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Online-Dating in der Krise: Warum wir lernen müssen, uns wieder neu zu begegnen

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Online-Dating in der Krise: Warum wir lernen müssen, uns wieder neu zu begegnen

Bumble stellte kürzlich die Dating-Trends für 2024 vor. Welche Spielregeln gelten aktuell beim Online-Dating? Wie wirkt sich die Weltlage auf unsere Dating-Lust aus? Und warum leiden wir an einer Beziehungsverarmung? Psychologin und Wissenschafterin Johanna Degen schätzt die Lage ein.

annabelle: 2022 ordneten Sie für uns Einsamkeit unter Hetero-Männern ein. Damals sagten Sie, dass wir eine Online-Dating-Fatigue erleben, also ein Burnout von Dating-Apps. Haben wir uns von dieser Müdigkeit erholt?
Johanna Degen: Leider nein, im Gegenteil. Wir können beobachten, dass die Einsamkeit noch angestiegen ist. Man kann sagen, dass wir uns in einer Krise der Begegnung befinden.

Wie meinen Sie das?
Wir haben Mühe damit, Beziehungen zu initiieren. Wir verbringen sehr viel Zeit in parasozialen Beziehungen mit Personen bei Social Media. Es hat sich gezeigt, dass diese digitalen Verbindungen mit analogen Beziehungen konkurrenzieren. Wir befinden uns in einer Beziehungsverarmung – denn der Preis für die unmittelbare Befriedigung ist nur mässige Zufriedenheit.

Und was heisst das für Dating?
Es ist zwar kurzfristig angenehm und belohnend, online zu daten oder nach dem Feierabend bei Social Media zu scrollen. Aber auf lange Dauer verlieren wir die Beziehungskompetenz, mit anderen in Kontakt zu treten, und können uns nicht mehr auf das Gegenüber fokussieren. Beim Online-Dating knüpft man zwar noch irgendwie Kontakt, aber der Preis dafür ist enorm hoch. Wir haben ein Problem, uns zu begegnen und einander zu vertrauen.

Wir haben also durch das Digitale verlernt, uns im echten Leben zu begegnen. Wie zeigt sich das?
Es ist ein gesellschaftlicher Trend. Laut einer repräsentativen Studie sagen 40 Prozent aller Personen im deutschsprachigen Raum über sich: Ich bin komplett alleine und hätte in einer Problemlage niemanden, der mir hilft. Das sind alarmierende Zahlen. Unsere Fähigkeit, gelungen in Beziehung zu treten, nimmt ab. Unser Nervensystem beruhigt sich zwar, wenn wir auf Social Media scrollen, weil das vorhersagbare und immer gleichbleibende Strukturen sind. Aber: Es geht dabei immer nur um einen selbst und gar nicht ums Gegenüber – und so verlernen wir, uns zu begegnen.

Und was ist die Konsequenz daraus?
Man hat das Gefühl, alle sind wütend und jede:r rechnet beim Gegenüber mit dem Schlechtesten. Das ist eine Beziehungsunfähigkeit, die wir auch online lernen, weil wir in diesem Raum ganz spezifische Arten pflegen, miteinander umzugehen. Eine Grenzüberschreitung ist in diesem Raum zum Beispiel, mein Gegenüber zu ghosten. Oder ich gehe einfach in meine Meinungsblase und lasse mich da validieren.

Was bedeutet denn diese Beziehungsarmut, die wir erleben, konkret fürs Online-Dating?
Wir sind aktuell kommunikativ nicht besonders stark und haben uns deswegen kollektiv missverstanden, in dem, wie wir uns verhalten, und in dem, was wir den anderen unterstellen. Sprich: Ich erwarte von meinem Gegenüber das Schlechteste und merke, dass man auch von mir nichts erwartet. Dabei gibt es viele beziehungshungrige Seelen – es ist nur so, als würden wir aktuell aneinander vorbeisuchen.

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«Statt etwas anderes auszuprobieren, holt man sich noch mehr Dates, mehr sexuelle Kontakte – auf der Suche nach der Ausnahme»

Und was machen die Leute daraus?
Zum einen werten sie das generalisierte Gegenüber ab. Die Schuld wird beim anderen gesucht: Heterosexuelle Männer finden Frauen unmöglich, überanspruchsvoll, zickig, Schlampen. Und andersrum sagen Frauen, dass Männer armselig, Verlierer, Player oder gefährlich sind. Zum anderen wird mit mehr des Gleichen kompensiert. Und das ist ungünstig.

Was meinen Sie mit Kompensieren durch mehr des Gleichen?
Viele Menschen haben Sex, den sie gar nicht wollen – weil sie hoffen, damit Nähe zu schaffen. Was oft nicht klappt. Doch statt etwas anderes auszuprobieren, holt man sich noch mehr davon: mehr Dates, mehr sexuelle Kontakte – auf der Suche nach der Ausnahme. Die meisten kehren zu Online-Dating zurück, weil sie es als einzigen Ort erleben, an dem man sich noch begegnet.

Wir sind also beziehungshungrig, müssen aber lernen, uns anders zu begegnen. Laut des Reports von Bumble ist einer der grossen Dating-Trends dieses Jahr «Open-Hearted Masculinity»: Demnach soll jeder vierte deutsche Mann angeben, sein Verhalten aktiv geändert zu haben und in romantischen Beziehungen jetzt verletzlicher und offener zu sein als je zuvor. Wie beurteilen Sie das?
Aus paartherapeutischer Sicht sehe ich weiterhin viele Männer, die ihren Gefühlen gegenüber verschlossen sind. Wir verhandeln Geschlechterrollen zwar neu, das ist angebracht und wichtig. Gleichzeitig ist das nicht immer der beste Boden für sexuelle Spannkraft. Frauen wünschen sich mehr Geschlechtspolarität, wollen aber auch keine zu weichen Männer. Ich glaube, wir sind noch nicht bei einer gelungenen Maskulinität und Femininität angelangt. Diese sollte unterschiedlich sein und dadurch Spannung erzeugen dürfen. Sich gegenseitig anerkennen, ohne sich gleich ins andere verwandeln zu wollen.

Ein weiterer Dating-Trend ist das «Betterment Burnout»: Singles haben keine Lust mehr auf ständige Selbstverbesserung. So gab jede zweite deutsche Frau an, nur noch Menschen zu daten, die sie nicht verändern wollen. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?
Das beobachte ich gar nicht. Die Ökonomie lässt das ja gar nicht zu, im Gegenteil – wir befinden uns in einer Hyperselbstoptimierung. Wir sehen es gerade an Social Media: Man fühlt sich dadurch minderwertig, deshalb macht das auch so unglücklich. Ich beobachte die totale Angst davor, im sozialen System abzustürzen, weil es gerade härter wird. Die Mittelschicht rutscht ab, und das ist wohl nicht die Zeit, in der alle aufhören, sich selbst zu optimieren und in sich ruhen.

Was heisst das für den Dating-Kontext?
Ich sehe das als einen grossen Stress: Man stellt sich selbst besser dar, als man ist – und fühlt sich dann nicht ehrlich geliebt, wenn man auf Anklang stösst. Leute stellen ein zu positives Dating-Profil online und können den Erfolg dann nicht geniessen, weil sie genau wissen, dass das Like für eine optimierte Version ihrer Selbst ist. Man versucht sich im Moment aus der sinkenden Gesellschaft zu katapultieren, Frauen häufig über Schönheit, Männer über Härte. Eine Entspannung sehe ich nicht. Der Druck hat sogar zugenommen.

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«Man kann gar nicht frohlocken in einer Welt, die um einen herum zerfällt»

Gemäss Bumble ist soziales Bewusstsein beliebt und «Val-Core-Dating» ein weiterer Trend – einem Viertel der befragten Deutschen ist es wichtig, dass sich der oder die Partner:in aktiv in Politik und Gesellschaft engagiert. Wie beeinflusst die angespannte Weltlage unser Dating-Verhalten?
Wir beobachten, dass Menschen andere mit «Wokefishing» täuschen und auf vielen Profilen damit geworben wird, dass man in Afrika «helfen» war – ob es stimmt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Dating politisiert, weil wir quasi gar nicht mehr in Kontakt treten können, das zeigt sich auch beim Dating: Wir sehen auf den Profilen oft politische Einstellungen – Bumble fragt sogar danach. Dürfen wir nur noch innerhalb der Parteilager daten? Das finde ich gänzlich ungesund, denn es bedeutet noch weniger Austausch.

Aber man gibt die politische Richtung ja an, weil man eine:n Partner:in will, die oder der ähnliche Werte vertritt, nicht?
Die Idee dahinter ist gut, eine gelungene Beziehung hängt total vom Wertesystem ab. Man kann Beziehungsqualität und Beziehungsdauer entlang von Wertekongruenz vorhersagen: zum Beispiel in Bezug auf Familie, Stabilität, Geld und Loyalität. Aber ich beobachte, dass aktuell ein Wertemissverständnis herrscht. Es wäre gut, wenn wir mehr über Werte reden im Dating – aber auf der wahren Ebene. Ein Beispiel: Bedeutet Freiheit für mich, ein sicheres Einkommen zu haben oder in Thailand zu sitzen und nicht zu wissen, wie ich den Rückflug bezahle? Wenn man sich in solchen Fragen uneinig ist, kann man ewige Probleme haben. Diese Dinge sollte man besprechen.

Haben wir denn, in Anbetracht der Weltlage, überhaupt noch Lust auf Dating?
Ja. Wir wollen in Beziehung treten, aber wir überhöhen sie auch total. Sie soll uns von diesem ganzen Weltschmerz befreien – und das kann sie gar nicht schaffen. Gleichzeitig fällt es uns, psychoanalytisch betrachtet, schwer, zu lieben und uns lieben zu lassen, weil wir uns selbst insgesamt als lebensfeindlich wahrnehmen.

Warum?
Wenn Sie wissen, dass Sie mit Ihrer Lebensweise Igel ausrotten, macht das traurig. Dann ist es richtig schwer, sich in eine tiefe Lebenslust und Sexualität zu begeben und sich selbst und andere anzunehmen, während man weiss, dass man alles zerstört. Deswegen versauen wir uns mit unserem unethischen Sein auch die tiefste Lebenslust. Das ist schon fast eine generelle Depression. Es gibt spannende Literatur dazu, die aufzeigt: Es gibt keine Gesundheit ohne eine ökologische Gesundheit. Man kann gar nicht frohlocken in einer Welt, die um einen herum zerfällt.

Das klingt ja furchtbar.
Es gibt Hoffnung. Wir sind eine Gesellschaft, die sich über solche Themen Gedanken macht und sich dessen bewusst ist. Wir müssen aber verstehen und verinnerlichen, dass es auch uns selbst etwas bringt, wenn wir etwa Vögel retten. Höhere Werte und ethisches Verhalten sollte ich nicht nur für andere, sondern auch für mich umsetzen – die Frage ist: In welcher Welt möchte ich daten und lieben und was ist mein Beitrag dazu? Wir können heute damit anfangen, einen Schalter umzulegen und beispielsweise niemanden mehr zu ghosten – dann hätten wir es schon heute schöner.

Die Dating-Ins/Outs von Bumble 2024:

Gen-Blend-Romantik

Fast zwei von drei deutschen Frauen (64%) sind offener für eine Beziehung mit jemandem, der jünger ist als sie, was nahelegt, dass das Alter beim Dating nur eine Zahl ist. Entscheidender sind Kompatibilität und emotionale Reife, ergab die Umfrage von Bumble.

Timeline Decline

Der Timeline-Decline-Trend von Bumble zeigt, dass jede dritte Frau (33%) in Deutschland sich nicht mehr an die gesellschaftlichen «Deadlines» (in Bezug auf Beziehungen, Heirat, Kinder etc.) hält.

Open-Hearted Masculinity

Jeder vierte deutsche Mann (25%) gibt an, sein Verhalten aktiv geändert zu haben und in romantischen Beziehungen jetzt verletzlicher und offener zu sein als je zuvor, laut Bumbles Trend «Open-Hearted Masculinity».

Slow Dating

«Slow Dating» beschreibt eine bewusste Herangehensweise ans Dating, bei der es auch auf die Anzahl der Dates ankommt. Fast jede:r zweite Deutsche (46%) setzt beim Dating jetzt auf Qualität statt Quantität, und mehr als jeder vierte (28%) empfindet Personen, die mit einer mentalen Checkliste auf Dates gehen, abschreckend.

Val-Core-Dating

Nach dem Trend Val-Core-Dating von Bumble erhöhen das soziale Bewusstsein und Leidenschaft die Attraktivität. Ein Viertel der Deutschen (24%) gab an, dass es ihnen wichtig ist, dass sich ihr Partner aktiv in Politik und Gesellschaft engagiert.

Intuitive Intimacy

Laut dem Intuitive-Intimacy-Trend von Bumble findet mehr als ein Drittel (38%) der befragten Deutschen emotionale Intimität wichtiger als Sex – und auch attraktiver.

Sportsfreund:innen

Für fast die Hälfte Singles in Deutschland (42%) ist eine geteilte Liebe für Sport mittlerweile ein absolutes Must-have im Dating, unabhängig davon, ob man selbst Sport macht oder nur zuschaut.

Betterment Burnout

In 2024 haben Singles keine Lust mehr auf ständige Selbstverbesserung – Bumble nennt diesen Trend Betterment Burnout. Tatsächlich gab mehr als jede zweite deutsche Frau (51%) an, nur noch Menschen zu daten, die sie nicht verändern wollen.

Dr. phil. Johanna Degen ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychologie-Dozentin an der Europa-Universität in Flensburg tätig. Sie ist Paartherapeutin und forscht seit 2017 zur Nutzung von Dating-Apps wie Tinder.

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