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Pubertät und Perimenopause: Wenn bei Mutter und Kind die Zündschnur kurz ist

Pubertät und Perimenopause: Wenn bei Mutter und Kind die Zündschnur kurz ist

Wenn Perimenopause und Pubertät aufeinandertreffen, kann das eine ziemlich explosive Mischung sein: Mutter und Teenager stecken gleichzeitig im Hormon-Chaos. Wie kommt man gut durch diese Phase? Die Psychotherapeutin und Gynäkopsychologin Misa Yamanaka gibt Tipps.

annabelle: Frau Yamanaka, die Perimenopause wird oft «zweite Pubertät» genannt. Was haben Pubertät und erste Anzeichen der Wechseljahre gemeinsam?
Misa Yamanaka: Beides sind tiefgreifende hormonelle Umbruchphasen, in denen der Körper ein massives Auf und Ab von Hormonen durchläuft. Gemeinsam ist ihnen das hormonelle Chaos – denn in beiden Phasen schwanken die Sexualhormone extrem: In der Pubertät fahren sie hoch, in der Perimenopause – also die Phase vor der Menopause – werden sie unregelmässig und sinken schliesslich ab.

Was bedeutet das für Mütter in dieser Phase?
In der Perimenopause nimmt die Aktivität der Eierstöcke ab, was zu einem Absinken von Progesteron und Östrogen führt. Bis zu 90 Prozent aller Personen nehmen in dieser Phase in mindestens einem Bereich einen Leidensdruck wahr. Typische Herausforderungen sind Hitzewallungen, trockene Schleimhäute, Gewichtsveränderungen, rheumaartige Schmerzen, Stimmungsschwankungen, innere Anspannung und Gedankenkreisen. In der Interaktion können sich diese Belastungen beispielsweise so zeigen, dass Mütter eine «kürzere Zündschnur» haben und insgesamt sensibler auf Reize reagieren.

Und was läuft parallel im jugendlichen Körper ab?
Auch hier schwanken die Hormone extrem, gleichzeitig wird das Gehirn umgebaut, das Nervensystem reagiert hochsensibel und pendelt zwischen emotionalen Extremen. Da sich der präfrontale Kortex – die Region, die für rationale Entscheidungen und Impulskontrolle zuständig ist – noch in der Entwicklung befindet, überlagern emotionale Impulse oft den logischen Verstand. Dies zeigt sich oft in Verhaltensweisen, die als «pubertär» abgetan werden. Was somit kein böser Wille ist, sondern die direkte Folge der neurologischen Umstrukturierung.

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"Beides sind tiefgreifende hormonelle Umbruchphasen, in denen der Körper ein massives Auf und Ab von Hormonen durchläuft"

In der Realität sieht das dann oft so aus: Plötzlich knallt die Tür des Kinderzimmers, Antworten werden einsilbig, Nähe und Abgrenzung wechseln sich rasend schnell ab. Mütter reagieren dünnhäutiger, Teenager flippen schneller aus.
Ja, Mütter wie Teenager sind nun schneller gereizt, emotionaler oder fühlen sich erschöpft. In beiden Phasen kommen ausserdem körperliche Herausforderungen hinzu, an die es sich erstmal zu gewöhnen gilt – wie beispielsweise Veränderungen des Körpers und der Selbstwahrnehmung, vermehrtes Schwitzen und Schmerzen. Gleichzeitig markieren beide Phasen einen grossen Lebensübergang, bei dem sich Betroffene fragen: «Wer bin ich jetzt?» und «Wo will ich überhaupt hin?»

Gibt es auch eine gute Nachricht?
Auf jeden Fall! In beiden Phasen ist zum Beispiel die Flexibilität der Gehirnstruktur aufgrund der hormonellen Schwankungen erhöht. Das Gehirn kann sich also flexibler umbauen und schneller neue Verbindungen schaffen. Was evolutionsbiologisch sehr sinnvoll ist: Schliesslich geht es sowohl in Pubertät als auch Perimenopause um Anpassung und rasches Lernen. Gleichzeitig kann dies auch zu Überforderung führen, weil die neuronale Stabilität nicht gleich hoch ist wie in anderen Phasen.

Einerseits bin ich also in Pubertät und Perimenopause sehr aufnahmefähig für Neues, gleichzeitig aber auch schnell überfordert?
Genau. Es kommt dabei stark auf die individuellen Ressourcen an. Bin ich gut aufgestellt, kann ich Veränderungen positiv annehmen. Bin ich aber aus diversen Gründen sehr gestresst, körperlich oder psychisch vorbelastet, erscheint mir die neuronale Flexibilität womöglich eher bedrohlich.

Ist dieses explosive Zusammentreffen von Perimenopause und Pubertät ein eher neues Phänomen?
Ja, schon. Früher waren Kinder mit ihren Entwicklungsphasen bereits durch, bevor die Mütter in die Wechseljahre kamen. Heute bekommen Frauen in der Tendenz eher später Kinder, so dass beide Phasen zusammenfallen können. Neben den hormonellen Schwankungen haben ausserdem psychosoziale Stressoren in beiden Phasen zugenommen: Durch den permanenten Vergleich, den Druck zur Selbstinszenierung und die digitale Reizüberflutung in den sozialen Medien ist die Identitäts- und Rollenfindung heute sehr viel anspruchsvoller.

Trifft dies auch für Frauen in der Perimenopause zu?
Schön ist zunächst mal, dass wir heute sehr viel mehr darüber wissen – nicht zuletzt, weil das Thema viel häufiger in den Medien ist. Aber es steigt auch der Druck auf Frauen in dieser Lebensphase, besonders gut auszusehen, energiegeladen zu sein und alles zu tun, um das Leben zu verlängern. Gleichzeitig sind Frauen zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr oft Doppelbelastungen ausgesetzt: Neben der Care-Arbeit in der eigenen Familie pflegen sie womöglich ihre alten Eltern und durchleben parallel im Job oft eine besonders arbeitsintensive Zeit. Und dann kommen ja auch noch die gesellschaftlichen Erwartungen hinzu.

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"Neben den hormonellen Schwankungen nehmen psychosoziale Stressoren zu: Durch den permanenten Vergleich, den Druck zur Selbstinszenierung und die digitale Reizüberflutung"

Was meinen Sie damit?
In beiden Phasen erleben Betroffene Stigmatisierungen in Form von gesellschaftlichen Vorstellungen, wie sie zu sein haben – was sich sehr auf das eigene Empfinden auswirkt. Wer sich in der Pubertät befindet, wird oft als nicht ernst zu nehmende Jugendliche abgestempelt, wer in der Perimenopause ist, wird häufig nur noch über das Alter definiert. Bezeichnenderweise erleben Frauen mit ersten Wechseljahresanzeichen oft, dass nicht mal ihre eigene gynäkologische Praxis sie ernst nimmt oder gar Fehldiagnosen stellt. Was wiederum daran liegen mag, dass Symptome untypisch sind, dass sie aus Scham nicht ganz offen präsentiert werden, oder dass in den Praxen schlicht die Zeit fehlt.

Kracht es bei Mutter und Kind, weil das Hormon-Chaos aufeinandertrifft, bleibt auch der Rest der Familie nicht verschont. Wie kann sich das auf die Familiendynamik auswirken?
Von Stimmungsschwankungen und weniger Geduld sind auch Geschwister und Partner betroffen. Doch das gilt nicht nur für die Perimenopause, sondern auch für die prämenstruelle Phase. Untersuchungen zeigen, dass sich das Erziehungsverhalten verändert – wenn Frauen also emotional weniger belastbar sind und ihre Stresstoleranz ebenfalls eingeschränkt ist. Bei typischen Trödeleien, Geschwisterstreitigkeiten oder Trotzphasen, die man als Mutter sonst gelassen wegsteckt, hat man dann deutlich weniger Geduld, reagiert oft impulsiver, wird schneller laut und schimpft. Auch in der Partnerschaft gibt es in der Perimenopause oft mehr Konflikte. Die Sexualität fängt vielleicht an, sich zu verändern, genauso wie die Bedürfnisse, die Frauen in ihrer Partnerschaft haben – nach all den Jahren mit Fokus auf Familie und Karriere stehen für sie nun häufig mehr Freiraum und Selbstentwicklung im Vordergrund.

Was hilft hier?
Aus der Forschung wissen wir: Es ist enorm wichtig, dass die ganze Familie gut informiert ist über die verschiedenen Phasen, in denen die einzelnen Mitglieder gerade stecken. Und dass man offen darüber redet. Dann fällt es viel leichter, gegenseitig Verständnis füreinander zu zeigen.

Und wenn Konflikte bereits explodiert sind? Wie lassen sich diese am besten deeskalieren?
Hier hilft es, die Kommunikationsregeln der gewaltfreien Kommunikation anzuwenden. Diese zielen darauf ab, dass es eine Sprecherrolle und eine Zuhörerrolle gibt und beide Seiten sich Zeit nehmen, der jeweils anderen Person zuzuhören. Ist die Situation sehr explosiv, kann die Stoppregel helfen. Im Sinne von: «Stopp, wir streiten gerade, deshalb reden wir jetzt nicht weiter. Wir nehmen uns dafür heute Abend nochmal in Ruhe Zeit.» Wichtig ist auch: Sind verletzende Dinge passiert, ist es Sache der erwachsenen Person – in diesem Fall also der Mutter – einzuordnen und zurückzutreten.

Wie meinen Sie das?
Das Verhalten in der Pubertät ist oft auch ein Beziehungstest, in dem das heranwachsende Kind ausprobiert: «Werde ich noch geliebt, wenn ich mich so verhalte, oder lässt man mich dann fallen?» Dies kann für alle Beteiligten schmerzhaft sein, aber es ist wichtig, dass ich als verletzte Erwachsene mich hier zurücknehme – eben, weil ich mir bewusst bin, weshalb mein Kind so handelt – und mich ihm erst recht zuwende, weil es gerade jetzt meine Aufmerksamkeit braucht.

Das ist schon irgendwie paradox.
Ja, das ist es. Und es bedeutet auch, dass wir nicht immer alles persönlich nehmen – was allerdings gar nicht so einfach ist. Die manchmal frustrierende Wahrheit lautet: Teenager lernen Emotionsregulation durch uns. Gehen wir zuversichtlich mit ihnen bis an die Grenze, an die sie uns führen, spüren Jugendliche, dass wir sie ernst nehmen und sie können sich wieder regulieren.

"Perimenopause und Pubertät haben Ähnlichkeiten mit einer Geburt: Auch hier geht es jeweils um Ablösung und um die Diskrepanz zwischen Autonomie und Beziehung."

Als Mutter von zwei Teenagern habe ich ausserdem gelernt: Humor kann Leben retten. Genauso wie atmen. Eine Freundin meinte einmal zu mir: «Jetzt ist es an der Zeit, sich wieder die Atemtechniken aus dem Geburtsvorbereitungskurs anzueignen» – irgendwie hat das was.
(lacht) Das finde ich sehr gut! Perimenopause und Pubertät haben schliesslich Ähnlichkeiten mit einer Geburt: Auch hier geht es jeweils um Ablösung und um die Diskrepanz zwischen Autonomie und Beziehung. Überhaupt hilft es manchmal, darauf zu vertrauen, dass es diese Reibungen eben braucht. Sie sind wichtig für die Identitätsbildung auf beiden Seiten. Man sollte also nicht so viel Angst davor haben, dass pubertierende Jugendliche diese Reibung extrem suchen, sondern sich lieber sagen: «Okay, ich gebe mich dieser Phase hin, weil es meinem Kind hilft, sich zu entwickeln.»

Und wenn mir trotzdem der Geduldsfaden reisst?
Breche ich mal zusammen oder verliere ich die Nerven, darf ich als Mutter authentisch und echt sein. Dann entschuldige ich mich eben – in dem Wissen, dass das Ganze mit dem Auf und Ab der Hormone zu tun haben könnte. Dem Teenager geht es ja schliesslich gleich: Eben hat er sich mit mir noch erbittert gestritten und nun sucht er wieder meine Nähe. Ausserdem lernen Teenager am Modell: Sehe ich als Sohn oder Tochter, wie meine Mutter mit einem Konflikt umgeht, kann ich viel draus mitnehmen. Auch, wenn Eltern Schwäche zeigen, ist das für Kinder sehr lehrreich – weil sie dann sehen, dass sich eine Krise überwinden lässt. Dies gilt übrigens auch fürs Hilfeholen. Dabei lernen Kinder: «Ich muss nicht alles alleine schaffen, sondern darf mir Hilfe holen.»

Wann sollte ich mir denn Unterstützung holen?
Unterstützung dürfen Sie sich immer holen! Spätestens wenn der emotionale und/oder körperliche Leidensdruck deutlich gestiegen und die Lebensqualität klar eingeschränkt ist, macht es Sinn, sich Hilfe zu holen. Für viele Frauen in der Perimenopause kann zum Beispiel eine Hormonbehandlung eine grosse Erleichterung sein. Selbstwertthemen, Stimmungsschwankungen, innere Anspannung und gar Suizidalität können sich in der Pubertät und in den Wechseljahren zyklusabhängig zeigen und zu einem grossen Leidensdruck führen. Auch in der Pubertät können niedrig dosierte, punktuell eingenommene Antidepressiva oder hormonelle Verhütung Ruhe reinbringen. Es gibt auch weitere nicht-medizinische Ansatzpunkte, die bei vielen Personen sehr gut wirken. Hierzu gehören Psychotherapie, pflanzliche Heilmittel, Anpassungen in der Ernährung und in der körperlichen Betätigung.

Liegen im Zusammentreffen der beiden explosiven Phasen Pubertät und Perimenopause auch Chancen?
Ja, auf jeden Fall. Konflikte sind immer auch Chancen, sich weiterzuentwickeln und sich gegenseitig besser zu verstehen. Das entscheidende Wort in diesem Fall lautet Anpassung. Je flexibler sich Mitglieder einer Familie an neue Lebensphasen anpassen können, desto gesünder funktioniert das Familiensystem. Probleme treten oft dort auf, wo Anpassungsleistungen blockiert sind. Wenn etwa eine Ablösung nicht gelingt, ist das immer ein beidseitiger Prozess. Insgesamt kann das Zusammentreffen von Pubertät und Perimenopause also eine sehr tolle Phase sein – eben, weil sich vieles verändert, man sich gemeinsam entwickeln und unterstützen kann. Immer vorausgesetzt, die Offenheit ist da, dass beide auch ein bisschen labil sein dürfen und dass Schwankungen dazu gehören. Im besten Fall stärkt diese Doppelphase Mütter wie Teenager: Mütter werden klarer, und Teenager profitieren letztendlich von Müttern, die natürlich führen und authentisch sind.

Dr. rer. nat. Misa Yamanaka ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin des Klaus-Grawe-Instituts für Psychologische Therapie in Zürich. Ihr Schwerpunkt ist die Gynäkopsychologie: Beratung und Therapie bei psychischen Belastungen im Zusammenhang mit gynäkologischen und/oder hormonellen Problemen.

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