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Ute Lemper im Interview: «Deutsche zu sein, war immer eine belastete Identität»

Literatur & Musik

Ute Lemper im Interview: «Deutsche zu sein, war immer eine belastete Identität»

Broadway-Star, Künstlerin, Vierfachmutter, Deutsche im Exil: Ute Lemper hat viele Identitäten. Wie wird ein Showgirl sechzig? Ein Treffen in New York.

«Hallo, hier ist Ute, kommen Sie dann zu mir?», eine Nachricht von Ute Lemper. Nicht von ihrer Agentin, nicht von ihrer Publizistin. Als ich höflich zurückfrage, wie viel Zeit sie denn eingeplant habe für meinen Besuch, kommt nur: «Wir machen das so go with the flow.»

Alles klar: Ein Stadthaus an New Yorks Upper Westside, Lemper empfängt im Penthouse, das sie vor Jahren gekauft hat («Da hab ich wirklich jeden Pfennig zusammengekratzt!»). Es stapeln sich die Platten, in der Ecke steht ein Klavier, an dem eine Gitarre lehnt, über dem Sofa hängt eine Pop-Art-Collage mit dem Gesicht von Marlene Dietrich, aber man kann sich kaum auf das Bild konzentrieren, zu abgelenkt ist man von dem unglaublichen Blick über New York. Die im­posante Dachterrasse scheint grösser als die Wohnung.

Es ist hier nicht steril, nicht perfekt und man findet auch keine weissen Pfingstrosen. Sagen wir mal so: Gwyneth Paltrow würde hier nicht wohnen. Es ist das kreative Zuhause einer Künstlerin. Ute Lemper lebt hier mit ihren beiden jüngeren Kindern Jonas und Julian und deren Vater Todd Turkisher, mit dem sie zwar verheiratet, aber nicht mehr zusammen ist. Oder so. Ach, es ist kompliziert. Aber dazu später mehr. 

«Ich hatte ein überzeichnetes Showgirl erwartet, stattdessen treffe ich eine reflektierte, nachdenkliche Frau»

Ute Lemper ist eine der wenigen Euro­päerinnen, die an internationalen Bühnen Karriere gemacht haben. «Cabaret» in Paris, «Chicago» am Broadway, sie sang an der Mailänder Scala, dem West End in London genauso wie im Berliner Friedrichstadt-Palast. Ich muss zugeben: ich hatte ein überzeichnetes Showgirl erwartet, stattdessen treffe ich eine reflektierte, nachdenkliche Frau, die weder viel Make-up trägt, noch jeden zweiten Satz singt.

Lemper wird im Gespräch sagen, dass sie Eitelkeiten mittlerweile komplett überwunden habe, weiss dann beim Shooting aber doch ganz genau, wie sie posieren muss, damit «der Hals schön jung aussieht». Ein Profi halt.

Lemper nimmt auf ihrem braunen Chesterfield-Sofa Platz und serviert Chocolate-Chip-Cookies. Sie nimmt sich Zeit, hat ehrlich Freude am Dialog und erzählt ungefiltert, manchmal stockend. Ab und zu verfällt sie in Anglizismen. Anlässlich ihres sechzigsten Geburtstags im Juli erscheint nun ihr Buch «Die Zeitreisende: Zwischen Gestern und Morgen» und die dazugehörige Platte «Time Traveler».

Es ist bereits ihre zweite Autobiografie. Die erste hatte sie mit dreissig geschrieben – ein solch bewegtes Leben bedarf eben vieler Seiten. Aber Ute Lemper ist nicht nur eine Zeitreisende, sondern auch eine Zeitzeugin der Stadt New York, in der sie bereits seit dreissig Jahren wohnt. Ein Gespräch über das schwierige Verhältnis zu ihrer Heimat Deutschland, alternative Liebesbeziehungen, Marlene Dietrich und den kalten Charme des Broadway.

annabelle: Ute Lemper, was haben Sie beim Schreiben dieser Autobiografie über sich selbst gelernt?
Ute Lemper: Ach, ich habe die Büchse der Pandora geöffnet! Ich habe das Buch ja nur geschrieben, weil mich der Verlag so hartnäckig darum gebeten hat. Zunächst hatten wir es mit einem Ghostwriter versucht, aber das ging einfach nicht: Wenn man Künstlerin ist, hat man seine eigene Sprache, seine eigene Poesie, seine eigene Vorstellungskraft und vor allem seine eigene Erinnerung. Es geht ja um Emotionen, ich habe gemerkt, dass nur ich meine Gefühle akkurat beschreiben kann. Ich versuche mich nicht als Geschenk zu verpacken, sondern stehe da, wie ich bin. Manchmal auch durchaus roh. Ich bin ja kein Promotionspaket.

Und doch sitzen Sie hier und promoten ein Buch über Ihr Leben.
Ja, es ist eine Geschichte des Lebens, die wie ein Lied gesungen wird – und zwar authentisch.

«Ich muss an die Substanz gehen, sonst ist es doch nichts wert»

Sie sind sehr offen und sehr privat auf diesen knapp 300 Seiten.
Ja, natürlich, ich bin ja kein Scharlatan. Es geht um das Leben mit all seinen grossen und kleinen Katastrophen – ich muss an die Substanz gehen, sonst ist es doch nichts wert.

Sie haben Ihr Leben lang damit ge­hadert, Deutsche zu sein. Hat sich das in letzter Zeit verändert?
Als Deutsche auf internationalen Bühnen hatte ich immer eine Sonderposition. Es war immer eine belastete Identität, die gleichzeitig für viele auch faszinierend war. Ich musste mich als Künstlerin, die im Ausland Karriere gemacht hat, sehr früh schon damit auseinandersetzen. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ich jüdische Lieder und Lieder von jüdischen Komponisten
gesungen habe. Das Liedgut der Weimarer Zeit in modernen Kontext zu transportieren, wurde mir zur Mission. Es war mehr als die Scham, Deutsche zu sein, es ging um die Wahrheit.

Die Lieder von Kurt Weill oder Friedrich Hollaender, die in der Nazizeit verboten waren.
Ja, das war eine riesige Aufgabe, Botschafterin von diesem Liedgut zu sein. Es war damals auch nicht einfach, eine junge Deutsche im Ausland zu sein. Ich habe es mehrfach erlebt, dass sich jemand mitten im Gespräch abgewendet hat, sobald meine Herkunft Thema wurde. Ich hatte ja auch Empathie dafür; also musste ich einen Dialog mit mir selbst führen und einen Dialog mit dem Land, aus dem ich stamme.

Sie haben zweimal geheiratet, beides Mal jüdische Männer. In Ihrem Buch fällt der Satz «Wie erkläre ich meinen Kindern, dass das Volk ihrer Mutter das Volk ihres Vaters vernichtet hat?». Mit dieser Aufgabe waren Sie doppelt konfrontiert, einmal bei Ihren älteren beiden Kindern und dann noch einmal bei den jüngeren.
Ich habe mir diese Aufklärung zur Aufgabe gemacht. Meine beiden Ehemänner haben immer gesagt, dass ich das nicht so intensiv tun müsse, aber ich fühlte mich verantwortlich. Sie sagen beide, dass ich jüdischer bin als sie! (lacht) Ich habe sehr viele Bücher mit den Kindern gelesen, von «Der Junge im gestreiften Pyjama» bis zu Anne Frank und so fort. Es wurde ein grosser Teil ihrer Ausbildung. Ich muss leider sagen, dass es mir mit der ersten Generation Kinder besser gelungen ist, weil es so extrem schwer ist, die Kids von heute für etwas ausserhalb der digitalen Welt zu interessieren. 

Lassen Sie uns über Marlene Dietrich sprechen. Sie haben dreissig Jahre lang gewartet, um der Welt von diesem berühmten Anruf zu erzählen: Sie hatten gerade den Prix Molière in Paris gewonnen und wurden von der Presse als die neue Marlene gefeiert. Eines Abends klingelte das Telefon und die 87-jährige Dietrich wollte mit Ihnen sprechen.
Ja, ich war absolut perplex. Da war sie plötzlich am Telefon und wollte hören, wer ich bin, aber vor allem wollte sie Deutsch sprechen. Der Anruf dauerte drei Stunden.

Was hat Sie daran am meisten berührt?
Ich habe ihre Melancholie wahrgenommen, ihren Zynismus und ihre Bitterkeit. Sie sprach sehr ungefiltert. Ich habe diese alte Frau empfunden, in ihre Haut hineingerochen. Ihr Drama war ja, dass sie überall auf der Welt geliebt wurde, für ihren Charme, ihre Schönheit, ihr Können, ihre Sexualität als Femme fatale – nur in ihrer Heimat Deutschland nicht: Weil sie sich während des Zweiten Weltkriegs offen gegen die Nazis stellte, der US-Armee beitrat und für die amerikanischen Solda­ten sang.

«Man wollte mich wieder runterholen von dem Podest, auf dem ich doch eigentlich nie hatte sein wollen»

Sehen Sie Parallelen zu sich selbst? Ähnlich wie Marlene Dietrich waren Sie auch erst das Fräuleinwunder, das im Ausland Karriere machte, wurden hochgejubelt und dann von der Presse zerrissen.
Ja, das passierte 1989, weil mein damaliger Manager einen grossen Fehler gemacht hat: Er hat mich, wie man hierzulande sagt, overexposed. Ich war plötzlich überall: auf jedem Titelblatt, in jeder Samstagabendshow, er hat mich in die grössten Stadien gebucht, als wäre ich ein Popstar. Nur war ich eben kein Popstar. Es war eine geplante Katastrophe, ein Mechanismus, den ich nicht kontrollieren konnte. Er hat mich geschnappt und mich überallhin gescheucht. Ich war plötzlich der absolute Star in Deutschland. Er hat mich von einer Schauspielerin zu einem Popstar gemacht, als wäre ich Madonna. Aber ich war nicht Madonna. Ich wusste gar nicht, wer ich war. Ich war ja nur ein junger Mensch, der Theater spielen wollte. Und da war ich plötzlich im Showbusiness drin, und dem war ich wohl nicht gewachsen, man hatte mich zum Produkt gemacht. Dann hiess es plötzlich, die Lemper ist ja doch nicht so toll, und die Verrisse wurden sehr vulgär, sehr persönlich. Es ging nicht um die Kunst. Man wollte mich wieder runterholen von dem Podest, auf dem ich doch eigentlich nie hatte sein wollen.

Und dann spielten Sie wie Marlene die Lola in «Der Blaue Engel». Sie waren ebenfalls 28, wie die Dietrich damals im Original. Die Theaterproduktion soll eine Katastrophe gewesen sein.
Das war sie. Der Regisseur Peter Zadek sprang drei Wochen vor der Premiere ab, aber die Stadt hatte so viel Geld in die Produktion gepumpt, dass man sie nicht mehr absetzen konnte. Die Presse war vernichtend und ich war das schwarze Schaf, das alles aushalten musste. Es war hart, ich war bestürzt, verunsichert, peinlich berührt, aber ich habe mir in der Zeit auch eine dicke Haut aufgebaut. Dazu kam, dass Marlene zehn Tage vor unserer Premiere starb und – wie gewünscht – im Sarg nach Berlin gebracht wurde, um neben ihrer Mutter begraben zu werden. Deutschland wollte sie nicht gross feiern, es gab sogar Proteste. Berlin wusste nicht mit ihr umzugehen. Immer noch nicht. Die Gedenkfeier wurde abgesagt, weil Neonazis protestierten. Man wollte eine Strasse nach ihr benennen, aber dazu kam es auch nicht. Das war 1992! Wie kann es sein, dass Deutschland ihr selbst über ihren Tod hinaus keine Versöhnung angeboten hat?

«Deutschland hatte ein Problem mit seiner Geschichte und ich war die, die immer den Finger in die Wunde gelegt hat»

Ist man verpflichtet, als Künstlerin aus allem Leiden etwas Produktives zu machen?
Oft verarbeitet man als Künstlerin halt Dinge mittels Kunst. Diese Episode hat mich inspiriert, meinem schwierigen Verhältnis mit Deutschland nachzugehen. Deutschland hatte ein Problem mit seiner Geschichte und ich war die, die immer den Finger in die Wunde gelegt hat. Das war aus deutscher Sicht offenbar schwer zu ertragen. Meine Weill-Platte etwa hat sich weltweit hundertausendfach verkauft, nur in Deutschland überhaupt nicht. Es war übrigens überhaupt nicht so, dass ich aus Deutschland geflüchtet bin, wie überall in der Presse stand – nein: ich hatte einfach ein Engagement in Paris und habe dort mein erstes Kind bekommen. Die nächste Station war dann London, wo ich den Laurence Olivier Award bekommen habe. Da haben sich die Deutschen gefragt: «Wie kann das sein? Wir hatten doch versucht, sie umzubringen!»

Erst waren Sie das Fräuleinwunder, dann der gefallene Engel und zum Schluss das Stehaufmännchen.
Ja, das ist ein perfider Kreislauf, der sich in der Showbranche leider oft wiederholt. Als ich dann am Broadway spielte, wurde ich zum Aushängeschild – die internationale Berühmtheit. Man sagt ja nicht umsonst, dass der Prophet im eigenen Land nichts bedeutet.

Sie haben sich vor einigen Jahren mit Ihrem schärfsten Kritiker Bernd Sucher an einen Tisch gesetzt. Warum?
Ach, eine Zeitung wollte uns unbedingt zusammenbringen, ich habe mich darauf eingelassen, obwohl ich mich an die Kritik nicht einmal mehr erinnern konnte. Das war so ein ganz flamboyanter Typ, ein Selbstdarsteller, der sich dann auch noch ganz überschwänglich entschuldigt hat. Ich wollte keine Entschuldigung von ihm. Weder war sie mir was wert, noch brauchte ich sie. Ich hatte nie Angst, mich Dingen zu stellen. Ich finde es immer interessant, sich zu konfrontieren. So bin ich auch in meinen Beziehungen (lacht). Es muss bluten, damit es heilen kann.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Kritik?
Ich mache mir jetzt mal einen Kaffee. (springt auf, verschwindet in der Küche und kommt nach einigen Minuten mit zwei Tassen Kaffee zurück)

«Hier in New York kommt keine Frau auf die Idee, vor 38 Kinder zu haben»

Gut, lassen Sie uns über Ihre Kinder sprechen. Sie hatten mit 47 nach drei Kindern eine späte Schwangerschaft.
Ja, meine Kinder sind jetzt 29, 27, 18 und 12. Die letzte Schwangerschaft war recht spät, wobei ich ja mit 42 schon ein Baby bekommen hatte und dann halt fünf Jahre später, das hat ja im Grunde keinen Unterschied gemacht.

Aus Deutschland gab es wieder Kritik, wie könne man nur «so spät Kinder in die Welt setzen».
Ja, das hat mich total überrascht, ich dachte, man würde jubeln vor Freude. Hier in New York kommt keine Frau auf die Idee, vor 38 Kinder zu haben, weil sie erst mal ihre Karrieren anständig lancieren möchten. Deswegen laufen hier in der Nachbarschaft auch so viele Zwillinge rum, viele helfen nach. Nun ja, mir war das egal – ob mit 37 oder 47, das machte für mich keinen Unterschied. Jetzt langsam könnte ich es aber nicht mehr, mein Körper ist schon recht gealtert in letzter Zeit. Ich fand es einfach wunderbar, dass ich das noch einmal erleben durfte.

Ihren jüngsten Sohn haben Sie im Alter von fünf Wochen mit auf Tour genommen, quasi im Wochenbett, wie war das?
Ja, der Vertrag war schon gemacht, ich konnte die Tour nicht absagen. Es war anstrengend, aber auch irgendwie aussergewöhnlich. Ich habe die Nächte durchgestillt, stand abends auf der Bühne, während der Kleine mit der Nanny im Hotel blieb. Ich war schon stolz, dass ich das doch noch einmal geschafft habe, Familie und Beruf so unter einen Hut zu bringen. Die Sache mit der Vereinbarkeit ist doch so: je mehr man daran glaubt, dass es geht, desto besser geht es auch. Ich habe es halt gern intensiv. Was sonst? Nichtstun ist auch mal schön, aber nur, wenn es auf enormen Stress folgt.

Waren Sie eine andere Mutter für Ihre ersten zwei Kinder als für Ihre jün­geren?
Bei den ersten beiden war ich total schockiert, was plötzlich los war mit meinem Leben. Es war der totale Stress, ich war komplett ermüdet. In der zweiten Runde habe ich von Anfang an eine gute Nanny engagiert, die das mit mir geteilt hat. Wenn man noch keine Erfahrung als Mutter hat, schreckt man davor vielleicht zurück. Man möchte Nummer eins sein und ist selbstsüchtig bezüglich der Liebe des Kindes. Spätestens ab dem dritten Kind hat man solche Gefühle nicht mehr (lacht). Ich bin dieser Frau einfach nur dankbar, dass sie meine Kinder so fantastisch betreut hat – sie hat mir ja auch ermöglicht, mich weniger schuldig zu fühlen, wenn ich wegging. Sie war Teil der Familie.

Ihre Tochter hat einen persönlichen Epilog für Ihr Buch geschrieben. Wie fühlte sich das an beim ersten Lesen?
Sie ist das einzige Mädchen und sie ist sehr gefühlsstark. Das Buch heisst ja «Die Zeitreisende» und ich fand, es wäre eine wunderschöne Fortführung, dass ich mein Leben erzähle und meine Tochter dann die Erzählung beendet. Stella ist auch eine Suchende, wie ich.

Sie beschreibt eine Szene, in der sie Sie als Fünfjährige schrecklich vermisst, im Restaurant «Mommy fehlt mir» auf eine Papiertischdecke kritzelt und alles Essen verweigert. Das muss schwer auszuhalten sein für Sie.
Ja, diese Tischdecke habe ich immer noch. Glauben Sie mir, es tat nicht nur ihr weh, es tat mir genauso weh (fasst sich ans Herz). Ich war ja über zwei Jahre immer zuhause gewesen, weil ich am Broadway gearbeitet hatte. Als das Engagement vorbei war, musste ich wieder auf Tour und meine Kinder waren nicht mehr daran gewöhnt. Stella war immer fragil im Herzen. Das war sehr traurig.

«Der Broadway ist kalt, es herrscht ein krasser Konkurrenzdruck»

Eine Hauptrolle am Broadway, Ihr Gesicht auf riesigen Plakaten am Times Square: Hatten Sie irgendwann mal dieses Gefühl von «Ich habe es geschafft»?
Nein, es gab nie ein Ankommen in meinem Leben. Ich hatte auch nie ein Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte. Der Broadway war ein High-Profile-Engagement, aber nicht mein Herzensjob. Der Broadway ist kalt, man findet dort keine warmherzige Atmosphäre. Die Mädels im Ensemble haben mich ständig angelugt und nur darauf gewartet, bis endlich ihre grosse Chance kommt. Es herrscht ein krasser Konkurrenzdruck. Am glücklichsten bin ich immer im kreativen Prozess und wenn man jahrelang das Gleiche abspult, ist das nicht besonders kreativ.

Welcher Song auf Ihrer neuen Platte «Time Traveller» ist Ihnen am nächsten?
Der traurigste: «The Gift», er ist von einem Zitat von Mary Oliver inspiriert: «Jemand, den ich liebte, schenkte mir einmal eine Schachtel voller Dunkelheit. Es dauerte Jahre, bis ich verstand, dass es ein Geschenk war.» Das geht an meinen zweiten Mann Todd.

Sie beschreiben den Verrat und den Ehebruch mit dem «erstaunlich unattrak­tiven Objekt der Begierde» Ihres Mannes und erwähnen das soge­nannte Burrito-Experiment. Was soll das sein?
Das Ziel des Burrito-Experiments ist es, eine Zeitfalte zu schaffen, in einer langen Beziehung, in der man die Jahre der Verletzung einfach wegfaltet, im einsteinschen Sinne, wie bei einem Burrito. Also in meinem Fall, dass man versucht, die sieben apokalyptischen Jahre zu vergessen.

Interessante Idee. Hat es funktioniert?
Nein.

Aber der Name Ihres Mannes steht noch an der Klingel.
Wir sind ja auch noch verheiratet, der lebt ja hier. Aber wir leben auf zwei verschiedenen Planeten.

Aber im gleichen Universum?
Ja, ich glaube schon.

«Die Scheidung war furchtbar. Vor allem für die Kinder»

Das ist alles sehr poetisch.
Ja, aber nur so konnte ich darüber schreiben. Und ich musste darüber schreiben. Die Liebe ist ja einer der wichtigsten Katalysatoren im Leben, sie kann genauso schön wie schrecklich sein und ich hätte es verlogen gefunden, wenn ich die schlimmen Kapitel in meinem Leben einfach ausgelassen hätte. So eine klassische Scheidung hatte ­ich ja schon einmal erlebt. Das war furchtbar. Vor allem für die Kinder, die so hin- und hergerissen waren. Das wollte ich nicht noch einmal mitmachen. Die Frage, die mein Mann und ich uns gestellt haben, war, ob wir dieses Schiff noch weitersegeln und eine andere Art von Liebe entwickeln können.

Ihr Mann hat auch Ihre Platte, auf der Sie über ihn singen, produziert. Sie suchen aber auch die Reibung, oder?
Ja klar, ich habe ja gesagt, dass ich den Finger gern in die Wunde lege (lacht). Ich bin jetzt seit fast dreissig Jahren in Beziehungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in naher Zukunft noch zum überzeugten Single werde (lacht). Man muss ja aber eigentlich auch in einer Beziehung nicht immer miteinander, sondern nebeneinander leben.

Sie erzählen auch zum allerersten Mal vom physischen und emotionalen Missbrauch durch Ihren dama­ligen Manager Marek Lieberberg.
Ja, ich habe mir lange überlegt, ob ich darüber sprechen möchte. Am Anfang war es ein ganzes, sehr detail­liertes Kapitel, sehr konkret. Aber ich habe dann zusammen mit dem Verlag entschieden, dass wir nicht wollen, dass diese eine Beziehung das Buch dominiert.

«Die Welt wird immer noch von Männern und ihren Instinkten regiert»

Lieberberg, mit dem Sie auch eine Liebesbeziehung hatten, habe Sie geschlagen, über den Tisch gezogen und emotional missbraucht. Glauben Sie, dass in der heutigen Zeit solche Abhängigkeitsverhältnisse seltener geworden sind?
Nein, auf keinen Fall. Diese Geschichte könnte sich genauso heute zutragen. Die Welt wird immer noch von Männern und ihren Instinkten regiert, auch wenn die Männer vielleicht ein wenig vorsichtiger geworden sind. Dieser Mann hat eine Persönlichkeitsstörung und ich war nicht das einzige Opfer.

Sogar wirtschaftlich habe er Sie ausgenützt, die Hälfte all Ihrer Einnahmen behalten.
Ja, ich hatte doch keine Ahnung, er war der Erfahrene, war 25 Jahre älter. Fifty-Fifty, das klang für mich nach einem fairen Deal (lacht kurz auf). Üblich sind 25 Prozent.

Gab es jemals eine Aussprache oder Entschuldigung?
Nein, niemals.

Sie sagen, dass #MeToo nur wenig gebracht hat.
Nun ja, denken Sie mal an all die Frauen, die in gewalttätigen Ehen gefangen sind.

Wie erlebten Sie das bisher, ist an dem Klischee etwas dran, dass Männer nicht sehr gut mit erfolgreichen Frauen umgehen können?
Ja, mit Sicherheit. In meinen Ehen war es ein Konflikt, dass ich immer die Hauptverdienerin war. Wenn die Frau erfolgreicher ist als der Mann, benötigt es einen sehr weisen Mann, um das auszuhalten. Dafür braucht es eine Grösse, die viele nicht mitbringen.

«Wie lange werde ich gesund sein, wie lange macht meine Stimme mit, wie lange wollen die Menschen mich noch sehen?»

Nun werden Sie im Juli sechzig und schreiben, dass Sie Ihre Gelassenheit und Ihren inneren Frieden gefunden haben. Wird das so erwartet von einer sechzigjährigen Frau?
Wer soll das denn bitte von mir erwarten? Meine Flamme brennt nach wie vor so leidenschaftlich wie immer. Und natürlich rege ich mich auf und natürlich darf ich noch wütend sein. Man reflektiert die Vergangenheit mit sechzig aus einer anderen Perspektive. Und die Strecke nach vorn verkürzt sich, so ist es nun mal. Mein grösster Anspruch ist, dass meine Kinder ein Leben leben, in dem sie sich wiederfinden. Und zumindest sporadisch glücklich sind. Ich habe gelernt, Nein zu sagen. Zu Jobs, in denen ich mich nicht wohlfühle, und zu Menschen. Ich habe weni­ger Geduld für Dinge, die mich nicht glücklich machen. Natürlich gibt es auch Zweifel, die mich belasten – wie lange werde ich gesund sein, wie lange macht meine Stimme mit, wie lange wollen die Menschen mich noch sehen? Ich habe noch immer Ehrgeiz, aber mich kann nichts mehr umhauen.

Was kommt noch, worauf hoffen Sie?
Nun, ich habe jetzt mit sechzig meine zweite Biografie geschrieben, die erste mit dreissig. Wenn in dreissig Jahren noch einmal eine käme, wäre das doch interessant, nicht? Es ist beängstigend, sich vorzustellen, wie unsere Welt dann aussehen wird.

Was für ein Verhältnis haben Sie zu New York, dieser Stadt, in der Sie seit dreissig Jahren leben? Kann man eine Stadt lieben?
Ich liebe den Vibe, die Aktivität, die Menschen hier. Es sind so viele Menschenschicksale, die nebeneinander koexistieren. Manche sind einsam, und doch sind alle hier zusammen. Ich finde das beruhigend. Ich fühle diese Lebensenergie, es vibriert! Ich schaue jemandem in der U-Bahn zwei Sekunden in die Augen und sehe gleich sein ganzes Leben.

In Ihrem Buch fällt oft die bekannte Showbiz-Phrase «The Show Must Go On». Für wen eigentlich? Und warum?
Damit ist doch die Show des Lebens gemeint. Was denn soll die Alternative sein?

Ute Lemper: Die Zeitreisende. Edition Gräfe und Unzer, München, 2023, 336 Seiten, ca. 35 Fr.

Ute Lemper: Time Traveler
30.6.2023: Wald/Zürich
29.7.2023: Gstaad

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