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Haben Podcasts meine Liebe zur Musik ruiniert?

Haben Podcasts meine Liebe zur Musik ruiniert?

Unsere Autorin liebt Podcasts. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Sie fragt sich, was ihr durch ihre Laberliebe so entgeht – und wo das Fühlen eigentlich bleibt. Ein Essay.

Heute Morgen erwachte ich mit einem leichten Ziehen im Ohr. Ich hatte auf der Seite liegend geschlafen, im Ohr steckte noch ein Airpod. Den zweiten suchte ich im zerwühlten Bett. Warum sind Airpods bloss genau so weiss wie Bettlaken? Ich fragte mich das nicht zum ersten Mal.

Gestern Abend war ich lange wach gelegen. Die Gedanken kreisten, ich dachte an die anstehenden Termine der nächsten Wochen. Ich versuchte im Dunkeln des Zimmers und im Dunkeln meines Kopfes, die Kinderbetreuung zu organisieren. Wer kann wann übernehmen? Ich ging den Terminkalender meines Mannes durch, mögliche Playdates, Babysitterinnen, Grosseltern. Und ich entwarf für jede mögliche Lösung auch einen Plan B. Und dann sind da die anderen unerledigten Dinge, denen mein Gehirn, als wäre es ein Naturgesetz, ausschliesslich im Zustand des Grübelns und nur nach Mitternacht Aufmerksamkeit schenkt: Ich muss unbedingt Übergangsjacken für die Mädchen besorgen. Habe ich den Termin bei der Ärztin bestätigt? Und wie steige ich bloss ein in diesen Text über meine Sucht nach Podcasts, der längst geschrieben sein müsste?

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"Sollte mich beunruhigen, was mich beruhigt? Warum bin ich derart versessen auf diese Gespräche?"

Ich tat, was ich in solchen Fällen immer tue: Airpods in die Ohren und Podcast an. Ich schloss die-Augen und lauschte der Stimme eines US-amerikanischen KI-Experten, der dem Host Ezra Klein das zerstörerische Potenzial der künstlichen Intelligenz erklärte. «Das Risiko, dass die Menschheit durch KI ausgelöscht wird», sagte der Forscher, «sollte neben anderen gesellschaftlichen Risiken wie Pandemien und Atomkrieg eine globale Priorität sein.» Es dauerte nur wenige Minuten, schon schlief ich ein. Tief und ruhig wie ein Baby, während die Männer in meinem Ohr die Auslöschung der Menschheit diskutierten.

Wie ist es möglich, dass ich mich ausgerechnet von einer Endzeit-Erzählung in den Schlaf wiegen lasse? Sollte mich beunruhigen, was mich beruhigt? Warum bin ich derart versessen auf diese Gespräche, dass sie nicht selten das erste sind, was ich morgens höre und das letzte, womit ich mich beschäftige, bevor ich einschlafe? Ich höre mir politische Analyse an, während ich mir die Haare föhne, ich folge den Ausführungen über Klassismus im deutschen Bildungssystem, während ich auf den Zug hetze – und ja, ich gebe es zu, ich liess auch schon mal verdeckt von meinem Haar einen Kopfhörer im einen Ohr stecken, und zeigte das andere demonstrativ vor, als stünde es offen für die Kinder, die neben mir spielten.

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"Es gab eine Zeit, da klang aus meinen Kopfhörern ausschliesslich Musik"

Dabei war das mal ganz anders. Es gab eine Zeit, da klang aus meinen Kopfhörern ausschliesslich Musik. Die Kopfhörer hatten Kabel, an denen ein Discman hing, der nicht mehr Walkman hiess, weil man mit ihm eigentlich nicht gehen konnte, ohne dass die Musik sprang. Also setzte ich mich hin und hörte zu. Ich brauchte die Musik in jenen Jahren. Sie gab mir eine Idee von der Welt und von mir selbst. Die Melectronics-Abteilung war mein heiliger Ort, die Samstagseinkäufe mit meiner Mutter im MM Uzwil das Highlight meiner Woche. Irgendwann wurde die Auslage an CDs zu dürftig für meinen sich entwickelnden Musikgeschmack.

Ich erinnere mich noch an meine Enttäuschung, die in Verzweiflung zu kippen drohte, als meine Mutter vom Einkaufen in der nächsten grösseren Kleinstadt kam, mir meinen Zettel zurückgab und mitteilte, dass das «Best-of-Album von Lu Red» leider auch dort nicht verfügbar war. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich verstand, dass der Verkäufer womöglich einfach nur der Idiotin, die diesen Zettel geschrieben hatte, seine Dienste verweigerte. Musik war aufregend, lange bevor ich die Texte verstand und die Namen der Musiker:innen (Lou Reed!) richtig buchstabieren konnte. Ich fühlte sie. Sie machte mich traurig, glücklich, sie verwirrte mich und trieb mich an, sie war sexy.

"Das Leben kam dazwischen, ein Mann, zwei Kinder, die Arbeit, die unerledigten Dinge nach Mitternacht"

Wie konnte es also so weit kommen, dass mir Spotify heute nur noch «Bibi und Tina»-Geschichten, jede Menge Podcasts und Songs von Nina Chuba vorschlägt? Das Leben kam dazwischen, ein Mann, zwei Kinder, die Arbeit, die unerledigten Dinge nach Mitternacht.

Ich hatte die beruhigende Wirkung einer ernsthaften Erzählung schon früh erkannt. Als ich im Studium viele Stunden prokrastinierend verbrachte, war das «Echo der Zeit» am Abend nicht selten der Höhepunkt eines Arbeitstages, der erst noch beginnen sollte. Ich legte mich aufs Bett, hörte dem Weltgeschehen zu und dämmerte vor mich hin. Danach setzte ich mich an den Schreibtisch. Oder eben auch nicht. Dann hörte ich Musik, leidenschaftlich, mal konzentriert und mal tanzend. Auch sie hatte ihren Platz in meinem Leben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie SRF 4 geboren wurde: ein Radiosender ganz ohne die Mainstream-Musik, die ich verachtete. Den ganzen Tag Gelaber, ich liebte es.

Dann entdeckte ich das US-amerikanische Podcast-Format «This American Life» und mit ihm dieses schier unendliche Archiv, ein riesiger Fundus an Geschichten, erzählt in bester Magazinmanier.

«Serial», der Kriminal-Podcast, der wegen seiner akribischen Recherche zur Freilassung des Protagonisten Adnan Syed führte, liess mich nicht mehr los. Ich wartete Woche für Woche auf die Veröffentlichung der nächsten Folge. Später fanden fast ausschliesslich Gesprächspodcasts den Weg in mein Ohr: Politanalysen, das «Zeit»-Format «Alles gesagt?», «Hotel Matze». Nur zufällig entdeckte ich, dass Podcasts auch lustig sein können. Eine Zeit lang lebte ich mit den «Drinnies» im Ohr. Aber des Humors wurde ich schnell überdrüssig, meine Vorliebe gilt den klugen Argumenten, den intellektuellen Höchstleistungen.

"Hausarbeit wurde durch die Geschichten, die mich begleiteten, plötzlich zur Me-Time"

Als ich Mutter wurde und meine Zeit knapp, waren Podcasts eine effiziente Art, die Langeweile zu bekämpfen, die mich in der Babyzeit trotz Dauerbeanspruchung und Mutterglück zuweilen plagte. Podcasts kann man auch beim Windelnwechseln hören. Bald aber ging es um mehr als um die Optimierung meiner Zeit: Hausarbeit wurde durch die Geschichten, die mich begleiteten, plötzlich zur Me-Time, genauso wie Einkaufen, Laufen. Ich allein mit einem Podcast-Host meines Vertrauens. Dem Gefühl einer Auszeit zuträglich ist die evolutionsgeschichtlich bemerkenswerte Fähigkeit, die mir Airpods mit Noise-Canceling-Funktion verleihen. Dank ihnen kann ich meinen Hörsinn kontrollieren, die Ohren verschliessen und nur noch das hören, was ich mir aussuche.

"Ist es vielleicht beruhigender, das Ende der Welt zu antizipieren, als in mich selbst hineinzuhorchen?"

Heute höre ich Podcasts selbst dann, wenn mich keiner stören kann, ausschliesslich mit Airpods. Sie ins Ohr zu stecken, fühlt sich an, wie die Tür hinter mir zuzuziehen. Endlich Alleinsein in einer Welt, die einem so viel abverlangt. Die Podcaster:innen nehmen mich an der Hand und spazieren mit mir durch ihre Gedankenwelt und durch diejenige ihrer Gäst:innen. Gründet darin womöglich die beruhigende Wirkung, die sie auf mich haben? Ist es vielleicht beruhigender, das Ende der Welt zu antizipieren, als in mich selbst hineinzuhorchen? Beim Podcasthören begegne ich weder meinen Gefühlen noch meinen Gedanken, sondern Sarah Koenig, Christoph Amend, Ira Glass, Barbara Bleisch.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Augen und Ohren verschliessen wollen angesichts der Weltlage. Ich will verstehen, was mir zunehmend unverständlich erscheint. Denn Verstehen hilft mir gegen die Angst. Podcasts erweitern meinen Horizont, sie lassen mich nachdenken. Doch Podcasts helfen mir auch dabei, wegzuhören, während ich zuhöre. Weg von mir selbst.

Jüngst wurde ich in einem Gespräch, bei dem es um viel ging, gefragt, welche kleinen Dinge mir im Alltag Freude und Leichtigkeit bereiten könnten. «Die Musik!», antwortete ich schnell. Wie ich sie vermisse!

Also fuhr ich mit dem Fahrrad durch die Stadt, Musik in den Ohren. Es war eine warme Nacht im Spätsommer, die Luft roch nach Asphalt, den der Regen abgekühlt hatte, und nach Sommerblumen. Mein Herz pochte, der Rhythmus, die vertrauten Stimmen und die Songtexte, die ich nie vergessen habe. Voll, energisch, verführerisch. Und unheimlich, so f lüchtig. Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich hörte hin, beim Zuhören. Und in mich selbst hinein.

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