Ganz schön vanilla: Von Bettgeschichten bis Duftmärchen
Hallo, Süsse. Sexy oder viel zu gefällig? An Vanilledüften scheiden sich die Geister, wenn es um Geschmäcker und Düfte geht.
- Von: Sandra Brun
- Bild: Death to Stock
Na, sind Sie auch eher vanilla? Die einen zucken wohl empört zusammen ob dieser Frage, andere fühlen sich stilsicher und wieder andere rümpfen das Näschen. Aber der Reihe nach.
Vanille ist in erster Linie ja einfach eine Pflanze, genauer eine tropische Kletterorchidee, die in heissen, feuchten Regionen wächst. Wichtigstes Anbaugebiet: Madagaskar. Schön exotisch also, aber auch eher wichtigtuerisch, die Gute. Befruchten lässt sie sich nämlich nur genau einen einzigen Vormittag lang, wenn die Blüte blüht. Man muss also flink sein, denn bestäubt wird manuell.
Hats geklappt, wächst eine grüne Schote, die nach einem halben Jahr von Hand geerntet und anschliessend fermentiert und getrocknet wird – dann, und erst dann, entwickelt sich das typische Vanillearoma. Der aufwändige Prozess erklärt, warum Vanille eins der teuersten Gewürze der Welt ist. Und liefert zugleich den Grund dafür, warum Vanillearoma auch gern künstlich und somit günstig hergestellt wird.
Vanille spaltet die Gemüter, die einen lieben sie – anderen ist der gefällige, vor allem in künstlicher Form eher platt daherkommende Geschmack schlicht zu langweilig. Etwas für die breite Masse, süss und harmlos, das lässt einen schnell auch an «Vanilla Sex» denken, abgeleitet vom englischen Begriff «Plain Vanilla», was als «eher gewöhnlich» übersetzt werden kann. Übertragen auf sexuelle Praktiken würden manche sagen: brav statt BDSM. Klassisch statt kinky. Wertungen sind dabei infrage zu stellen, denn genau wie Vorlieben bei Glacesorten sind auch Vorlieben bei Bettgeschichten schlicht Geschmackssache.
"Bis dato eher an Victoria’s-Secret-Bodysprays erinnernd als an luxuriöse Parfums, eroberte Vanille plötzlich die gehobene Duftwelt"
«Vanilla Sex» ist auch der Name eines Dufts von Tom Ford, der vor gut zwei Jahren für Aufsehen sorgte – Vanille gilt schliesslich als natürliches Aphrodisiakum und Tom Ford als King of Sex.
Süss und sinnlich, bis dato eher an Victoria’s-Secret-Bodysprays erinnernd als an luxuriöse Parfums, eroberte Vanille anschliessend – und seither ohne Abbruch – die gehobene Duftwelt. Von Armani über Calvin Klein bis Valentino ist Vanille gerade Star-Inhaltsstoff aktueller Duftneuheiten.
Bis vor Kurzem waren auch die sogenannten «Vanilla Girls» omnipräsent: Sie kleideten sich zurückhaltend vanilleglacefarben, schminkten sich dezent und betteten sich einheitlich farblos – fast exklusiv weiss, blond, dünn und normschön gingen sie uns in ihrer blassen Perfektion schnell auf die Nerven.
Nun freuten wir uns gerade, dass wieder etwas mehr Aufregung und Abwechslung in die Kleiderschränke, Schminktäschchen und Wohnzimmer einzog; dass man auch mal wieder Augenringe haben darf, ungeföhnte Haare, verschmierten Lippenstift. Aber dufttechnisch müssen wir scheinbar noch etwas warten auf aufregende Vielfalt.