Bauernhof Aemisegg: Eine spezielle Senioren-Wohngemeinschaft
Bauernhof Aemisegg: Eine spezielle Senioren-Wohngemeinschaft
Text: Julia Hofer
Fotos: Rita Palanikumar
Die Aemisegg ist ein Bauernhof – und eine Wohngemeinschaft für alte Menschen, die durch die Maschen der Gesellschaft gefallen sind. Man kann sagen, die Aemisegg sei ein Heim. Zutreffender ist: Ein Daheim.
Die Aemisegg liegt auf einer Anhöhe in St. Peterzell, Toggenburg, gerade so, als hätte der liebe Gott den stattlichen Hof zuoberst auf den Hügel gesetzt, weil er seinen Bewohnern die schönste Aussicht gönnt. Man sieht auf eine lieblich gewellte Landschaft hinunter, auf Wälder, Höfe und einzelne Bäume. Ganz hinten ragt wie in einer Kulisse aus dem Alpsteinmassiv der Säntis empor. Die Schindeln des Bauernhauses sind gelb, das Dach rot, die Fensterrahmen weiss gestrichen. Es riecht nach Mist, und der Appenzellerhund Bläss führt sich auf, als würde ihm der Hof gehören. In diesem Haus leben neun alte Menschen, drei Frauen und sechs Männer, die sich aus irgendeinem Grund nicht mehr allein in der Welt zurechtfinden. Und dann wohnt hier noch die Familie Knaus. Sie steht ihnen bei. Und bewirtschaftet, gemeinsam mit ihnen, den Hof.
Köbi wohnt seit einem Jahr in der Wohngemeinschaft Aemisegg. Er ist 65 Jahre alt, trägt Überkleider, feste Schuhe und einen wilden Bart. Der schweigsame Mann kommt gerade vom Stall, wo er sauber gemacht und die Rinder gefüttert hat. Er blickt auf seine Uhr. Ja, es ist noch genug Zeit bis zum Mittagessen, um in der Werkstatt Holz zu spalten und es zu kreisrunden Bündeln zu binden, die später im Dorfladen als Anfeuerholz verkauft werden. Beim Eingang ranken kleine Geranienstecklinge ans Licht, die habe er selbst gesetzt, sagt Köbi stolz. Fürsorglich warnt er die Besucherin vor einer rutschigen Stelle. Die Sonne hat das Eis angetaut, aber noch nicht weggeleckt.
Bauernhof Aemisegg: Die Bewohner lernen auch, an ihrem sozialen Netz zu knüpfen
Aufgewachsen ist Köbi auf einem Bauernhof in einem Nachbardorf. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater. Danach hat er mit der Mutter, einem «gschaffige Froueli», den Hof allein bewirtschaftet. Heiraten und eine Familie gründen, nein, das habe sich nie ergeben. «Das Leben hätte sich sonst anders gestaltet.» Das Holz noch immer in der Hand, erzählt er von seiner Alkoholsucht, die nach dem Tod der Mutter immer schlimmer geworden sei. Am Schluss habe man ihm die Tiere weggenommen. Die Augen des alten Mannes füllen sich mit Tränen. Etwas Schlimmeres kann einem Bauern nicht passieren. Er arbeitete dann als Knecht, verbrachte einen Sommer mit den Geissen auf der Alp. Neun Entzüge hat er hinter sich, und er hofft, dass kein weiterer mehr nötig sein wird. «Das hier», sagt er und deutet mit einer kleinen Geste auf seine Umgebung, habe viel dazu beigetragen, dass er heute mehrheitlich trocken sei. Und natürlich auch Margrit Knaus, die hier alle Mägi nennen. Sie ist die Leiterin der Wohngemeinschaft und engste Bezugsperson der Bewohner. «Mägi hat mich oft aufgemuntert», sagt Köbi, und noch einmal steigt das Wasser in seine Augen. «Man kann offen mit ihr reden.»

















































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