30 Jahre Altersunterschied: Wie meine ältere Freundin mein Leben bereichert
Der Freund:innenkreis unserer Autorin ist alterstechnisch ziemlich homogen. Dann kommt Christine, ist so alt wie ihre Mutter – und schnell nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken. Zum Weltfrauentag eine Freundschafts-Geschichte jenseits von Alter.
- Von: Karin Zweidler
- Bild: Stocksy
Dass ich Christine zum ersten Mal sehe, ist ein Versehen. Am ersten meiner drei Detox-Tage in einem Wellness-Hotel irgendwo in Österreich stolpere ich zur richtigen Zeit in die falsche Behandlung – ihre. In einen Bademantel gewickelt sitzt sie da, lässt sich ihre Lymphdrainage erläutern und macht mir Eindruck.
Ihr grauer Kurzhaarschnitt, unter dem bunte Ohrringe baumeln, ihre riesige Hornbrille und die knallig pink geschminkten Lippen, die mich herzlich anlächeln. So will ich auch sein, wenn ich älter bin, denke ich kurz und gehe meines Weges.
Es dauert gerade mal zwei Stunden, bis ich Christine zum zweiten Mal sehe. Beim hotelinternen Abendessen finden wir uns an nebeneinanderstehenden Mini-Tischen in der Detox-Ecke des Restaurants wieder. Beide alleine, löffeln wir simultan unsere traurig aussehenden Auberginensuppen und starren dabei Schweizerisch gehemmt in die Leere.
Christine bricht irgendwann das Schweigen, teilt mir mit, dass sie Geschmack wie auch Aussehen der Detox-Suppe eine glatte Frechheit finde und sie schon lange Lust auf ein Dessert habe. Wir lachen, fangen an zu reden und hören die folgenden drei Tage lang nicht mehr damit auf.
Neue Freundin im Gepäck
Nach jeder unserer kargen Mahlzeiten bleiben wir sitzen. Manchmal stundenlang, bis wir höflich gebeten werden, zu gehen. Ich erfahre, dass Christine damals 66 Jahre alt war und eine Tochter hat, die 32 ist – ein Jahr jünger als ich.
Dass auch Christine Sprache liebt und mit ihr arbeitet. Ich höre von vergangenen Reisen, von ihrer Familiengeschichte, von Wünschen, Enttäuschungen, Herausforderungen, Träumen.
Mit jeder Mahlzeit lernen wir uns besser kennen und nach jeder wird die Frage, ob wir uns wiedersehen, hinfälliger. Nach drei intensiven Tagen fällt der Abschied schwer. Ich umarme Christine lange und verlasse das Hotel mit einer neuen Freundin im Gepäck.
"Christine ist mühelos zum festen Bestandteil meines Lebens geworden – trotz unseres Altersunterschieds"
Mein Wellness-Aufenthalt liegt jetzt zwei Jahre zurück und im Gegensatz zu meinem gedetoxten Körper ist mir Christine erhalten geblieben. Wir schreiben uns wöchentlich bei WhatsApp, treffen uns monatlich zu Kaffee, zu Lesungen, Restaurantbesuchen, Spaziergängen. Christine ist mühelos zum festen Bestandteil meines Lebens geworden – trotz unseres Altersunterschieds.
«Ich wünschte, ich hätte auch eine!»
Dass das ungewöhnlich ist, zeigt nicht nur die Reaktion meines Umfelds (es wird sich regelmässig nach Christine erkundigt und dann sehnsuchtsvoll der Satz «Ich wünschte, ich hätte auch eine!» ergänzt), sondern auch eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, die sich dem Thema Freundschaft widmet. Fast 50 Prozent der Befragten haben beste Freund:innen, die weniger als fünf Prozent von ihrem eigenen Alter abweichen.
Bisher bestand auch mein nahes Umfeld, abgesehen von meiner Familie, vor allem aus Menschen, die sich in vergleichbaren Lebenssituationen befinden. Bestimmt, weil es sich eben so ergeben hat. Bestimmt aber auch, weil genau das die Menschen sind, mit denen Freundschaft wohl am leichtesten fällt.
Gleiches Alter, gleiche Fragen
Das bestätigt auch Psychotherapeutin Romina Reginold: «Unsere Gesellschaft ist durch Strukturen wie Schule, Ausbildung und Pensionierung altersmässig kaum durchmischt. Es ist also gar nicht so einfach, Menschen in anderen Lebensphasen nahe zu kommen».
Und dann aber auch: «Gleichaltrige haben oftmals ähnliche Themen, Interessen und Ziele – das verbindet». Jobstress, Kinderfrage, Bad Bunny-Crushes: Mit Gleichaltrigen kann man sich tatsächlich in vielen Dingen wiedererkennen. Das Potential, sich verbunden zu fühlen, liegt auf der Hand. Auf Christine und mich trifft das nicht zu.
Asynchrone Leben
Unsere Leben sind alles andere als synchron: Während Christine sich damit auseinandersetzt, wie viel sie nach jahrzehntelanger Karriere in ihrer Selbstständigkeit noch arbeiten will, rutsche ich mit grossen Augen und viel Respekt in meine erste Führungsposition. Ich date mich mal fassungslos, mal euphorisch, mal augenrollend durch die Welt, Christine ist seit Jahrzehnten glücklich verheiratet.
Während ich mich frage, ob ich doch noch einen Master beginnen soll, wo ich leben möchte und ob ich Kinder haben will, sind diese Fragen für Christine längst beantwortet. Dafür kommen neue auf: Bin ich gesund? Wie geht Älterwerden? Was kommt als nächstes?
"Unsere Freundschaft lebt von unseren unterschiedlichen Perspektiven"
Wir könnten also zuverlässig und zielsicher aneinander vorbeireden. Oder uns schlicht und einfach nicht so brennend füreinander interessieren. Das Gegenteil ist der Fall: Unsere Freundschaft lebt von unseren unterschiedlichen Perspektiven.
Keine Einbahnstrasse
Als meine Oma kurz nach unserem Kennenlernen immer schwächer wird und ich zum ersten Mal hautnah mit dem Sterben konfrontiert werde, ist Christine da, erzählt mir vom friedlichen Abschied von ihrer Mutter und gibt mir Sicherheit. «Freund:innen, die älter sind als wir selber, können durch ihre Lebenserfahrung Orientierung und Ruhe in unser Leben bringen», bestätigt auch Reginold das Potenzial einer Verbindung mit Altersunterschied.
Stimmt: Christine zeigt mir regelmässig und am lebendigen Leib, dass man verschiedenste Situationen und Unsicherheiten im Leben meistern kann, dass sie einen sogar wachsen lassen. Dass es immer weitergeht.
Glücklicherweise habe aber auch ich etwas beizutragen. Damit unsere Freundschaft ihrem Namen gerecht wird und auf Augenhöhe stattfinden kann, ist wohl eine Sache zentral: Christine ist weder meine Mentorin, noch meine Mutter. Sie sagt mir nicht, wie Leben geht, sondern teilt auch ihre Sorgen, Ängste und Unsicherheiten mit mir. Sie fragt nach Rat und nimmt mich ernst, ist neugierig auf meine Sicht, die manchmal – bestimmt auch bedingt durch Erziehung, Pop-Kultur und Zeitgeist – völlig anders ist als ihre.
Meine Mutter findet meine Freundschaft mit Christine übrigens schön – und zwar auf eine erstaunlich unspektakuläre Weise. Sie freut sich für mich. Gleichzeitig ist unsere Beziehung so eindeutig die einer Mutter und Tochter, dass sich da nichts vermischt oder konkurriert.
Omg, same!
Die unterschiedlichen Perspektiven sind aber nicht nur an sich bereichernd. Sie verändern auch, wie wir einander begegnen. Unsere Lebenssituationen sind so verschieden, dass sie sich nicht vergleichen lassen. Heisst: Kein Platz für leisen Neid oder Konkurrenzgedanken. Es fehlt dafür schlicht die Ausgangslage. Anders als ich es in anderen Frauenfreundschaften schon erlebt habe, verschmelzen wir nicht im «Omg, same!», sondern nehmen uns zwangsläufig als Individuen wahr.
Ein paar «sames», gibt es dann aber trotzdem. Dass Christine und ich uns trotz Altersunterschied nicht nur gefunden haben, sondern auch erhalten geblieben sind, liegt wahrscheinlich daran, dass wir trotz aller Unterschiede ziemlich viel teilen: Unsere Sensibilität, unser Interesse an Ästhetik, Büchern, Kultur. Die Tätigkeit in einer ähnlichen Branche, das Nachdenken über die grossen Themen. Und: Die Vorliebe für lange Abende mit tiefgründigen Gesprächen und der ein oder anderen Zigi – obwohl wir ja beide eigentlich längst nicht mehr rauchen. Vielleicht dann bald wieder detox.