Bauernhof Aemisegg: Eine spezielle Senioren-Wohngemeinschaft

Text: Julia Hofer
Fotos: Rita Palanikumar

  • Ein Zimmer, ein Bett, ein Tisch: Die Einrichtung ist karg, die Nestwärme umso grösser
  • An der Tür hängt eine Karte: «Du kannst das!»
  • Vor 14 Jahren verwirklichte sie ihre Idee und übernahm den Betrieb: Margrit Knaus mit Tobi, ihrem Jüngsten
  • Tobi, Sohn der Heimleiterin, siehts pragmatisch: «Ich verstehe mich gut mit allen.» Ernst hilft ihm mit den Chüngeln. «Und Vreni ist nett»
  • Vreni galt als «nicht therapierbar». Heute kann sie sogar in einer eigenen Wohnung leben
  • Köbi bekam in der Aemisegg seine Sucht in den Griff
  • Holz-Bündel
  • Lichtblick nach einem Leben am Rand der Gesellschaft: Die Aemisegg mit Aussicht auf den Säntis

Die Aemisegg ist ein Bauernhof – und eine Wohngemeinschaft für alte Menschen, die durch die Maschen der Gesellschaft gefallen sind. Man kann sagen, die Aemisegg sei ein Heim. Zutreffender ist: Ein Daheim.

Die Aemisegg liegt auf einer Anhöhe in St. Peterzell, Toggenburg, gerade so, als hätte der liebe Gott den stattlichen Hof zuoberst auf den Hügel gesetzt, weil er seinen Bewohnern die schönste Aussicht gönnt. Man sieht auf eine lieblich gewellte Landschaft hinunter, auf Wälder, Höfe und einzelne Bäume. Ganz hinten ragt wie in einer Kulisse aus dem Alpsteinmassiv der Säntis empor. Die Schindeln des Bauernhauses sind gelb, das Dach rot, die Fensterrahmen weiss gestrichen. Es riecht nach Mist, und der Appenzellerhund Bläss führt sich auf, als würde ihm der Hof gehören. In diesem Haus leben neun alte Menschen, drei Frauen und sechs Männer, die sich aus irgendeinem Grund nicht mehr allein in der Welt zurechtfinden. Und dann wohnt hier noch die Familie Knaus. Sie steht ihnen bei. Und bewirtschaftet, gemeinsam mit ihnen, den Hof.

Köbi wohnt seit einem Jahr in der Wohngemeinschaft Aemisegg. Er ist 65 Jahre alt, trägt Überkleider, feste Schuhe und einen wilden Bart. Der schweigsame Mann kommt gerade vom Stall, wo er sauber gemacht und die Rinder gefüttert hat. Er blickt auf seine Uhr. Ja, es ist noch genug Zeit bis zum Mittagessen, um in der Werkstatt Holz zu spalten und es zu kreisrunden Bündeln zu binden, die später im Dorfladen als Anfeuerholz verkauft werden. Beim Eingang ranken kleine Geranienstecklinge ans Licht, die habe er selbst gesetzt, sagt Köbi stolz. Fürsorglich warnt er die Besucherin vor einer rutschigen Stelle. Die Sonne hat das Eis angetaut, aber noch nicht weggeleckt.

Bauernhof Aemisegg: Die Bewohner lernen auch, an ihrem sozialen Netz zu knüpfen

Aufgewachsen ist Köbi auf einem Bauernhof in einem Nachbardorf. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater. Danach hat er mit der Mutter, einem «gschaffige Froueli», den Hof allein bewirtschaftet. Heiraten und eine Familie gründen, nein, das habe sich nie ergeben. «Das Leben hätte sich sonst anders gestaltet.» Das Holz noch immer in der Hand, erzählt er von seiner Alkoholsucht, die nach dem Tod der Mutter immer schlimmer geworden sei. Am Schluss habe man ihm die Tiere weggenommen. Die Augen des alten Mannes füllen sich mit Tränen. Etwas Schlimmeres kann einem Bauern nicht passieren. Er arbeitete dann als Knecht, verbrachte einen Sommer mit den Geissen auf der Alp. Neun Entzüge hat er hinter sich, und er hofft, dass kein weiterer mehr nötig sein wird. «Das hier», sagt er und deutet mit einer kleinen Geste auf seine Umgebung, habe viel dazu beigetragen, dass er heute mehrheitlich trocken sei. Und natürlich auch Margrit Knaus, die hier alle Mägi nennen. Sie ist die Leiterin der Wohngemeinschaft und engste Bezugsperson der Bewohner. «Mägi hat mich oft aufgemuntert», sagt Köbi, und noch einmal steigt das Wasser in seine Augen. «Man kann offen mit ihr reden.»

Tatsächlich redet Margrit Knaus nie lange um den Brei herum. Sie ist eine hemdsärmlige Frau mit einem lauten Lachen, aufgeschlossen und unkompliziert wie ihre asymmetrische Kurzhaarfrisur. Die gelernte Krankenpflegerin und Bäuerin hat vor vierzehn Jahren mit ihrem Mann Jakob den Betrieb mitsamt der Wohngemeinschaft übernommen. Zuvor hatte sie in Alters-  und Pflegeheimen gearbeitet und immer wieder erlebt, wie schnell Menschen abbauen, nachdem sie ins Heim gezogen sind. Sie fragte sich: Was läuft schief? Was muss sich ändern, damit diese Menschen auch im Heim ein sinnerfülltes Leben haben?

Die Wohngemeinschaft Aemisegg ist ihre Antwort auf diese Fragen. «Man muss Vertrauen in die Fähigkeiten der Leute haben und ihnen Verantwortung übertragen», sagt sie. Marcel etwa, ein fröhlicher Mann mit wirren Haaren, der als Kind einen Velounfall hatte und seither geistig behindert ist, saugt jeden Tag den Boden. Das kann er. Und wenn Pilger im Haus übernachten – der Hof liegt am Jakobsweg –, dann bereitet er ihnen mithilfe einer genauen Anleitung das Frühstück zu. Die einen helfen wie er im Haushalt, Köbi, Ernst und Joseph auf dem Hof.

«Wir sind auf sie angewiesen», sagt Bauer Knaus. «Alleine würden wir es nicht schaffen.» Natürlich dürfe man diese Menschen nicht überfordern. Die einen blühen auf, wenn er sie machen lässt, andere muss er genau anleiten. Aber sie alle tragen mit ihrer Arbeit etwas zum Wohl der Gemeinschaft bei. «Hier weiss jeder», sagt Margrit Knaus, «warum er am Morgen aufsteht.» Und das ist wahrscheinlich weit mehr, als jede Beschäftigungstherapie zu leisten vermag. Margrit Knaus, die vor kurzem eine Aus-bildung zur Arbeitsagogin abgeschlossen hat, zahlt den Hilfskräften neuerdings sogar einen kleinen Lohn aus, gemäss IV-Ansatz, 2.35 bis 2.80 Franken pro Stunde. Das ist nicht viel, aber es ist echtes Geld.

 

«Jeder hier weiss, warum er aufsteht»

Margrit Knaus ist eine «gute Meisterin», wie es eine Bewohnerin ausdrückt. Aber sie ist natürlich mehr als das: Sie ist das emotionale Zentrum der Gruppe, hat zu jedem Bewohner eine Beziehung aufgebaut. Das konnte gelingen, weil es hier – anders als in einem normalen Heim – kaum Personalwechsel und keinen Schichtbetrieb gibt. Auch Köbi hat seine Chance ergriffen und sich auf eine handfeste Abmachung mit ihr eingelassen: Höchstens dreimal pro Jahr darf er abstürzen, sein Ziel ist die Abstinenz. Der Verkäuferin im Dorfladen hat er verboten, ihm Alkohol zu verkaufen. Wenn er ein halbes Jahr trocken ist, gibts eine Belohnung. Im Moment wünscht er sich Hosenträger zur Toggenburger Tracht. Köbi weiss, er muss verhäbe, wie er es nennt, wenn er hierbleiben will. Und weil er das will, geht es ihm so gut wie schon lange nicht mehr.

Dass so etwas möglich ist – dass Menschen wie Köbi wieder eine Zukunft haben –, daran habe sie «ugspunne» Freude, sagt Margrit Knaus. Ihr vielleicht grösstes Erfolgserlebnis hatte sie mit Vreni, einer Frau, die vor zehn Jahren schwer depressiv hierher zog: Im Heim, in dem sie vorher war, galt sie als «nicht therapierbar» und «nicht tragbar». Heute ist sie so weit, dass sie nur noch einzelne Tage in der Wohngemeinschaft verbringt und sonst in einer eigenen Wohnung im Dorf lebt. Die erste Zeit mit Vreni, erinnert sich Margrit Knaus, sei hart gewesen. Vreni habe geklammert und jedes Mal einen depressiven Schub erlitten, einen Zämechlapf, wenn sie, Margrit Knaus, zwei Tage verreist sei. «Ich habe so viel Energie für Vreni gebraucht, dass für die Familie fast nichts mehr übrig blieb.»

Damals war das Familienleben noch enger mit der Wohngemeinschaft verbunden: Man teilte sich das Treppenhaus, die Küche, den Kühlschrank. Die Bewohner latschten sozusagen durch das Wohnzimmer der Familie Knaus. Das Frühstück wurde gemeinsam eingenommen. Nach den ersten anstrengenden Jahren wusste Margrit Knaus, dass sie, wenn sie das durchziehen will – und das wollte sie –, unbedingt einen Rückzugsort für sich und ihre Familie braucht. Die Knausens entschlossen sich, eine eigene Küche zu bauen. «Ich habe gelernt, dass ich Impulse geben kann. Aber laufen muss jeder allein.»

Vreni steht in der Küche der Wohngemeinschaft und streicht Brätschnitten. Über dem Strickpulli trägt sie ein T-Shirt. Im Hintergrund läuft der Volksmusiksender Radio Eviva. An der Wand hängt ein grosses Plakat mit Hygieneregeln: Nach dem Hühnerfüttern Hände waschen! Vreni verteilt die Fleischmasse auf die Brotscheiben, zwei Esslöffel bleiben übrig. Sie überlegt und fragt dann die Köchin, eine der vier Angestellten, was sie damit machen soll. Zuhause habe sie halt nie kochen gelernt, sagt die bald 60-Jährige entschuldigend. Ihre Eltern seien so arm gewesen, dass nur Brei auf den Tisch gekommen sei. Ihre besten Jahre habe sie bei einer reichen Familie in Küsnacht gehabt, wo sie als Hausmädchen fast zur Familie gehörte. «Damals war ich noch eine normale Frau», sagt sie und deutet auf ein gerahmtes Fotos von ihren ehemaligen Arbeitgebern. Wenn auf der Aemisegg englischsprachige Pilger übernachten, ist Vreni diejenige, die übersetzt. «In Küsnacht», sie lächelt stolz, «habe ich einen Englischkurs besucht.»

Die Köchin legt die Kelle beiseite, um Kurt, der in die Kälte rauswill, eine Jacke umzulegen. Kurt wurde am Kehlkopf operiert, Krebs. Im Rucksack hat er Flüssignahrung geladen, die per Sonde in seinen Magen gelangt. Er gestikuliert. Und bekommt eine Zigarette, «aber nur eine, gell».

Doch wer im Leben bestehen will, der braucht nicht nur umsichtige Betreuer, sondern auch Freunde oder Verwandte. Auf der Aemisegg lernen die Bewohner, die alle unverheiratet und kinderlos sind, deshalb auch, an ihrem sozialen Netz zu knüpfen. Vreni hat heute ein gutes Verhältnis zu ihrer Zwillingsschwester, neben der sie sich früher immer so klein gefühlt hat. Auch Köbi sieht seine Schwester wieder regelmässig, nachdem der Alkohol den Kontakt jahrelang verhinderte. Neulich hat er sich sogar getraut, sie zu fragen, ob sie nicht sein Heimetli kaufen könne. Es würde ihm viel bedeuten, wenn es in der Familie bliebe. Die Schwester hat ihm den Wunsch erfüllt. Auf der Aemisegg ist das Altwerden eben nicht einfach ein langsames, ohnmächtiges Sichabfinden mit dem, was vom Leben noch übrig bleibt. Hier geht es für die meisten nach schwierigen Jahren noch einmal aufwärts.

Margrit Knaus hat das Haus mit dem ihr eigenen Optimismus getränkt, an Marcels Zimmertür hat sie einen Zettel gehängt, auf dem steht: «Marcel, du bisch en Sunneschii!» An der Eingangstür hängt eine Postkarte mit den aufmunternden Worten «Du kannst das!». Neben der Toilette liegen weitere Lebensweisheiten parat: «Denke von deinen Mitmenschen, wie du selber möchtest, dass man von dir denkt.» Solche Sätze können aufgesetzt oder verzweifelt wirken. Hier hat man das Gefühl, dass sie gelebt werden.

Tobi Knaus ist zwölf Jahre alt und der jüngste der vier «Goofe», wie Margrit Knaus sagen würde. Er trägt ein Edelweisshemd und einen goldenen Ohrring, der zur Appenzellertracht gehört. Der aufgestellte Bub mit den hellblauen Augen sieht im Zusammenleben mit den alten Menschen vor allem Vorteile: Haben seine Eltern keine Zeit, geht er durch die Verbindungstür nach «drüben» und sucht sich dort jemanden zum «Eile mit Weile» Spielen. «Ich verstehe mich mit allen gut», sagt er mit bemerkenswerter Grossmut. Vreni sei «lieb», Ernst erzähle ihm manchmal von früher und füttere abends seine Chüngel, seine Mastkaninchen, die gross und weiss in ihren Ställen sitzen und warten, bis Tobi sie zum Metzger bringt. Seine ältere Schwester Corinne, die vor zwei Jahren ausgezogen ist, kommt auf einen Sprung vorbei. Sie ist 21 und macht eine Ausbildung zur Pflegefachfrau, so wie einst die Mutter.

Corinne erinnert sich noch gut an die ersten Jahre mit Vreni: «Wir mochten sie überhaupt nicht. Mami hat so viel Zeit für sie gebraucht. Für uns Kinder war sie eine Konkurrenz.» Ein anderer Bewohner habe sich immer über die Spielsachen der Kinder aufgeregt und sie, mitten im Spiel, fluchend weggeräumt. Ihr sei nie bewusst gewesen, dass diese Menschen psychisch krank seien. «Ich habe immer gedacht, das sind ganz normale Menschen, die ihre Macken haben. So wie wir auch.»

Natürlich müsse man genau hinschauen, sagt Mar-grit Knaus, wenn man so nahe miteinander lebe. Einmal hat einer mit Tobi und seinem älteren Bruder Pfeife geraucht, da ist sie  eingeschritten. Sonst gab es nie Anlass zur Sorge. Vielleicht auch, weil sie sich das Recht herausnimmt, Bewerber abzuweisen. Als einer mit einem Stapel Pornofilme zum Probewohnen anreiste und die andern zum Filmabend einlud, hat sie Nein gesagt.

Ernst ist 75 Jahre alt und erst letzten September in die Wohngemeinschaft gezogen. Er hat ein schönes Zimmer, mit Aussicht auf den Säntis. An der Wand hängt eine Auszeichnung vom Militärwettmarsch Reinach aus dem Jahr 1968. Sein Herz ist noch nicht in der Aemisegg angekommen, es ist noch im Piemont. Die letzten 14 Jahre hat er dort auf dem Bauernhof einer Schweizer Aussteigerfamilie gelebt, bei einem Therapeutenpaar, das er von einem Entzug her kannte. Zuvor arbeitete er dreissig Jahre Schicht bei der Bahnpost. Wegen der unregelmässigen Arbeitszeiten habe er mit der Trinkerei angefangen. «Drei Stunden Pause in Luzern, was soll man da machen ausser in die Beiz hocken und saufen?»

Er schaut mit grossen traurigen Augen, in seinem Mund sieht man die vielen Zahnlücken. Man habe ihm seine täglichen sechs Flaschen Bier nicht angemerkt. Dennoch hat er mit sechzig seine Stelle gekündigt und einen Entzug gemacht. Dann ging er ins Piemont. Und dort habe er eigentlich bleiben wollen, bis er «abkratze». Doch als sich das Therapeutenpaar trennte und den Hof aufgab, musste auch er noch einmal aufbrechen.

Später, als Margrit Knaus in ihrer Küche sitzt und über das Finanzielle spricht – ein Zimmer kostet bescheidene 100 Franken pro Tag, inklusive Pflegeleistungen –, platzt Vreni ohne anzuklopfen herein. Sie fühlt sich schlecht und möchte heute in der Aemisegg schlafen anstatt in ihrer Wohnung im Dorf. Beim Rüsten sei die Angst «wie ein Flachdach» über sie gekommen. Solche Signale nehme man ernst, sagt Margrit Knaus. Denn in der Regel würden die Bewohner nicht einfach so in ihre Küche kommen. «Sie haben vom ersten Tag an gespürt, wie wichtig dieser Rückzugsort für uns ist.» Möglich ist diese Küche übrigens erst geworden, als Knausens die Aemisegg vor fünf Jahren kaufen konnten. Davor waren sie Pächter, Besitzerin war die Gemeinde. Und der Kanton wollte kein Geld für einen Umbau sprechen, weil er keinen «Bedarf» für diese spezielle Institution sah. Die Bewohner, so hiess es, könnten auch in einem normalen Heim untergebracht werden. Könnten sie, ja. Aber man möchte nicht wissen, was dann aus ihnen geworden wäre.

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