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Opferberaterin Agota Lavoyer: «Aufklärung soll Kinder nicht verängstigen»

Familie

Opferberaterin Agota Lavoyer: «Aufklärung soll Kinder nicht verängstigen»

Sexualisierte Gewalt an Kindern ist in unserer Gesellschaft stark verbreitet. Opferberaterin Agota Lavoyer über kindergerechte Aufklärung und gesunde Grenzen.

Inhaltshinweis: sexualisierter Missbrauch von Kindern

Sexualisierte Gewalt an Kindern hat viele Gesichter und hinterlässt bei den Betroffenen und ihren Angehörigen oftmals traumatische Spuren. Gemäss Strafgesetzbuch ist jede sexuelle Handlung von Personen über 16 Jahren vor, an und mit Kindern unter 16 Jahren strafbar. Es spielt dabei keine Rolle, ob das Kind in die sexuelle Handlung einwilligt.

Laut Kinderschutz Schweiz erlebt jedes siebte Kind mindestens einmal sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt durch Erwachsene oder ältere Kinder. Im virtuellen Raum ist das Ausmass der Übergriffe sogar noch grösser. Um gegen sexualisierte Gewalt an Kindern vorzugehen, braucht es unter anderem wirkungsvolle Präventionsarbeit: Opferberaterin, Autorin und Kolumnistin Agota Lavoyer hilft mit ihrem Kinderfachbuch «Ist das okay?» präventiv über das vermeintlich Unsagbare zu sprechen.

annabelle: Wie können Eltern ihre Kinder am besten vor sexueller Gewalt schützen?
Agota Lavoyer: Sie sollten sich Wissen zu diesem Thema aneignen, zum Beispiel: «Welche Formen von sexualisierter Gewalt an Kindern gibt es?», «Wie häufig ist diese Gewalt?», «Wer sind die Tatpersonen?», «Was sind typische Täterstrategien?» und dieses Wissen in einem nächsten Schritt kindgerecht ihrem Nachwuchs vermitteln, spätestens ab dem Kindergartenalter. Aufgeklärte Kinder erkennen sexuelle Übergriffe on- und offline besser und trauen sich eher jemandem an. Ausserdem sollten die Eltern Themen wie Nähe, Grenzen und Grenzverletzungen im Alltag immer wieder unaufgeregt thematisieren. Am wichtigsten ist, dass sich die Eltern für den Schutz ihrer Kinder verantwortlich fühlen und diese Verantwortung nicht an die Kleinen delegieren. Auch die aufgeklärtesten und mutigsten Kinder können sich kaum gegen manipulierende Täter:innen wehren.

Worauf sollte man bei der Aufklärung achten?
Das Kind soll durch die Aufklärung nicht verängstigt sein, denn Angst ist nie ein guter Begleiter – Wissen allerdings schon, denn Wissen schützt. Zudem ist es wichtig, dass Kinder schon früh lernen, dass sie auch Erwachsenen nicht bedingungslos folgen müssen und dass Liebe nicht heisst, dass man den Erwachsenen zuliebe Zärtlichkeiten – zum Beispiel Küsse – erdulden muss. Das ist eine der zentralen Botschaften der Prävention.

Was sind weitere Botschaften?
Es ist wichtig, dass Eltern bei der Aufklärung eine Balance bewahren und mit dem Kind nicht nur über Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt, sondern auch über die unbeschwerten, schönen Seiten von Nähe, Berührungen und Sexualität sprechen. Kinder sollen ihre sexuelle Entwicklung als etwas Positives erfahren und einen geschützten Raum erhalten, um körperliche Erfahrungen zu sammeln.

Was sollten Eltern tun, wenn ihr Kind von einem sexuellen Übergriff erzählt?
Sie sollten versuchen, Ruhe zu bewahren und nichts zu überstürzen, auch wenn das in dem Moment unheimlich schwierig ist. Sie sollten ihrem Kind glauben und es für seinen Mut, sich anvertraut zu haben, loben. Am besten notiert man sich alle Aussagen des Kindes und nimmt dann Hilfe von Fachpersonen in Anspruch. Opferhilfestellen bieten schweizweit unentgeltliche Beratungen bei Verdachtsfällen. Auf keinen Fall sollte man zu diesem Zeitpunkt die Tatperson mit den Vorwürfen konfrontieren.

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«Mit Prävention und Aufklärung kann man sexualisierte Gewalt zwar nicht verhindern, aber erreichen, dass Kinder sich anvertrauen.»

Was, wenn das Kind schweigt, aber bei den Eltern die Alarmglocken schrillen?
Ich finde es wichtig, dass man die Möglichkeit eines sexuellen Übergriffs immer mitdenkt, wenn man problematische Veränderungen an seinem Kind wahrnimmt. Jedoch ist es ein Mythos, dass es eindeutige Anzeichen gibt. Umso wichtiger ist es, sexualisierte Gewalt immer wieder zu thematisieren. Kinder müssen wissen, dass sie mit Erwachsenen darüber sprechen dürfen. Mit Prävention und Aufklärung kann man sexualisierte Gewalt zwar nicht verhindern, aber erreichen, dass Kinder sich anvertrauen.

Wie können Eltern ihren Kindern beibringen, für sich einzustehen und Nein zu sagen?
Indem sie es immer wieder thematisieren. Gleichzeitig darf das Neinsagen nicht zu einem Druck werden für das Kind. Viel wichtiger als das Neinsagen lehren, finde ich, dass Kinder wissen, dass Nein sagen unheimlich schwierig ist und dass das Kind nie verantwortlich ist, wenn jemand ihm gegenüber grenzverletzend war. Egal ob das Kind Nein gesagt hat oder nicht. Die Schuld ist nie bei ihm, sondern bei der übergriffigen Person.

Dieses Interview wurde in schriftlicher Form geführt.

In der Talk-Reihe Karl*a der*die Grosse am 3. November 2022 spricht Opferberaterin, Autorin und Kolumnistin Agota Lavoyer mit Gesprächsmoderatorin Marah Rikli über die Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern.

Weitere Informationen zum Talk gibt es hier.

Ist das okay? Ein Kinderfachbuch zur Prävention von sexualisierter Gewalt, von Agota Lavoyer / Anna-Lina Balke, ca. 32 Fr. bei Lesestoff

Fachstellen:

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