Postkarte

Postkarte aus Beirut - Neues Nachtleben aus den Ruinen

Text: Andreas Srenk; Fotos: Pascal Mora

Blick über das boomende Zentrum Beiruts.
Pigeon’s Rock, eines der Wahrzeichen
Das antike Byblos
Corniche, die Küstenstrasse Beiruts
Das «Centrale» platzt als Bar und Club nachts aus allen Nähten
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Blick über das boomende Zentrum Beiruts.

Pigeon’s Rock, eines der Wahrzeichen

Das antike Byblos

Corniche, die Küstenstrasse Beiruts

Das «Centrale» platzt als Bar und Club nachts aus allen Nähten

Noch heute sind in Beirut die Spuren der Kriegswirren sichtbar. Aber es gibt auch Zeichen, dass Libanons Hauptstadt wieder zum «Paris des Nahen Ostens» wird.

Wer an der Corniche, der Küstenstrasse Beiruts, oder über einen der grossen Boulevards flaniert, erlebt einen Geschichtscrashkurs im Zeitraffer: Zerschossene Hochhausruinen aus der Zeit
des Libanonkriegs von 2006 ragen neben nagelneuen Unternehmenszentralen in den wolkenlosen Himmel. Dazwischen Arabesken-Brunnen aus der Zeit der Ottomanen und Ausgrabungsfelder mit Mauerresten aus der Antike. Beirut hat kriegerische Jahrzehnte hinter sich. Umso besorgter verfolgen die Menschen die blutigen Unruhen im Nachbarland Syrien – zu kostbar ist der fragile Frieden im eigenen Land.

Und doch pulsiert Beiruts Nachtleben – fast wie in den Fünfzigern und Sechzigern, als die libanesische Freihandelspolitik viele internationale Firmen ins Land lockte. Paris des Nahen Ostens nennen manche die Hauptstadt am Mittelmeer noch heute, obschon die Franzosen bereits vor 67 Jahren abgezogen sind. Klar, es gibt sie noch immer, die mondänen alten Quartiere und Villen europäischer Bauart. Doch der Bürgerkrieg (1975–90) hat grosse Teile der Innenstadt dem Erdboden gleichgemacht. Die Besatzungsnostalgie von einst ist vielerorts einer modernen Vorzeige- Architektur gewichen.

Nicht so im quirligen Ausgehviertel Gemmayzeh, wo die Strassenzüge noch immer an die französische Mandatszeit erinnern. Natürlich nur scheinbar: Die Rue Gouraud ist längst auch Hauptschlagader des urbanen Beirut. Hier versammelten sich 2005 die Demonstranten in den Cafés zum «Beiruter Frühling», heute übertreffen sich Gastronomen und Clubbesitzer mit
ausgefallenen Konzepten. Openair- Bars auf Dächern sind der letzte Schrei, zum Beispiel das «Centrale», das als Bar und Club am Abend aus allen Nähten platzt. Im «Torino Express» schlürft man Cappuccino und Cocktails zu DJ-Beats im Fünfziger-Retro-Ambiente. So richtig abgetanzt wird dann im schrillen Nachtclub B018, wo sich das Dach öffnet, wenn die Party erst mal kocht.

Geübte Partylöwen beschliessen die Nacht natürlich erst morgens um fünf. Und zwar in der Crew Bar (282, rue Pasteur). Die heisst so, weil sich hier die Barkeeper aus dem Quartier zum Feierabend-Absacker treffen. Die Drinks sind in der Folge phänomenal, schliesslich will man sich vor der Profi-Kundschaft nicht blamieren.


Mezze und mehr

Traditionelle libanesische Küche gibts im «Le Chef», einem stadtbekannten Lokal, wo neben den Klassikern wie Falafel, Hummus und Taboulé täglich wechselnde Spezialitäten zu zivilen Preisen (5–15 Fr.) angeboten werden. Als Dessert stehen hausgemachte Glaces auf der Karte.
Le Chef, Rue Gouraud, Gemmayzeh

 

Raymond Khoury

Das Leben des in Beirut geborenen Bestsellerautors ist ähnlich filmreif wie die Plots seiner Bücher «Scriptum» (Rowohlt, 2005) und «Dogma» (Rowohlt, 2011). Der Ex-Banker, Ex-Architekturstudent und Ex-Kinderbuch-Illustrator floh vor dem Bürgerkrieg nach New York und London. Seine Romane im Stil von Dan Brown wurden internationale Bestseller.
 


Handtaschen statt Handschellen

Die Designerinnen für Sarah Beydouns originelle Taschen sitzen im Knast. Oder waren bis vor kurzem noch dort. Frauen, die sich entschieden haben, die Handschellen gegen Handtaschen einzutauschen. Auch Jordaniens Königin Rania soll einen Beydoun-Bag haben.
Showroom: Ashrafieh, Tabaris, 100, rue du Liban, www.sarahsbag.com

 

Ruhezone


Das sympathische Hayete Guesthouse (Bild) im historischen Achrafieh-Quartier steht ganz im Zeichen des urbanen, zeitgeistigen Beirut. Komfortabel schläft man im Mövenpick-Hotel oder im legendären Hotel Commodore, wo während des Bürgerkriegs die ausländischen Reporter schlaflose Nächte erlebten.
www.hayete-guesthouse.com, DZ ab ca. 70 Fr.
www.moevenpick-hotels.com, DZ ab 240 Fr. inkl. Frühstück
www.lecommodorehotel.com, DZ ab 180 Fr. inkl. Frühstück

 

Tor zur Unterwelt

Das BO18 zählt zu den schrillsten Bars der Stadt. Der Laden ist in den Boden eingelassen, das Dach öffnet sich auf Knopfdruck, und ein Spiegel reflektiert die Lichter der Stadt. Drinnen überall Memorabilia aus dem Bürgerkrieg. Gegen drei füllt sich der Club.
www.b018.com
 


Hollywood-Flair

Elie Saab gehört zu den bekanntesten Designern des Nahen Ostens. Er kleidet inzwischen halb Hollywood ein. Seinen Store im Central District zu besuchen, ist nach einer langen Partynacht
Pflicht.
Elie Saab Building, Central District 2021-4516, www.eliesaab.com
 


Edler Rebensaft

Das Weingut Ksara im fruchtbaren Bekaa-Tal exportiert seine Weine in mehr als dreissig Länder. Vor allem Cabernet Sauvignon und Chardonnay. Die Weine werden in den zwei Kilometer langen Natursteinhöhlen gelagert.
www.ksara.com.lb

 

Berühmte Söhne der Stadt

Hollywoodstar Keanu Reeves und Mr. Swatch Nicolas Hayek wurden beide in Beirut geboren. Keanu Reeves’ Mutter Patricia arbeitete in den Swinging Sixties als Showgirl in einem Nachtclub und ging nach der Geburt des Sohns (1964) zurück nach Kanada; Nicolas Hayek traf seine Schweizer Frau Marianne in Beirut und wanderte 1949 mit ihr in die Schweiz aus.
 


Bootstrip in die Vergangenheit

Wer das nahe gelegene antike Byblos besuchen will, kann das profan mit Bus oder Taxi tun. Der Trip auf dem Seeweg hat aber höheren Coolnessfaktor: Auf dem Sonnendeck der weissen
Rennjacht wird ein Gläschen Champagner serviert.

 

Erkundigen Sie sich!

Bis Redaktionsschluss (22. 2.) hatte die Zuspitzung der Lage im Nachbarland Syrien keine Auswirkungen auf den Alltag in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Die aktuellen Sicherheits- und Reisehinweise finden Sie auf www.eda.admin.ch.

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