Heft 19/14

Fahrplanwechsel: Postkarte vom Hauptbahnhof Zürich

Text: Frank Heer; Fotos: Flavio Leone

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Die Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Zürich wurde erst kürzlich nach siebenjährigem Umbau wieder komplett enthüllt.

Bistro Time: Hier lässt es sich am besten die Wartezeit am Hauptbahnhof Zürich verweilen.
 

In der Europaallee direkt am Bahnhof ist ein neuer Stadtteil erwacht.

In der Blueberry American Bakery in der Passage des Bahnhof Löwenstrasse kann man sich mit Bagels, Muffins, Donuts, Wraps und frischen Sandwiches verköstigen.

Sora Sushi: Kaum eröffnet, hat dieses Sushi-Restaurant schon einen ausgezeichneten Ruf.
 

Im Zürcher Hauptbahnhof sollte man öfter mal den Zug verpassen – um Zeit zu gewinnen.

Zug verpasst. Schuld ist der Ristretto, der noch sein musste, trotz Blick auf die Uhr. Nun steh ich vor dem «Baretto», der schmucken Kaffeetheke in der Gleishalle, Becher in der Hand, und winke dem Intercity nach Lausanne nach. Adieu, mon vieux. Der Zeiger springt auf 14.08 Uhr.

Erfolgloser Anruf bei Tante Clara (schwerhörig). Sie wird sich sorgen; nächster Zug in einer Stunde. Erstaunlich: Trotz Erfindung der Quarzuhr vor 45 Jahren verpassen noch immer viele Menschen den Zug. Ich nehms sportlich. Sicher, Basel hat das prächtigere Bahnhofbuffet, Luzern kann sich mit Calatrava brüsten, Rorschach besticht durch Seeblick. Doch der Hauptbahnhof Zürich hat mehr: eine Auswahl tadelloser Restaurants, einen Stadtpark vor der Tür, eine Zielgerade (Bahnhofstrasse) zum See, ein Shoppinglabyrinth im Keller und einen neuen Stadtteil (Europaallee) im Entstehen. Wer hier den Zug verpasst, gewinnt Zeit.

14.14 Uhr. Campari in einem Bistro, erste Etage, mit treffendem Namen: Time. Es riecht neu, der Blick fällt über Perrons und flimmernde Reklametafel. Rolltreppen schlucken und spucken Passanten aus. Farbenhitparade von Rollkoffern: schwarz, braun, dunkelgrün. Ich notiere: «Das ‹Time› ist ein Jägerstuhl für Menschenspäher und Zeittotschläger.» Blick auf die Bahnhofsuhr: 14.36.

Sträusschen kaufen für Clara. Kioskbesuch: Endlich Zeit vor der Zeitschriftenablage. Bummeln durch die alte Haupthalle. Seit im Juli der unterirdische Bahnhof Löwenstrasse eröffnet wurde, zeigt sich der HB baustellenfrei. Zum ersten Mal seit sieben Jahren. Da ist Wertschätzung angebracht, denn der Koloss wird seit 167 Jahren erweitert, vergrössert,saniert, renoviert.

14.51 Uhr. Ristretto im Café Oscar neben dem Blumenladen. Picobello Schäumchen, auch hier alles neu und chic. Retro-Tapete, Rosettenstuckatur und gekachelte Theke. Fällt mir ein: Clara schätzt die Luxemburgerli von Sprüngli. Die Filiale ist um die Ecke. Jetzt pfeifend zum Perron, Zug schon da, 15.05 Uhr, ich könnte einsteigen – doch etwas fehlt. Claras Blumen! Liegen gelassen bei den Zeitschriften! Retour zum Kiosk, uff, der Strauss liegt noch da. Zurück auf dem Perron, 15.08 Uhr, der Zug fährt an, ohne mich. Ich nehms sportlich – die neue Sushi-Bar soll gut sein.

DIE BESTEN TIPPS

ESSEN & TRINKEN

Zen in der Pendlerhektik verströmt der Innenhof des Restaurants Sora Sushi. Kaum eröffnet, ist sein Ruf schon formidabel. Design und Ausstattung geben ein Exempel, wie es eben auch geht: eigenwillig, aber klassisch.

Wurst to go: Der Rapido-Take-out grilliert hausgemachte Würste im «Time»-Kubus in der Gleishalle.

Weil der mit 18 Gault-Millau-Punkten dekorierte Eduard Hitzberger Fastfood mag, gibt es seine Take-away-Küche nun auch in der neuen Passage zum Bahnhof Löwenstrasse.
www.hitzberger.com

Fast wie in der New Yorker Grand Central Station: In der Blueberry American Bakery Passage Bahnhof Löwenstrasse gibts Bagels, Muffins, Donuts, Wraps und frische Sandwichs, dazu einen Blueberry-Shake.

Die HB-Klassiker: Das «Imagine» (für den Businesslunch), die Atrio-Holzofen-Pizzeria (fürs Blinddate), das «Da Capo» (für ein Züri-Gschnätzlets vor dem Nachtzug nach Lissabon) und die Brasserie Federal (für Bodenständiges). Allesamt in den Prachtsälen der alten Bahnhofshalle untergebracht.
— Infos zu den Bahnhof-Verpflegungstipps: candriancatering.ch

SIGHTSEEING

Bahnhofbrücke: Von hier sieht man den Hafenkran am Limmatquai, das Grossmünster und die berühmte «Chocolats Lindt»-Leuchtreklame beim Central.

Pestalozzianlage: Sich auf die Wiese vor dem Globus setzen, Laugenbrezel essen (vom Brezelkönig) und die von Julian Opie gestaltete Fassade des neuen PKZ-Women-Flagship-Store an der Bahnhofstrasse bewundern.

Platzspitz: Für das Landesmuseum wirds nicht reichen, wohl aber für einen Besuch im Museumsshop oder einen Spaziergang im Park.

Europaallee: Mit Bauten von Max Dudler, Gigon & Guyer, David Chipperfield und anderen. Fliegender Espresso im «Hin & Weg».

Kunst im HB: «Das philosophische Ei» (Mario Merz), «L’ange protecteur» (Niki de Saint Phalle), «Le rien en or» (Dieter Meier).

Speedshoppen an der Josefstrasse im Kreis 5: Einzigart (Design), Sec 52 (Bücher), Waldraud (Mode), Swallow-D (Vintage und Accessoires) und Shuala Concept Store (allerlei).

Globus-Provisorium, besser bekannt als Coop bei der Bahnhofbrücke: Die wenigsten wissen, dass das Gebäude vom selben Architekten stammt, der auch das Hallenstadion gebaut hatte: Karl Egender. Vor dieser Kulisse fanden im Juni 1968 die Globus-Krawalle statt.

Das Souvenir

Hallo, ihr Süssen! Ob Vanille, Schoggi oder Himbeere: Luxemburgerli von Sprüngli sind très bon.
www.spruengli.ch

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