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Dating-App: Spontis sind auch nur Männer

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Dating-App: Spontis sind auch nur Männer

  • Text: Katinka OppeckFoto: Naomi Bowler

Spontacts, die neue iPhone-App, soll Gleichgesinnte motivieren, sich spontan zu verabreden. Redaktorin Katinka Oppeck hats getestet.

Handlich ist diese App ja: Spontacts ist einfach aufgebaut, dank Satellitennavigation kann ich meinen Standort bestimmen und sehe so, wer Aktivitäten in Zürich erstellt hat. Doch beim Scrollen nach interessanten Angeboten stelle ich fest: Es sind ausschliesslich Männer. Was, wenn die sich gar nicht zu unschuldigen Freizeitaktivitäten verabreden wollen? Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl.

Ich reisse mich zusammen und überlege mir, welche Aktivität ich als Test auswählen soll. Sport? Geht nicht, ich bin allergisch gegen körperliche Betätigung. Das neue Restaurant bei mir um die Ecke ausprobieren? Eher nicht. Was, wenn wir uns nach zehn Minuten nichts mehr zu sagen haben? Kino? Das ist es: Man sieht sich neunzig Minuten lang einen Film an, sitzt auf getrennten Sitzplätzen und muss nicht zwingend miteinander reden. Schnell ist die Aktivität erstellt, ich warte auf Antworten.

Bald piepst mein iPhone unaufhörlich und teilt mir mit, dass mir bereits gefühlte hundert Leute geantwortet haben. Okay, es waren dann nicht hundert, aber doch immerhin zwanzig, die sich innert einer Minute meine Aktivität angesehen und sich bei mir gemeldet haben. Alles Männer. Viele schreiben mir auf die Pinnwand, die von allen Usern gelesen werden kann, und fragen, welchen Film ich mir in welchem Kino ansehen will. Andere schicken private Nachrichten. Ihr Fokus ist dabei ganz auf mich gerichtet: «Wie gehts denn so?», «Hast du einen Freund?», «Beschreib dich doch mal.»

Zwei Tage später versuche ich es noch einmal. Ich antworte Mario (28), der mir auf die Pinnwand geschrieben hat. Ich nenne ihm Zeit und Ort und lasse ihn den Film wählen. Er entscheidet sich für «Harry Potter». Er sei schlank und klein, ich würde ihn schon erkennen. Ich bin gespannt.

Am nächsten Tag ist es so weit. Mario wartet schon auf mich. Seine Hände sind nass. Er hat einen Pärchensitz reserviert und will mir auch noch das Ticket spendieren, wogegen ich mich vehement wehre. «Das ist kein Date», sage ich. Mario wird noch nervöser. Die Werbung ist noch nicht zu Ende, da rutscht Mario schon näher, legt mir die Hand auf mein Knie und flüstert mir bei jedem Trailer ins Ohr: «Den könnten wir uns auch mal ansehen».

Ich muss hier raus, denke ich. Vom Film bekomme ich nichts mit, zu sehr bin ich damit beschäftigt, wegzurutschen, bis ich schon halb auf der Armlehne hocke. Mario rutscht eifrig hinterher und versucht mit mir Händchen zu halten. In der Pause flüchte ich auf die Toilette. Fieberhaft überlege ich mir, wie ich aus dem Kino komme, beschliesse aber, den Test durchzuziehen. Wieder nehme ich meinen Platz auf meiner Armlehne ein, während Mario erneut versucht, mir näher zu kommen. Ich spüre seinen Atem.

Nach dem Film lädt er mich auf einen Drink zu sich nachhause ein. Am liebsten würde ich ihn schütteln und fragen, warum er denn bloss glaube, dass diese plumpe Tour funktionieren würde. Ich drehe mich um und gehe. In Zukunft rufe ich wieder meine Freundinnen an, wenn ich ins Kino gehen will.

“Frauen sollen sich wohlfühlen”
Vier Fragen an Christoph Seitz, Mitbegründer und -entwickler von Spontacts.

Schlägt eine Frau eine Aktivität vor, melden sich bloss Männer, die meisten wollen nur das eine. War Ihnen das bei der Entwicklung der App bewusst?
Leider ist es derzeit tatsächlich so, dass sich Männer zu aggressiv verhalten. Erst wenn die Frauen sich auf Spontacts wohl und sicher fühlen, ist unser Ziel erreicht. Wir arbeiten an Lösungen.

Und die wären?

Funktionen, die den respektvollen Umgang unter den Mitgliedern fördern sollen. Dazu gehören Melden und Blockieren von aufdringlichen Usern, eine Tageslimite für neue Kontakte, Ausschreibungen von Aktivitäten nur unter Frauen und User-Ratings.

Was raten Sie Frauen, die diese App wirklich nur für Freizeitaktivitäten nutzen wollen?
Im Moment funktioniert Spontacts für Frauen am besten, wenn sie sich Aktivitäten herauspicken, die ganz klar nicht auf Dating ausgelegt sind. So traf ich etwa viele weibliche Mitglieder
auf Wanderungen, Fotosafaris oder Vernissagen. Organisiert die Frau selbst eine Aktivität, soll sie Ort und Zeitpunkt und einen konkreten Rahmen genau angeben. Beispiel: «Freitag, 18 Uhr, Picasso-Ausstellung im Kunsthaus. Wer ist dabei?»

Wie sind die Rückmeldungen auf die App?

Die Idee, dass sich Menschen mit gleichen Interessen verabreden, kommt sehr gut an. Oft heisst es: Wieso gab es das nicht schon vorher? So interessieren sich viele Alleinerziehende für Spontacts. Wir sind daran, einen geschützten Bereich für Eltern zu entwickeln.

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