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"Holen Sie ihm halt einfach einen runter": Sexismus in der Paartherapie

In einer Welt, in der die Grenzen und Bedürfnisse von Frauen systematisch übergangen werden, ist die Paartherapie nicht immer ein Safe Space. Zwei Paartherapeutinnen berichten, wie patriarchale Rollenbilder auch in der Therapie fortbestehen.

Johanna Fröhlich Zapata kennt sie alle: Die Geschichte der erschöpften Ehefrau, der nahegelegt wird, sich einfach mal zum Sex zu zwingen – die Lust käme schliesslich beim Essen. Die der jungen Mutter, der eingeredet wird, mit der 50:50-Aufteilung der Care-Arbeit schade sie ihrem Baby. Oder die der Frau, die sich aufreibt zwischen Beruf, Kindern, Wäsche und Kochen, und der dann geraten wird, ihren Mann einfach ein bisschen besser «durch den Haushalt zu schleusen».

Fröhlich Zapata ist Paartherapeutin mit feministischem Ansatz. Und manchmal kann sie es selbst kaum glauben, dass Therapeut:innen auch heute noch raten, «sich zu lustlosen Handjobs zu überwinden, wenn Mental Load die eigene Libido erstickt hat».

Sie berichtet von Frauen, die verstört von der herkömmlichen Paartherapie bei ihr landen. Von Frauen, die erleben, dass die Paartherapie kein Safe Space ist. Statt die Beziehungsdynamik ernst zu nehmen, wurde ihnen eingeredet, sie selbst seien das Problem.

Durchströmt von patriarchalem Denken

Natürlich sei es die Intention der Therapeut:innen, ihren Patient:innen zu helfen, so Fröhlich Zapata. «Aber sie sind eben auch durchströmt von patriarchalem Denken.» Anders gesagt: Wir alle sind mit Rollen- und Beziehungsmustern aufgewachsen, die wir unbewusst verinnerlicht haben. Das gelte auch für Therapeut:innen. Aber bei ihnen hat es besonders gravierende Folgen.

Schliesslich, sagt Johanna Fröhlich Zapata, zeigen Menschen sich in der Therapie besonders verwundbar und beeinflussbar. Die Autorität der Therapieperson werde selten hinterfragt. Gerade Frauen, die bereits als Kind lernen, «lieb, brav, interessiert, aber nicht zu laut, nicht zu kritisch» zu sein, seien hier besonders anfällig.

In ihrer Praxis habe sie immer wieder mit Patientinnen zu tun, denen in vorangegangenen Therapien Überzeugungen und Ängste eingeredet worden seien, die sie vorher nicht hatten.

Auch die Paar- und Sexualtherapeutin Julia Henchen hat sich mit dem Thema Sexismus in der Therapie beschäftigt. In ihrem neuen Buch «Lust Macht Begehren» beschreibt sie, wie das Patriarchat unsere Beziehungen und unser Begehren prägt.

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"Die Erzählung ist: Der Mann hat Bedürfnisse und mit der Frau, die sie nicht erfüllen will, stimmt was nicht"

Auf ihrem Instagram-Account reflektiert sie die falschen Vorstellungen ihrer eigenen Disziplin: etwa, dass Männer Sex brauchen. Und Frauen ihn geben oder – frech – verweigern können. Die Erzählung ist also: Der Mann hat Bedürfnisse und mit der Frau, die sie nicht erfüllen will, stimmt was nicht.

Henchens Analyse: «Wenn Therapeut:innen patriarchale Machtverhältnisse nicht erkennen und sie wie Beziehungskonflikte behandeln, ohne die gesellschaftlichen Strukturen mitzudenken, in denen sie überhaupt entstehen, dann wird aus struktureller Ungleichheit plötzlich ein individuelles Problem. Mental Load wird zum Perfektionismus. Care-Arbeit zum Mutterinstinkt und ungleich verteilte Verantwortung zu einem Kommunikationsproblem.»

Viele Konflikte sind Systemkonflikte

Dabei sind viele Konflikte eben genau das: Systemkonflikte. Ungerecht verteilte Arbeit, der Gender Pay Gap und die daraus entstehenden Machtdynamiken sind Folge patriarchaler Strukturen.

Auch in Fröhlich Zapatas Beratung wird deshalb ganz konkret über Hausarbeit gesprochen, statt das hartnäckige Streitthema zu psychologisieren. Nicht: «Wie fühlen Sie sich, wenn Ihr Mann den Abwasch vergessen hat?», sondern physische Listen, in denen die Belastung alltäglicher Aufgaben sichtbar gemacht – und verteilt wird. «Ich sehe das ja immer wieder, dass da eine völlig ausgebrannte Frau vor mir sitzt und ein Mann, der sagt: Ich weiss gar nicht, was das Problem ist.»

Klar, es ist wichtig, dass unbezahlte Arbeit gesehen und besser verteilt wird, aber besteht beim feministischen Ansatz nicht auch die Gefahr, dass das Pendel in die andere Richtung schwingt? Dass die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Männer übergangen werden? Vielleicht noch garniert mit dem Pauschalvorwurf egoistischer Nutzniesser eines ungerechten Systems zu sein?

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"Wenn Macht, Ressourcen und Verantwortung ungleich verteilt sind, bringt es nichts, so zu tun, als wären das einfach zwei gleichwertige Perspektiven"

Neutral sei sie tatsächlich nicht, gibt Julia Henchen zu. «Warum? Weil ich Neutralität nicht automatisch für professionell halte. Wenn Macht, Ressourcen und Verantwortung ungleich verteilt sind, bringt es halt nichts, so zu tun, als wären das einfach zwei gleichwertige Perspektiven.»

Das bedeutet auch, dass die Lösung eines Konflikts nicht immer im Kompromiss liegt. «Wenn die Ausgangslage schon ungleich ist, kann ‹Trefft euch doch irgendwo dazwischen› einfach bedeuten: Die Person, die bisher mehr getragen hat, trägt jetzt ein bisschen weniger.»

Keine Männerhasserin

Trotzdem ist sie überzeugt, dass auch Männer gewinnen können. «Ich interessiere mich genauso dafür, wo Männer unter klassischen Männerrollen leiden: funktionieren müssen, wenig Zugang zu Verletzlichkeit haben, Nähe fast nur über Sex herstellen dürfen oder das Gefühl haben, immer ‹stark› sein zu müssen.»

Den Vorwurf, eine Männerhasserin zu sein, weist sie entschieden von sich: «Ich habe wahrscheinlich mit mehr Männern über ihre Verletzlichkeit, ihre Ängste, ihre Scham und ihre Beziehungen gesprochen, als die meisten Männer es jemals tun werden.»

Das bedeute aber nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen. Sie ernst zu nehmen, bedeute eben auch, ihnen ihre Verantwortung klarzumachen. «Die Männer, die bei mir in der Therapie sitzen, sind mir wichtig. Nicht, obwohl ich feministisch arbeite, sondern weil ich es tue.»

Fröhlich Zapata hebt einen Aspekt hervor, den man leicht vergisst, wenn man Männer und Frauen als Gegenspieler:innen betrachtet: die Tatsache, dass Menschen beider Geschlechter vom Patriarchat geprägt wurden.

Das Gewächshaus des Patriarchats

«Wir haben ja von früh auf gelernt, uns als Mädchen, als Frau, als Junge oder Mann zu verhalten. Wir sind sozusagen im Gewächshaus des Patriarchats gross geworden. Immer wieder wurden wir in unserer Identität, unserer Wahrnehmung und unserem Verhalten gestutzt, um besser in die Geschlechtererwartungen hineinzupassen. Da kommen wir gar nicht raus. Mich beschäftigt denn auch nicht die Frage, ob ein Konflikt strukturell oder individuell ist, sondern wie das Individuelle vom Strukturellen gerahmt ist, ohne dass wir es merken.»

Vieles werde in diesem Kontext erst verständlich und lösbar. Zumal patriarchale Prägung auch Männer in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit einhegt. In der Therapie würden sie oft erst ihr Verhältnis zum eigenen Vater reflektieren und versäumte Momente mit dem eigenen Nachwuchs betrauern. «An diesem Punkt kann das Paar wieder zusammenfinden. Nicht der Partner oder die Partnerin ist der Gegner – sondern das Patriarchat.»

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