Fasten im Selbstversuch: Welche Methode funktioniert wirklich?
Unsere Redaktorin fastet gern – vorausgesetzt es bleibt bei einem kurzen Nahrungsverzicht: Mal in Eigenregie, mal im Hightech-Luxusspa, mal mit Fertigsuppen. Was wirkt wirklich – und was kann man sich sparen?
- Von: Sarah Lau
- Bild: Death to Stock
Für Einsteiger:innen: Das Rundum-Sorglospaket für Zuhause
Was einen erwartet:
Da Fastenkuren zum festen Programm von Susanne Kaufmanns Spa-Hotel Post in Bezau im Bregenzerwald gehören, ich aber bislang nur dort zum Wellnessen war, bestelle ich neugierig die erste Detoxkur für Daheim. Suppen, Säfte und Ingwershots, dazu eine Packung Kräutertee und ein grosses Glas Granola, wobei ich die 3-Tages-Detox-Variante wähle.
«Immun», «Energy», «Recharge» oder auch «Detox» steht auf den Gläsern und ich springe, schlicht gestrickt wie ein Topflappen, auf die Marketingversprechen an.
Schnell wird klar: Hier erwartet mich kein Hardcore-Fasten. Frühstück mit Granola, das nach Gusto mit Hafermilch und Beeren gemixt werden darf. Kein kulinarischer Höhenflug, aber ernährungsphysiologisch solide: gepufftes Quinoa, Roggen und Nüsse, kein zugesetzter Zucker. Die Säfte schmecken frisch – etwa die Mischung aus Karotte, Ingwer, Birne und Sellerie.
Nur der grüne Salatsaft trennt sich optisch gruselig in Flöckchen und klare Flüssigkeit, aber: alles harmlos und einmal schütteln hilft. Die Suppen, von Erbse bis Kürbis-Karotte, sind durchweg gelungen, selbst die Lauchsuppe überzeugt trotz Tapetenkleister-Optik. Einziger Haken: Alles muss gekühlt werden und ist nur kurz haltbar, dafür keine Konservierungsstoffe.
Der Tiefpunkt:
Ich liebe die Vorstellung von humanoidem Frühjahrsputz und springe entsprechend bereitwillig auf eine 3-Tage-«Detoxkur» inklusive «Entschlackungstee» an. Trotzdem kann man an dieser Stelle gar nicht oft genug die naturwissenschaftliche Spassbremse ziehen: Schlackenstoffe existieren im menschlichen Körper nicht. Der Begriff stammt aus der Metallurgie. Unser Körper baut Stoffwechselprodukte und potenziell schädliche Substanzen ganz von allein ab – über Leber, Nieren, Darm, Lunge und Haut.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die Anleitung bleibt knapp. Ich hätte gern mehr über Wirkmechanismen erfahren und ein paar begleitende Wohlfühltipps wie auf der Website (Bäder, Leberwickel etc.) wären auch noch schön gewesen.
"Detox und Entschlackungstee? Schlackenstoffe existieren im menschlichen Körper nicht. Der Begriff stammt aus der Metallurgie"
Warum es sich lohnt:
Weil es immer eine gute Idee ist, dem Körper eine Pause von Zucker, Weizen und Industrienahrung zu gönnen. Genau dafür ist dieses All-inclusive-Paket ideal. Niederschwellig, alltagstauglich, unkompliziert. Alles ist vorbereitet, man muss nur Gläser öffnen oder kurz den Herd anschalten – und kommt erstaunlich gut gesättigt durch den Tag.
Wer keine Wunder erwartet, bekommt eine einfache Möglichkeit, ein paar Tage unter Anleitung reduziert zu essen und sich leichter und energiereicher zu fühlen. Mit 138 Franken stimmt für mich auch das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Do it yourself: Fasten nach Buch
Was einen erwartet:
In meinem Freundeskreis gibt es fastende Freundinnen, die freudvoll auf Brühe bleiben, während drei Kinder am Esstisch Pasta verdrücken. Ich bewundere diese Disziplin, kriege selbst aber schon beim Anblick von kochendem Wasser Appetit. Kurzerhand fliehe ich vor den Versuchungen und niste mich in der leerstehenden Ferienwohnung einer Freundin ein. Im Gepäck Hellmut Lützners «Wie neugeboren durch Fasten».
Ein Klassiker aus den Siebzigern, geschrieben von einem Internisten, der das Buchinger-Fasten massentauglich gemacht hat. Der Ansatz: fünf Tage komplett auf feste Nahrung verzichten, stattdessen Wasser, Tee, etwas Saft und selbstgekochte Gemüsebrühe. Dazu ein klar strukturierter Ablauf mit Vorbereitungstagen, Einkaufsliste, Darmentlastung, eigentlichen Fastentagen und anschliessendem, sehr bewusstem Aufbau – Rezepte und Hintergrundinformationen inklusive.
Der Tiefpunkt:
Gerade in den ersten beiden Nächten schlafe ich unruhig, wache nachts auf, träume psychedelischen Irrsinn, schwitze, friere – ein bisschen wie ein schlecht temperiertes Experiment. Ich bin gereizt und habe Heimweh. Kochen fehlt mir, ebenso das soziale Element des Essens.
"Rieche ich merkwürdig? Vorsorglich schrubbe ich meine Zunge"
In kafkaesker Manier widme ich mich einer extremen Selbstzentrierung. Rieche ich merkwürdig? Vorsorglich schrubbe ich meine Zunge mit einem Spatel – beim Fasten bilden sich tatsächlich mehr Beläge aus Bakterien und abgestorbenen Zellen, weil weniger Speichel produziert wird. Checke vor dem Vergrösserungsspiegel, ob ich allein dank der deutlich erhöhten Flüssigkeitszufuhr ein verfeinertes Hautbild habe (gut durchfeuchtete Haut wirkt glatter, reflektiert Licht gleichmässiger – und Poren treten optisch weniger hervor) und ob ich abgenommen habe.
Und ich frage mich, wie besessen, wie es um meinen Hungerstatus steht und erkenne: ich darbe nicht, ich langweile mich. Zumindest die ersten anderthalb Tage. Danach gehe ich viel raus und fühle mich klasse.
Warum es sich lohnt:
Wer mehrere Tage ohne feste Nahrung auskommt, bekommt ein ziemlich genaues Gefühl dafür, wie robust – und gleichzeitig wie sensibel – der eigene Körper ist. Ich lese nach, dass mein Stoffwechsel schon nach 24 bis 48 Stunden beginnt, umzuschalten.
"Ist es nicht irre, dass ich super funktioniere, mich fit fühle, ohne zu essen? Ich bin ein Wunder!"
Die Glykogenspeicher leeren sich, der Körper greift vermehrt auf Fettreserven zurück und produziert Ketonkörper, die nicht nur Energie liefern, sondern auch das Hungergefühl dämpfen können.
Parallel dazu sinkt der Insulinspiegel, während Prozesse wie die sogenannte Autophagie – eine Art zelluläres Recyclingprogramm – angeregt werden, bei dem beschädigte Zellbestandteile abgebaut werden. Studien zeigen zudem, dass kurzfristiges Fasten Entzündungsmarker reduzieren und die Insulinsensitivität verbessern kann.
Wie schon Millionen Menschen vor mir, verfalle ich dann am dritten Tag in den Lobpreisungsmodus: Ist es nicht irre, dass ich super funktioniere, mich fit fühle, ohne zu essen? Ich bin ein Wunder!
Wenig später mache ich mein erstes Selfie mit Apfel. Den nämlich will ich abends dünsten und in Miniportionen zu mir nehmen. Übrigens während die Familie Pasta isst. Macht mir mal gar nichts mehr aus. Genauso wenig wie die verfrühte Heimreise: Drei Tage ohne reichen mir, zumal ich auch nach meiner Heimkehr noch ein paar Wochen bewusster wahrnehme, was ich zu mir nehme.
High-End-Kur: Im Medical Spa
Was einen erwartet:
Natürlich gibt es verschiedene Top-Adressen unter den Luxus-Medical-Spas, aber in puncto umfassendem Angebot überzeugt mich der Lanserhof und ich checke im Stammhaus in Lans ein.
Dieser bietet ein durchgetaktetes Gesundheitsprogramm mit medizinischem Überbau. Grundlage ist die F. X.-Mayr-Kur: viel Ruhe, sehr bewusstes Essen – oder besser gesagt: sehr wenig davon – und ein Fokus auf Darmgesundheit. Schon beim Ankommen wird klar: Die meinen es ernst. Anamnesegespräch, Untersuchungen, die dringliche Bitte, offline zu bleiben – und ein minutiös erstellter Therapieplan. Morgens beginnt alles mit einem Glas – brr – Bittersalz, dem physiologischen Startschuss für die Fastenkur. Blutwerte, Mikrobiom-Analysen, Bewegungsprogramme, Massagen, Infusionen. Wer möchte, kann sein Programm beliebig erweitern – von Kraniosakraltherapie bis Höhenlufttraining.
"Leider sackt mein Kreislauf ab und ich übergebe mich wie ein Teenager im Spring Break"
Ich nehme mit, was geht, lerne trocken gekautes Dinkelbrötchen als Achtsamkeitsübung zu begreifen und leichte Brühen löffelweise mit beinahe meditativer Hingabe zu mir zu nehmen. Trotz Minimalernährung bleibt meine Tüte geschmuggelter Trockenmangos unangetastet. Der Körper schaltet nach ein, zwei Tagen spürbar um. Der Kopf wird klarer, der Fokus schärfer. Ich mache Frühsport im Wald mit, atme bewusst durch und freue mich auf abendlichen Kräutertee vor meinem zimmereigenen Kamin.
Der Tiefpunkt:
Das Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training. Mit Atemmaske liege ich auf einer Liege, während sauerstoffarme und -reiche Luft im Wechsel zugeführt wird – eine Simulation von Höhenlagen bis zu 4.500 Metern. Die Idee: den Körper durch gezielten Sauerstoffmangel effizienter arbeiten zu lassen, den Stoffwechsel anzukurbeln und die Zellregeneration zu fördern. Klingt beeindruckend, nur sackt mein Kreislauf einige Stunden später ab und ich übergebe mich wie ein Teenager im Spring Break.
Diagnose: in seltenen Fällen stellt sich eine Art Mini-Höhenkrankheit ein – also jene Reaktion, die meldet, dass der Körper aufgrund von Sauerstoffmangel überfordert ist. Ich switche zu Vitamininfusionen und stelle auf Schonkost um.
Warum es sich lohnt:
Ok, zugegeben: Hier lässt man problemlos 7000 Franken und mehr, aber wenn ich es mir leisten könnte, würde ich jedes Jahr zum Reset herkommen. Die Konsequenz, mit der hier Gäst:innen ihre Gesundheit ganzheitlich in Form bringen und Anwendungen ausprobieren können, von deren Existenz sie zuvor nichts wussten (Kraniosakraltherapie und Feuerritual kann ich wärmstens empfehlen), ist hollywoodreif – und sollte ich es nochmal hierher schaffen, will ich unbedingt den sagenumwobenen Schamanen kennenlernen.
Nach ein paar Tagen fühle ich mich körperlich wie mental leichter, fokussierter, aufgeräumter. Der Schlaf ist tiefer, die Gedanken ruhiger, das Energielevel stabiler – und ich weiss genauer, wo ich gesundheitlich stehe, und nehme eine Menge Learnings mit. Bis zum Lottogewinn frische ich meine guten Vorsätze von gedünstetem Gemüse und Dinkel-Kautrainern via Low-Budget-Variante mit dem Kochbuch («Die heilende Kraft der Ernährung») des Hauses auf…