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Barbara Loop über Familie

Barbara Loop über Familie

Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.

  • Von: Barbara Loop
  • Cover: Valentin Hennequin; Collage: annabelle

Vor Jahren traf ich in privater Gesellschaft auf Marie-Luise Scherer, die verstorbene Grande Dame der deutschen Reportage. Bei einer Zigarette sprachen wir über Herkunft, welche die Ausnahmejournalistin (meine Leseempfehlung: «Die Hundegrenze»), ganz Wortkünstlerin, die sie war, den «familiären Misthaufen» nannte, von dem sie abstamme.

Die Metapher war so schneidend, dass sie mich aufhorchen liess – und so präzise, dass sie mir nie mehr aus dem Kopf ging: Familie, das ist die dampfende Wärme und der gärende Mief unseres Nestes, die Sedimente unserer Vorfahren, die uns so gut nähren, dass wir ihnen entwachsen können.

«Family Affairs» lautet der Titel der Modestrecke der neuen Ausgabe, Familienporträts der Aristokratie dienten Stylist Tim Tobias Zimmermann als Blaupause. Jene Settings, die derart vornehm, steif und formal arrangiert sind, dass kleinste individuelle Noten umso stärker zur Geltung kommen. Der Hemdkragen, der im Pullover stecken blieb, ist bei diesen preppy Looks kein Versehen, sondern ein Statement.

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"In manche Familien wird man nicht hineingeboren, trotzdem sind sie Schicksalsgemeinschaften"

Konventionen gesprengt hat Cora, weitreichend, entschieden und dennoch vollkommen frei von der Absicht, den Aufstand zu proben. Das trans Mädchen aus Spanien wusste bereits mit fünf Jahren, dass sie ein Mädchen ist. Über Jahre hinweg begleitete die Fotografin Gabo Caruso Cora mit der Kamera, beim Spielen, beim Schwimmen, beim Aufwachsen. Entstanden ist ein preisgekröntes Fotoprojekt, das wir im neuen Heft zeigen, das die trans Kindheit in jener Realität einfängt, in der sie weder Politik noch Debatte ist, sondern das ganz gewöhnliche Drama, das man Familie nennt.

In manche Familien wird man nicht hineingeboren, trotzdem sind sie Schicksalsgemeinschaften und erwachsen aus gemeinsam verbrachten Stunden, geteilten Erfolgen und Niederlagen. Wie verwurzelt man im Team und Arbeitsumfeld ist, realisieren manche Menschen erst, wenn der Ruhestand ansteht. Die grosse Freiheit, nach der sie sich gesehnt hatten, fühlt sich dann plötzlich nach Zwang und Verlust an.

Meine Kollegin Helene Aecherli porträtiert in dieser Ausgabe drei Frauen, die mit Ende fünfzig den Neuanfang wagten: Um diesem Moment zu entgehen, um selbst über den Zeitpunkt bestimmen zu können, an dem sie sich zur Ruhe setzen. Ein Plädoyer für einen differenzierten Blick auf das Alter und ein Appell an den Mut, seinen Haufen so zu bauen, dass das eigene Leben darauf immer wieder neue Blüten treibt.

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