Reisereportage Sizilien

Arrivederci Randazzo!

Text: Stefanie Rigutto; Fotos: Marvin Zilm

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Schauen zu, wie nichts passiert: Drei ältere Männer treffen sich nachmittags vor dem Lokal des Partito Democratico

Randazzo heisst auch la Svizzera dell’Italia. Weil es hier regnerisch ist, hügelig und grün. Und auch, weil hier jeder gefühlte Dritte Schweizerdeutsch spricht.

Sie haben Heimweh nach der Schweiz: Antonia Alfonso (l.) und Tochter Marisa Bonanno

Kutschen gehören in Randazzo nicht zur Tagesordnung – hier wird auf das Brautpaar gewartet

Pippo Calà schenkt in seiner Enoteca Wein von den Rebbergen am Ätna aus

Vizebürgermeister Gianluca Lanza rühmt den stressfreien Lifestyle in Randazzo

Das einstige Kapuzinerkloster mit schönem Kreuzgang ist heute Gemeindehaus

Coiffeuse aus Herisau: Nunzia Lopresti lebt seit 33 Jahren wieder in Randazzo und hatte Mühe, sich einzugewöhnen

Pistazien in allem: Apéro-Plättli bei Pippo Calà

Fürstliches Gemach: Zimmer im Domus Fisauli

Warum spricht in einem sizilianischen Dorf jeder Dritte «es bitzeli» Schweizerdeutsch? Ein Besuch in Randazzo, das alle verlassen wollen – und in das alle zurückkehren.

«Die Rückkehr war ein Trauma», sagt Antonia Alfonso in einem Gemisch aus Schweizerdeutsch und Italienisch. Sich wieder an die Mentalität Italiens zu gewöhnen, das sei hart gewesen. 36 Jahre lebte sie in Herisau, arbeitete neun Stunden am Tag, zog fünf Kinder gross. Heute ist Antonia Alfonso 82 Jahre alt und lebt wieder in Randazzo, ihrem Dorf in Sizilien. Sie sagt: «Ich hatte in all den Jahren nie Heimweh nach Sizilien. Aber jetzt verkümmert mein Herz vor Sehnsucht nach der Schweiz.»

Sie bedaure heute noch, dass sie die Schweiz habe verlassen müssen. Aber mit einer Rente von wenig mehr als 1000 Franken lebt es sich in Süditalien einfach besser als in Herisau. Was stört sie hier so sehr? Antonia Alfonso muss nicht zweimal überlegen: «Schau dich um: überall Zigi-Kippen am Boden!», ruft sie. Die Gemeindegärtner würden auch einen lausigen Job machen. Aber die Schlimmsten, jetzt gerät Antonia Alfonso richtig in Rage, seien die Hundebesitzer. «Die nehmen nicht einmal die Kacke auf! Che schifo!»

Marisa Bonanno nickt Antonia, ihrer Mutter, zustimmend zu. Sie rückt den billigen Plastikstuhl der Bar del Corso zurecht und verkündet: «Ich habe ein Ziel: Ich will die Mentalität der Randazzesi ändern.» Marisa Bonanno ist 51 Jahre alt. Sie wuchs in Herisau auf und spricht einen astreinen Appenzeller Dialekt. «Mit dem Schweizerdeutsch ist es wie mit dem Velofahren: Man wird zwar unsicherer, aber man verlernt es nie.» Nach einer unglücklichen Liebe flüchtete sie 25-jährig nach Randazzo – und blieb für immer. Warum? «Ach», macht sie, «das Wetter, der Lebensstil, kein Stress.» Sie fühle sich aber bis heute mehr als Schweizerin denn als Italienerin. «Ich denke immer noch auf Deutsch.» Marisa Bonanno arbeitet im Stellenvermittlungsbüro der Region Sizilien. «Es ist frustrierend. Viel zu viele Jugendliche sind arbeitslos. Ich sage allen: Geh ins Ausland, geh in die Schweiz, sammle Erfahrungen, komm dann zurück und baue hier etwas Tolles auf.»

Dies ist die Geschichte von Randazzo, einem Dorf in Sizilien, wie es viele gibt (das sehen die Randazzesi anders, aber dazu später mehr). Das Dorf, das sich trotz seiner nur 11 000 Einwohner «città» nennt, liegt auf 765 Metern am Fuss des Ätna. Es ist die Gemeinde, die dem Vulkankrater am nächsten liegt. Randazzo heisst auch la Svizzera dell’Italia. Weil es hier regnerisch ist, hügelig und grün. Und auch, weil hier jeder gefühlte Dritte Schweizerdeutsch spricht. Zumindest «es bitzeli». Randazzo war – und ist – ein klassisches Auswandererdorf. Wie Antonia Alfonso suchten viele in den Sechzigerjahren ihr Glück im Norden. Einige sind geblieben, viele kehrten zurück, manche gehen erst noch. Wir wollten wissen: Was ist das für ein Ort, von dem alle wegwollen und doch nie loskommen?

Wir landen auf dem Flughafen von Catania. Auf der Fahrt nach Randazzo umrunden wir den Ätna, den aktivsten und höchsten Vulkan Europas. Aus dem Krater steigt dünner Rauch. Abfall, Kakteen, Olivenbäume und bizarre Lavalandschaften wechseln sich am Strassenrand ab. «Città del vino» steht auf einer Tafel am Ortseingang von Randazzo. Wir sind gespannt.

Nachmittags um vier Uhr ist Randazzo wie ausgestorben. Einzig vor dem Parteilokal des Partito Democratico sitzen drei alte Männer und schauen zu, wie nichts passiert. War von euch jemand in der Schweiz?, fragen wir. Prompt steht einer auf, sagt «Grüessgott!» und stellt sich als Signor Romano vor. Er habe in den Sechzigerjahren in einer Schreinerei in Heiden gearbeitet. Er vermisse die Schweiz schrecklich, sagt er. «Dort war alles so ordentlich.» Als Signor Romano in Heiden ankam, habe er als Erstes Schokolade gekauft, das Papier schmiss er auf den Boden. Da habe eine Frau ihn gerügt: «Junger Mann, das gehört in den Abfallkübel!» Das habe ihn beeindruckt. «Seither habe ich nichts mehr auf den Boden geworfen.»

Das Gemeindehaus ist ein ehemaliges Kapuzinerkloster mit schönem Kreuzgang und einem verwaisten Innenhof. Im Wahlbüro treffen wir Rosalda Gullotto. Sie sitzt hinter einem schweren Holztisch und pafft eine Zigarette (das Rauchverbotsschild an der Wand lässt sie kalt). Rosalda Gullotto sagt, die Schweiz sei das wichtigste Emigrationsland für die Randazzesi. Viele würden in der Ostschweiz leben und im Raum Basel. Sie erhebt sich aus dem Sessel und bringt uns an ein Tischchen. Hier stehen drei hölzerne Registerschränke, das «Archiv» der Ausland-Italos (Computer? In Randazzo macht man das auf die gute alte Art). Ein Drittel der ausgewanderten Randazzesi lebt in der Schweiz, Deutschland, Australien und Argentinien sind weitere Migrationsziele.

Der Bürgermeister sei gerade nicht hier, sagt Rosalda Gullotto und wählt die Nummer des Vicesindaco. Zehn Minuten später steht ein junger Typ in der Tür und stellt sich als Gianluca Lanza vor: Randazzos Vizebürgermeister. Lanza ist 35 Jahre alt, trägt Jeans und ein pinkfarbenes Guess-Shirt. Einen Vicesindaco in Sizilien haben wir uns anders vorgestellt! Eher wie Marlon Brando in «Der Pate». Gianluca Lanza nickt wissend: «Die Randazzesi hatten genug von den alten Männern.» Er ist in Randazzo aufgewachsen, hat Wirtschaft in Mailand und Rom studiert. Er will sich für die Jungen einsetzen. «Damit sie nicht mehr in die Schweiz auswandern müssen, um eine Zukunft zu finden.»

Um 19 Uhr wacht das Dorf aus der Nachmittagslethargie auf. Die Metzgerei ist voll, im kleinen Supermarkt stehen die Leute geduldig Schlange vor der Kasse. Wir laufen über den Corso Umberto. Er ist gepflastert mit schwarzem Lavastein. Gianluca Lanza muss Hände schütteln und Küsschen verteilen. Gibts hier auch die Mafia? Er schüttelt heftig den Kopf und legt die Werbeplatte auf: Man lebe in einer heilen Welt. Randazzo sei ruhig und beschaulich, jeder kennt jeden, guter Wein, gutes Essen, gute Gelati, und die Kinder spielten noch draussen. Es sei schade, sagt Gianluca Lanza, dass die meisten Touristen nur für einen Tagesausflug hierherkommen. «Das ist viel zu kurz, um unsere Stadt zu verstehen.» Wir finden: Dass Randazzo so verwunschen ist, macht gerade seinen Reiz aus. Mehr Touristen? No, grazie!

Wieder Hände schütteln. Der Vizebürgermeister stellt uns Nuccio Alfonso vor. Wie wir später herausfinden werden, ist er der Cousin von Marisa Bonanno. In Randazzo ist jeder mit jedem verwandt. Anders als seine Cousine kam Nuccio Alfonso bereits mit 15 Jahren zurück nach Randazzo, direkt nach der Schule. Das war 1987. In der Schweiz wetterten seine Eltern: «Spinnsch?» In Randazzo fragten seine Verwandten: «Sei pazzo?» Nuccio Alfonso wars egal. Ihm gefiel es hier. Man führe hier ein Leben wie vor fünfzig Jahren, sagt er. «Man arbeitet, wenn man muss – aber man hat immer Zeit für einen caffè.»

Abends auf der Piazza Loreto. Zwei ältere Männer verkaufen unter dem gelblichen Licht einer alten Strassenlaterne frische Kaktusfrüchte. In der Enoteca daneben schenkt Pippo Calà Weine vom Ätna aus. Er sagt: «Unser Wein ist wie ein Fussballer am Anfang seiner Karriere: Wir glauben, er hat das Zeug zum Star, aber so richtig weiss man es erst, wenn er durchstartet.» Pippo Calà serviert einen Etna bianco, dazu einen Teller mit Pistazien-Salami, Pistazien-Pecorino und Crostini mit einem Pistazien-Pâté. Pistazien seien in Mode, sagt er. Es gebe nichts, in das der Sizilianer keine Pistazien reintue, und der Tourist fahre voll darauf ab. Die Pistazien kommen von überall her. Und nur die wenigsten seien aus Bronte, dem Nachbardorf, das berühmt ist für seine Pistazien.

Am Morgen danach in der Bar del Corso. Wir werden neugierig begutachtet. Chi sono quelli? Die Randazzesi bestellen zum Frühstück keinen Cappuccino, dafür ist es zu heiss. Sie bestellen eine Granita – eine Art grobkörniges Sorbet – mit Kaffeegeschmack. Vizebürgermeister Lanza holt uns ab. Die müden Augen versteckt er hinter einer schwarzen Sonnenbrille. Er findet, so eine richtige Stadttour müsse schon sein, und bringt uns zu Claudio. Claudio arbeitet im Naturwissenschaftlichen Museum und führt die wenigen Touristen durchs Dorf. Claudio trägt – wie alle Männer hier – ein Poloshirt mit aufgestelltem Kragen. Randazzo war im Mittelalter eine der wichtigsten Städte Siziliens: Im Sommer lebten hier sämtliche Adligen und Könige der Insel, weil es in der Nacht immer schön kühl wird. Randazzo war eine reiche Stadt mit über hundert Kirchen. Man nannte sie das Siena von Sizilien.

Das Dorf wurde vom Vulkan immer verschont. Nicht jedoch von den Bombern der Alliierten: Achtzig Prozent wurden zerstört, weil die Deutschen hier stationiert waren. Es war die am zweitstärksten zerstörte Stadt Italiens. Nachdem man Randazzo mühselig wieder aufgebaut hatte, folgte in den Siebzigerjahren der definitive Abstieg in die Vergessenheit: Immer mehr Leute konnten sich ein Auto leisten und fuhren zum Einkaufen und Arbeiten nach Catania. Heute hängt an den schönsten Palazzi aus dem 16. Jahrhundert das Schild «Zu verkaufen».

Im Tourismusbüro, einem winzigen Lokal gegenüber dem Gemeindehaus, lernen wir Virginia kennen. Sie ist 21 Jahre alt und macht ein Praktikum, das ihr Marisa Bonanno vermittelt hat. Es wird von der Region Sizilien mit 400 Euro bezahlt. «Garanzia Giovani» heisst das Projekt, das arbeitslose Jugendliche wieder ins Berufsleben integrieren will. Virginia sitzt hinter einem Pult und stattet die Touristen mit Flyern aus. Sechs Monate dauert ihr Praktikum, danach ist sie wieder arbeitslos, wie fünfzig Prozent der Jungen in Randazzo. Fünfzig Prozent? «Das ist die offizielle Zahl», sagt sie. Inoffiziell seien es viel weniger, weil viele Unternehmen die Jungen lieber schwarz anstellen würden.

In der Basilica di Santa Maria wird an einem ganz normalen Donnerstag eine Hochzeit gefeiert. Draussen rauchen die jungen Gäste, drinnen wird das Paar getraut. Der Wind weht den weissen Plastikteppich von der Treppe. Eine Kutsche steht bereit, in einem Käfig gurren zwei weisse Tauben. In einem der vielen Coiffeursalons um die Ecke treffen wir Nunzia Lopresti. Sie ist 55 Jahre alt, eine gepflegte Frau. Auch sie wuchs in Herisau auf. Dort habe es früher eine Kolonie von Randazzesi gegeben, sagt sie. Wir sitzen auf einem grünen Sofa in ihrem Salon. 20 Euro verlangt sie für Waschen, Schneiden, Föhnen. «Das ist viel Geld für die Leute. Vor allem, wenn man keine Arbeit hat.»

Als 22-Jährige ist Nunzia Lopresti hierher zurückgekehrt. Ihre Scholle habe sie gerufen, sagt sie. Sie erinnert sich: «Ich war eine Fremde im eigenen Dorf.» Zwar lief ihr Salon gut, doch die Umstellung war schwierig. «Überall warten, warten, warten.» Und wenn sie sich erdreistete, Randazzo mit der Schweiz zu vergleichen, hiess es: «Dann geh doch wieder zurück!» Ihre Tochter studiert in Venedig, ihr Sohn arbeitet in Monte Carlo. «Wäre ich jung, würde ich auch gehen», sagt sie. Trotzdem findet sie: «Randazzo ist etwas vom Schönsten, was Sizilien zu bieten hat. Wo sonst gibt es eine solche Altstadt – mit Sicht auf den Vulkan?»

Ein letztes Mal essen wir in der Bar del Corso eine dieser fantastischen Pistazienglaces. Die Kellnerin fragt: «Wie lief das Interview mit Marisa und ihrer Mutter?» Der Besitzer will wissen: «Wo wart ihr heute Nachmittag? Ich habe euch gar nicht gesehen.» Polizist Alfredo hält mit dem Auto vor der Bar und ruft: «Hat es euch geschmeckt im Restaurant, das ich euch empfohlen habe?» Und als wir bei Pippos Enoteca vorbeilaufen, werden wir wie alte Freunde begrüsst. Wir sind seit drei Tagen in Randazzo und fühlen uns schon wie daheim. Langsam wird uns klar, warum alle wieder hierher zurückkehren. Früher oder später.

Tipps

ANREISE

Mit Swiss nach Catania und zurück, je nach Saison ab ca. 300 Fr. Infos: swiss.com. Von Catania mit dem Mietauto in ca. 1.5 Stunden nach Randazzo.

UNTERKUNFT

Domus Fisauli: Ein junges Paar aus Mailand vermietet in seinem riesigen Palast zwei Zimmer mit prächtigen Deckengemälden.
domusfisauli.com, DZ ab ca. 40 Fr.

Hotel Scrivano: 3-Sterne-Haus bei der Piazza Loreto. Der Besitzer Pippo Scrivano war in den Sechzigerjahren in Rorschach, wo er als Maurer arbeitete. «Ich habe die Schweiz nie vergessen», sagt er.
hotelscrivano.com, DZ ab ca. 80 Fr.

ESSEN

«Agorà»: Lokal unter mittelalterlichen Torbögen. Man isst Spaghetti mit Salsiccia, zum Dessert gibts Zimtliqueur.
Via Francesco Fisauli 1

«San Giorgio e il Drago»: Slowfood-Lokal im Keller eines Klosters, typisches Essen der Ätna-Gegend.
Piazza San Giorgio 28

Enoteca von Pippo Calà: Probieren Sie die Weine der Tenuta delle Terre Nere!
Corso Umberto 8, ilbuongustaiodipippocala.it

Ristorante Veneziano: Schickes Lokal am Stadtrand, schöner Garten, leckeres Steinpilz-Carpaccio.
ristoranteveneziano.it

ANSCHAUEN

Gole Alcantara: Faszinierende Schlucht, eine halbe Autostunde von Randazzo entfernt. Bizarre Gesteinsformationen, riesige Kakteen, eiskaltes Wasser.
golealcantara.com

Fahrt mit der Littorina um den Ätna: In einem alten Fiat-Triebwagen tuckert man von Randazzo nach Bronte oder gleich ganz bis Catania.
circumetnea.it

Etna rosso: Ein Degustationsbesuch empfiehlt sich bei der Masseria del Pino mit ihrem 120-jährigen Weinberg. Die Macher Cesare und Federica sind die Hippies von Randazzo. Sie wohnen in einem uralten Haus aus Lavastein, und zwar ohne Fernseher – unvorstellbar für einen Italiener.
masseriadelpino.it

BESTE REISEZEIT

Mai bis Oktober. Abends ist es auch im Sommer angenehm frisch – ein Randazzese geht nie ohne Jacke aus dem Haus.

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