen. «9/11 veränderte alles», sagt Sassen. «Plötzlich herrschte Krisenangst, keiner wollte mehr etwas riskieren. Die Unternehmen arbeiteten nur noch mit Stars wie Mario Testino oder Steven Meisel, von denen sie wussten, was sie bekamen: superkommerzielle Glamourkampagnen mit immer mehr Mädchen, mehr Schuhen, mehr Taschen; als ginge es darum, so viele Produkte im Bild anzuhäufen wie möglich.» Luxus und Schönheit wurden zum Panzer gegen die Bedrohung der Welt. In der Modefotografie sei diese Kälte bis heute zu spüren, sagt sie.

Alles, was Sassen dagegen von ihren Models verlangt, ist, dass sie vergessen, ein Model zu sein. Dass sie sich verabschieden von den einstudierten Posen und offen sind für das formale Spiel mit ihren Körpern, aus dem Sassen eine neue, immer seltsam distanzierte und zugleich aufregend intime Form von Schönheit entwickelt. «Wenn ich ein Model fotografiere, geht es mir nicht um die Person, sondern um die Frage, wie wir unser Gegenüber ansehen», sagt sie. «Was sehen wir im anderen? Und was erzählt uns dieser Blick über uns selbst?»

Es sind Fragen, die Sassen schon lange beschäftigen. Genau genommen seit ihrem dritten Lebensjahr. Damals war sie mit ihren Eltern von Amsterdam nach Kenia gezogen, in ein kleines Dorf am Victoriasee, wo ihr Vater als Arzt in einem Spital für poliokranke Kinder arbeitete. «Obwohl ich noch so jung war, habe ich sehr intensive Erinnerungen an diese Zeit», sagt sie. «Wie jedes Kind, das die Welt entdeckt, sog ich alles in mich auf. Die kräftigen Farben, das Licht, die Stimmungen und Gerüche, die mich jeden Tag umgaben.» Die Familie blieb drei Jahre. «Ich war das einzige weisse Mädchen im Dorf. Ich spielte mit den Kindern aus der Klinik, und weil Kinder immer so sein wollen wie ihre Freunde, wollte ich auch so sein wie sie.» Sie fühlte sich nackt in ihrer weissen Haut und war fasziniert von den deformierten Körpern der Kinder, die sie für schön und normal hielt.

Als Sassen Jahre später mit ihrem Mann, dem niederländischen Designer Hugo Timmermans, an die Orte ihrer Kindheit zurückkehrte, wurde ihr klar, wie stark ihr Blick von diesen frühen Eindrücken geprägt war. Sie machte sich mit der Kamera auf die Suche nach den Ursprüngen der eigenen Wahrnehmung und realisierte neben den Modearbeiten nun auch umfangreiche Fotoprojekte in Uganda, Tansania, Sambia und Ghana. «Bilder, die wir aus Afrika zu sehen bekommen, kennen in der Regel nur zwei Perspektiven», sagt Sassen. «Entweder zeigen sie uns das Elend der Menschen in körnigem Schwarzweiss – oder eindrucksvolle Landschaften in prächtigen Farben.» Mit Serien wie «Flamboya», «Parasomnia» oder ihrem jüngsten, in Surinam entstandenen Bildband «Pikin Slee» setzt sie diesen Klischees eine Bildsprache entgegen, die in zarten Balanceakten zwischen Inszenierung und Reportage einen sehr persönlichen Blick auf die Schönheiten eines fremden Alltagslebens wirft. Dass einige dieser Bilder auch gut als Modefotografien durchgehen könnten, ist da kein Widerspruch. Im Gegenteil. Die spielerische Leichtigkeit, mit der Viviane Sassen die Grenzen zwischen Mode, Kunst, Skulptur und Dokumentation aufweicht, macht ihre Fotografien so attraktiv.

— Ausstellung: Fotomuseum Winterthur 13. 12. – 15. 2. 2015
— Bücher: «In and Out of Fashion», 296 Seiten; «Pikin Slee», 144 Seiten, beide Prestel Verlag

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