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Wie mir gärtnern gegen den Pandemie-Frust half

Gesundheit

Wie mir gärtnern gegen den Pandemie-Frust half

Bei unserer Autorin Melanie Biedermann kuriert die Arbeit in einer Bio-Gärtnerei nicht nur Einsamkeitsgefühle, sie zeigt ihr Perspektiven auf.

Ich hatte schon eine ganze Weile das Bedürfnis, «mehr mit meinen Händen zu arbeiten». Ja, das klingt sehr klischiert. Ist es auch. Manchmal sind Klischees etwas Gutes. Manchmal, nicht immer. Wie das Gros in meinem Umfeld arbeite ich seit eh und je in einem Bürojob. Dabei stierte ich früher gut und gerne 50+ Stunden die Woche in einen Computer. Auch das ist im modernen Berufsleben ja nichts Ungewöhnliches. Mich persönlich machte dieser Umstand einsam und zeitweise depressiv. 2017 kehrte ich meinem Job den Rücken und machte ein Sabbatical; Klischee Nummer zwei.

2020 wurde die Frage nach mehr Sinn im Leben laut wie nie

Seither lebe ich in London, arbeite freiberuflich und weit weniger als früher. Ich verdiene auch weit weniger als früher, verbringe dafür viel mehr Zeit im Freien und mache wieder gerne Sport. Die Sache mit mehr Handarbeit geriet in Vergessenheit. «Easy», dachte ich, «die Balance stimmt jetzt ja.» Dann kam Corona und die Einsamkeit traf mich härter denn je. Nach monatelangen Lockdowns und Homeoffice-Pflicht lechzte ich nach Berührung, Real-Life-Interaktion und – Achtung, Killer-Klischee – nach mehr Sinn im Leben.

«Mit den Händen arbeiten», stand wieder weit oben auf meiner To-do-Liste und eigentlich wusste ich längst, wie und wo ich damit anfangen wollte. Über Aushänge in meinem Lieblingscafé entdeckte ich eine Gartenkooperative, die Abos mit lokalem Bio-Gemüse und -Obst anbietet und den Wochenmarkt in meinem Quartier organisiert. Ich wusste, dass man sich dort als freiwillige Helfer:in melden kann. Zwei E-mails später stand ich vor dem Tor zum Marktgarten. Und ich war nervös.

Reminder: Mit seinen Ängsten und Sorgen ist man nie allein

Ich war schon vor der Zeit der Isolation eher schüchtern und unsicher. Die neue Aufgabe war zwar aufregend, gleichzeitig machte sie mir leise Panik: Weiss ich noch, wie Small Talk geht? Gelten die alten Anstandsregeln noch? Wer hat was erlebt? Welches Trauma davon getragen? Können wir heute noch unbeschwert Kontakte knüpfen? Oder vielmehr: Kann ich das noch? «Aller Anfang ist awkward», erinnerte mich eine Freundin. Stimmt. Aber im Garten verflogen die Sorgen im Nu.

Die Gesprächsthemen ergeben sich von selber: «Zum ersten Mal hier?», «Wie hast du von diesem Ort erfahren?» Und natürlich: «Wie gehts dir seit der Sache, äh, Corona?» Chef-Gärtnerin Sophie erzählte von zähen Monaten, in denen sie sich alleine um die Beete kümmern musste, die anderen Volunteers von ihren individuellen Erfahrungen, bei denen oft zu viel oder zu wenig Zeit für sich selber reinspielte. Der Marktgarten bot uns allen Zuflucht; willkommene Ablenkung oder Beschäftigung, für die einen temporär, für andere längerfristig. Ja, für einige ist die Arbeit im Garten eine Form von Therapie.

Vom Ausgleich im Alltag zur Lebensaufgabe

Das Gärtnern bietet vieles, was den meisten Menschen im Alltag fehlt: Bewegung an der frischen Luft. Eine ganz konkrete Aufgabe, die man mit etwas Anweisung kaum falsch machen kann. Unkraut jäten, pflügen, Setzlinge einbetten, giessen, den Pflanzen beim Wachsen zusehen; es klingt simpel und idyllisch und oft ist es das auch. Wenn man Erfolge sieht und die Ernte wortwörtlich vom Beet weg probieren kann, merkt, dass selbst so etwas Simples wie ein Salatblatt eine kleine Geschmacksexplosion im Mund auslösen kann, fühlt es sich fantastisch an.

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Natürlich gibts auch weniger glamouröse Arbeiten wie Kompost hieven, düngen oder die Beete von Schneckenplagen befreien. Der Alltag im Garten kann körperlich sehr anstrengend sein, gerade auch dann, wenn es stundenlang schüttet oder die Sonne kompromisslos auf Kopf und Beete brennt, wie es in diesem irren Wetterjahr oft der Fall ist. Man muss mit Misserfolgen umgehen können. Landarbeiter:innen und Gärtnereien können nicht einfach dicht machen, wenn das Klima spinnt, dann sind Kreativität und Geduld gefragt. Nicht jede Ernte kann gerettet werden, aber das gemeinsame Ziel ist allen klar.

Neben Grundnahrungsmitteln wächst die Gemeinschaft

Eine Sache, die eigentlich logisch ist, mich während meiner Einsätze trotzdem überraschte: Viele freiwillige Helfer wählten die Gartenarbeit ganz bewusst aus einem Interesse an biologischer Landwirtschaft. Dasselbe trifft auch auf mich zu: Ich war neugierig, wollte wissen, wie das System in einer Grossstadt wie London funktioniert. Wie viele Menschen kann eine kleine Gärtnerei mit Gemüse und Obst versorgen? Birgt dieses lokale System, das Bio-Standards nahezu kompromisslos umsetzen kann, nicht viel grösseres Potenzial? Könnte es gar chronische Krankheiten lindern, vielleicht sogar den Klimawandel?

Meine Fragen und Interessen mit einer Gruppe zu teilen, löste in mir das erste Mal seit Monaten eine kleine Euphorie aus. Ich lerne bei jedem Garteneinsatz dazu und spüre zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder so etwas wie Begeisterung für eine Sache. Umgekehrt entwickelte ich eine riesige Wertschätzung für die Arbeit, die Landarbeiter:innen und Stadtgärtner:innen tagtäglich leisten. Dass ich selber einen Beitrag leisten kann, so klein der auch ist, löst Dankbarkeit in mir aus. Ich bin auch mir selber dankbar, dass ich endlich meinen klischierten Wünschen nachging.

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