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Zum Kinostart: «Als lesbische Frau führte Highsmith ein Doppelleben»

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Zum Kinostart: «Als lesbische Frau führte Highsmith ein Doppelleben»

  • Text: Miriam Suter
  • Bild: SWITZERLAND. Ticino. Village of Tegna. American crime writer Patricia HIGHSMITH. 1988.

«Loving Highsmith» ist ein feinfühliges Porträt der Schriftstellerin, die bisher vor allem als grimmig und düster wahrgenommen wurde. Regisseurin Eva Vitija im Gespräch.

annabelle: Eva Vitija, wann kamen Sie zum ersten Mal mit Patricia Highsmiths Werk in Kontakt?
Eva Vitija: Ich wusste als Kind bereits, dass es sie gibt. Ihre Bücher habe ich aber erst als Heranwachsende gelesen.Die Idee zum Dokumentarfilm hatte ich, nachdem ich meinen letzten Film abgeschlossen hatte: Da gings um einen obsessiven Mann, um meinen Vater, der Film hiess «Das Leben drehen». Und dann dachte ich, ich würde eigentlich ganz gern mal einen Film über eine obsessive Frau machen.

Als Kind wussten Sie bereits, wer Patricia Highsmith ist?
Ich war damals mit meiner Familie sehr oft im Tessin in den Ferien und Highsmith lebte ab den 1980er-Jahren im gleichen Dorf, in Tegna im Onsernonetal. Meine Eltern haben mir erzählt, dass dort eine berühmte Schriftstellerin lebt, allein mit ihren Katzen. Das fand ich schon als Kind mysteriös und faszinierend. Und es entspricht dem Bild, das man ihr immer zuschrieb: düster, misanthropisch.

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«In ihren Notizbüchern offenbarte sich ein anderer Mensch»

Für Ihren Film haben Sie im Schweizerischen Literaturarchiv unzählige von Highsmiths Notiz- und Tagebüchern gelesen. Hat sich dieses Bild während Ihrer Recherche bestätigt?
Ehrlich gesagt, ich war total baff. Man kennt sie vor allem als ernste Person, die vom Alter geprägt ist – es gab quasi nur Fotos von ihr, auf denen sie bereits älter ist und oft grimmig dreinschaut. In ihren Notizbüchern offenbarte sich ein anderer Mensch: Mir kam eine junge, wahnsinnig hübsche Frau entgegen, die mir auf Anhieb sympathisch war. Patricia Highsmiths Schreiben hatte sehr viel mit ihrem Liebesleben zu tun, mit Fragen zur Geschlechtsidentität und mit dem Doppelleben, das sie als lesbische Frau lang führen musste. Ich wollte diese unbekannte Seite von ihr zeigen.

Wo hat Ihre Recherche ausserhalb des Literaturarchivs angefangen?
Ich war auf einem Filmfestival in Texas und habe Kontakt zu Highsmiths Grossnichte und ihrer Tochter aufgenommen. Das war nicht einfach, aber zum Glück waren die Frauen dann relativ offen, ich musste sie nicht lang überzeugen. Von ihnen habe ich Fotos von Highsmith als Kind und Jugendliche erhalten, die man auch im Film sieht. Es sind Aufnahmen, die man noch nie öffentlich gesehen hatte.

Im Film wirken Patricia Highsmiths Exfreundinnen als roter Faden. Warum haben Sie sich für dieses Narrativ entschieden?
Weil die Liebende eine Seite von Highsmith ist, die man nie wirklich zu Gesicht bekommen hat. Aber als ich ihre Notiz- und Tagebücher las, wurde mir bewusst, wie wichtig und einnehmend dieses Thema für sie war. Highsmith liebte heftig und gern und hat viele Liebesbeziehungen geführt.

Wie haben Sie die Frauen davon überzeugt, in Ihrem Film mitzuwirken?
Bei Marijane Meaker war es am einfachsten, sie aufzuspüren. Sie hatte ein Buch über ihre Beziehung mit Highsmith geschrieben. Meaker hat Highsmiths Höhen und Tiefen erlebt: als jüngere, charmante Frau und später im fortgeschrittenen Alter, etwa dreissig Jahre nach ihrer Trennung, als verbitterte Schriftstellerin. Trotzdem musste ich sie überzeugen, weil sie fand, sie habe ihrem Buch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Ich stand dann irgendwann mit meiner Kamerafrau vor ihrer Haustür und sie gewährte uns schliesslich das Interview. Die Französin Monique Buffet, die Highsmith half, ihren Liebeskummer und die daraus resultierende Schreibblockade zu überwinden, war offener. Auch die deutsche Künstlerin und Kostümbildnerin Tabea Blumenschein musste ich ein bisschen überreden. Sie wird den Film nicht mehr sehen können, sie ist 2020 leider verstorben.

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«Mit dem Alter kam eine Bitterkeit, ihr Denken wurde immer engstirniger»

Der Film folgt keinem kontinuierlichen Zeitstrang. Für Zuschauende, die sich noch nicht gross mit Highsmiths Leben auskennen, dürfte das verwirrend sein. Weshalb diese Erzählweise?
Ich wollte ursprünglich für jeden Lebensbereich von Highsmith eine Frau, die etwas erzählen kann. Aber wir hatten nicht für alle Zeitepochen eine Zeitzeugin, viele waren nicht mehr auffindbar oder bereits verstorben. Dass ich die wichtigsten Themen aus Highsmiths Leben und die dazu passenden Protagonistinnen im Film habe, war mir wichtiger als die Chronologie.

In einer Szene kommt die Frage auf, ob der talentierte Mister Ripley in Highsmiths Erfolgsroman nicht auch von einer Frau hätte verkörpert werden können. Eine grossartige Idee!
Die wurde von Tabea Blumenschein und deren damaligen Partnerin, der Filmemacherin Ulrike Ottinger, vorgeschlagen. Ich glaube, Highsmith sah in Ripley ein Alter Ego: Er geht komplett skrupellos durchs Leben, setzt sich über alles hinweg und kennt keine Reue. Für Highsmith, deren ganzes Leben immer wieder von Schuldbewusstsein geprägt war, muss die Erschaffung der Figur Ripley eine Form der Erlösung gewesen sei.

Schuld, ein Gefühl, das viele lesbische und queere Frauen kennen dürften – nicht nur aus Highsmiths Zeit.
Es gibt im Film eine Szene, in der es um das Leben als lesbische Frau im New York der späten 1950er-Jahre geht: Es war zum Beispiel üblich, eine Subway-Haltestelle früher auszusteigen, als man musste, weil man mit gewissen Bars nicht in Verbindung gebracht werden wollte. Ich hingegen bin damit aufgewachsen, dass es normal ist, nicht heterosexuell zu sein. Dass es keine Probleme mehr gibt. Aber erstens bin ich selbst nicht lesbisch und habe nicht den entsprechenden Radar und zweitens ist es trotz vieler Veränderungen nicht wahr, dass wir in der Hinsicht keine Probleme mehr haben. Frauen aus einer Generation zu begegnen, in denen Vorurteile gegenüber der sexuellen Orientierung noch viel präsenter waren, war extrem spannend.

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«Der Hauptfokus lag für mich auf ihrer Liebesbiografie»

Im Zug der Veröffentlichungen von Highsmiths Tagebüchern entflammte eine öffentliche Debatte über ihre antisemitischen und rassistischen Äusserungen. Der Ausgabe, die letztes Jahr bei Diogenes erschienen ist, wird vorgeworfen, problematische Passagen zensuriert zu haben. Auch Ihr Film spart dieses Thema fast ganz aus. Weshalb?
Der Hauptfokus lag für mich auf ihrer Liebesbiografie. Und es ist wichtig, dass dieses Thema endlich genug Platz bekommt. Ihre rassistische und antisemitische Seite macht sie zu dieser düsteren Person, die ich am Anfang der Recherche im Kopf hatte. Ich habe mit allen Protagonistinnen über die problematische Weltsicht von Highsmith gesprochen, die ihr auch in älteren Biografien schon vorgeworfen wurde. Alle Frauen haben mir zugesichert, dass sie in ihrer gemeinsamen Zeit nie Derartiges mit ihr erlebt hätten.

Konnten Sie eruieren, wann diese Entwicklung ihren Anfang nahm?
Das war für mich eine der grössten Fragen der Recherche. Für mich gibt es Mitte vierzig einen klaren Knick in Highsmiths Tage- und Notizbüchern. Er steht im Zusammenhang mit der Enttäuschung einer grossen Liebe zu einer verheirateten Frau. Aus den Tagebüchern geht mit fortschreitendem Alter eine Bitterkeit hervor, sie hat sich über vieles in der Welt wahnsinnig aufgeregt und ihr Denken wurde weniger differenziert. Als ich in Alabama recherchierte – ihre Familie wanderte von dort nach Texas aus –, habe ich mich eingehend damit beschäftigt. Highsmiths Grossvater ist auf einer Baumwollplantage aufgewachsen, sie stammt also aus einer weissen Sklavenhalterfamilie. Im Süden der USA ist die Sklavenvergangenheit noch überhaupt nicht aufgearbeitet. In Alabama ist man sogar stolz auf diese Herrenhäuser, kein Hauch von schlechtem Gewissen. Das war total merkwürdig für uns. Jemand, der aus einer solchen Gesellschaft kommt, auch wenn sie sich gewehrt hat – Highsmith war klar gegen die Sklaverei, politisch eher links zu verorten und engagiert –, wird dennoch stark von einer solchen Kultur geprägt. Ich fand es frappierend, dass sie im Alter wieder zu den Stereotypen zurückkehrte, die sie in ihrer Jugend abgelehnt hatte.

«Loving Highsmith» läuft ab 10. März im Kino

Die Regisseurin Eva Vitija (49) lebt in Zürich und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Ihr erster langer Dokumentarfilm «Das Leben drehen. Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» war als bester Dokumentarfilm für den Schweizer Filmpreis nominiert und für einen Preis der International Documentary Association in Los Angeles.

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