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Meinung zu «No Time to Die»: Warum wir keine Jane Bond brauchen

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Meinung zu «No Time to Die»: Warum wir keine Jane Bond brauchen

Der neue James Bond Film ist endlich da. Und für einmal spielen die Frauen im Film eine fast so wichtige Rolle wie Hauptdarsteller Daniel Craig. Doch so richtig will unsere stellvertretende Chefredaktorin Kerstin Hasse dem Bond-Streifen seine feministische Ader nicht abnehmen.

Ich weiss, ich mache mich mit dieser Aussage vielleicht nicht beliebt, aber ich sag es trotzdem: Ich möchte nicht, dass Daniel Craig eine Frau als Nachfolgerin in seiner Rolle als James Bond erhält. So schön die Vorstellung einer toughen 007-Agentin sein mag, sie überzeugt mich nicht. Ich erachte es nicht als nötig, aus James eine Jane zu machen, um ein feministisches Zeichen zu setzen. Auch wenn das vielleicht schon sehr bald passiert.  

Endlich Gefühle für Bond

Aber fangen wir von vorne an. Der neuste Bond-Film «No Time to Die» startet heute in den Kinos. Das ist besonders aufregend, weil der Film schon vor über anderthalb Jahren hätte starten sollen, der Kinostart musste allerdings wegen der Pandemie immer wieder verschoben werden. Nun ist er also da, der letzte Streifen mit Daniel Craig als 007. Das allein ist sehr bedauernswert, Craig hat dieser Figur nach einem furchtbar langweiligen Pierce Brosnan wieder Leben eingehaucht.

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Bond wurde durch Craig fassbar und er hatte – eine regelrechte Neuheit im Bond-Universum – tatsächlich menschliche Facetten. Man könnte sagen, dass eine gewisse toxische Männlichkeit endlich mit ihm durchbrochen wurde. Es ging also nicht mehr nur ums Rumballern und Rumvögeln und um gut sitzende Anzüge, nein, Bond durfte verletzlich sein, durfte Liebe empfinden, Trauer, Freundschaft, Hoffnung – und Hoffnungslosigkeit. Craigs Filmreihe transportierte 007 in ein neues Zeitalter – und das merkte man nicht zuletzt den Frauenrollen an. Diese wurden endlich dem 21. Jahrhundert angepasst, die Frauen waren nicht mehr länger leere, schöne Gespielinnen, sondern komplexe, kluge – und natürlich nach wie vor umwerfend schöne – Charaktere. 

All das manifestiert sich noch einmal in «No Time to Die». James Bond muss in diesem Film die Verbreitung eines Supergifts, das in die falschen Hände geraten ist, verhindern – und das, obwohl er eigentlich im Ruhestand ist und einfach am Strand Martinis schlürfen und den ganzen Tag fischen möchte. Dass das verbotene Supergift Zuschauer:innen auf unangenehme Weise an Corona erinnert, ist tatsächlich nichts anderes als ein Zufall. Der Film wurde bereits vor dem Ausbruch von Covid-19 abgedreht.  

Frauen können kämpfen

Weil Bond im Ruhestand ist, wurde seine Agentennummer 007 an Agentin Nomi (Lashan Lynch) weitergegeben. Sie ist eine der drei wichtigsten Frauen in diesem Film (mehr zu den Frauen in «No Time to Die» erfahrt ihr hier). Grundsätzlich ist es natürlich schön zu sehen, dass eine Schwarze Schauspielerin als erste Frau überhaupt in einem Film als 007 ausgezeichnet wird. Schade ist allerdings, dass das mit einer solchen Offensichtlichkeit gemacht wird.

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All die kleinen, aber wichtigen Unterschiede in Craigs Bond-Charakter, wurden dezent und mit sehr viel Humor eingeführt. Lynchs Figur hingegen ist klischeehaft hart und sehr männlich. Sie ist eine Einzelkämpferin, die nur in schwarzen Ganzkörperanzügen auftritt und natürlich noch härter kämpft und noch schärfer schiesst. Diese Rolle ist flach, ihr fehlt es an Flair und Humor, was unglaublich schade ist. Klar können Frauen auch kämpfen, das darzustellen ist gewiss kein feministischer Coup. Doch müssen wir, gerade jetzt, wo Bond endlich mal eine Träne verdrücken darf, weibliche Charaktere zu gefühllosen Killerinnen machen?  

Mehr Paloma, bitte!

Dass es eben auch anders geht, beweist die Rolle von Ana de Armas, die als Paloma in Kuba Bond unterstützt. Paloma wirkt auf den ersten Blick wie die typische, naive Bond-Schönheit:  Tiefer Ausschnitt, volle Lippen, nervöses Kichern. Paloma zerpflückt diese Klischees – stürzt den Martini in einem Zug runter und kämpft sich mit Humor und Zielstrebigkeit durch die Szenerie. Zum Abschied schüttelt sie Bond selbstverständlich die Hand, als hätte man soeben einen Deal abgeschlossen und nicht eine Zelle von international gesuchten Bösewichten ausgeschaltet.

Diese Figur versucht nicht angestrengt männlich und tough zu sein, sondern lässt ihrer Weiblichkeit Raum. Die Dialoge sind witzig und sprühen regelrecht von Phoebe Waller-Bridge, ja genau die Drehbuchautorin, die auch die Hit-Serie «Fleabag» schrieb. Sie hat sich nämlich auf Wunsch von Daniel Craig dem Skript des Films nochmals angenommen und es, nun ja, ein wenig feministisch aufgefrischt. Leider war das – mit wenigen Ausnahmen – kaum zu spüren.  

Wird Bond eine Frau?

Der neue Bond-Film ist ein Spektakel von knapp drei Stunden – der eine oder andere Cut hätte wohl nicht wehgetan – aber Bond-Fans werden auf ihre Kosten kommen und alle Daniel-Craig-Fans werden den britischen Schauspieler noch einmal richtig feiern können. Dieser Film ist nicht zuletzt ein grosses, dramatisches Finale für ihn – dass darunter ein wenig die Story leidet, war vielleicht vorherzusehen.  

Wie es nach Daniel Craig weitergeht, ist offen – und das bleibt es auch nach einem sehr dramatischen Filmende. Barbara Broccoli, die Produzentin der Filmreihe, hat gegenüber dem «Guardian» erklärt, dass Bond keine Frau werde. Ähnliche Aussagen machte auch Daniel Craig in den letzten Wochen. Aber sicher scheint das nach dem Ende von «No Time to Die» nicht.  

Ich glaube nicht, dass wir eine Jane Bond brauchen. Ich glaube, wir brauchen viel eher einen guten nächsten 007, der an der neuen Bond-Männlichkeit, die Craig einführte, anknüpft. Wir brauchen mehr Witz – der fehlte zu oft, trotz Phoebe Waller-Bridge – und noch mehr Palomas. Und wir brauchen endlich eine Regisseurin, die einen Bond-Film dreht und uns den Agenten mit der Lizenz zum Töten durch den Blick einer Frau betrachten lässt. Das wäre doch die eigentlich feministische Revolution.  

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