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Ein Buch, das mein Leben veränderte – mit Katja Gentinetta

Literatur & Musik

Ein Buch, das mein Leben veränderte – mit Katja Gentinetta

  • Text: Katja Gentinetta
  • Redaktion: Marie Hettich; Bild: ZVG

Diese Rubrik widmet sich den Büchern im Schrank, die uns viel bedeuten, weil sie unser Leben – im Grossen oder Kleinen – verändert haben. Heute mit Philosophin Katja Gentinetta.

Platon, Aristoteles, Hobbes, Rousseau und viele mehr: Man kennt sie, die Herren der Philosophie. Nicht so Hannah Arendt, die auch zu den ganz Grossen gehört, aber eine Frau war. Sie wurde zwar berühmt, hat in New York gelehrt, enorm viel publiziert und referiert und immer wieder öffentlich Stellung bezogen. Dennoch kann man Philosophie studieren oder Philosophie-Handbücher durchsehen, ohne ihr zwingend zu begegnen. Das ist schade – aber kein Grund, sie nicht zu lesen. Im Gegenteil.

Was sie über Politik und im Speziellen über den Totalitarismus geschrieben hat, bleibt unübertroffen. Vor rund 15 Jahren habe ich mich an Hannah Arendts buchstäblich grosses Werk «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» gewagt (das Buch ist rund 1000 Seiten stark!). Ich war beeindruckt davon, wie sie Massenbewegungen und ihre Dynamik analysiert und daraus die Entstehung totalitärer Herrschaft ableitet.

Wenn ich heute nach China, nach Russland, in die Türkei oder die USA blicke, zu den linken und rechten Populisten in Europa, auf die Klimastreiks oder die Corona-Proteste – immer habe ich Hannah Arendts Gedankengänge im Kopf. Ich beobachte, was passiert, und überlege mir, was noch passieren könnte. Und zwar unabhängig davon, ob ich die jeweiligen Anliegen persönlich nachvollziehen kann oder nicht.

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Ab wann kippt eine Bewegung ins Totalitäre? Wann erhebt sie einen absoluten Anspruch – mit dem Effekt, dass diejenigen, die vielleicht ähnlicher Meinung sind, aber nicht ganz so radikal denken, keine Stimme mehr haben? Ab wann wird es unmöglich, miteinander zu reden? Wann beginnen die Bewegungen mit gesetzeswidrigen Handlungen? An welchem Punkt droht das fein austarierte System der Demokratie, das verschiedene Meinungen erlaubt, aber dennoch einen Konsens erarbeiten muss, zu erodieren?

Ich interessiere mich für diese Fragen auch, weil ich – familienbedingt – als Mädchen praktisch sämtliche Kinder- und Jugendliteratur gelesen habe, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und Nazi-Deutschland befasst. Diese Bücher – und ein paar Besuche in der DDR – haben mich stark geprägt. Wo immer diese Geschichte und diese Systeme verharmlost werden, reagiere ich unmittelbar: gleichsam allergisch, mit einem Schaudern und klaren Worten.

Ausserdem schreibt Hannah Arendt wunderbar. Als Leserin darf man die Philosophin dabei begleiten, wie sie ihrem eigenen Denken folgt. Ich mag das selbst beim Schreiben auch: Ich bin gespannt, wohin mich mein Denken führt, wenn ich ruhig und konzentriert meinen Gedanken folge. Nicht immer muss man zu Beginn ein klares Konzept haben. Das hat auch etwas Bescheidenes.

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Piper, ca. 39 Fr. bei Orell Füssli

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Katja Gentinetta gehört als politische Philosophin zu den wichtigsten Stimmen der Schweiz. Während vier Jahren moderierte sie «Sternstunde Philosophie» im Schweizer Fernsehen. Sie arbeitet als selbstständige Publizistin, Universitätsdozentin und in strategischen Führungspositionen.

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