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Individualbesteuerung: Ich sage Ja!

Individualbesteuerung: Ich sage Ja!

Am 8. März stimmen wir über die Individualbesteuerung ab. Und dabei geht es um mehr als um Steuern: Es geht darum, endlich dauerhaft abzubiegen in Richtung Gleichstellung. Ein Kommentar.

Wenige Dinge sind mir so suspekt wie Menschen, die über Steuern jammern. Denn Steuern sind ein langweiliges Gesprächsthema. Wie das Wetter bieten sie wenig Stoff für Kontroversen: Sie sind einvernehmlich unangenehm wie Regentage und man muss immer mit ihnen rechnen.

Ausserdem zahlen diejenigen Menschen Steuern, die über Einkommen oder Vermögen verfügen. Grundsätzlich eine sinnvolle Sache. Mehr noch, Steuern sind das Fundament des Zusammenlebens. Davon, dass wir Spitäler, Strassen, Militär und Polizei, Schulen und Universitäten unseren Möglichkeiten entsprechend gemeinsam finanzieren, profitieren alle – die Armen und die Reichen.

Am 8. März, dem Weltfrauentag, stimmen wir über die Individualbesteuerung ab. Die Vorlage will die sogenannte Heiratsstrafe abschaffen und endlich auch auf Bundesebene einen Entscheid des Bundesgerichts von 1984 (!) umsetzen, wonach Ehepaare steuerlich nicht benachteiligt werden dürfen. Dadurch, dass Verheiratete nicht mehr gemeinsam besteuert werden, sollen sie Unverheirateten gleichgestellt werden.

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Mein Mann und ich würden von einem Ja zur Individualbesteuerung profitieren. Wir haben immer beide gearbeitet und am Ende deutlich mehr Steuern gezahlt, als wenn wir nie geheiratet hätten. Darüber will ich jedoch nicht klagen – schliesslich sind wir die Ehe aus romantischen Gründen eingegangen. Bei der Hochzeit habe ich so wenig an Steuern gedacht, wie etwa bei der Wahl unseres Wohnortes. (Mir tun die armen reichen Menschen immer sehr leid, die wegen der Steuern umziehen «müssen»)

Ich will an dieser Stelle aber trotzdem klagen – und zwar laut und vehement – über die Selbstverständlichkeit, mit der die Gegner der Individualbesteuerung einen Status Quo verteidigen, der verheiratete und unverheiratete Paare ungleich behandelt.

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"Frauen, die nicht erwerbstätig sind, sind im Falle einer Trennung schlecht gestellt. Sie sind finanziell abhängig"

Und ich will mich darüber beklagen, dass dieser Status Quo Ausdruck eines Denkens ist, das sich in der Schweiz derart hartnäckig hält wie die Fotoecken in Grossmutters Familienalbum: Das Familienmodell der Nachkriegszeit, in dem der Mann der Erwerbsarbeit nachgeht und die Frau sich um Haus und Familie kümmert.

Es ist ein schönes Idyll, ein Ideal ohne Entsprechung in der Realität, denn selbst in den seltenen Fällen, wo es noch gelebt wird, sind die Risse längst zutage getreten: Frauen, die nicht erwerbstätig sind oder nur in kleinen Pensen arbeiten, sind im Falle einer Trennung schlecht gestellt – so schlecht, dass sie eine Scheidung zuweilen selbst dann nicht in Betracht ziehen können, wenn die Ehe unglücklich oder sogar gewalttätig ist.

Sie sind finanziell abhängig. Und sie sind überproportional von Altersarmut betroffen. Dieses Modell steuerlich zu begünstigen und damit politisch zu verteidigen, hat seinen Preis: Und den bezahlen in den allermeisten Fällen die Frauen.

"Wie kann es angehen, dass sich so manche gutausgebildete Frau die Frage stellen muss, ob es sich lohnt, in den Beruf zurückzukehren?"

Teuer bezahlen müssten hingegen die Verwaltungen die Einführung der Individualbesteuerung. So argumentieren diejenigen Kantone, die gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien und der Mitte das Referendum gegen die Vorlage ergriffen haben.

Sie fürchten den Aufwand zusätzlicher Steuererklärungen. Der bürokratische Aufwand wurde damals auch gegen das Frauenstimmrecht ins Feld geführt. Aber es ist mit der Bürokratie wie mit den Steuern: Sie ist einvernehmlich unangenehm, und man muss immer mit ihr rechnen.

Es spricht wenig dagegen, dass ein Elternteil sich dafür entscheidet, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen und sich zuhause um die Kinder zu kümmern. Es spricht aber noch viel weniger dagegen, dass sich beide Ehepartner gleichberechtigt um Erwerbs- und Care-Arbeit kümmern. Warum letzteres also finanziell bestrafen?

Wie kann es angehen, dass sich so manche gutausgebildete Frau die Frage stellen muss, ob es sich überhaupt lohnt, nach der Geburt der Kinder in den Beruf zurückzukehren, weil nach Abzug der Steuern und der Kitakosten kaum was übrig bleibt vom Lohn?

In Zeiten des Fachkräftemangels sollte der Staat alles daran setzten, dass Frauen nicht aus dem Arbeitsleben ausscheiden. In der Schweiz arbeiten 58,4 % der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit. Rund ein Drittel verzichtet gemäss einer Ecoplan-Umfrage derzeit aufgrund steuerlicher Nachteile darauf.

Die Individualbesteuerung beseitigt finanzielle Nachteile, ermutigt junge Mütter, ins Berufsleben zurückzukehren und in Pensen und Positionen zu arbeiten, die ihnen erlauben, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen – und die Zukunft unseres Landes mitzugestalten. Ein Ja zur Individualbesteuerung am 8. März räumt mit einer Praxis auf, die es begünstigt hat, Frauen klein zu halten.

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Stefan

@Es spricht wenig dagegen, dass ein Elternteil sich dafür entscheidet, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen und sich zuhause um die Kinder zu kümmern” doch es wird sehr viel dagegen sprechen, sollte die Reform angenommen werden. Denn diese Familien müssten bei einem Familieneinkommen über 100’000CHF einige tausend Franke mehr Steuern zahlen, als eine Familie bei der das Einkommen 50:50% ist. Das nennet man Gerechtigketi?

Barbara Loop

Es hat bis jetzt einfach sehr viel FÜR ein asymmetrische Verhältnis der Erwerbsarbeit von Eheleuten gesprochen, weil dieses Modell steuerlich begünstigt wurde. Fällt die Begünstigung weg, verlieren diese Familien einen Vorteil, der nie gerecht war. Also ja: Das nenne ich Gerechtigkeit.

Marianna Dolder

Und was ist mit den Familien, da die Frau sich gerne um die Kinder kümmert und mit dem Einkommen des Mannes lebt und dann viel mehr Steuern bezahlen muss und weniger Einkommen für die Familie bleibt, da zum Bsp. die Kinderabzüge nicht mehr vollumfänglich machen kann, ist das Gerecht? glaube nicht. Individuelle Besteuerung ja, aber nicht auf diesem Weg

B. Müller

Nicht ganz durchgedacht: Leute mit mittleren Einkommen können sich eine Vollbeschäftigung beider dank hoher Kinderbetreuungskosten nicht leisten.

Ausserdem: Als Alleinerziehende werde ich mehr bezahlen müssen, ich denke nichr daran, all die Ehepaare zu subventionieren und werde mein Pensum reduzieren.

Wenn man als Ehe-Paar wohnt und konsumiert, hat man Vorteile.
Man ist durch die Ahv/Pk des Partners im Todesfall abgesichert, man spart Wohnkosten.

Das ist einfach eine Vorlage die den Gutverdienenden zudient.

Zudem: In der Fremdbetreuung werden Kinder nicht erzogen, auch die Schule hat nur einen sekundären Bildungsauftrag – wenn alle fröhlich zum Wirtschaftswachstum, idealerweise keine Kinder, denn die bleiben wohlstandsvernachlässigt.

Es muss eine Änderung der Besteuerung geben, aber fairer und va auch mit sozialpolitischen Flankierungsmassnahmen um allen in der Gesellschaft zu dienen.

Barbara Loop

Man muss sich keine Vollbeschäftigung leisten können, man wird einfach nicht abgestraft, wenn ein Ehepartner gleich viel arbeitet wie der andere. Mit externer Kinderbetreuung hat das vorerst nichts zu tun, dieser ideologische Graben ist rieisg und muss hier gar nicht weiter bearbeitet werden.

Cinzia

Abschaffung, ja…. ABER nicht so!
Alleinerziehende Mütter bestrafen?
Familien mit einem Einkommen bestrafen? 
NEIN am 8. März 2026 an der Urne! 
Es gibt gerechtere Wege die Heiratsstrafe abzuschaffen!

Julia

Hört euch unbedingt den Podcast von FinanzFabio zur Individualbesteuerung an. Ihr werdet sehen, was euch alles entgehen könnte. Klar, vielleicht nicht in der jetzigen Form, aber eine Veränderung ist definitiv notwendig.

Sarah

Ich bin erschüttert, wie viele Kommentare hier dagegen sprechen, wird ein JA sogar vom Bundesrat und Parlament empfohlen und wurde das Bundesgesetzt über Individualbesteuerung eigentlich bereits verabschiedet, wäre nicht ein Referendum ergriffen worden. Schade, dass man an veralteten Entscheiden festhalten muss. Ich bin definitiv für ein Ja – Ja für einen finanzielle Unabhängigkeit.