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Amanda Knox hat bis heute den Ruf als Mörderin: «Meine Sexualität wurde dämonisiert»

Zeitgeist

Amanda Knox hat bis heute den Ruf als Mörderin: «Meine Sexualität wurde dämonisiert»

Hat sie es getan – oder doch nicht? Obwohl zwei Mal freigesprochen, halten viele Amanda Knox bis heute für eine Mörderin. Unsere Autorin hat den «Engel mit den Eisaugen» zu einer exklusiven Begegnung getroffen.

Der Mordfall Meredith Kercher war schon nach wenigen Tagen ein Medienereignis. Die einundzwanzig Jahre alte Britin, die am 1. November 2007 im italienischen Perugia vergewaltigt und ermordet worden war, kam aus einer jungen, noch ziemlich unerforschten Generation. Eine Generation, die auf jede Party eine Digitalkamera mitnahm und die Fotos am nächsten Morgen auf Facebook veröffentlichte. Eine Generation, die selbstverständlich tat, was erst gerade noch unendlich mondän erschien: im Ausland studieren, Freundschaften über das Internet führen, sich überall auf der Welt zuhause fühlen.

Meredith Kercher hatte sich für Italien entschieden. Dort lebte sie in einer Art Erasmus-Wohngemeinschaft – ein Traum, den seit dem Kinohit «L’auberge espagnol» von 2002 Hunderttausende teilten. Doch es war nicht allein das Milieu, das Zeitungen, Fernsehstationen und die ersten Online- Redaktionen anzog. Die Theorie, die die Polizei schon wenige Tage nach dem Mord präsentierte, gab dem Fall eine völlig neue Dimension.

Der Vorwurf: Mord in einem Ritual aus Sex und Drogen

Die ebenfalls zwanzig Jahre alte amerikanische Studentin Amanda Knox und ihr italienischer Freund Raffaele Sollecito (ein damals 23 Jahre alter Informatikstudent und Sohn eines Arztes), den Knox zum Tatzeitpunkt gerade eine Woche lang kannte, wurden verdächtigt, Amandas Mitbewohnerin Meredith in einem Ritual aus Sex und Drogen umgebracht zu haben.

Auch ich war gerade zwanzig geworden, als ich das erste Mal von diesem Fall hörte. Von Beginn an war klar, dass es um mehr ging als die Frage, wer für den Tod dieser jungen Frau verantwortlich war. Die Zeitschrift «Neon», die damals alle lasen, schrieb über den «ersten öffentlichen Mordfall» – Kercher, Knox und Sollecito waren auf Facebook und hatten noch am Abend vor der Tat (Halloween!) neue Bilder hochgeladen.

«Der Engel mit den Eisaugen»

Andere fragten sich, wie krank diese Generation wohl sein mochte – und ob man sich nun auf solche komplett degenerierte Bestien einstellen müsse, verdorben durch Sex, Drogen und das Internet. Sinnbild für all das war Amanda Knox – «der Engel mit den Eisaugen», wie sie damals in jeder deutschsprachigen Zeitung genannt wurde. Eine junge Frau, die vor dem Haus, in dem gerade die Leiche ihrer Mitbewohnerin gefunden worden war, leidenschaftliche Küsse mit Sollecito austauschte. Die Bilder gingen um die Welt.

14 Jahre später, im November 2021, warte ich vor einem Verlagshaus in Hamburg. Ein regnerischer Sonntag, niemand ist im Büro. Amanda Knox hat diesen Termin vorgeschlagen, sie ist mit ihrem Mann für ein paar Tage in Deutschland. Eine Gruppe nähert sich: zwei Frauen mit einem Kinderwagen, ein Mann mit einer grossen weissen Brille und einer Art Cowboyhut. Und eine kleine Frau mit einem Hut, der ihr Gesicht fast verdeckt.

Die Frau, die den Kinderwagen schiebt, nähert sich mit energischen Schritten: «Sind Sie mit Amanda Knox verabredet?» Ich nicke. Knox tritt ein Stück vor, schiebt ihren Hut aus der Stirn, begrüsst mich und verabschiedet sich von ihrer vier Monate alten Tochter. Ihr Ehemann Christopher Robinson, der mit der grossen weissen Brille, kommt mit ihr. Sie hat sich gewünscht, dass er beim Interview dabei ist.

Eine andere, gefährliche Kategorie Mensch

Wie zehntausend andere studierte ich damals die Fotos von Amanda Knox – und versuchte, in ihren Augen zu ergründen, ob sie anders war als ich. Eine andere, gefährliche Kategorie Mensch. Es gab genug, was dafür sprach. Ich las, sie habe einen schwarzen Barbesitzer namens Patrick Lumumba beschuldigt, der für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi hatte. Es gab Artikel über ihre amerikanische Familie, die sie mit einer millionenschweren PR-Kampagne unterstütze.

Einige Zeitungen schrieben, Knox könne froh sein, dass in Italien keine Todesstrafe verhängt werde. In den Monaten darauf wurden die Meldungen widersprüchlicher. Die DNA-Spuren deuteten nicht auf Knox und Sollecito, sondern auf einen jungen Einwanderer aus der Elfenbeinküste namens Rudy Guede hin, der schon einige Einbruchdiebstähle begangen – und einen Fussabdruck, Exkremente, Sperma und weitere DNA am Tatort hinterlassen hatte.

Von Knox und Sollecito wurden nach langer Suche zwei Einzel-Spuren gefunden, eine am BH-Verschluss von Kercher, eine an einem Küchenmesser. War das möglich? Dass die beiden ihre eigenen DNA-Spuren weggewischt hatten, die von Guede aber nicht? Oder war Guede nur der nächste Sündenbock, der für die Taten zweier privilegierter weisser Jugendlicher herhalten sollte?

Amanda Knox ist ungeschminkt, auf ihrem Pullover sind ein paar Flecken. «Mom-Look» sagt sie entschuldigend. Knox hat sich für dieses Gespräch anderthalb Stunden Zeit genommen. Sie hört aufmerksam zu, schenkt allen Wasser nach, sagt immer wieder «Das ist eine sehr gute Frage!». Gleich zu Beginn sprechen wir über die Tage, die ihr Leben für immer prägen sollten.

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annabelle: Amanda Knox, erzählen Sie bitte vom Morgen des 2. November 2007.
Amanda Knox: Ich hatte bei Raffaele übernachtet, ging nachhause, um zu duschen und mich umzuziehen. Dort bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte: Die Haustür war offen, in einem Bad sah ich Blutflecken – im anderen hatte jemand die Toilettenspülung nicht betätigt. Beim Blut dachte ich, es könnte Menstruationsblut sein oder eine kleine Verletzung. Und unsere Haustür war seit Längerem kaputt. Aber ich wusste, dass keine meiner Mitbewohnerinnen die Toilette in einem solchen Zustand hinterlassen würde. Ich bekam Angst. Raffaele kam mit mir in die Wohnung, wir riefen die Polizei. Die Tür von Merediths Zimmer war verschlossen, sie ging nicht ans Handy. Es kamen immer mehr Polizisten, auch meine italienische Mitbewohnerin Filomena war da.

Das heisst, alle sprachen italienisch ausser Ihnen?
Ja – und sie sprachen schnell und aufgeregt. Schliesslich wurde die Zimmertür aufgebrochen. Ich war in einem anderen Teil der Wohnung, hörte Schreie, Aufregung, dann wurde ich aus dem Haus getrieben. Meine italienische Mitbewohnerin dagegen war dabei, als sie die Tür aufbrachen. Sie fing an zu weinen, zu schreien, brach zusammen.

Ein normales Verhalten, wenn man die Leiche der Mitbewohnerin entdeckt.
Es war das erwartete Verhalten. Ich dagegen war verwirrt, stellte Fragen, aber zunächst antwortete mir niemand. In dieser Situation entstanden die Kussbilder – ich hielt mich an Raffaele, er tröstete mich und gab mir einen Teil der Informationen weiter. Ich wusste also, dass etwas Schlimmes passiert war. Aber ich habe die Leiche nie gesehen. Erst auf der Wache, als ich befragt wurde, machte ein Polizist eine Geste (fährt über ihren Hals, Anm. der Red.), die mir klar machte, wie Meredith gestorben ist. Einige Tage später brachten mich die Ermittler zurück ins Haus, um unsere Küchenmesser anzuschauen – da wurde mir klar, dass ich nach einer Mordwaffe suchte. Ich fing an zu weinen.

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«Wenn Sie anfangen, jemanden durch eine bestimmte Brille zu sehen, ist alles verdächtig»

Endlich zeigten Sie also die richtige Reaktion.
Sehen Sie, was passiert ist, war genau das Gegenteil: Wenn Sie einmal anfangen, jemanden durch eine bestimmte Brille zu sehen, ist alles verdächtig. Die Polizisten waren irritiert, fragten, warum ich plötzlich weinte. Vielleicht das schlechte Gewissen? Und genau so ging es weiter. Ich ging mit Raffaele Unterwäsche kaufen – verdächtig. Ich fragte während eines langen Verhörs nach Essen – verdächtig.

Christopher Robinson: Du brauchtest Unterwäsche, weil du nicht mehr ins Haus gehen konntest, oder?

Amanda Knox: Ja genau. Es war auch keine Reizwäsche, wie es später hiess, sondern ganz normale Unterhosen. Dann gab es noch die Sache mit den Yoga-Übungen.

Es hiess, Sie hätten auf der Polizeistation Räder geschlagen.
Auch das stimmt nicht. Ich habe mich ein bisschen bewegt, weil ich so lang sitzen musste. Was verrückt ist: Obwohl ich in den Tagen nach Merediths Tod die ganze Zeit mit der Polizei zu tun hatte, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass sie mich verdächtigen. Ich habe es nicht mal verstanden, als sie mir Handschellen anlegten und mich in eine Gefängniszelle brachten.

Wann wurde es Ihnen klar?
Als die Vorwürfe einige Tage später vor einem Richter verlesen wurden.

Am 4. Dezember 2009 wurden Knox und Sollecito in Perugia verurteilt, sie erhielt 26, er 25 Jahre Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Rudy Guede, der am Tag nach der Tat geflüchtet und in Deutschland festgenommen worden war, Kercher festgehalten hatte, während Knox und Sollecito sie in einem Rausch aus Alkohol, Drogen und Sex erstachen. Hunderte Medienvertreter waren für den Prozess in die Universitätsstadt gereist. Die Journalistin der «NZZ» schrieb: «‹Nein, nein, nein›, schrie Amanda, kaum hatte der vorsitzende Richter das Urteil gesprochen. Hemmungslos schluchzend verbarg sie ihr Gesicht im Talar ihres Anwalts.»

Der «Blick» druckte am 9. Dezember 2009 ein paar Kinderfotos von Knox – und fragte: «Wie wurde aus diesem Mädchen eine eiskalte Killerin?» Ein paar Tage später erschien «das erste Interview aus dem Knast».

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Amanda Knox: Ich war die Einzige im Gefängnis, die gut lesen und schreiben konnte. Die Einzige, die noch alle ihre Zähne hatte. Um mich herum waren nur Frauen, die ihr Leben lang sehr wenige Optionen hatten. Die kaum die Möglichkeit hatten, gute Entscheidungen zu treffen – zum Beispiel weil sie seit frühester Kindheit missbraucht und vernachlässigt worden waren.

Knox und Sollecito gehen in Berufung. Alle Beweise werden nochmals geprüft – und zwei Jahre später vom Berufungsgericht in der Luft zerrissen. Die DNA-Spuren, die Knox und Sollecito belasten, sind in einem verunreinigten Labor erhoben worden und werden von Expert:innen als untauglich bewertet. Auch andere Beweise der Anklage halten der Überprüfung nicht stand. Aus einem Vierteljahrhundert Haft wird im Oktober 2011 ein vollständiger Freispruch. Knox und Sollecito kommen nach fast vier Jahren Gefängnis frei.

Wie sind die anderen Gefangenen mit Ihnen umgegangen?
Natürlich haben sich viele gefragt: «Warum reden alle von Amanda – und niemand von mir? Mir ist auch Unrecht geschehen.» Ich las die ganze Zeit Bücher, ich konnte weiter studieren, ich wurde jede Woche von meiner Familie besucht. Das hat vermutlich ein bisschen elitär gewirkt. Aber an dem Tag, als ich entlassen wurde, klopften alle an ihre Gitterstäbe und freuten sich mit mir.

In den Zeitungen ist von Schlamperei und Pfusch die Rede. In Perugia aber gibt es wütende Proteste. «Schande, Schande», schreien die Menschen auf der Strasse. Der Barbesitzer Patrick Lumumba wird später sagen, Amanda sei nur freigekommen, weil sie «reich und amerikanisch» sei. Er spricht aus, was viele denken. Dass sie ihren Arbeitgeber Patrick Lumumba in Verbindung mit dem Mordfall gebracht hat, beschäftigt Amanda Knox auch heute noch. Sie sagt, die Nacht, in der sie Lumumba beschuldigt habe, sei die schrecklichste gewesen, die sie je erlebt habe.

Amanda Knox: Die Polizisten schauten in mein Handy und sahen, dass ich Patrick geschrieben hatte: «See you later». Sie sagten mir, das sei eine Verabredung, ein Beleg dafür, dass wir uns an diesem Abend noch getroffen hätten. Sie sagten mir, ich sei traumatisiert, könne mich nicht erinnern. Sie schrien mich an, schlugen mich, sagten mir, ich müsse mich erinnern. Für einen Moment glaubte ich wirklich, ich hätte etwas erlebt, das so schrecklich sei, dass ich mich nicht erinnern könne. Ich dachte, ich werde verrückt.

Sie haben diese Erklärung widerrufen.
Schon am nächsten Morgen. Sobald ich einige Stunden Schlaf hatte, war mir klar, dass ich etwas Falsches unterschrieben hatte. Dass ich die ganze Nacht bei Raffaele verbracht hatte – wie ich vorher und nachher immer gesagt habe. Ich wollte es korrigieren, doch man liess mich nicht. Ich weiss, welcher Eindruck auf diese Weise entstanden ist. Weisse Frauen werden sehr selten für Verbrechen verurteilt, die sie nicht begangen haben. Ich sehe das auch beim «Innocence Project» in den Vereinigten Staaten, bei welchem ich mich seit einigen Jahren engagiere: Die meisten zu Unrecht Verurteilten sind schwarz – und männlich.

Kurz nach dem Freispruch 2011 stolpere ich im Netz über einen Text der «Süddeutschen Zeitung». Auch er befasst sich mit dem Mordfall – doch er nimmt zum ersten Mal eine andere Person in den Fokus. Giuliano Mignini, der Staatsanwalt, der Amanda Knox angeklagt hatte, sei unterdessen selbst wegen Amtsanmassung zu einer Haftstrafe verurteilt worden, heisst es. Der strenggläubige Katholik hatte eine Jahrzehnte alte ungelöste Mordserie mit einer aktuellen Ermittlung zusammengebracht und daraus eine «satanische Verschwörung» mit über zwanzig Verdächtigen gemacht. Um seine Theorie zu stützen, sei ihm so ziemlich jedes Mittel Recht gewesen, darunter auch Drohungen, unrechtmässige Verhaftungen und Abhöraktionen.

Auch bei Amanda Knox hatte Mignini anfangs einen «satanischen Ritus» und «dämonische Motive» vermutet. In seiner Anklage heisst es, Knox habe aus «Hass auf den Unschuldsengel» Meredith gehandelt.

In der «Süddeutschen Zeitung» wird Mignini als «schillernder Verschwörungstheoretiker » bezeichnet – eine Wendung, die damals noch weniger kritisch klingt als heute. Und trotzdem. Zum ersten Mal lese ich eine andere Erklärung für das, was passiert ist. Kein mörderisches Spiel aus Sex und Drogen, sondern Ermittler, die von der Idee eines solchen Spiels besessen sind. Die Beweise so lang bearbeiten, bis sie zu ihrer Theorie passen.

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«Einer der Comandanti im Gefängnis schlug vor, dass ich mit ihm schlafen könnte»

In einem Interview sagten Sie, Sie hätten das Gefühl, zur Sexfantasie von Ermittlern und Medien geworden zu sein.
Während man Meredith als Heilige ansah, war ich die Hure. Dabei waren wir uns ziemlich ähnlich. Wir waren beide gleich alt, in einem Austauschsemester, gingen feiern, gingen auf Dates. Doch plötzlich hiess es, wir seien das Gegenteil voneinander. Meredith wurde das ideale, unsichtbare Opfer. Und ich wurde «Foxy Knoxy», eine sexbessene Domina, die Männer dazu bringt, alles zu tun, was sie befiehlt. Schauen Sie doch nur mal, welche Pornos am meisten angeschaut werden. Das Genre «Girl on Girl» ist unglaublich beliebt. Und das hier wurde als «Girl on Girl»- Verbrechen vermarktet. Meredith war sehr hübsch. Auch ich wurde oft durch diese Brille angeschaut. Es gibt da diese Aussage eines beteiligten Polizisten, der sagte: «Amanda hatte immer etwas Sexuelles an sich. Sie roch nach Sex.» Ich glaube also schon, dass das eine Rolle gespielt hat.

Christopher Robinson: Du wurdest ja auch sexuell bedrängt im Gefängnis.

Amanda Knox: Ja, da gab es diesen Comandante, der mich ständig in sein Zimmer bestellte, um mich zu meinem Sexleben zu befragen. Er schlug auch vor, dass ich mit ihm schlafen könnte. Ich glaube, das war sowohl persönlich motiviert, als auch Teil der Ermittlungen. Er gab auf jeden Fall alles weiter, was er mit mir besprach. Mir wurde auch gesagt, ich sei HIV-positiv und müsste mich jetzt an alle meine Sexualpartner erinnern.

Im Gefängnis wurde Ihnen das gesagt?
Ja, genau. Kurz darauf wurden meine Tagebücher konfisziert – und bald darauf wusste die ganze Welt über meine Sexpartner Bescheid. Danach sagten sie mir: Ach, sorry, falscher Alarm, Sie sind doch negativ.

Wurde dafür je jemand verurteilt?
Nein. Ich weiss auch nicht, ob das illegal war. Aber ich frage mich schon, warum niemand in Italien den Mut hatte, die Autoritäten zur Verantwortung zu ziehen. Und warum die seriösen Medien einfach mitgemacht haben bei diesem Spiel des Boulevard, der nicht genug bekommen konnte von dieser «Girl on Girl»- Fantasie.

Im Mordfall Meredith Kercher ging es nicht nur um zwei junge Frauen – sondern auch um den Konflikt zwischen Europa und den USA. Während die deutschsprachigen Zeitungen fast einhellig der Meinung waren, die Studentin könne froh sein, dass sie nicht zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt wurde, wird Amanda Knox bei ihrer Rückkehr nach Seattle euphorisch begrüsst. Selbst Aussenministerin Hillary Clinton hatte sich für die Studentin eingesetzt.

In Perugia werden Knox und Sollecito dagegen erneut angeklagt. In diesen Wochen, Ende 2013, diskutierte ich mit einem älteren Journalisten über den Fall – er freute sich über die sensationellen Klick-Zahlen, die der «Erasmus-Mord» im Netz brachte. Dann sagt er einen Satz, den ich nicht vergessen habe: «Du wünschst dir einfach, dass sie es war.»

Sehen Sie sich als Feministin?
Ja, klar – auch wegen dieser Erfahrung. Die Art und Weise, wie die Sexualität von Frauen einerseits ausgebeutet und andererseits verwendet wird, um sie zu diffamieren, ist obszön. Das ist auch in diesem Fall passiert. Meine Sexualität – oder das, was die Medien dafür hielten – wurde dämonisiert. Nach dem Motto: Wer so viel Sex hat, ist auch fähig, zu morden.

Im Januar 2014 wird Knox in Abwesenheit verurteilt, diesmal zu mehr als 28 Jahren Haft. 2015 dann entscheidet das Oberste Gericht Italiens abschliessend über den Fall – und nimmt das Urteil wieder zurück: «Aus Mangel an Beweisen», wie es in der Begründung heisst. Das Einzige, was nach diesem Freispruch bestehen bleibt, ist eine Strafe über drei Jahre wegen Falschbeschuldigung, die Knox schon abgesessen hat. 2019 kommt noch ein weiteres Urteil dazu: Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt Italien zu einer Entschädigungszahlung von 18 000 Euro.

Amanda Knox beginnt, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie schreibt Kulturkritiken für den «West Seattle Herald» – und lernt dabei ihren heutigen Mann, den Schriftsteller Christopher Robinson, kennen. Sie dreht eine Video-Serie über Frauen, die von Medien zerrissen wurden, tritt gemeinsam mit Monica Lewinsky auf. Doch für viele bleibt sie eine Mörderin.

Christopher Robinson: Ich lese viele der Nachrichten, die sie bekommt. Und bis vor Kurzem waren viele sehr feindselig. Die Leute nennen sie Mörderin, Killer, fragen, ob sie auch ihre Tochter umbringen wird. Mit der jungen Generation aber ändert sich der Ton. Viele hören jetzt das erste Mal von diesem Fall – und verstehen sofort, was Amanda passiert ist.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie diese Nachrichten an Ihre Frau lesen?
Amanda Knox: Es ist schwer für ihn. Er weint oft, wenn er das liest.

Christopher Robinson (zu Amanda): Ich möchte, dass die Menschen dich richtig sehen.

Amanda Knox: Am Anfang warst du vor allem wütend. Hast versucht, jedem Verrückten im Internet mitzuteilen, dass ich ein guter Mensch bin. Du warst nur an deinem Telefon.

Christopher Robinson: Irgendwann habe ich eingesehen, dass das nichts bringt. Aber mein Ziel ist weiterhin, dass die Menschen sie sehen. Dass es ihr gelingt, ihr öffentliches Bild zurückzuerobern. Ich sehe, wie hart sie daran arbeitet, durch ihre Arbeit zu zeigen, dass sie ein mitfühlender, nuancierter, intelligenter Mensch ist. Aber das geht alles sehr, sehr langsam.

«Ich glaube, die meisten Menschen, die eingesperrt sind, gehören nicht hinter Gitter.»

Während Knox über den Prozess rational und abgeklärt spricht, steigen ihr hier Tränen in die Augen. Was ihre Familie und Freunde durchlitten haben, sei für sie bis heute schwer zu ertragen. «Nicht nur ich bin traumatisiert. Alle, die mir nahestehen, leiden darunter.» Unterdessen haben Knox und Robinson einen Podcast namens Labyrinths. «Getting Lost with Amanda Knox» heisst der Slogan. Darin geht es um Probleme, die so vielschichtig sind, dass sie überfordern – und keine einfache Lösung zulassen. Es ist ein klassischer Ansatz von Millennials: Nimm deine eigenen Lebensthemen und mache sie zu deinem Beruf.

Amanda Knox: Viele Menschen haben mir gesagt, dass sie keine Ahnung haben, wie ich mich damals gefühlt habe. Und ich habe immer gedacht: Wirklich? Hast du dich nie ohnmächtig gefühlt? Zutiefst ungerecht behandelt? Verloren? Ich glaube schon. In unserem Podcast geht es darum, diese Erfahrungen zusammenzubringen.

Im letzten Jahr haben Sie den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Andrew Yang interviewt. Man hat den Eindruck, dass Sie viele seiner Ziele teilen.
Absolut. In erster Linie das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Grossteil der Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, lebt in bitterer Armut. Man könnte so viel Kriminalität beenden, wenn man den Menschen dieses Sicherheitsnetz geben würde. Ich komme aus einer amerikanischen Mittelklasse-Familie. Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, dass es ausreicht, hart zu arbeiten. Inzwischen weiss ich: Das stimmt nicht. Deshalb beschäftigt mich auch das amerikanische Justizsystem: Ich glaube, die meisten Menschen, die eingesperrt sind, gehören nicht hinter Gitter.

Sie meinen, es sollte keine Gefängnisse mehr geben?
Nicht in dem Sinn, dass wir Menschen einsperren, um sie zu bestrafen, nein. Gefängnisstrafen bringen keine besseren Menschen hervor – und sie sind sehr teuer. Es gibt einige, sehr wenige, Menschen, die man verwahren muss, um die Gesellschaft und sie selbst zu schützen. Aber sonst: Wer straffällig geworden ist, braucht Massnahmen, die ihn oder sie zurück in die Gesellschaft bringen – nicht solche, die daraus ausschliessen. Das ist auch im Sinn der Opfer. Sie wollen vor allem, dass das Unrecht, das ihnen angetan worden ist, anerkannt wird. Und: dass so etwas nicht noch einmal passiert. Beides leistet das Justizsystem nicht.

Christopher Robinson: Wir haben auch mit Samantha Geimer gesprochen, der Frau, die als junges Mädchen von Roman Polanski vergewaltigt wurde. Der Staatsanwalt, die Medien – alle wollten, dass Polanski ins Gefängnis geht. Aber das war nicht das, was Samantha wollte. Sie wollte, dass er anerkennt, was er getan hat. Und dass er sich bei ihr entschuldigt. Beides hat sie erreicht – aber ohne die Hilfe der Justiz. Für die war sie nicht mehr als eine Schachfigur. Das hat sie fast ebenso sehr verletzt wie die Tat an sich.

Knox und Robinson haben kurz vor Beginn der Pandemie geheiratet. Nach einer Fehlgeburt im Sommer 2020 wurde Amanda Knox erneut schwanger – und bekam im Sommer 2021 eine Tochter. Auch diesen Weg in die Mutterschaft hat sie öffentlich beschrieben.

Ihre Geschichte ist unterdessen in einer Netflix-Dokumentation und zahlreichen Podcasts und Büchern aufgearbeitet worden, fast jede Woche wird Amanda Knox irgendwo interviewt. Viele junge Leute hören ihre Geschichte das erste Mal. Andere haben sie, wie ich, über viele Jahre verfolgt – doch dass Amanda Knox ihre Version der Geschehnisse so klar und überzeugend erzählt, ist neu. Es scheint, als hätte die 34-Jährige endlich ihre Stimme gefunden.

Haben Sie überlegt, den Namen Ihres Mannes anzunehmen? Und auch für Ihre Tochter den prominenten Namen Knox zu streichen?
Ich habe darüber nachgedacht. Aber es schien mir falsch, meinen Namen aufzugeben. Ich habe schliesslich nichts getan, von dem ich mich distanzieren müsste. Meine Tochter trägt den Nachnamen Knox Robinson. Wenn sie alt genug ist, werde ich ihr erzählen, was passiert ist.

Als im Sommer 2021 ein Film herauskam, der den Mordfall Kercher als Grundlage nimmt (und Amanda Knox zumindest teilweise mit dem Verbrechen in Verbindung bringt), kritisierte sie das öffentlich – und bekam Gehör. «Amanda Knox in Her Own Words», titelten die US-Medien. Knox erzählte der «New York Times», sie sei in Kontakt mit Giuliano Mignini und wolle die Begegnung, wenn sie denn zustande käme, auch filmen. Mignini ist heute 71 Jahre alt – und in Italien sehr umstritten. Alle juristischen Vorwürfe gegen ihn liefen zwar ins Leere. Doch sein Ruf als Ermittler hat schwer gelitten.

Amanda Knox und Christopher Robinson leben heute von ihrer Geschichte. Ihre Version der Ereignisse hat sich durchgesetzt – oder zumindest fast. Die Familie von Meredith Kercher will keinen Kontakt zu Knox. Und Rudy Guede, der Mann, der in jener Nacht am Tatort war? Er ist unterdessen wieder frei – und beschuldigt Amanda Knox noch immer, im November 2007 ihre Mitbewohnerin umgebracht zu haben.

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Jessica

Sehr spannend geschrieben!