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Psychotherapie: Die Redaktion erzählt von ihren Erfahrungen

Gesundheit

Psychotherapie: Die Redaktion erzählt von ihren Erfahrungen

Tiefpunkte, Erfolgserlebnisse und Finanzierbarkeit: Zum Mental Health Month teilen fünf annabelle-Mitarbeiterinnen ihre Erfahrungen mit Psychotherapeut:innen.

«In der intensivsten Phase hatte ich drei Sitzungen pro Woche»

Ich habe Anfang zwanzig meine erste Therapiestunde besucht. Als ich das meinem Vater erzählte, meinte er nur: «Sowas braucht meine Tochter doch nicht!» An dieser Reaktion erkennt man, wie tabuisiert Therapie damals war und bei vielen noch immer ist, wobei ich glaube, dass wir als Gesellschaft dem Thema Mental Health schon deutlich offener gegenüberstehen.

Ich habe drei Jahre lang eine klassische Psychoanalyse durchlaufen, in der intensivsten Phase hatte ich dreimal pro Woche eine Sitzung. Als ich schwanger wurde, bin ich erneut zur Therapie gegangen, weil ich mich bei dieser grossen Veränderung begleiten lassen wollte. Ich bin immer sehr offen mit dem Thema umgegangen.

Dass man Patient:innen für «verrückt» erklärt, wenn sie Psychotherapie in Anspruch nehmen, haben wir ja hoffentlich überwunden. Im Gegenteil: Ich finde es eher befremdlich, wenn jemand sich noch nie mit seinem Inneren auseinandergesetzt hat.

Allerdings bin ich vor Kurzem auch wieder an eine Grenze gestossen: Als ich mich privat versichern lassen wollte, wurde ich abgelehnt, weil ich schon einmal in Therapie war – zu gross sei das Risiko, dass ich eventuell einmal stationär behandelt werden müsse, sagte man mir in aller Deutlichkeit. «Ist das Risiko darauf nicht grösser, wenn jemand alle Probleme in sich hineinfrisst und dann explodiert?», fragte ich zurück. Darauf hatte die Beraterin dann leider keine standardisierte Antwort parat. – Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin

«Eine Therapie ist kein Zaubermittel, sondern ein Prozess»

Zum ersten Mal sass ich wegen einer Soziophobie bei einer Psychologin. Damals, mit etwa Anfang zwanzig, schämte ich mich enorm dafür und konnte mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als dass jemand von meinen Besuchen in der Praxis erfährt. In der Verhaltenstherapie lernte ich Skills, mit denen ich die Ängste im Alltag gut in den Griff kriegte. Die tieferliegende Ursache für meine damalige Angststörung – jahrelanger narzisstischer Missbrauch, wie ich heute weiss – war in der Behandlung aber kein Thema. So befand ich das Kapitel «Therapie» für mich schnell als abgehakt.

Bis zum grossen Deep Dive, den ich im vergangenen Jahr machte: Nach einer familiären Krise und dem schwierigen Loslösen aus einer toxischen Beziehung sass ich zeitweise wöchentlich in der Praxis meiner Psychologin. An besonders schlimmen Tagen klammerte ich mich an diesen Termin, wie an einen Rettungsanker. An anderen war es einfach nur ein sehr entlastendes Gefühl zu wissen, dass man seine Probleme regelmässig einer neutralen Person anvertrauen darf. Dass man gehört und ernst genommen wird. Und dass es einen sicheren Ort gibt, wo man Angst, Scham und Wut zurücklassen kann.

Eine Therapie ist kein Zaubermittel, sondern ein Prozess. Nach Sitzungen war ich auch schon frustriert, wütend oder enttäuscht. Etwa, weil ich mir für ein bestimmtes Problem eine easy Lösung auf dem Silbertablett wünschte, gefühlt nicht schnell genug vorankam oder von meiner Psychologin nicht das hörte, womit ich rechnete. Die Arbeit an sich selbst, die man in der Therapie macht, kann sehr anstrengend sein und richtig tief gehen. Ich musste eine komplett neue Auslegeordnung meiner Werte, Verhaltensmuster, Grenzen und Glaubenssätze machen. Das war teilweise sehr schwierig. Doch heute bin ich dankbar dafür.

Belastet hat mich die Finanzierbarkeit: Von einem Tag auf den anderen bezog ich plötzlich trotz sehr hoher Krankenkassen-Franchise viele Therapiestunden. Kurz: Die Kosten trug ich selbst, was eine grosse finanzielle Last für mich war, mit der ich nicht gerechnet hatte. Dennoch war es jeden Rappen wert, denn die Therapie veränderte mein Leben massgeblich und nachhaltig ins Positive.

Zu meiner Psychologin gehe ich heute immer noch regelmässig – einfach, um mich um meine psychische Gesundheit zu kümmern. Scham empfinde ich dafür nicht, im Gegenteil. Deshalb empfehle ich allen, die es sich irgendwie leisten können, eine Therapie auszuprobieren – in welcher Form auch immer. – Redaktorin Vanja Kadic

«Noch heute habe ich die Stimme meiner Therapeutin im Ohr»

Als ich vor fünf Jahren auf der Couch einer Psychoanalytikerin landete, war ich zuerst genervt. Zweimal die Woche soll ich da vorbei, damit «ein Prozess in Gang kommt»? Ich muss meine Franchise runterschrauben und monatlich mehr Krankenkassenkosten bezahlen? Aber mein Leidensdruck war gross, also liess ich mich darauf ein.

Nach einem eher zähen Start begann eine Reise, die rückblickend längst nicht nur dazu beigetragen hat, dass ich mich psychisch irgendwann wieder gesund fühlte. Die Analyse hat mich dazu gezwungen, mir Fragen zu stellen, auf die ich selbst nie gekommen wäre.

So kamen meine Therapeutin und ich meinen Denk- und Verhaltensmustern immer mehr auf die Schliche – in einem geschützten Raum, ganz ohne Judgement. Kaum ein Lebensbereich, der nicht zusammen durchgedacht wurde, immer wieder mit der Erkenntnis: Krass, alles hängt zusammen! Und ich bin meinen Mitmenschen und der Welt nicht ausgeliefert – ich habe einen Handlungsspielraum! So oft sass ich danach geflasht im Tram, weil ich wusste: Das heute war richtig, richtig gross.

Meine Psychoanalyse hat mir so viele Anstösse gegeben, dass ich immer noch dazulerne, obwohl die Therapie längst abgeschlossen ist. Die sogenannte Selbstanalyse hört nie auf, sagte meine Therapeutin in einer unserer letzten Stunden. Noch heute habe ich immer wieder ihre Stimme im Ohr. Sie ist zu einer «inneren Figur» geworden, die mich durchs Leben begleitet. Auch das hatte sie prophezeit. – Redaktorin Marie Hettich

«Ich bin noch auf der Suche nach dem richtigen Match»

«Just searching for the right one – and by ‹one› I mean therapist.» Als ich letztens diesen Tweet sah, musste ich schmunzeln und fühlte mich sofort verstanden. Meine Suche nach der richtigen psychologischen Unterstützung gestaltet sich nämlich mindestens so schwierig, wie die Suche nach meinem Traummann: In beiden Fällen brauche ich Mut und Ausdauer, mich immer wieder auf jemand Neuen einzulassen und einen Seelenstriptease hinzulegen. Und ich denke, in beiden Fällen sollte man auf sein Bauchgefühl hören: Falls es klar Nein zum Gegenüber sagt, sollte man diese Beziehung verlassen – aber deswegen nicht aufhören, nach einem Ja zu suchen.

Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, den richtigen Match für mich zu finden – das letzte Mal im Corona-Frühling – will ich nun einen Neustart in Sachen Therapie wagen. Da ich mein Herz auf der Zunge trage, bin ich nämlich überhaupt kein Fan davon, meine Probleme in mich reinzufressen. Ich wünsche mir eine Fachperson, die mich humorvoll auf den Boden der Tatsachen holt, falls sich das Gedankenkarussell wieder dreht, und mich nicht anschweigt, wenn ich mir für eine spezifische Situation eine Bewältigungsstrategie wünsche. Im Gegenteil, ich brauche jemanden, der oder die mich bestärkt und motiviert. Ob die Gesprächstherapie die richtige Form von Therapie für mich ist, muss ich noch herausfinden. – Redaktorin Sonya Jamil

«Heute kann ich viel besser mit mir selbst umgehen»

Dass wir heute offen über Therapie sprechen, finde ich grossartig. In meiner Kindheit war das nie ein Thema, da wurde ein anderer Umgang gewählt. Und so brauchte ich einen Moment, um für mich selbst die Benefits zu sehen und den Mut dafür zu finden, mit einer Psychotherapeutin zu reden. Um ehrlich zu sein, hatte ich vor meiner ersten Therapiestunde biz Schiss. Davor, dass bei zu tiefem Graben Dinge hochkommen könnten, die mich mehr verletzen als heilen würden. Dass ich nicht mögen würde, was ich in den Tiefen meiner selbst entdecke.

Zum ersten Mal sprach ich mit meiner Psychologin, weil ich mit Problemen in meiner Beziehung überfordert war. Nach langer Ohnmacht realisierte ich damals glücklicherweise, dass ich für mich selbst erarbeiten kann, wie ich da wieder rauskomme. Aus der Negativspirale, nicht aus der Beziehung. Und ich wollte wissen, was ich selbst ändern kann – agierend und reagierend. Dass ich dafür die perfekte Gesprächspartnerin in meiner Therapeutin fand, war ein Riesenglück. Es hat sofort Klick gemacht. Und sie lieferte mir keine 5-Schritte-Anleitung, sondern half mir dabei, eigene Strategien zu entwickeln.

Allzu oft erklärten sich meine Verhaltensmuster (no surprise!) durch Erlebnisse aus meiner Kindheit. Die Verbindung zu meinem inneren Kind zu finden, war für mich dann auch eine der empowerndsten Erkenntnisse aus den Therapiesitzungen. Zuvor hatte ich häufig an mir gezweifelt, mit vergangenen Entscheidungen und Erlebnissen gehadert, war oft zu streng mit mir. Das hat sich gewandelt. Heute sehe ich meine Verhaltensmuster differenzierter und kann – ganz salopp gesagt – viel besser mit mir selbst umgehen.

Doch die Therapie war auch intensiv – so brauchte ich nach einigen Monaten eine Pause. In meinem Alltag die Zeit freizuschaufeln bedeutete manchmal Zusatzstress, gerade mit kleinen Kindern. Und je nach Therapeut:in und Versicherungsmodell wird unterschiedlich viel übernommen von der Krankenkasse. Bei mir damals überhaupt nichts. Diesen Sommer habe ich die Auseinandersetzung mit mir selbst wieder aufgenommen. Und ehrlich gesagt brauchte der Schritt erneut Überwindung. Aber in a good way. Auch diesmal lohnt sich die Arbeit und ich nehme wahnsinnig viel mit. – Redaktorin Sandra Huwiler

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  • Die Dargebotene Hand (Tel. 143) ist rund um die Uhr für ein unterstützendes Gespräch da.
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diana

meinen therapeuten, den ich über bücher fand, bezeichne ich heute als meine “hebamme”, da er mir in harter zusammenarbeit zu einem völlig neuen leben verholfen hat.
die KK wollte ich nichts davon wissen lassen, also habe ich das ganze (zweimal 3-4 jahre mit unterbruch!) selbst bezahlt. nach aussagen einiger freunde und verwandten haben alle ein bisschen von meiner therapie profitiert.
es war kein zuckerschlecken: nein, sondern “wir haben zusammen einen sack salz gefressen”. kein stein blieb auf dem anderen und die herkunftsgeschichte wurde komplett auf den kopf gestellt. nicht alle haben den mut dazu: aber es hilft!
und die “adelung” kam, als er sagte, ich hätte doch talent zur therapeutin, worauf ich nochmals ein studium absolvierte (mit 48 jahren) und mir in zusatz-ausbildungen das nötige “rüstzeug” schuf. bin sehr zufrieden mit diese “wende”.