Reise-Reportage

Postkarte vom Matterhorn: Berg der Berge

Redaktion: Frank Heer; Text: Peter Weber; Fotos: Fabian Unternährer

Postkarte vom Matterhorn: Berg der Berge
  • Matterhorn

Seine Majestät das Matterhorn ist schöner als auf der Toblerone-Packung.

Zürich-Wiedikon–Gornergrat Mitte Juni: Eine Expedition in vier Vehikeln durch drei Jahreszeiten – sie führt aus den Niederungen in euphorische Sphären. Für die erste Etappe wählen wir das Automobil: Meine Frau Bellanna übernimmt das Steuer, Hund Beluna sitzt im Ausguck hinten, bannt zu nah Auffahrende mit Mischlingsblick, ich bin Beifahrerbrite, zuständig für Navigation und Seitendinge, bediene Telefone und den Fotoapparat.

Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich in Unterwasser SG eine Riesentoblerone gekauft, Special Edition, sie liegt nun auf meinen Knien, auf der einen Seite der Packung sind die sieben Churfirsten abgebildet, auf der anderen das Matterhorn; ich hatte es bislang nur auf Bildern gesehen. Bis Kandersteg Bewölkung, nach kurzer Wartezeit die Ratterdunkelfahrt im Autozug. Schöne alte Lokomotiven der BLS.

Im Wallis beginnt ein neuer Tag: kalifornische Luft. In der Ebene Geraden, Alleen. Einfahrt ins steile Seitental durch einen langen Tunnel. Auffahrt. Bei Täsch gibt es kein Weiterkommen für Benziner, die Strasse endet hinter dem Dorf vor einem grossen internationalen Verbotsschild als Magerwiesenweg, Zugang nur für Eingeschriebene – hier beginnt die Stillezone, der Sakral- und Sagenraum. Matterhorn-Terminal: ein kolossales Parkhaus. Im Bahn-Shuttle andächtige Gruppen, Weltweitreisende, erschöpft oder staunend still, nur die Höhenbrillen und Wanderstöcke unterscheiden sie von U-Bahn-Passagieren einer Millionenstadt.

Zermatt, Metropolis alpina

Spazierfrische in den Strassen, Touristen in kurzen Hosen und in Skianzügen. Edith Zweifel von Zermatt Tourismus empfängt uns bei der Station der Gornergrat-Bahn und bietet sogleich das Du an, Höhenluft ist siezfrei. Sie händigt uns Arbeitsmaterialien aus, Bücher, Prospekte, Karten, aber auch zwei weisse Gletscherbrillen mit opalisierenden Gläsern, UV 400 Protection. Sie hat für uns das höchstgelegene Hotel Europas ausgewählt. It’s all part of a horrible plan, sage ich, Edith lacht: Ja, eigentlich müsste man sich einen Tag im Tal akklimatisieren

… Häuser und Hotels, an denen die Bahn vorbeizieht, scheinen magnetisiert, alle Terrassen ausgerichtet auf ... Da, aber eine Wolke verhüllt es teilweise. Als die Gornergrat-Bahn gebaut wurde, erzählt Edith, war die Inszenierung des Bergs wichtiger als die schnellste Verbindung, die Linie bietet Perspektiven-Erlebnisse, mehrere Bilderkurven. Dann, nach der Riffelalp, erscheint die Majestät in ganzer Pracht, Schmetterhorn, Dreijahreszeitenmassiv: spitzwinterlich umwölkt, die langen Flanken greifen über den Waldsaum bis in den Talboden und somit in den Sommer (dieses Jahr ein verspäteter Bergfrühling). Allmähliche Verschiebung des Hörnligrats bei der weiteren Auffahrt; er wird nach Nordwesten abgedrängt, so schlankt der Gipfel aus – oben angekommen, steht er völlig frei: geglückte Alleinstellung im Kreis anderer Viertausender. The Merkmal.

Vor dem Bahnhof Gornergrat steht eine kleine Fotobühne, rege benutzt. Viele hier sehen eine Sphinx in diesem Berg, sagt Edith und will uns die beiden Tatzen auf Höhe der Hörnlihütte zeigen. Unser Hund aber, bergsommergefleckt, hat sich vor dem Horn in den Schnee geworfen und wälzt sich in Wonne, Vitalitätsbezeugung, Unterwerfung, Rebellion – sehr zur Freude der Fotografierenden. Wir rufen das Tier zurück, es formiert sich eine Art Beluna-Chor, jeder will mit dem Matterhund-Mischling abgelichtet werden, er soll gar auf die Bühne. So geraten wir in die jahrhundertealte Projektionsmaschinerie, posieren brav, werden helvetische Kulissendiener, bevor wir selber schauen können: Menschen mit Tier vor Berg. Kulmhotel Gornergrat auf über 3100 Meter über Meer, zur Anlage gehören unter anderem eine Mall, eine Sternwarte, draussen der Geleckstein für Steinböcke.

Das Zauberwort

«annabelle» heisst das Zauberwort an der Réception, es öffnet Türen zu einer Junior-Suite mit Fenstern in drei Himmelsrichtungen. Von der Badewanne aus kann man den höchsten Gipfel der Schweiz berühren, die Dufourspitze, 4643 Meter über Meer. Der Gornergletscher: Zimmereis. Halbpension, volles Haus, die Küche verbindet Kontinente, gute Speisen sind schöne Speisen. Falls Sie Probleme mit der Höhe haben, können Sie bei mir ein Mittelchen beziehen, sagt die Réceptionistin. Sie ist vom Fach: Im Winter arbeitet sie bei der Helirettung.

Nacht auf der Plattform: Sämtliche Sternennetze scheinen ausgeworfen, Milliardenfang.Tiefenrauschen des Gletscherwassers, Sog unter Mäandern. Wahre Hoheiten – ist man ihrer ansichtig geworden – lassen wachen; in Texten über die Besteigungen lese ich von schlaflosen Gipfelbrüdern, angerissenen Nächten, frühen Tagesanbrüchen.

Vordämmerungsaktivität, um halb fünf Uhr früh sind viele Hotelgäste auf den Beinen, man hört bereits Gezwitscher der Terrassenvögel. Erste Strahlen auf Gipfeleis: Purpur. Der Berg wird von der Spitze her wachgegossen, Firströte fliesst herab, minutenlangsam, geht ins Gelbgoldene. Bellanna, in die weisse Decke geschlagen, verfolgt das Spektakel vom Bett aus, ich gehe von Fenster zu Fenster, berichte von Lichtküssen seitlich: Baldbeleuchtet die Italienerstationen am südwestlichen Horizont, Pasta-Hütten, Sugo wird aufgesetzt, jetzt sieht man die Brioche-Schmuggler, bläuliche Schatten auf ewigen Ski, Espresssobeläge. 05:18: Einige Minuten lang sehen wir die Pyramide in weltbekanntem Tobleronegelb, sobald das Licht die Schneeflächen unterhalb des Gipfels berührt hat, breitet sich Alltagsweiss aus, verschwenderisch. Frühstück um sieben Uhr, der Saal ist voll. Unsere Tischnachbarn, aus Tokio, brechen bald schon auf, die Reise geht weiter nach Genf, dann Paris. Junisonne auf Schnee, nach acht Uhr spüren wir erste Symptome der Überbelichtung, wir sehnen uns nach Talgrün, Balsam des Arvenwalds, der Wiesen. Als wir die Bahn besteigen, sitzen zwei Bernhardiner auf der Bilderbühne. Profis.

Spirituelles Erlebnis

The English Church. Wie eine gestrandete Barke steht sie über dem Dorf Zermatt, Fantasiekirche, pilzgiebelig, erbaut um 1860, als die Grossbriten mit ihren Dampfmaschinen die Weltmeere beherrschten und letzte Fährnisse in den Hochalpen suchten. Offene Türen, Schwimmlicht, die Heiterhelle des Mittags findet über den blauen Teppich in den Raum. Warmhölzerne Bänke, das immerselbe Buch liegt auf: Holy Bible. Psalm 121, 1 – «I will lift up mine eyes unto the hills, from whence cometh my helf». An der Wand Gedenktafeln für Gipfelgläubige, aufgebrochen auf Meereshöhe, aus Seilen gefallen, verschollen, geborgen. Jungmännerleben, jäh endend, unter dem frühen Todesjahr steht dann: «I lift up mine eyes unto the hills.»

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