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Offene Beziehung? Ja oder Nein?

Liebe & Sex 

Offene Beziehung? Ja oder Nein?

Auch wenn die meisten Paare eine monogame Beziehung führen, gibt es immer mehr, die sich für eine offene Partnerschaft aussprechen. Kann das funktionieren? Unsere Beauty Praktikantin Nadine Schmid und Reportage Praktikantin Alica Wenger haben unterschiedliche Ansichten.

Ja, ich kann es mir vorstellen – Alica Wenger

Auch ich war als Teenager – guten alten Hollywoodschnulzen und viel «happily ever after» sei Dank – überzeugt vom einen, klassischen Beziehungsmodell. Was Treu-Sein heisst? Davon hatte ich eine sehr konkrete Auffassung. Für mich bedeutete das eine exklusive Verbindung, basierend auf tiefen Emotionen und physischem Verlangen. Dann, mit zunehmendem Alter, Erfahrung, sowie Gina Buchers Buch «Sie trug ein grünes Kleid, der Rest war Schicksal», im dem sie Liebes- und Lebensgeschichten von Menschen im Alter zwischen 60 und 95 Jahren zusammenträgt, kam die absolute Einsicht: Ewige körperliche Treue und sexuelle Lust sind in den meisten Fällen eine Illusion. Liebe geht auch ohne Sex und umgekehrt.

Mittlerweile macht mich die Vorstellung, bis an mein Lebensende immer mit demselben Menschen Sex zu haben, nahezu klaustrophobisch. Tatsächlich geht es dabei weniger um das körperliche Rein-Raus, sondern mehr um die Begierde, den Nervenkitzel und das Unbekannte. Denn Fakt ist: Genau das bleibt im Laufe einer Beziehung irgendwann auf der Strecke. Es kommt zum ersten Magen-Darm-Infekt, dem ersten Blähbauch, die Hemmungen sinken und die rosa Brille fällt. Irgendwann kommt der Moment, in dem Lust und Aufregung verblassen und der Alltag einkehrt. Nicht, dass diese Wandelung etwas Negatives wäre. Sie bedeutet schlicht, dass aus etwas Neuem und Ungewissem etwas mehr oder weniger Solides hervorgeht. Trotzdem weckt der Gedanke, für immer auf diese Aufregung eines Neuanfangs zu verzichten, ein Gefühl der Einengung in mir. Eine offene Beziehung wirkt da plötzlich sehr befreiend. Und so kam es, dass ich in meiner aktuell monogamen Partnerschaft irgendwann den Gedanken äusserte, dass für mich eine offene Beziehung durchaus vorstellbar wäre – sollte das Verlangen nach Abwechslung auf lange Dauer überwiegen.

 

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«Eine offene Beziehung wirkt da plötzlich sehr befreiend»

Alica Wenger

Das heisst für mich nicht, dass ich mich gleich auf Tinder registriere und mich jedes Wochenende nach einem anderen Sexabenteuer umschaue. Erstens, weil ich im Moment noch nicht den Drang dazu verspüre, und zweitens, weil ich denke, die Definition einer offenen Beziehung ist von Paar zu Paar sehr individuell. So sollte man zuerst beispielsweise klären: Wo, wann, wie und wie oft? Erzählt man von den Erfahrungen oder nicht? Allein der Diskurs über dieses Thema kann eine Partnerschaft bereichern und eine Möglichkeit sein, den Partner oder die Partnerin neu kennenzulernen.

Sicher: Fremdgehen tut oftmals weh. Was dabei am meisten schmerzt, ist nicht der physische Akt an sich, sondern der Vertrauensbruch. Doch genau das ist bei einer offenen Beziehung ja nicht der Fall. Je offener man miteinander kommuniziert, je mehr Raum man einander lässt, die persönlichen Bedürfnisse kundzugeben, sie möglicherweise sogar auszuleben, desto grösser das Vertrauen. Und desto geringer der Schaden, oder etwa nicht?

«Und was ist, wenn man sich verliebt?», mögen wohl so manche denken. Ich stelle eine Gegenfrage: Woher die Garantie, dass das nicht auch sonst passiert?

 

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Nein, geht gar nicht – Nadine Schmid

Vorab, ich habe nichts gegen das Modell der offenen Beziehung. So ganz grundsätzlich. Wenn dieses Modell für die beteiligten Personen stimmt, beide damit einverstanden sind – why not. So lang beide Personen mit der Abmachung einverstanden sind, klare Vereinbarungen getroffen wurden, beide damit umgehen können und man offen kommuniziert, kann es sicher funktionieren.

Dieses Beziehungsmodell kommt für mich persönlich einfach nicht infrage. Nur schon die Vorstellung davon überfordert mich. Wieso? Vielleicht, weil ich zweifle, dass die Umsetzung wirklich gelingt (nur schon die Organisation stelle ich mir unglaublich anstrengend vor!). Vielleicht, weil ich fürchte, dass doch jemand schlussendlich verletzt wird. Vielleicht, weil ich gerade Single bin und nicht in einer langjährigen Beziehung. Vielleicht, weil ich eben doch noch an das altertümliche Konstrukt der monogamen Liebe glaube.

Wenn ich mit einer Person zusammen bin, dann will ich mit dieser Person alles teilen, was zu einer Beziehung gehört. Und zwar nur mit dieser Person. Ich will Intimität, die mich glücklich macht – und ich brauche dafür nicht mehr als einen Menschen. Für mich machen viele Aspekte eine Beziehung aus, in erster Linie aber schätze ich die Vertrautheit, die zwischen zwei Menschen entsteht – im sexuellen Sinn, aber auch sonst. Im Alltag, in den kleinen Momenten.

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«Ich will Intimität, die mich glücklich macht – und ich brauche dafür nicht mehr als einen Menschen»

Nadine Schmid

Ich kann natürlich den Zauber von etwas Neuem nachvollziehen. Die Aufregung, wenn man jemand kennenlernt. Ich kann nicht behaupten, dass ich Gedanken wie «Wie aufregend wäre es, mit jemand anderem Sex zu haben» nie in meiner Beziehung gehabt hätte. Wie es wäre, diesen Kick zu spüren, das Neue zu erforschen. Ich denke, solche Gedanken sind normal in einer Beziehung und tauchen früher oder später einmal auf. Aber bis anhin waren mir meine Beziehung und die Person, mit der ich zusammen sein will, wichtiger als dieser Kick. Vielleicht wird sich das in ein paar Jahren ändern, momentan kann ich es mir aber nicht vorstellen.

Ist mein Denken egoistisch? Die Tatsache, dass ich diese eine Person nur für mich will? Ja, kann sein. Aber sollte ich in einer Beziehung nicht genug für die andere Person sein? Und diese für mich? Eigentlich doch schon. Und will ich diese Person mit jemanden teilen? Nein, eigentlich nicht. Und genau darum bleibe ich bei der Monogamie. Und war jetzt auch sehr glücklich damit.

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