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Schweizer Film «La Mif»: Ein ehrlicher Einblick ins Leben im Jugendheim

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Schweizer Film «La Mif»: Ein ehrlicher Einblick ins Leben im Jugendheim

Die Pädagogin Claudia Grob arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Leiterin von Jugendheimen in Genf. Der Schweizer Film «La Mif» basiert auf ihren Erfahrungen – und sie spielt darin quasi sich selbst.

annabelle: Welches Fazit ziehen Sie nach fast vierzig Jahren Berufsleben? Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?
Claudia Grob: Schwierige Frage. Ja. Und gleichzeitig auch traurig, weil ich das Gefühl habe: Es gibt so viele Kinder, da kann man tun, was man will; kann geben, was immer man hat – es langt einfach nicht.

Kennen Sie den Film «Systemsprenger»? Da geht es um ein solches Kind, dem nicht zu helfen ist, von niemandem, in keinem Heim. Es sprengt das System der gesamten Sozialarbeit.
Den Film kenne ich nicht, aber ich kenne Kinder, die man als «Systemsprenger» qualifiziert. Meine Erfahrung ist, dass das System oft zu starr ist. Da frage ich mich: Ist es das Kind, das bei uns etwas kaputtmacht? Oder müssten wir unsere Haltung ändern? Ich denke, Letzteres ist wahr. Da ist noch viel Arbeit zu tun.

Was müsste sich ändern?
Es gibt viele Kinder, die vom Jugendamt im Heim platziert werden. Das Amt sagt dann: Es darf keinen Kontakt zu den Eltern geben. Dann kommt das Kind zu uns, stört alle, die Bewohner:innen, das Team, die Abläufe. Und wir merken: Wir müssen die Eltern dazu holen. Der Schlüssel liegt bei ihnen.

Und dann? Setzen Sie sich über das System hinweg?
Ich kann nicht behaupten, wir hätten das nie getan. Es gibt jedoch auch genug Situationen, da braucht es die klare Trennung von den Eltern. Man kann keine fixe Regel daraus machen. Es gibt nicht die eine Lösung, die immer passt.

Im Film «La Mif», in dem Sie die Heimleiterin Lora spielen, entzündet sich ein Konflikt daran, dass es im Heim zu einer sexuellen Beziehung zwischen einem 14-jährigen Jungen und einer 17-jährigen Frau kommt. Die Aufsichtsbehörde reagiert entsetzt. Wie schätzen Sie das ein? Darf so ein Kontakt sein?
Nein – aber er ist. Es passiert. Kinder haben Rechte, auch das Recht auf eine eigene Sexualität. Ich sage Kinder, meine aber Jugendliche ausdrücklich mit – weil auch sie in ihrer Phase des sexuellen Erwachsenwerdens immer noch etwas kindlich Schützenswertes haben.

Wie wären Sie mit so einer Situation umgegangen?
Idealerweise so, wie es die von mir gespielte Figur im Film vorschlägt. Man redet in der Jugendarbeit viel von Prävention, auch in Bezug auf Sexualität. Es gibt aber immer noch zu viele Kinder, die ganz früh in ihrem Leben sehr schlechte Erfahrungen mit Sexualität gemacht haben, die sexuellen Missbrauch erfahren haben. Da braucht es eine andere Form von Prävention, mit Verboten ist es nicht getan. Man muss dann unterstützend versuchen, dass sie eine «gesunde» Sexualität lernen können. Das heisst noch lang nicht, dass alle mit allen ins Bett dürfen.

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«Manchmal vergessen wir einfach, den Jugendlichen die richtigen Dinge richtig zu erklären»

Sondern?
Ich kam als Direktorin einmal in ein Heim und habe dort zwei Mädchen gefragt, wie ist das hier: Dürft ihr einen Freund haben, der bei euch übernachtet? Gleichzeitig antwortete die eine Ja und die andere Nein, die dann ergänzte: «Weisst du, mein Freund kommt trotzdem – durchs Fenster.»

Spannend.
Das klärte sich so auf: Im ersten Fall bestand das Paar aus zwei 16-Jährigen. Und im zweiten war das Mädchen 15 und ihr Freund 21, also eine erwachsene Person. Und das geht nicht. Wir haben da gemerkt, wir müssen jetzt erst einmal über das Kindergesetz informieren. Und dann hat das Mädchen gesagt: «Aha, daran hatte ich nicht gedacht, jetzt verstehe ich.» Manchmal vergessen wir einfach, den Jugendlichen die richtigen Dinge richtig zu erklären.

Das Kontrollgremium im Film fragt und erklärt nicht. Es unterbindet und sanktioniert. Haben Sie solche Reaktionen in Ihrem Berufsleben auch erlebt?
Sehr oft. Die Sorge sollte eigentlich dem Kind oder dem:der Jugendlichen gelten. Zuweilen aber gilt sie eher sich selbst beziehungsweise dem System.

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«Unsere Arbeit ist ein unablässiges Suchen: nach den richtigen Worten, der richtigen Reaktion, auch nach einer Korrektur, wo nötig»

In einer anderen Szene sitzen die Jugendlichen zusammen mit dem Team bei Nachtessen. Ein Mädchen fehlt, nach einem Suizidversuch kam es in die psychiatrische Klinik. Die anderen fragen, was passiert sei. Wieso will das Team das erst nicht sagen?
Weil die Grenze zwischen Schutz und Ehrlichkeit sehr fein ist. Es heisst, man soll den Kindern gegenüber transparent sein. Meine Meinung ist: Was ich sage, soll ehrlich sein. Ehrlich kann auch heissen, ich darf dir das nicht sagen, weil – und dann den Grund nennen. Das Team zögert, weil es sich fragt, wie die Kinder wohl auf die Nachricht reagieren. Geht es ihnen dann schlecht? Erst als die Jugendlichen aufbegehren, als sie sagen, wir müssen das unbedingt wissen, legt die Direktorin die Karten auf den Tisch. Für mich ist es eine sehr interessante Szene.

Warum?
Weil sie zeigt, wie situativ unsere Arbeit ist. Sie ist ein unablässiges Suchen: nach den richtigen Worten, der richtigen Reaktion, auch nach einer Korrektur, wo nötig. Die starren Regeln in der Jugendarbeit helfen da nur bedingt. Man sieht in der Szene ja auch, wie erleichtert alle sind, als es ausgesprochen ist. Gerade die Kollegin, die es den Kindern zuerst nicht sagen wollte. Vielleicht hat sie einfach die Erlaubnis der Direktorin gebraucht.

Seit 2021 sind Sie pensioniert. Würden Sie Ihren Beruf noch einmal wählen?
Wenn ich ein zweites Leben hätte? Ich glaube schon. Er gibt zwar Desillusion, aber auch grosse Freude. Zwei der jungen Frauen, die in «La Mif» mitspielen, kenne ich, seit sie elf Jahre alt sind. Viele Kinder habe ich von klein auf begleitet, bis sie erwachsen – oder gar selbst Mutter oder Vater – wurden. Ich kann den Kindern und auch ihren Eltern nur dankbar sein für all das, was sie mich gelehrt haben.

Ab 17. März im Kino: «La Mif» («Familie») von Fred Baillif, mit Jugendlichen aus Genfer Heimen und Claudia Grob als Heimleiterin Lora. Der fantastische Film ist in sechs Kategorien für den Schweizer Filmpreis Quartz nominiert. Alle Nominationen werden vom 21. bis 27. März in den Cinémas du Grütli in Genf und im Filmpodium in Zürich gezeigt. Die Preisverleihung findet am 25. März in Zürich statt.

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