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Die Liebesfrage: Bedeutet ein Seitensprung das Ende einer Beziehung?

Liebe & Sex 

Die Liebesfrage: Bedeutet ein Seitensprung das Ende einer Beziehung?

Alle zwei Wochen beantwortet Paar- und Sexualtherapeutin Bettina Disler eine Frage zum Thema Liebe oder Sex. Heute geht es darum, ob Beziehungen eine Affäre überstehen können.

Welche Bedeutung ein Seitensprung hat, fragen sich viele betroffene Paare. Warum gerade jetzt der Sprung zur Seite? Oder ist es eher eine Seite, die springt? Das sind Fragen, die plötzlich auf dem Tisch liegen. Und schon sind wir mittendrin.

Damit eine Beziehung bestehen bleibt, braucht es zweimal ein Ja. Es braucht aber nur ein Nein, um sie zu beenden. Die Betrogenen werden – ohne es selbst gewählt zu haben, – vor die Entscheidung gestellt: Sage ich weiterhin Ja zu dieser Beziehung? Und unter welchen Bedingungen? Oder sage ich Nein dazu, jetzt, nachdem ich auch diese Seite meines Gegenübers kenne?

Der renommierte Paartherapeut Andrew Marshall hat acht verschiedene Affären-Typen definiert, um die Entscheidung für den Sprung besser zu verstehen – und ja, es ist immer ein bewusster Entscheid, fremdzugehen.

Ein Seitensprung bedeutet sicher das Ende einer Beziehung, wenn er zu der von Marshall genannten «Ausstiegs-Affäre» zählt. Hier surft beispielsweise eine Person von einer Beziehung in die nächste, nur um nicht allein sein zu müssen. Sie hat sich schon längst für ein Nein entschieden, ohne dies dem Gegenüber mitgeteilt zu haben.

Bei einer «Rache-Affäre» versuchen es einst Betrogene ihren Partner:innen heimzuzahlen. Ob das dann das Ende der Beziehung bedeutet im Sinne von «ich zahle es dir heim, bevor ich dich verlasse», oder ob nach dem 1:1 Ruhe einkehrt bleibt vorerst noch offen.

Bei einer «Dreiecks-Affäre» führen die Fremdgehenden über eine längere Zeit zwei Liebesbeziehungen parallel und können sich oft nicht für die eine oder andere Partnerschaft entscheiden. Viele möchten nach dem Auffliegen der Affäre vom monogamen zum polyamoren Beziehungsmodell wechseln, doch dies ist für die anderen Beteiligten oft keine Lösung. Diese Art von Affäre ist mitunter die grösste Herausforderung für alle Beteiligten.

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«Manche wollen ihre Beziehung retten, indem sie absichtlich eine Affäre eingehen. In der Hoffnung, ihr Gegenüber wachzurütteln»

Bei den folgenden drei Affären-Typen stellt sich die Frage, ob es per se nicht schon vorher besser gewesen wäre, eine offene Beziehung zu suchen:

Die «Don-Juan-Affäre» leben Personen, die fortwährend ihren Marktwert beweisen müssen – unabhängig davon, ob sie in einer Beziehung sind oder nicht. Viele One-Night-Stands zu haben gehört sozusagen zu ihrem Usus und diese haben nicht per se etwas mit der bestehenden Partnerschaft zu tun.

Sowohl die «Selbstmedikations»- wie auch die «Erkundungs-Affäre» sind in vielen Fällen ebenfalls nicht auf Unzufriedenheit mit der bestehenden Beziehung zurückzuführen. Erstere hat einen Wellness-Charakter – «man gönnt sich was» – und zweitere beruhigt das FOMO-Syndrom, indem man sich im Andersartigen neu spüren will. Beide haben für die Fremdgeher:innen einen unverbindlichen Charakter und können problemlos parallel zur bestehenden Partnerschaft verlaufen.

Im Gegensatz dazu ist die «Zufalls-Affäre» ein einmaliger Sprung. Sie wird spontan in einem Moment der Verführbarkeit eingegangen und danach sofort stark bereut.

Manche Personen wollen ihre Beziehung retten, indem sie absichtlich eine «Hilfeschrei-Affäre» eingehen. In der Hoffnung, ihr Gegenüber wachzurütteln. Weil bisher angebrachte Änderungswünsche auf taube Ohren stiessen, sollen sich die Betrogenen nun endlich den Problemen in der Partnerschaft stellen und nicht mehr wegschauen.

Nach dem Auffliegen einer Affäre stellt sich für die Betrogenen immer die Frage, ob sie im Wissen um die neue Seite ihrer Partner:innen weiterhin eine Beziehung führen möchten. In einer intensiven und ehrlichen Auseinandersetzung der Situation lernen sie nicht nur ihr Gegenüber neu kennen, sondern auch sich selbst.

Bedürfnisse, Werte und Wünsche werden angeschaut und neu miteinander verhandelt. Paare können so ihre Beziehung wieder beleben und den Sprung in ein neues Kapitel wagen. Dazu braucht es jedoch zwingend zweimal ein Ja.

Bettina Disler arbeitet in ihrer Praxis in Zürich als Paar- sowie Sexualberaterin und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Sie hat ein eigenes Modell entwickelt, mit dessen Hilfe sich Bewegung in festgefahrene Beziehungen bringen lässt. 2019 hat Disler beim Klett-Cotta Verlag ein Fachbuch zu den Themen Lustlosigkeit, Entfremdung und Affären veröffentlicht. 

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