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Altersdiskriminierung: Digitalisierung darf nicht ausgrenzen

Altersdiskriminierung: Digitalisierung darf nicht ausgrenzen

Self-Check-in, QR-Menüs, Online-Termine: Was für die meisten Alltag ist, überfordert viele ältere Menschen. Unsere Autorin fordert eine barrierefreie Digitalisierung.

Meine Mutter ist 81 Jahre alt. Vor kurzem hat sie mit ihren befreundeten Nachbarinnen eine Art Selbsthilfegruppe gegründet – nicht, weil sie zu viel trinkt oder an Demenz erkrankt wäre, sondern weil sie sich durch die Digitalisierung diskriminiert fühlt.

In der Gruppe reden sie sich regelmässig den Frust von der Seele. Sie tauschen Tipps aus und kopieren selbst erstellte Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Etwa: Wie kauft man ein Busticket, wenn man kein Smartphone besitzt und das Display des Billettautomaten wegen der schlechten Augen kaum lesbar ist?

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"Selbst die Bedienung des Fernsehgeräts wird zum Hindernis"

Die Erfahrung eines Wochenendes mit meiner Mutter und ihren Freundinnen hat mir schmerzhaft klargemacht, wie stark die Digitalisierung des Alltags ihre gesellschaftliche Teilhabe verhindert – und wie unbedacht wir diesen Ausschluss hinnehmen.

Was für die Mehrheit längst selbstverständlich und bequem ist – Self-Checkin am Flughafen, QR-Code-Menüs im Restaurant, bargeldlose Cafés und die Online-Vergabe von Arztterminen – bedeutet für viele ältere Menschen Stress, Hilflosigkeit, Unsicherheit und Scham.

Selbst die Bedienung des Fernsehgeräts, das sich heute mehr an Streaming-Portalen als an klassischen Sendern orientiert, wird zum Hindernis. Vormals einfache Handlungen, die Selbstständigkeit signalisieren, werden auf einmal zu Barrieren.

Laut der 2025 veröffentlichten Studie «Digital Seniors» von Pro Senectute sind inzwischen zwar neun von zehn Menschen über 65 online, doch fallen Hochbetagte und Menschen mit geringerer Bildung zurück. Für sie verschwindet der Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und sozialer Kommunikation Stück für Stück. Denkt man zum Beispiel an Ballettkarten, fiele auch mir gerade nicht ein, wo es in der Nähe noch eine Theaterkasse mit inspirierenden Prospekten gäbe. Ich aber kann wenigstens googeln.

Besonders problematisch wird es, wenn öffentliche Dienste oder Banken digitale Wege zur einzigen Option machen. Laut einer letztjährigen OECD-Studie sinkt die Inanspruchnahme von Sozialleistungen, sobald analoge Angebote schwinden. Die Folgen: Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung wird ausgegrenzt, sieht sich gar zum Rückzug aus dem Alltag gedrängt.

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"Wer am Self-Check-in die Geduld verliert, wagt sich vielleicht beim nächsten Mal gar nicht mehr auf Reisen"

Wer in einem Café am bargeldlosen Terminal scheitert, geht nicht mehr hin. Wer am Self-Check-in die Geduld verliert, wagt sich vielleicht beim nächsten Mal gar nicht mehr auf Reisen. Und wer auf den Austausch von Freundlichkeiten mit der Kassierin oder dem Buschauffeur verzichten muss, wechselt zuweilen mit keinem anderen Menschen mehr ein Wort. Vereinsamung wird so zu einer stillen Begleiterscheinung des Fortschritts.

Digitalisierung muss barrierefrei gestaltet und begleitet werden von niederschwelligen analogen Unterstützungsangeboten, die nicht beschämen, sondern ermächtigen. Und sie fordert nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern jede:n von uns: Hinschauen, wenn jemand nicht weiter weiss, ansprechen und Hilfe anbieten.

Es gilt, die Würde und Selbstständigkeit auch im hohen Alter zu respektieren. Denn Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist kein Gnadenrecht, sondern eine Voraussetzung für ein gutes Leben. Ein Thema, übrigens, das uns alle betreffen wird.

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Martina

Richtig & wichtig! Danke für dein Beitrag, leider Realität… ich erlebe das bei meinen Eltern ebenfalls.

Mona

Danke für den Artikel. Endlich sagt s jemand…