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Woran liegts, dass längst nicht alle Männer ihren Vaterschaftsurlaub beziehen?

Familie

Woran liegts, dass längst nicht alle Männer ihren Vaterschaftsurlaub beziehen?

Nicht einmal die Hälfte der frischgebackenen Väter hat letztes Jahr den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub bezogen. Geschlechterforscher Matthias Luterbach erklärt, warum – und was nötig ist, damit die Quote steigt.

annabelle: 2021 kamen rund 89’000 Kinder zur Welt, mit 42’000 Vätern hat aber noch nicht einmal die Hälfte der Väter ihren zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub bezogen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Matthias Luterbach: Wir wissen auch im Vergleich mit anderen Ländern, dass es eine gewisse Anlaufzeit braucht. Zahlen aus dem ersten Quartal diesen Jahres zeigen, dass bereits 2022 mehr Väter direkt nach der Geburt Vaterschaftsurlaub bezogen haben. Man sieht aber auch, wenn man andere Länder anschaut, dass es viel mit der Arbeitsplatzkultur zu tun hat und damit, welche Vorstellung von Mutter- und Vaterschaft in einer Gesellschaft herrschen, ob Väter ihre Vaterzeit nehmen. 75 Prozent der jungen Männer haben in der Schweiz für den Vaterschaftsurlaub gestimmt, da findet definitiv ein Wertewandel statt.

Sie haben die Vorstellungen von Mutter- und Vaterschaft angesprochen. Inwiefern beeinflussen diese den Bezug von Vaterschaftsurlaub?
In der Schweiz fehlt da noch Forschung, es gab aber eine Studie in Österreich, die zeigte, dass in Unternehmen trotz rechtlich gleichem Anspruch auf Elternzeit noch sehr unterschiedliche Vorstellungen über den Mutter- und Vaterschaftsurlaub vorherrschen. Das muss nicht zwingend heissen, dass Arbeitgebende sich weigern, den Bezug des Vaterschaftsurlaubs zu ermöglichen. Sondern es geht vielmehr darum, wie die Thematik am Arbeitsplatz verstanden und diskutiert wird und welche unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Erwartungen herrschen – in Bezug auf Leistung, Anwesenheit und die Karriere ganz allgemein. Oft wird eher darüber gesprochen, ob eine Familie zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub den Vaterschaftsurlaub auch noch braucht. Das suggeriert, dass der Vaterschaftsurlaub «nice to have» ist. Diese Unterscheidung hat zur Folge, dass Männer den Vaterschaftsurlaub weniger in Anspruch nehmen.

Hat sich die Vaterrolle weniger gewandelt als angenommen?
Doch, ich finde schon, dass sie sich gewandelt hat. Teilzeit zu arbeiten ist zwar noch nicht für alle selbstverständlich – gleichzeitig ist ein Vollzeitpensum für Väter mittlerweile auch nicht mehr so selbstverständlich. Wir sehen eine klare Veränderung. Männer müssen dadurch aber zunehmend unterschiedliche Bedürfnisse aushandeln – mit sich selbst, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz. Da braucht es einen Kulturwandel und neue Vorstellungen, wie man Familie leben will.

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«Väter haben wenige Vorbilder, an denen sie sich orientieren können»

Was muss sich gesellschaftlich ändern, damit der Vaterschaftsurlaub einen höheren Stellenwert erhält?
Die rechtlichen Möglichkeiten dazu sind ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig geht es darum, dass sich die Vorstellung wandelt, wie Vaterschaft gelebt werden soll. Will man als Vater zuhause bleiben, muss man auch neu aushandeln, wer welche Aufgaben übernimmt, wie es sich passend für beide Elternteile anfühlt. Das sind herausfordernde Fragen in einer Partnerschaft – gerade auch wenn man als Mann selbst nicht in der Selbstverständlichkeit aufwuchs, dass der eigene Vater präsent war im Alltag. Väter haben meist wenige Vorbilder, an denen sie sich orientieren können und müssen eigene Vorstellungen entwickeln. Das ist ein innovativer gesellschaftlicher Prozess.

Vielen Frauen wurde das Muttersein in ihrer eigenen Kindheit vorgelebt, die meisten Männer hatten aber selbst keine präsenten Väter – verstehe ich das richtig?
Ja, da spielt auch die gesellschaftliche Erwartung an Frauen hinein, Mütter zu werden. Deshalb beschäftigen sich Frauen oft schon früh damit, wie sie Muttersein leben wollen. Väter werden noch viel weniger mit der Erwartung konfrontiert, präsente Väter zu sein. Diese Erwartung kommt dann eher von ihnen selbst und manchmal auch von der Partnerin.

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«Die paritätische Elternzeit wäre ein wichtiger Schritt für die Gleichstellung in unserer Gesellschaft»

Auch die Norm, dass Väter nach der Geburt zuhause bleiben, muss sich erst noch entwickeln?
Da braucht es neue Ideen. Und hier kommt auch Medienschaffenden eine Verantwortung zuteil. Es ist wichtig, welche Bilder von Elternschaft sichtbar gemacht und welche als problematisch beschrieben werden. Welche Möglichkeiten überhaupt aufgezeigt werden.

Was würde eine paritätische – sprich für beide Elternteile zahlenmässig gleichgestellte – Lösung, wie sie im Kanton Zürich am 15. Mai zur Abstimmung steht, verändern?
Damit gäbe es überhaupt erst eine rechtliche Grundlage für eine gleichberechtigte Aufteilung der Elternzeit. Das ist zurzeit gar nicht vorgesehen und man muss gegen die bestehende Struktur eigene Modelle entwickeln, wenn man dies trotzdem leben möchte. Eine paritätische Elternzeit würde sich sicherlich auch auf die kulturellen Vorstellungen von Geschlecht und Mutter- und Vaterschaft auswirken. Sie wäre ein wichtiger Schritt für die Gleichstellung in unserer Gesellschaft. Von Anfang an involviert zu sein bei der Betreuung ihres neugeborenen Kindes wirkt sich ausserdem auch langfristig auf das Engagement der Väter und auf die Beziehung zu ihrem Kind aus – unabhängig vom späteren Arbeitspensum ist es enorm wichtig, dass sie schon am Anfang präsent sind.

Matthias Luterbach forscht an der Universität Basel im Fachbereich Gender Studies zu Männer und Männlichkeiten und befasst sich mit der Transformation von familialen Lebensformen, Paarbeziehungen und Geschlechterverhältnissen. Seine Dissertation schreibt er über involvierte Vaterschaft und deren Folgen für Männlichkeitsvorstellungen und Geschlechterverhältnisse.

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