Crazy (in) Love: Wie wild darf die Liebe sein?
Die perfekte Partnerschaft ist sicher und harmonisch, so die allgemeine Vorstellung. Was aber, fragt sich unsere Autorin, wenn ich lieber eine Amour fou will?
- Von: Pia Wolfensberger
- Bild: Unsplash
Kürzlich hatte ich Besuch von einer Freundin. Wir sassen am Küchentisch und sprachen über Beziehungen. So weit, so klassisch. Sie sagte: «Eure Beziehung ist unglaublich toxisch. Du musst dich lösen, das ist eine Sucht.» Und ich: «Aber ich glaube, ich will es so.»
Ich sagte das, ohne nachzudenken, vielleicht war es eine Verteidigung. Aber ich spürte auch, dass ich das ernst meine: Ich will eine unruhige Beziehung.
Eine Liebesbeziehung gilt als Ort der Sicherheit, gibt Halt in einer Welt, die völlig aus den Fugen scheint. Man soll nachhause kommen und wissen: Hier ist es warm, hier ist es friedlich, hier ist es gut.
Oder – ich wohne alleine und finde das schön – man soll abends ein Date mit seinem oder seiner Liebsten haben und wissen: Es wird nett. Man kann sich erholen bei- und miteinander.
Meine Partnerin und ich gehen oft ins Kino – und manchmal wird es genau so: nett. Sehr sogar. Und manchmal streiten wir uns auch heftig. Nach einem unserer letzten Kinobesuche etwa. Ich weiss gar nicht mehr, was der Grund war. Meine Partnerin schwang sich irgendwann aufs Velo und fuhr nachhause. Sie liess mich stehen. Ich lief enttäuscht und wütend heim. Den Schal bis fast zur Nase hochgezogen.
Oft sind unsere Streitereien regelrechte Dramen, oft habe ich dabei Herzklopfen wie auf der Tartanbahn bei mir um die Ecke. Weil ich mich ungerecht behandelt oder unverstanden fühle. Oder weil ich weiss, dass ich sie mit meinen Aussagen und meinem Verhalten irritiert habe.
Hunderte von Tagebuchseiten
Ich habe schon Hunderte von Tagebuchseiten gefüllt mit irgendwelchen Verhaltensauffälligkeiten. Ich bin dann Hobbypsychologin und verteile leidenschaftlich Diagnosen. Alles wird pathologisiert. Passt etwas nicht ins Förmchen: krank! Natürlich ist sie – laut Doktor Instagram – narzisstisch (ich wohl genauso) und unsere Beziehung toxisch. Und wenn es ans Eingemachte geht, gaslighten wir beide auch gern. «Nein, habe ich doch gar nicht gesagt, das redest du dir ein.» Das ist natürlich nicht gut.
Ich habe kürzlich im Roman «Botanik des Wahnsinns» des Autors und Psychologen Leon Engler gelesen, dass alle psychischen Krankheiten letztlich auf einen Mangel an Liebe zurückzuführen seien. Liebe ist so breit, darum darf man das wohl so stehen lassen, auch wenn es überspitzt ist.
"Ich will eben nicht nur Wärme, sondern manchmal auch Feuer. Ich will, dass es brennt, statt dauert"
Liebe ist fundamental wichtig für uns. Liebe gibt uns Sicherheit. Und nicht nur bei einem Blick auf die berühmte Maslowsche Bedürfnispyramide wird klar: Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Sich lustvoll zu zerfleischen hingegen ist nicht aufgeführt.
Auch ich brauche Sicherheit, Geborgenheit. Aber ich will auch, dass es prickelt. Ich mag es, wenn unsere Wortgefechte mich beleben, wenn sie mich wach machen, wenn sie mich inspirieren. Ich mag es, wenn ich an den Streitereien und Reibereien wachse. Ich will eben nicht nur Wärme, sondern manchmal auch Feuer. Ich will, dass es brennt, statt dauert.
Früher hiessen solche Beziehungen Amour fou und sie wurden gefeiert. Auch das war eventuell etwas über den Rand hinaus gemalt. Als man beispielsweise die Tagebücher der Schriftstellerin Simone de Beauvoir fand, kam zum Vorschein, dass sie in ihrer turbulenten Beziehung zu Jean-Paul Sartre immer wieder sehr gelitten hat.
Ich sitze am Schreibtisch, schweife ab, sehe auf Instagram ein neues Reel einer Bekannten. Sie hat einen neuen Podcast ins Leben gerufen: «Gewaltfrei», heisst er. Sie selbst arbeitet bei der Opferberatung und weiss, wovon sie spricht. Und ich erinnere mich an diese Geschichte, als ich einst als Pflegefachfrau in einer Psychiatrie arbeitete. Da gab es eine Patientin: Psychologin, attraktiv, feinfühlig, sympathisch, am Boden zerstört.
Eines Abends gab ich ihr ihre Abendmedikamente, nur sie und ich im Raum, es war still. Ihr Handy klingelte, sie ging ran. Und ich hörte, wie ihr Mann sagte: «Du verdammte Dreckskuh, nur wegen dir…» Eine Träne lief über ihr Gesicht. Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte ich: «Sie müssen ihn verlassen.» Ich glaube, nie sonst hatte ich so zu einer Patientin gesprochen, denn das war nicht meine Aufgabe.
Natürlich will ich in meiner Beziehung keine Angst haben müssen. Natürlich soll eine Beziehung keinen dauerhaften Stress verursachen. Und niemals sollte sie mich verzwergen, das heisst: mich klein machen und mich blockieren, niemals.
Immer mit Respekt
Mir fällt auf, dass genau da ein so wichtiger Unterschied besteht zwischen Gewalt und den Streitereien, die meine Partnerin und ich zelebrieren. Wir respektieren uns immer. Das heisst nicht, dass ich ihre Meinungen immer respektiere, aber sie als Person stelle ich nie infrage.
Natürlich würde ich lügen, wenn ich behaupten würde: Wir tun uns nie weh. Manchmal verletzen wir einander, ich würde gern behaupten: aber nie unter der Gürtellinie, doch das ist nicht wahr. Wir sind Hitzköpfe und wissen, wo es weh tut. Aber wir federn uns immer wieder ab. Meist kommt dann ein «Okay, ich verstehe deinen Punkt …» und dann reichen wir uns im Gespräch ein kleines bisschen die Hand. Wenigstens ansatzweise.
"Wir merken immer wieder, wie zwei Perspektiven für kurze Zeit zwei Welten sein können"
Wir merken immer wieder, wie zwei Perspektiven für kurze Zeit zwei Welten sein können. Und dass diese zwei Welten durch das Reden und Zuhören auch wieder zu einer verschmelzen können. Diese Haltung ist wie ein unsichtbares Sicherheitsnetz. Es macht für mich den Unterschied zwischen konstruktivem und zerstörerischem Streiten aus. Ohne dieses Netz ginge es für mich nicht. Ebenso wenig für sie.
Friedrich Nietzsche, so heisst es, zog es vor, allein zu sein. Das sei seine erstrebenswerte Lebensform gewesen. Auch ich liebe das Alleinsein, ich mag sogar manchmal die Einsamkeit. Wenn es ein bisschen weh tut und ich durch die Schwermut ganz bei mir bin.
Es sind genau die Momente, in denen ich merke: Ich gebe mir selbst Sicherheit, Geborgenheit, Wärme. Aber so sehr ich das Alleinsein schätze: Ich mache liebend gern Ausflüge in die Welt. Und ja, auch in die Arme meiner Partnerin.
Mit hüpfendem Herz
Menschen sind unterschiedlich und sie haben bei allem Menschsein unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt beispielsweise solche, die sind – anders als ich – gern so oft wie möglich in Gesellschaft. Genauso mögen es manche, wenn Ruhe in eine Beziehung einkehrt.
Ich hingegen finde es toll, wenn mein Herz auch nach zweieinhalb Jahren Beziehung noch hüpft, wenn ihr Name auf meinem Display aufleuchtet. Und wegen dieser Verschiedenartigkeit der Menschen kam es wohl auch zu diesem sicherlich gut gemeinten Tipp der Freundin in meiner Küche. Mein Bedürfnis scheint ein anderes zu sein als ihres.
"Brauche ich diese Aufregungen wirklich oder rede ich mir etwas schön?"
Manchmal halte ich auch inne und frage mich: Brauche ich diese Aufregungen wirklich oder rede ich mir etwas schön? Ist es vielleicht mein süchtiges Ich, das spricht? Süchtige bagatellisieren gern. Ich auch? Vielleicht, ja. Kleine Dramen halten den Alltag perfekt auf Distanz. Wer muss sich schon um die Pensionskasse kümmern, wenn man grad Beziehungsstress hat? Wer muss schon dampfreinigen, wenn man kurz vor einer Trennung steht?
Verschwenden an Leben und Liebe
Dennoch: Ich bin überzeugt, dass sie mir mein bestes Gegenüber ist. Auch mit diesen Zweifeln. Und wegen diesen Zweifeln. Sie regen zum Hinterfragen an. Und: Ich will nicht, dass die Steuererklärung das ist, was mich am meisten beschäftigt. Ich will mit ihr nach den Sternen greifen, das können wir ganz wundervoll, auch wenn wir manchmal Bruchlandung erleiden.
An der Wand in der Küche, wo ich mit der Freundin sass, hängt ein Bild von Romy Schneider. «Ich will mich wie Romy Schneider verschwenden an das Leben, verschwenden an die Liebe», rief ich voller Pathos. Und meinte es ernst.
Vielleicht macht genau das den Reiz aus: Dass etwas mal nicht ins Förmchen passt. Dass es eine Ambivalenz gibt. Dass man darüber nachdenken und nachfühlen muss.