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Verhütung: Weniger Schmerzen beim Einsetzen der Spirale?

Verhütung: Weniger Schmerzen beim Einsetzen der Spirale?

Auf TikTok teilen Frauen unter Hashtags wie #IUD und #WorstPainOfMyLife ihre Spirale-Erfahrungen zwischen Tränen, Krämpfen und Ohnmacht. Warum das Einsetzen oft so weh tut, weshalb Ärzt:innen den Schmerz lange unterschätzt haben – und was den Eingriff tatsächlich erträglicher machen kann.

Es sind Frauen, die weinen, sich vor Schmerzen winden oder darum bitten, den Eingriff abzubrechen: Alles Patientinnen, die auf TikTok unter Hashtags wie #IUD und #WorstPainOfMyLife zeigen, wie sie sich bei Gynäkolog:innen eine Intrauterinspirale (auf Englisch: Intrauterine device, kurz IUD, auf Deutsch Intrauterinpessar, kurz IUP, oder einfach Spirale) einsetzen lassen. 

Laut einer Studie der amerikanischen Duke University um die Gynäkologin Jenny Wu drehen sich dabei ganze 97 Prozent der 100 meistgesehenen TikTok-Videos mit Hashtag IUD um negative Erfahrungen. Ob Kupfer- oder Hormonspirale, die Belastung gerade bei Einsetzen ist auch unter Schweizerinnen bekannt. 

Laut der Schweizer Gesundheitsbefragung verhüten rund 12 Prozent der Frauen mit einer Hormonspirale und weitere 4 Prozent mit einer Kupferspirale – insgesamt gehört die Spirale damit zu den wichtigsten Alternativen zur Pille, die als Verhütungsmittel zunehmend weniger gefragt ist. Besonders bei Frauen über 30 ist die Nutzung der Spirale deutlich verbreitet. 

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"Die Spirale ist ein medizinisches Paradox: eines der sichersten Verhütungsmittel überhaupt – und gleichzeitig Ausnahmezustand"

Die Spirale ist damit ein medizinisches Paradox: eines der sichersten Verhütungsmittel überhaupt – und gleichzeitig für viele Frauen verbunden mit einem Moment, den sie eher als medizinischen Ausnahmezustand beschreiben würden. 

Die Schmerzen aber werden bis heute nicht ausreichend ernst genommen. Obwohl sie real sind. Erklärbar. Und obwohl es verschiedene Wege gibt, das Prozedere sehr viel angenehmer zu gestalten, als es vielen Patientinnen bislang zugemutet wird. 

Warum es wehtut

Die Zürcher Gynäkologin Gudrun Mehring kennt die Problematik und erklärt zunächst einmal, warum das Einsetzen der Spirale Frauen überhaupt Schmerzen bereitet: «Um die Spirale zu platzieren, muss sie durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter gelangen. Der ist im Normalzustand geschlossen und stark nervenversorgt, also hochsensibel. Wenn man also beim Einsetzen durch ihn durch will oder ihn dehnt, kann das wehtun. Ansatzweise kennt man das vom Krebsabstrich.»  

Dabei ist der Eingriff «am schmerzhaftesten für Frauen, die noch kein Kind bekommen haben», erklärt Mehring. «Der Muttermund war noch nie geöffnet – er ist einfach fester. Gleiches gilt für Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben. Aber: Das Empfinden bleibt extrem individuell. Ich habe schon 15-Jährige gehabt, die nicht mal mit der Wimper gezuckt haben beim Einsetzen und 40-jährige Mütter, die mir kollabiert sind.» 

Die TikTok-Studie legt zudem nahe, dass Social Media nicht nur die Debatte verändert, sondern möglicherweise auch das Schmerzempfinden selbst beeinflusst: Wer vorab Dutzende Horrorberichte sieht, geht mit einer völlig anderen Erwartung und deutlich mehr Angst in die Behandlung. 

Instrumente aus Kriegszeiten

Schaut man sich das sogenannte Tenaculum an, also jenes Instrument, das dafür beim Einsetzen der Spirale bis heute immer noch am meisten verwendet wird, tut schon der Anblick weh: eine scherenartige Zange mit zwei Widerhaken am Ende.

Die sogenannte Kugelzange stammt passenderweise nicht aus der Frauenheilkunde, sondern aus der Kriegschirurgie des 19. Jahrhunderts. Da man mit ihr offenbar prima fest zupacken und fixieren kann, wurde sie damals beim Entfernen von Kugeln aus Schusswunden verwendet. Notfalls, indem man Gewebe durchstach.

Und genau dieses Prinzip ist bis heute beim Einsetzen von Spiralen erhalten geblieben.  

Warum Frauen ihren eigenen Schmerz oft verteidigen müssen

Rund 17 Prozent der Frauen ohne Geburtserfahrung sagen, dass das Einsetzen einer Spirale mit starken Schmerzen verbunden ist, bei Frauen mit Geburtserfahrung sind es rund 11 Prozent, wie ein Artikel im Human Reproduction Update aufzeigt.

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"Ärzt:innen unterschätzen oft das Leiden beim Einsetzen einer Spirale – und zwar deutlich"

Eine Studie des US-Fachjournals Contraception wiederum zeigte bereits 2014, dass Ärzt:innen oft das Leiden beim Einsetzen einer Spirale unterschätzen – und zwar deutlich: Während Patientinnen ihren stärksten Schmerz im Schnitt mit 64,8 von 100 Punkten angaben, schätzten die behandelnden Gynäkolog:innen denselben Eingriff nur auf 35,3 Punkte ein – fast um die Hälfte niedriger.

Der öffentliche Druck – nicht zuletzt durch Social Media, Patientinnenberichte und neue Studien – hat in den USA inzwischen zu neuen medizinischen Leitlinien geführt. Sowohl die Gesundheitsbehörde CDC (2024) als auch die gynäkologische Fachgesellschaft ACOG (2025) fordern Ärzt:innen ausdrücklich auf, Schmerzen bei der Spiraleinlage ernst zu nehmen, Patientinnen aktiv aufzuklären und Betäubungsoptionen oder lokale Anästhesie routinemässig anzubieten.  

Was wirklich hilft

Ein ruhiges Gegenüber, eine erfahrene Assistenz, eine gehaltene Hand – manchmal sind es gerade diese scheinbar kleinen Dinge, die den grössten Unterschied machen. Schmerzmanagement ist nicht nur eine Frage von Medikamenten, sondern beginnt auch mit Atmosphäre, Vertrauen und dem Gefühl, während des Eingriffs nicht allein zu sein. Und was ist mit Betäubungen abseits von Ibuprofen? 

Eine lokale Betäubung per Spritze (Lidocain-Injektion) in den Gebärmutterhals habe sie eine Zeit lang selbst gemacht, erklärt Gynäkologin Mehring. «Man muss ziemlich genau treffen, damit man die Nerven auch wirklich erwischt, doch selbst dann hat mich der Effekt nicht wirklich überzeugt», sagt sie.

Deutlich hilfreicher findet sie bei sehr ängstlichen Patientinnen Lachgas. Wenn eine Frau schon einmal eine schmerzhafte Spiralen-Einlage erlebt hat oder mit grosser Angst kommt, setzt ihre Praxis deshalb häufiger darauf. «Das funktioniert ziemlich gut», sagt die Gynäkologin. Der Vorteil: Es reduziert Angst und Anspannung, ohne den Aufwand einer Vollnarkose. Und auch finanziell bleibt es überschaubar – in ihrer Praxis liege der Aufpreis bei nur rund 20 Franken. 

Eine Vollnarkose sei zwar ebenfalls möglich, komme aber allein aufgrund der privat zu tragenden Kosten nur selten infrage. 

Hoffnung aus der Schweiz

Dass die Sensibilisierung rund ums Thema auch hierzulande wächst, zeigt sich etwa in der Gründung des Lausanner Startups Aspivix, das bereits 2015 die Idee hatte, die klassische Kugelzange durch schonendere Instrumente zu ersetzen. 

Statt den Gebärmutterhals mit scharfen Haken zu greifen und teils zu durchstechen, arbeitet Carevix mit einer kleinen Saugkappe, die 2024 breiter klinisch vorgestellt wurde und den Muttermund per Vakuum stabilisiert – mit dem Ziel, Schmerzen, Blutungen und Gewebetrauma deutlich zu reduzieren.  

Gudrun Mehring bleibt skeptisch gegenüber technischen Heilsversprechen: Nicht jedes neue Instrument bedeute automatisch weniger Schmerz, zumal für viele Patientinnen das eigentliche Einführen der Spirale durch den Gebärmutterhals der schmerzhafteste Moment ist, daran ändere das neue Instrument wenig.  

Einfache Lösung ohne Hightech oder Anästhesie

«Wir lassen die Frauen einfach mit voller Blase kommen», sagt Gudrun Mehring. Was fast zu simpel klingt, um relevant zu sein, macht in der Praxis tatsächlich oft einen grossen Unterschied. Denn die Gebärmutter liegt natürlicherweise häufig leicht abgeknickt – nach vorne oder hinten.

"Patientinnen sollen nicht vorher auf die Toilette gehen und idealerweise während der Periode kommen"

Um die Spirale sauber einsetzen zu können, greifen viele Ärzt:innen deshalb mit einer kleinen Zange den Gebärmutterhals und ziehen die Gebärmutter etwas gerade. Genau dieses Ziehen gilt aber als einer der schmerzhaftesten Momente des gesamten Eingriffs. 

Ist die Blase jedoch gut gefüllt, richtet sie die Gebärmutter oft bereits von selbst etwas auf. «Dann ist sie gestreckter, man sieht besser und kommt viel leichter hinein», erklärt Mehring. Dadurch könne man in vielen Fällen auf die klassische Greifzange – das Tenaculum – ganz verzichten.

In ihrer Praxis sei das inzwischen Standard. Die Patientinnen sollen nicht vorher auf die Toilette gehen und idealerweise während der Periode kommen, weil der Gebärmutterhals dann ohnehin meist etwas weicher und leicht geöffnet ist.

«Für uns funktioniert das sehr gut», sagt sie. Die klassische Zange komme nur noch dann zum Einsatz, wenn es anatomisch wirklich nicht anders gehe – etwa bei sehr stark geknickten Gebärmüttern.  

Eine letzte gute Nachricht: «Das Rausnehmen ist typischerweise nicht so schmerzhaft», sagt Gudrun Mehring. «Da bin ich meist in drei Sekunden durch.» Es bleibt die Erkenntnis: Nicht jede Spirale muss zur Schmerzgeschichte werden. Es braucht vor allem Ärzt:innen, die den Schmerz von Frauen ernst nehmen. 

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