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11 Schweizer Persönlichkeiten verraten ihr Lieblingsbuch des Jahres

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11 Schweizer Persönlichkeiten verraten ihr Lieblingsbuch des Jahres

  • Text: annabelle
  • Redaktion: Marie Hettich, Darja Keller; Bilder: Mirjam Kluka, Yves Bachmann, Ella Mettler, ZVG, Silas Zindel; Gif: annabelle

Wir haben Schweizer Persönlichkeiten wie Gülsha Adilji, Nina Kunz, Nemo, Sarah Akanji und Anna Rosenwasser gefragt, welches Buch sie dieses Jahr am meisten beeindruckt hat.

Bild: Yuma Greco, ZVG

Anja Glover: «Rezitativ» (Toni Morrison)

Was für eine anspruchsvolle Aufgabe, sich für ein Buch zu entscheiden! Wenn ich jedoch über Bücher sprechen soll, die mich in diesem Jahr (erneut) tief berührt haben, darf Toni Morrisons «Rezitativ» nicht unerwähnt bleiben. Nach 40 Jahren wurde es zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und es beeindruckt mich durch seine raffinierte Erzählweise: Von Anfang an spielt Morrison geschickt mit der Wahrnehmung, indem sie nie explizit sagt, welche der Figuren Schwarz und welche weiss ist. Die Geschichte von einer Mädchenfreundschaft, geprägt von Rassismus und Klassenzugehörigkeit, bewegt mich in ihrer brennenden Aktualität. Toni Morrison beherrscht die Kunst, Botschaften zu vermitteln, ohne sie direkt auszusprechen. – Anja Glover, Soziologin und Moderatorin

Bild: Simon Habegger, ZVG

Knackeboul: «Niki de Saint Phalle und die Pracht der Frauen» (Gabriela Jaskulla)

Ich bin sehr fasziniert von Niki The Saint Phalles Arbeiten und auch von denen ihres Lebensabschnittspartners Jean Tinguely und habe schon einige ihrer Skulpturen in verschiedenen Ländern besucht. In diesem biografischen Roman wird die Geschichte einer Kunstrestauratorin erzählt, die unter anderem Niki De Saint Phalles Schutzengel am Hauptbahnhof in Zürich restauriert und über die Figuren Einblicke in Saint Phalles Lebensgeschichte hat. Für jemand, der gerne Biographien liest und sich durch Kunst inspirieren lässt, das perfekte Buch. – Knackeboul, Musiker

Bild: Yves Bachmann, ZVG

Nina Kunz: «Vatermal» (Necati Öziri)

Das Buch, das mich dieses Jahr am meisten berührt hat, ist «Vatermal» von Necati Öziri. Die Geschichte handelt von Arda, der mit Organversagen auf der Intensivstation liegt – und einen Brief schreibt an seinen Vater, den er nie kennengelernt hat. Er erzählt von langen Jugendsommern, von der Stärke seiner Mutter, von Rap, Kleist und Beamten, die bei Terminen tausendmal Bundesrepublik sagen. «Vatermal» ist ein Buch, das dazu anregt, über Freundschaft, Flucht und die Frage, wie wir uns erinnern, nachzudenken. Ich will es noch ganz oft lesen. – Nina Kunz, Autorin

 

Bild: Mirjam Kluka, ZVG

Gülsha Adilji: «Die vier Versprechen» (Don Miguel Ruiz)

Dieses Buch war für mich wie 50 Therapiesitzungen und hat meinem Leben einen Schubs in eine neue Richtung gegeben. Ich weiss selber, wie pathetisch das jetzt klingt, nichtsdestotrotz eine absolute Empfehlung meinerseits. – Gülsha Adilji, Moderatorin und Podcasterin

Bild: Claude Bühler, ZVG

Laura Leupi: «Reverse Cowgirl» (McKenzie Wark)

Es gibt Bücher, die so toll sind, dass ich versuche, sie ganz langsam zu lesen, damit sie mich möglichst lange begleiten können. «Reverse Cowgirl» ist so eines. Das Buch, das mich dieses Jahr am meisten begeistert hat, habe ich also noch gar nicht fertig gelesen. McKenzie Wark schreibt radikal verletzlich und poetisch über das Leben dissidenter Körper, über eine trans Biografie jenseits gewaltvoller Klischees und vermeintlicher Klarheit. «Reverse Cowgirl» ist Autofiktion mit Umschnalldildo. Ich will nicht, dass es schon vorbei ist! – Laura Leupi, Schriftsteller:in und Theatermacher:in

Bild: Mischa Fanghaenel, ZVG

Joshua Amissah: «Hässlichkeit» (Moshtari Hilal)

«Hässlichkeit» beeindruckte mich durch eine tiefgehende Reflexion, die trotz ihrer Kritik mit bitterem Genuss und lyrischer Finesse präsentiert wird. Hier offenbart sich ein erhellender Blick auf die gesellschaftlichen Normen von Schönheit und ihre weitreichenden Auswirkungen auf individuelle Identität, soziale Strukturen und Machtverhältnisse. Geschickt verwebt Hilal persönliche Erfahrungen, kunstvolle Selbstporträts und kulturhistorische Forschung miteinander, wodurch Einblicke in die Kontinuität von diskriminierenden Idealvorstellungen gewährt werden. Die Verknüpfung von persönlicher Introspektion und kultureller Analyse verleiht dem Buch eine faszinierende Tiefe und macht es zu einer packenden Lektüre für jemensch. – Joshua Amissah, Autor und Kurator

Bild: Livio Baumgartner, ZVG

Simone Lappert: «Verbundensein» (Kae Tempest)

«Verbundensein» von Kae Tempest ist eines der Bücher, das ich dieses Jahr immer wieder aus dem Regal geholt habe. Es ist ein poetischer, ehrlicher und vielschichtig inspirierender Essay über die verbindende Kraft von Kunst und Kreativität und ihre gesellschaftliche Relevanz. Es geht ums Hinschauen und Zuhören – und um «die Fähigkeit (…) in die Tiefe zu gehen», sei es beim Lesen, Musikhören, oder im Gespräch mit anderen. «Mitgefühl ist, wenn man nicht vergisst, dass jede:r eine eigene Geschichte hat. Viele Geschichten. Und daran denkt, Raum zu schaffen, um sich die Geschichte anderer anzuhören, bevor man die eigene erzählt», schreibt Tempest. Eine der vielen Stellen, die «Verbundensein» zu einem Text machen, der im Dunkeln leuchtet. – Simone Lappert, Schriftstellerin

Bild: Ella Mettler, ZVG

Nemo: «I Want to Die but I Want to Eat Tteokbokki» (Baek Sehee)

Was für ein mutiges Buch! Die Autorin Baek Sehee veröffentlicht ihre persönlichen Therapiegespräche und schafft einen wahnsinnig spannenden Kontext rund um Themen wie Selbstwertgefühl, Depressionen und Beziehungen. Ich konnte selber mega viel reflektieren und mitnehmen beim Lesen. – Nemo, Musiker:in

Bild: ZVG

Sarah Akanji: «Exit Racism» (Tupoka Ogette)

Noch nie habe ich ein Buch zweimal gelesen und einmal als Hörbuch gehört. Noch nie wurde ein Buch durch so viele Abnützungsspuren, Notizen, Kaffeeflecken und Leuchtstiftmarker von mir mitgestaltet. Bis ich auf Tupoka Ogette gestossen bin. «Exit Racism» bewegt, öffnet neue Realitäten und lässt Leser:innen zutiefst reflektieren. Absolutes Must-Read! – Sarah Akanji, Fussballspielerin und Aktivistin

Bild: Dieter Kubli, ZVG

Simon Froehling: «Missouri» (Christine Wunnicke)

Gäbe es «Missouri» nicht, müsste es, so finde ich (frei nach Voltaire, der Ähnliches über Gott sagte), in Auftrag gegeben werden. Der Auftrag lautete ungefähr so: Frau schreibe uns einen Western, aber bitte einen queeren, komplett mit Wegelagerern und Schiessereien – und einer Entführung, die zur Verführung verkommt zwischen Räuber und Dichter. Frau schreibe uns gleichzeitig eine Ode an die Dichtkunst selbst, an die Dekadenz und an die Romantik. Ein Buch voller zielsicherer Sätze, das mit viel Humor alle Genre-Fesseln sprengt. Perfekt gegossen wie aus geschürftem Gold. – Simon Froehling, Schriftsteller

Bild: Silas Zindel, ZVG

Anna Rosenwasser: «Gojnormativität. Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen» (Judith Coffey und Vivien Laumann)

Dieses Buch hat nicht nur meinen Blick auf Antisemitismus geschärft, sondern auch mein Verständnis von unserem gesellschaftlichen Blick auf Verantwortung und Schuld erweitert. In der Schweiz ist Antisemitismus ein Thema, das wenig präsent ist im Diskurs – aber immer präsent für (uns) Betroffene. «Gojnormativität» bezieht sich zwar auf den deutschen Kontext, aber ist auch für Schweizer:innen lesenswert. – Anna Rosenwasser, Nationalrätin

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