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Die Sexfrage: Beeinflussen Pornos unsere Erwartung an Sex?

Liebe & Sex 

Die Sexfrage: Beeinflussen Pornos unsere Erwartung an Sex?

Alle zwei Wochen beantwortet Paar- und Sexualtherapeutin Bettina Disler eine Frage zum Thema Liebe oder Sex. Heute geht es um Pornos: Verändern Erotikfilme unser Sexleben?

Im Wissen darum, dass Enttäuschung Erwartung voraussetzt, scheint mir jede Erwartung an Sex schon einmal eine schlechte Ausgangslage zu sein, um sich überhaupt auf eine sexuelle Begegnung einzulassen. Aber gut. Die Frage impliziert folgende Reihenfolge: zuerst Porno, dann die Erwartung, dann der real stattfindende Sex.

Diejenigen, die genau diese Abfolge wählen, haben im Copy-Paste-Modus Sex. Wenn das für alle Beteiligten stimmig ist, warum nicht. Solange man Porno nicht mit der Realität verwechselt und das Ganze als Rollenspiel umsetzt, geht es auch nicht ans Eingemachte.

Sex ist aber für viele die intimste Form von Kommunikation, also etwas sehr Persönliches und Individuelles. Die eigene Ausdrucksform und -sprache zu entwickeln und sich damit mit anderen auszutauschen, ist das, was wir Intimität nennen.  

Pornos sind weit davon entfernt und dennoch können wir mit ihnen unser Sexleben beeinflussen – zum Guten und zum Schlechten. 

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«Wie in einer Sprachschule sieht man in Pornos, welche unterschiedlichen Sprachen es gibt, wie andere gestikulieren und ihrem Bedürfnis Ausdruck verleihen»

Fact ist: Porno bedient grösstenteils unseren Seh- und Hörsinn und hat ein Drehbuch zur Grundlage, das aus der Fantasie eines oder mehreren Menschen entsprungen ist. Der Sexualwissenschaftler Jack Morin hat herausgefunden, dass beispielsweise Verbote, Machtgefälle und/oder Ambivalenz Erregung um ein Vielfaches potenzieren können. Viele erotische Fantasien – die wohlgesagt nicht zwingend umgesetzt werden wollen – bestehen aus genau solchen Inhalten.

Die Pornoindustrie macht nichts anderes, als genau diese archaischen Muster immer wieder aufs Neue zu verfilmen. Somit werden Erregungsmuster der Pornokonsument:innen schnell erreicht und weil dies so einfach funktioniert, greifen viele darauf zurück.

Bei regelmässiger Wiederholung wird allerdings unser sexuelles Skript verstärkt und gefestigt. Womit wir bei der Erwartung angelangt sind. Denn wenn diese antrainierten Reize in einer sexuellen Begegnung nicht verfügbar sind, springt unsere Lust nicht mehr an. Spätestens dann wird einem bewusst, dass man erwartet, auf eine bestimmte Art und Weise beim Sex stimuliert zu werden, da es sonst nicht mehr funktioniert. Und das setzt einige stark unter Druck. 

Pornos können aber auch unsere Fantasie anregen, uns auf neue Ideen bringen und manchmal sogar aufklären. Einschlägige Seiten bieten ein Potpourri an sexuellen Möglichkeiten, um sich mit anderen darüber auszutauschen.

Wie in einer Sprachschule sieht man in Pornos, welche unterschiedlichen Sprachen es gibt, wie andere gestikulieren und ihrem Bedürfnis Ausdruck verleihen. Eine solche Horizonterweiterung kann unser Sexualleben durchaus positiv beeinflussen und dazu beitragen, uns vielfältiger auszudrücken und dabei unsere eigene Sprache spielerisch weiterzuentwickeln. 

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Bettina Disler arbeitet in ihrer Praxis in Zürich als Paar- sowie Sexualberaterin und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Sie hat ein eigenes Modell entwickelt, mit dessen Hilfe sich Bewegung in festgefahrene Beziehungen bringen lässt. 2019 hat Disler beim Klett-Cotta Verlag ein Fachbuch zu den Themen Lustlosigkeit, Entfremdung und Affären veröffentlicht. 

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Austrian

Mir gefällt der Vergleich mit der Sprachschule. Zu sehen, welche Sprachen es gibt, wie andere gestikulieren, Inspirationen zu gewinnen. Was sicher auch das Sexleben vieler beeinflusst.

Ist diese Generation deshalb dem Untergang nahe, kann Lust nur noch aus Pornofilmen oder davon inspiriertem Pornosex ziehen? Ich glaube, die meisten Leute können das sehr gut unterscheiden; wie sie auch Ego-Shooter oder Horrorfilme nicht mit dem wahren Leben verwechseln.