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Warum ich meinem Kind jedes Jahr einen Ja-Tag schenke

Familie

Warum ich meinem Kind jedes Jahr einen Ja-Tag schenke

  • Text: Sarah Lau
  • Bild: Netflix

Netflix lässt in «Yes Day» drei Kinder 24 Stunden die Herrschaft über die Familie übernehmen. Autorin Sarah Lau hat den Reality-Check gemacht.

Als Matteo anderthalb Jahre alt war, stand er auf wackeligen Beinchen vor der Guetzlidose und noch bevor ich etwas sagen konnte, hob er seinen Zeigefinger empor und quäkte grinsend «Neinneinein». Inmitten meiner neu angeschafften Duschabzieher und Handstaubsauger sah ich mich mit der Frage konfrontiert, ob ich zum personifizierten erhobenen Zeigefinger mutiert war – und mein kleiner Sohn mich gerade gekonnt nachäffte. #Spiesssermom.

Sieben Jahre später geht es Jennifer Garner in der neuen Netflix-Komödie «Yes Day» nun ähnlich. Um sich aus der strengen Mutter-Rolle zu befreien, wagt sie ein Erziehungsexperiment: Einen ganzen Tag lang darf sie auf die Wünsche ihrer drei Kids ausschliesslich mit «Ja!» antworten. Vorausgesetzt, es kommt niemand ernsthaft zu Schaden und alle Entscheidungen begrenzen sich in der Konsequenz auf den entsprechenden Tag (genau, Haustiere oder Tattooos: nein.). Von morgendlichen Umstylingsessions der Eltern über Glace-Wettessen, Abtauchmanövern in der Autowaschanlage bis hin zur eskalierenden Schaumparty im Elternhaus ist alles mit dabei. Klar, dass die Familie sich am Ende des Tages noch mehr lieb hat und Mami ihr Partypotenzial wiederentdeckt. So weit der Film. Ich habe ihn gern gesehen. Auch wenn er nichts mit meinen Erfahrungen zu tun hat, aber nun mal der Reihe nach:

Auch bei uns gibt es einmal im Jahr Matteos Bestimmertag. Seit drei Jahren darf er immer am ersten Tag der Sommerferien 24 Stunden lang genau das tun, wozu er Lust hat. Aber weder zieht es meinen Sohn zum Familienausflug ins Connyland, noch plant er gemeinsame Zeltübernachtungen im Garten. Matteo will einfach nur bei strahlendem Sonnenschein Scheiss essen und dabei unbegrenzt «glotzen und gamen». Allein. Ungestört. Und wenn eine Störung, darf sich der Störenfried nur mit Nintendo-Controller in der Hand nähern.

Einen Tag lang Seelenqualen

Wer Matteo kennt, würde sagen: erwartbar. Was ich selbst allerdings nicht habe kommen sehen, sind die Seelenqualen, die ich an diesem Tag erleide. Und das ist jetzt keine witzige Frauenromanfantasie, sondern uncoole Realität. Denn mit Erziehungsmaximen, die geregelte Bildschirmzeiten und Nutella als Sonntagsware vorsehen, löst eine Unterwanderung dieser Grundätze massives Ungemach aus. Ein Auszug aus unserem letzten Yes Day gefällig? Here we go.

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Um 8.17 Uhr hakt Netflix nach knapp zwei Stunden Trickserie «Phineas & Ferb» das erste Mal nach: «Are you still watching?». Ich zucke peinlich berührt zusammen und komme nicht darum herum, darüber nachzudenken, was Netflix und Nachbarn ob des flimmernden Fernsehers zu dieser frühen Stunde denken könnten. Obacht, Frau Laus Zugehörigkeit zum Bildungsbürgertum steht offenbar auf dem Spiel. Um 10.32 Uhr meine ich, erste Augenränder im blassen Gesicht meines Sohnes zu entdecken. Jetzt muss mein Kind aber wirklich mal etwas frühstücken, denkt mein Müeslihirn. Macht er dann auch. Zwei Stück Schokoladenkuchen werden mit Kakao weggespült. Aufgepeitscht vom Zuckerschock hüpft er wie ein Sambatänzer auf Speed zurück ins Wohnzimmer und wechselt zu Youtube. Als er um ein Glas Wasser bittet – Cola erscheint ihm brav sozialisiert undenkbar –, bin ich so gerührt, dass ich kurz überlege, ihm selbst ein Glas anzubieten. Äh, nein.

Kein Fieber – zum Glück

Nachdem er zwei Stunden irgendwelchen Vollpfosten dabei zugesehen hat, wie sie auf Youtube gamen, halte ich es nicht mehr aus und spreche ihn an: «Gehts dir gut, alles klar?», frage ich bemüht locker und lege unauffällig die Hand auf Matteos Stirn. Erfrischenderweise zeigt er noch Anzeichen von Hirnaktivität und von Fieber keine Spur. Er antwortet mit einem knappen «Ja», immerhin. Mein nachhakendes «Wirklich?» erntet verdientermassen nur ein augenrollendes «Mama». Und nein, die Betonung liegt dabei nicht auf dem zweiten a.

Ich öffne die erste Flasche Rosé und gehe in den Garten. Eigentlich halte ich mich ja für eine überdurchschnittlich tolerante und lässige Mutter. Laute Tanzerei in der Öffentlichkeit? Ich bin dabei! Kiffer- und Knutschgeschichten im nahen Umfeld? Grosses Verständnis. Aber wenn mein Kind die Maximalgrenze von drei Würfelzuckern am Tag überschreitet oder bratzeblöden Stuss schaut, freake ich offensichtlich aus. Warum eigentlich? Glaube ich ernsthaft, dass er sich seine Zukunft versaut, nur weil er mal einen Tag lang ohne Apfelschnitze verbringt? Wenn ich so darüber nachdenke: natürlich nicht. Schaue ich selbst nur Existenzialistendokus auf «Arte»? Touché. Und bedeutet der Rückzug Matteos nicht vor allem, dass er keinen Mangel an Ausflügen und Superzeit mit mir hat? Eben.

Bestimmertag für mich selber

Gerade als ich anfange, mich selbstgefällig locker zu machen, kommt mein Kind raus. Nein, er möchte jetzt keine Nutellacrêpes mehr zum Mittag. Lieber Pasta mit Tomatensauce. Und während Matteo nach einem Express-Lunch vor den Screen verschwindet, finde ich endgültig einen Weg aus meiner Verspanntheit: Ich beschliesse, mir meinen eigenen Bestimmertag zu schenken. Ich schalte mein Handy aus, werfe mich bei strahlendem Sonnenschein aufs Bett und schaue nacheinander «Teenwolf» und «Gladiator». Danach ist es Zeit, eine sehr, sehr grosse Pizza zu bestellen. Und mich in der Wartezeit mit dem Rest Rosé in die Badewanne zu legen. Als wir zusammen vor dem Fernseher die Pizza verdrücken und uns auf eine Partie Mario Kart zum Dessert einigen, sind wir uns einig: So ein Bestimmertag kann bei aller vermeintlichen Sinnlosigkeit eine äusserst erfüllende Sache sein – für die ganze Familie.

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