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«Lonely Single Men»: Warum Männer den Ansprüchen von Frauen nicht mehr genügen

Liebe & Sex 

«Lonely Single Men»: Warum Männer den Ansprüchen von Frauen nicht mehr genügen

Hetero-Männer sind laut «Psychology Today» so einsam wie seit Generationen nicht mehr. Der Grund: Frauen selektieren bei der Partnerwahl härter. Was Online-Dating-Fatigue damit zu tun hat und wie wir wieder auf Augenhöhe miteinander kommen, erklärt Psychologin und Wissenschaftlerin Johanna Degen.

Die Lage für männliche Hetero-Singles ist ungemütlich. Das hält zumindest der Artikel «The Rise of Lonely, Single Men» von «Psychology Today» fest, der bei Social Media viral ging. Heterosexuelle Männer jüngeren und mittleren Alters seien gemäss des Beitrags so einsam wie seit Generationen nicht mehr.

Die Dating-Möglichkeiten für Männer, die an Frauen interessiert sind, würden abnehmen – während die Ansprüche von Frauen an Beziehungen mit Männern steigen. Und: Weil etwa 62 Prozent der User:innen von Dating-Apps Männer sind, hätten sie weniger Chancen auf ein Date als Frauen.

Harte Konkurrenz

Da die Konkurrenz bei der Online-Partner:innensuche hart ist, seien Frauen zunehmend wählerisch, schreibt der Autor des Artikels Psy.D. Greg Matos. Von Frauen zwischen 25 und 45 höre er in Gesprächen immer wieder, dass sie Männer bevorzugen, die emotional verfügbar seien, gut kommunizieren können und ihre Werte teilen würden. «Für Männer bedeutet dies eine Kluft in Beziehungsfähigkeiten. Gehen sie diese nicht an, drohen ihnen weniger Dating-Möglichkeiten und ein längeres Dasein als Single», schreibt Greg Matos.

Geht es um die Anforderungen an eine Beziehung, ist also ein Graben zwischen Männern und Frauen zu beobachten. Doch wie lässt sich dieser Gap überwinden? Wir haben mit der deutschen Psychologin und Wissenschaftlerin Johanna Degen gesprochen, die zur Nutzung von Dating-Apps forscht und das Phänomen für uns eingeordnet hat.

annabelle: Warum erfüllen Männer die Ansprüche von Frauen nicht mehr?
Johanna Degen: Zwischen den Geschlechtern zeigt sich eine Verhärtung. Es gibt eine Gruppenbildung, die vor allem bei Social Media sehr gut zu sehen ist: Anstatt sich miteinander auszutauschen, werden Meinungen in der eigenen Blase bestärkt, zum Beispiel von Personen wie Andrew Tate oder Accounts wie «Lalalaletmeexplain». Dort geht es mit Vorwürfen und Abwertungen vom anderen Geschlecht mitunter hart zu.

Was wären denn solche Vorwürfe?
Männer in diesen Diskursen sagen beispielsweise, dass Frauen die Anspruchshaltung an Dating über den Kopf gestiegen sei. Sie hätten ganz allgemein zu hohe Erwartungen an Männer. Die müssen heute sensibel, cool, männlich und feministisch sein – nicht mehr «nur» Ernährer und Beschützer. Da es auf Dating-Plattformen mehr Männer hat, selektieren Frauen härter. Wir haben viele Angaben von Männern, die das verletzt. Sie sagen, dass der Ton ihnen gegenüber heftig sei.

Inwiefern ist der Ton gegenüber Männern heftig?
Mir berichten Männer, sie kriegten von Frauen direkt vor den Bug geknallt: «Schick mir bloss kein Schwanzbild! Wehe, du bist noch so ein Arschloch.» Oder sie werden geghostet. Das erleben viele als extrem abwertend und verletzend.

Wie reagieren sie darauf?
Viele identifizieren sich mit Gleichgesinnten und möchten sich mit ihnen gut stellen. Das stiftet Identität und dient dem Selbstwert. Und das geschieht durch Abwertung des anderen Geschlechts.

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«Uns fehlt eine Vorstellung davon, wie eine Beziehung sein kann, die nicht von Leidenschaft und Sex geprägt ist»

Also heisst das im Grunde genommen, dass Frauen Schuld sind oder zu hohe Ansprüche haben?
Wir müssen davon wegkommen, den Diskurs weiter zu verhärten und Schuld zuzuweisen. Beide haben Recht in ihrem Empfinden! Und beide treten nach unten. Frauen sagen nämlich im Gegenzug: Was brauche ich denn noch einen haarigen Männerpo auf meinen frischen Bettlaken? Was sind Männer überhaupt noch wert? Der Tenor lautet: Wir haben Mental Load, machen schon das allermeiste und der Kerl bringt nicht mal den Müll raus. Männer und Frauen gleichermassen wollen anerkannt und geliebt werden – das Problem ist, dass es nicht mehr zum Austausch kommt.

Warum findet kein Austausch statt?
Weil beide nicht mehr in Kontakt mit dem anderen Geschlecht treten. Statt sich als Single zu bezeichnen, nennen sich heute viele «Solistin oder Solist». Jemand, die oder der nicht wartend und suchend ist. Sondern sich selbst genügt und sich ein angenehmes Leben macht statt der unmittelbaren Perspektive, geghostet und angeschnauzt zu werden. Sie treffen sich lieber mit Freund:innen und haben keine Lust auf den Austausch mit dem anderen Geschlecht. Nur: Wenn wir die Haltung annehmen, halt lieber alleine zu bleiben, kommen wir nicht miteinander in die Kommunikation.

Wie kam es überhaupt zu dieser Verhärtung?
Ich habe die Hypothese, dass auch Online-Dating stark dazu beigetragen hat, weil Online-Dating eine sehr grosse Projektionsfläche bietet.

Wie meinen Sie das?
Wird man geghostet, kann man da viel reininterpretieren und sich selbst ein negatives Narrativ bestätigen. Zudem gibt es noch die kollektive Lage: Durch reihenweise Enttäuschung in diesem Medium passiert ein «Othering». Dabei wird die andere Partei zur entfremdeten Gruppe, weil man selbst so abgewertet wurde, dann erwarten alle von allen das Schlechteste.

Und inwiefern kam es durch Online-Dating zu diesem «Othering»?
Das ist ein historischer Prozess, aber Online-Dating hat die Entwicklung befeuert. Man erlebt sich selbst als Produkt auf einem Markt und versucht, den eigenen Selbstwert zu regulieren. Im Online-Dating wird viel unterstellt und verallgemeinert: Frauen gelten als umtriebig, Männer werden als verzweifelt oder als Player gesehen. Erwartet man vom Gegenüber nur das Allerschlechteste, ist es programmatisch, dass man enttäuscht wird. Man kriegt so eine Art Negativ-Zoom.

Das Problem ist also, dass wir beim Dating vom Schlechtesten ausgehen?
Ja. Es ist nicht das einzige, aber sicher ein Problem. Dazu kommen riesige Erwartungen daran, was Liebe, Sex und Dating für uns machen sollen. Sowohl Männer als Frauen gehen davon aus, dass beim Dating alles problemlos läuft, es unheimlich knallt und man über die Tristesse des Alltags hinausgehoben wird. Das mag am Anfang funktionieren, aber uns fehlt eine Vorstellung davon, wie eine Beziehung sein kann, die nicht von Leidenschaft und Sex geprägt ist. Neben diesen hohen Erwartungen gibt es gleichzeitig die Einstellung, bereits im Vorhinein mit Enttäuschung zu rechnen und das Gegenüber abzuwerten. Es herrscht ausserdem eine sehr starke Ich-Zentrierung: Oft fokussiert man sich auf die Frage, was man kriegt – und nicht darauf, was man selbst zur Sache beiträgt oder für das Gegenüber macht.

Gemäss «Psychology Today» müssen Hetero-Männer Defizite ausgleichen, um gesündere Beziehungserwartungen zu erfüllen. Wie ordnen Sie das ein und wie kommen wir wieder auf Augenhöhe?
Männer müssen eine neue postphallische Männlichkeit entwickeln – und das ist richtig schwer. Das kann eine Chance sein und ein spannendes Spielfeld. Und vor allem müssen Frauen Männer einfach mal lassen. Frauen können emotionale Arbeit anders leisten – was nicht heisst, dass man Männer schonen muss. Aber wieso müssen wir alle das Gleiche leisten? Warum dürfen wir nicht auch in der Unterschiedlichkeit Spannung geniessen, warum nicht anerkennen, welche Fähigkeiten der:die eine und welche der:die andere hat?

Also haben Frauen doch zu hohe Erwartungen an Männer?
Ja und nein. Es gibt noch immer Altersarmut bei Frauen und eine so strukturelle Ungleichheit, dass es keine zu hohe Erwartung ist, weiter daran zu arbeiten. Beim Dating handeln wir – auch online – oft sehr intuitiv, ohne unser Handeln zu hinterfragen. Wir sind aktuell nicht in einem Kommunikationshoch, auch weil wir viel digital kommunizieren. Ich finde es schon heftig, welches Bashing an Männern im Mainstream-Diskurs erlaubt ist. Und ich finde es interessant, dass das umgekehrt bei Frauen nicht akzeptiert wird.

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«Wir haben Online-Dating-Fatigue, es ist eine Erschöpfung spürbar»

Aber dieses Verhalten hat doch oft einen Grund: Mir fällt in meinen Social Media Feeds auf, dass Frauen oft aus einer Ohnmacht, Verzweiflung oder einem Unmut über frauenfeindliches Verhalten von Männern Witze über sie machen.
Unsere heutigen Daten vom Online-Dating zeichnen ein Bild von sexueller Reduktion, sexuell übergriffiger Sprache, schlicht: von einer Negativ-Erfahrung. Unsere Forschung zeigt mir gleichzeitig, dass viele Frauen darunter leiden, dass man seit der Raumverengung durch #MeToo kaum mehr von Männern angesprochen wird. Viele Frauen finden es schade, weil man sich dadurch fast zwingend online begegnen muss. Ich kriege oft gespiegelt, dass der Flirt im öffentlichen Raum fehlt, weil Männer Angst vor der politischen Riskierung haben. Am Anfang von Online-Dating wurde unterstellt, dass diese Plattformen nur für Sex zu gebrauchen seien. Dann hat sich gezeigt, dass Romantik und Liebe genauso zu finden sind. Heute sind wir beim Online-Dating eigentlich wieder beim Anfang gelandet, in der Abwertung der Applikation und des Gegenübers.

Haben wir ein Burnout vom Online-Dating?
Ja. Wir haben Online-Dating-Fatigue, es ist eine Erschöpfung spürbar. Die Menschen kämpfen damit. Der öffentliche Raum scheint nicht zu funktionieren, also warten alle auf die nächste App. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch in einem grösseren Kontext einzuordnen: Wir sind im Moment verängstigt, sehen dystopisch in die Zukunft. Es ist finanziell schwieriger geworden und es herrscht eine aggressive Aufladung der Gesellschaft. Da denkt man sich als Frau eher: Ich bin in einer existenziellen Not, soll mir, salopp gesagt, der Mann wenigstens das Geld heimbringen.

Der Mann, der das Geld nach Hause bringt – inwiefern trägt die aktuelle Weltlage zu den heteronormativen Rollenbildern bei?
Wir sehen jetzt eine höhere finanzielle Last auf Familien und viele Personen können sich wieder vermehrt eine Trennung nicht leisten, das ändert viel. Zudem sind wir mitten in einer Remoralisierung. Frauen werden für die Anzahl ihrer Sexualpartner:innen verurteilt und auf Social Media werden uns konservative Abbilder von Familien gezeigt. Fashion-Blogger:innen, die in karierten Küchen in Vorstadtvillen sitzen und ihr:en Highschool-Sweetheart geheiratet haben. Diese Bilder von Kernfamilie, Schürze und Kürbiskuchen beeinflussen unterbewusst unsere Vorstellung von Liebe.

Gemäss «Psychology Today» besteht nun die Möglichkeit, dass wir romantische Beziehungen revolutionieren und gesündere Normen etablieren. Wie schaffen wir das?
Ich würde mir wünschen, dass wir neue positive Rollen entdecken, wo es eine Weiblichkeit gibt, ohne dass sie erschöpfend sein muss. Und aber auch eine Männlichkeit, die positiv sein kann, ohne dass ein Mann jeden Abend feministische Theorie diskutieren muss. Aus einer verletzten Position Anerkennung für den:die andere:n zu empfinden, ist schwer. Ein kleines Gedankenspiel wäre, dass man überlegt: Was trage ich eigentlich zum Leben des Gegenübers bei? Was könnte ich an der:dem anderen anerkennen? So könnte es uns vielleicht gelingen, diese Verhärtung aufzulösen.

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Dr. phil Johanna Degen ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychologie-Dozentin an der Europa-Universität in Flensburg tätig. Sie ist Paartherapeutin und forscht seit 2017 zur Nutzung von Dating-Apps wie Tinder.

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Manuela

Aufrütelnder Text.
Schade, dass sich zuerst so ein Missstand entwickelt hat, bevor Frauen und Männer wieder die wertvollen Seiten des Gegenübers schätzen lernen.
Mit Achtsamkeit, Toleranz und Liebe entstehen wundervolle Begegnungen, die eine ganze Gesellschaft bereichern.

Das kann gelernt werden.
Trau dich, sprich über deine Ängste und Unsicherheiten, erwähne aber auch deine Wünsche und Ziele gegenüber einem:einer potentiellen Lebensgefährten:Lebensgefährtin.

Es gibt auch professionelle Menschen, die dich Beziehung Lehren und dir Kommunikation auf Augenhöhe zeigen.

Marc

Vielen Dank für das Super-Interview. Jetzt meldet sich noch der 52-jährige Single (hetero). Ich habe beim Dating folgendes festgestellt. Mann kommt mit sehr interessanten Frauen in Kontakt, braucht aber Nerven. Ich hatte ein Date mit einer attraktiven, finanziell unabhängigen Frau. Sie hatte auf Tinder in 24h, 2‘500 likes. Da zu bestehen muss Mann einiges Mitbringen, es ist klar Frauenwahl. Weiter lassen schon beim Profil, ersten Chat oder ersten Date viele Frauen folgenden Satz fallen: „Eigentlich bin ich glücklich mit meinem Leben und habe ein so großes Netzwerk, da brauche ich nicht unbedingt einen Partner“! Da kann bei Männern, die eine Partnerin suchen schon Frust aufkommen. Ich bleibe optimistisch.

Jane

Dieses Interview macht mich wütend. Mal wieder wird von den Frauen erwartet, Verständnis für Männer aufzubringen. Geht’s noch? Über Jahrhunderte wurden die Frauen nicht einmal als Menschen anerkannt, wer hat da eigentlich an Männer appelliert, diesen Zustand doch bitte zu verändern? FRAUEN!!! Hat es Männer interessiert? NEIN!!! Wir haben uns jede Selbstverständlichkeit so hart erkämpfen müssen und tun dies immer noch und parallel zu all dem, wogegen wir antreten müssen, welche Steine uns in den Weg gelegt werden und das nur aufgrund unseres Geschlechts, müssen wir auch noch jetzt Männern übers Köpfchen streicheln und in einen Diskurs treten? Fuck that! Es juckt mich relativ wenig, wie einsam, verletzt, oder missverstanden sich Typen fühlen, sollen meinetwegen Selbstarbeit betreiben und uns dann auf der Augenhöhe begegnen, das ist das Mindeste, was ich von einem halbintelligenten Menschen voraussetze. Aber sich verletzt zu fühlen, weil eine Frau direkt am Anfang Grenzen setzt, oder direkt klar und deutlich ihre Erwartungen kommuniziert, was ist daran falsch, was ist daran falsch, Anforderungen zu stellen?? Männer sind es gewohnt, elendlange Listen Frauen vorzulegen, was für sie in einer Beziehung alles wichtig ist und meistens sind Anforderungen wahnwitzig! Aber kaum zeigen wir als Frauen das gleiche Verhalten wird uns ein Riegel schnell vorgeschoben und auch noch von einer Psychologin? Sorry, geht gar nicht. Was soll ich meine Zeit damit verschwenden, mir den Typen für die Beziehung zurecht zu erziehen, ihn zu lassen, ihn zu akzeptieren, wie er ist und stets sein Ego stets bestärken?? Diese Mutterersatzrolle gilt nun mal nicht mehr. Das Problem ist, dass Frauen es gewohnt sind, dass an ihnen bis aufs Detail rumgedoktert und kritisiert wird, wir gehen gestärkt daraus und kämpfen. Männer sind gewohnt akzeptiert und gefeiert zu werden, nur weil se Männer sind, kein Wunder dass sie immer mehr zu schwachen, jammernden Existenzen verkommen und nur noch mehr rumheulen, dass sie einsam sind. Mein Mitleid hält sich in Grenzen und ich bin lieber allein, als einem Typen sein Hintern hinterher zu tragen